Google+ PPQ: Statt Titten: Bento und der Reichsvollkornbrotausschuss

Montag, 27. November 2017

Statt Titten: Bento und der Reichsvollkornbrotausschuss

Das junge Spiegel-Angebot Bento wagt einen Neuanfang. Statt Ratgebertexte zum Umgang mit Spermaflecken, Artikel über weibliches Breitbeinigsitzen und lustiger Quizfragen über das triste Leben in Dunkeldeutschland wagt sich das magazinige Magazin jetzt auf das glatte Eis des politischen Glaubenskampfes: In einem Text mit der Zeile "Benutzt du diese Nazi-Sätze – ohne es zu wissen?" lässt Sprachwissenschaftler und Korpusliguistiker Anton Stefan die "Nazi-Alarmglocken" (Bento) klingeln.

PPQ hat das bemerkenswerte Interview von Gebärdendolmetscherin Frauke Hahnwech aus grammatischen Konstruktionen und konzeptuellen Metaphern ins Deutsche übersetzen lassen, so dass nun auch Liebhaber der leichten Sprache erfahren können, wie viel Nazi sie womöglich sind, sein dürfen oder müssen.


Wenn wir Wörter wie "Mischbrot", "Rasse" oder "Ausmerzen" hören, denken wir uns oft nichts dabei. Klar, denn Mischbrot wurde schon immer gegessen, das Wort Rasse findet sich sogar im Grundgesetz und "Ausmerzen" gehörte zu den Lieblingsvokabeln des früheren SPD-Chefs Franz Müntefering. Dennoch sollten bei allen von uns sofort die Nazi-Alarmglocken klingeln, denn Mischbrot, Rasse und Ausmerzen gehören zweifelsohne zu den Begriffen unserer Sprache, die nicht nur, aber auch Wurzeln im 3. Reich haben.

Das Mischbrot etwa ist eine Erfindung des Reichsvollkornbrotausschuss, mit dem Wort "Rasse" begründeten die Nazis ihr millionenfaches Morden, das sie zudem als "Ausmerzen" bezeichneten.

Solche Phrasen und einzelne Wörter, die vom Nationalsozialismus negativ belegt wurden, haben sich trotzdem über die Jahrzehnte hinweg in unserem täglichen Sprachgebrauch etabliert, sagt der Sprachwissenschaftler Anton Stefan von der Universität Schwedt.

Manche Wörter seien nicht so harmlos, wie sie wirken. Ihre Verwendung macht etwas mit uns, das uns bereit macht für ein viertes, fünftes oder gar sechstes Reich. Stefan warnt: "Im Unterschied zu mir haben Nationalsozialisten Sprache ganz gezielt eingesetzt, um ihre Ideologie in der Gesellschaft zu verankern und Macht auszuüben." Klar für den Wissenschaftler: Viele der von ihnen missbrauchten Begriffe irren noch immer in unserer Sprache umher!

PPQ geht den wichtigsten Fragen nach: Welche sind das? Wie umgehe ich sie? Was kann ich tun, wenn andere sie benutzen? 

Achtung, Triggerwarnung: Der nachfolgende Text enthält Nazisprache.

Welche Naziworte gibt es heute noch und warum?

Man muss zwei Kategorien unterscheiden: Einerseits gibt es Begriffe, die durch die Nazis eingeführt wurden, wie das Wort "Lügenpresse", das sich seit dem 19. Jahrhundert im deutschen Sprachraum nachweisen lässt. das deutet auf ein sehr viel früheren Vorkommen von Nazis hin als wir bislang glaubten. Da ist der Fall eindeutig: Wer den Begriff Lügenpresse nutzt, wie es die Frankfurter Rundschau bereits 1945 tat, bedient sich am Gedankengut der Nationalsozialisten. Und da frage ich mich, warum überhaupt noch darüber diskutiert wird, ob solche Ideen rechtsradikal sind.

Andererseits gibt es auch einige wenige Begriffe, die schon vor Hitler gedankenlos genutzt wurden, ohne dass die Nazis daran etwas änderten, oder?

Zum Beispiel das Wort "Volk". Das gab es natürlich schon vor den Nazis, aber dass die Väter des Grundgesetzes es dennoch für verantwortbar hielten, es in der Fügung "Deutsches Volk" zu verwenden, wirft Fragen auf. Das "Volk" ist ja immer Abgrenzung von anderen, die nicht "das Volk" sein dürfen sollen. Das ist die biologisch/ethnische Definition, wie die Nazis sie verwendet haben, auf die das Grundgesetz mit seiner Formulierung vom "deutschen Volk" anspielt.

Was passiert mit uns, wenn wir Wörter wie "Volk" auf diese Art verwenden?

Wir gewöhnen uns an nationalsozialistische Denkmuster. Selbst wenn man es unbewusst benutzt, also etwa "Volksmusik" macht oder "Volkstanz" betreibt, es ist nie die Kette von Rebhühnern gemeint, auf die der Jäger mit dem Wort anspielt. Sondern das, was im Mittelhochdeutschen "volc" war, also Leute, eine Kriegsschar. Da muss gar keine böse Absicht dahinterstecken, aber immer führt die Verwendung dazu, dass die Idee eines ethnisch definierten Volkes im Bewusstsein der Gesellschaft verankert bleibt. Das führt dazu, dass die tatsächlichen, noch schlimmeren Nazibegriffe mit der Zeit nicht mehr so empörend klingen, weil wir uns schon an die Konzepte gewöhnt haben. Sie werden also "sagbar".

Können wir nicht einfach die Nazi-Begriffe "zurückerobern" wie das Franz Müntefering mit dem Wort "Ausmerzen" getan hat? oder wie es Sportreporter mit dem Begriff "Sonderbehandlung" versuchen?

Bei einigen Wörtern funktioniert das natürlich. "Mutter" zum Beispiel hat sich "Mutterkreuz" gelöst, Hitler "Kriegsverdienstkreuz" ist in unseren zum Glück friedlichen Tagen als Bundesverdienstkreuz hoch anerkannt. Sprache ist im ständigen Wandel und zum Glück haben es die Nazis nicht geschafft, die gesamte deutsche Sprache Wort für Wort und für immer zu ruinieren. Zum Beispiel "Mädel". Damit wurde lange Zeit noch die NS-Jugendorganisation "Bund Deutscher Mädel" assoziiert, die heute kaum noch jemand kennt. Dadurch sagen junge Mädchen völlig unbefangenen "ich und meine Mädels". Aber es gibt auch Wörter, hinter denen ein Konzept steckt. Wenn heute beispielsweise versucht wird, die früher propagierten "völkischen Eigenheiten" als ethnic peculiarities wiederzuerwecken, dann wird damit viel mehr ausgedrückt, als die neutrale Beschreibung von Bürgern eines Staates mit ihren Gewohnheiten, Sitten und Gebräuchen. Diese Wörter kann man nicht einfach übersetzen.

Hat sich die Verwendung von Nazi-Sprech seit Pegida und AfD verstärkt?

Das kann ich nicht abschließend beurteilen, weil etwa Franz Müntefering irgendwann aufgehört hat, vom Ausmerzen zu sprechen und auch Eva Herman, die den Trend mit ihrem "Autobahn"-Auftritt im Fernsehen ausgelöst hat, zuletzt kaum noch zu hören war. In der Generation nach dem Zweiten Weltkrieg war Nazisprache noch Alltag. So zweifelte Konrad Adenauer die deutschen Gebietsverluste infolge des verlorenen Krieges als "völkerrechtlich nicht gültig" an und er nannte sie "faktisch zunächst verloren". Heute ist dagegen sehr klar, dass man so – zumindest öffentlich – nicht sprechen darf.

Sollte man nicht also besser alle Nazi-Begriffe verbieten?

Ob man einen Sprachgebrauch verbieten sollte, muss man sich ganz genau überlegen, denn das kann sehr schnell die Meinungsfreiheit einschränken. was muss, das muss allerdings, das ist klar. Verbote sollte man sich für schwerwiegende Fälle vorbehalten, wie im Fall der Holocaust-Leugnung.
Was wir brauchen, ist ein sensibler Umgang mit Sprache und ein Bewusstsein darüber, wie sehr sie noch immer von der Nazizeit geprägt ist. Statt Verbot also ein Lernprozess, in dessen Ergebnis jeder Einzelne für sich lernt wie wir früher, wenn Mutter uns den Mund mit Seife ausgewaschen hat: Das darf ich sagen. Und das ist verboten.

Warum ist es denn so wichtig, vorsichtig mit Sprache umzugehen?

Man darf nicht den Fehler machen, zu glauben, dass unsere Wirklichkeit losgelöst von Sprache existiert. Realität ist nicht objektiv, sie entsteht erst durch die Art, wie wir über sie reden. Ein Pferd zum Beispiel ist zwar auch ein Pferd, wenn es ganz allein für sich auf einer menschenleeren Insel lebt. Aber für uns entsteht es erst, wenn wir es entdecken. Vorher gibt es kein Pferd auf der Insel. Wenn wir also beispielsweise Sprachbilder verwenden, die Menschen in wertvoll und weniger wertvoll aufteilen, einen Sprinter zum Beispiel schnell nennen, einen Fußballer dribbelstark, eine Kanzlerin mächtig, ein Model schön oder einen Schauspieler attraktiv, dann beschreiben diese Bilder nicht die vorhandene Realität, sondern sie erschaffen gesellschaftliche Wirklichkeit, die es ohne sie gar nicht gäbe.

Wie groß ist die Gefahr?

Riesig. Realität passiert nie plötzlich, sondern immer zuerst sprachlich. Ohne das Wort Wald wären das nur Bäume, ohne Nazi-Sprache hätte es Hitler vielleicht nie gegeben und ohne das Wort "Flüchtlinge" hätten wir kein Problem mit sogenannter "Flüchtlingskriminalität". Es wird immer zuerst geguckt, wie weit kann ich sprachlich gehen, was akzeptiert die Gesellschaft. Und wenn sich das in den Köpfen etabliert hat, dann kann man zur Tat schreiten. Das ist das Gefährliche an dieser Art der Sprache: Sie beschreibt nicht nur Realität, sondern ist selbst Teil der Realität, die sie selbst erschafft.

Kommentare:

Gernot hat gesagt…

Linguistisch sind die Weisheiten des Artikels durchaus zutreffend; man lese nach bei Chomski.

Aber eine Formulierung wie "dass die Idee eines ethnisch definierten Volkes im Bewusstsein der Gesellschaft verankert bleibt" lässt mich wirklich schmunzeln.
Ist es nicht schrecklich, dass es so ist? Wo doch die Idee eines von Menschenmacht und -willkür definierten "Volkes" so unendlich viel demokratischer ist?

fatalist hat gesagt…

Besser bei Titten bleiben.

PPQ ist ein wenig wie die Weltraumaffen, die befassen sich jeden Sonntag stundenlang mit solchem Gedoens.

Waer was fuer Euch. Ganz sicher :)

Anonym hat gesagt…

was für n scheiss. bento - is japanisch und steht für lunchbox, pardon brotbüchse, die kamikaze-flieger bekamen vor dem abflug eine bento-box als letzte mahlzeit.....könnt ihr das mal den schlauen kollegen vom kinder-spiegel durchstechen?

Anonym hat gesagt…

Der Typ sieht wahrhaftigen G_ttes* aus, wie von Fips Rupprecht in einer ehemaligen Zeitschrift aus Nürnberg gezeichnet.
(*Kleiner Scherz von mir. Ich lästere natürlich den Wüstendschinni Hauaha rüd' ohne Reu'.)