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Donnerstag, 24. Oktober 2019

Jean-Claude Juncker: Abschied ohne Sieg über die Zeit

Am Wochenende ist es wieder soweit:500 Millionen Europäer wissen nicht, wohin sie ihre Uhren umstellen müssen.
Mal trat er mit verschiedenfarbigen Schuhen vor die Weltpresse, dann wieder herzte und küsste er Politikerkolleginnen, wuschelte ihnen enthemmt durchs Haar und verbreitete einfach nur gute Laune im spröden, drögen Brüssel, wo Jean-Claude Juncker nach einer kurzen Laufbahn als Steuersparermöglicher im heimischen Luxemburg schnell eine neue Heimat gefunden hatte.

Nach Jahrzehnten an der Spitze der Gemeinschaft, die der Trotz seines schweren Ischiasleidens stets fröhliche Luxemburger nach seinem klaren Punktsieg über den deutschen Herausforderer Martin Schulz prägte wie kein anderer, hat sich der Mann, den politische Freunde in allen Regenbogenfraktionen nur "Jean-Claude" nannten, hat der Sohn eines Stahlarbeiters jetzt im EU-Parlament Abschied genommen, um sich künftig dem Empfang seines Übergangsgeldes in Höhe von 416.284 Euro zu widmen, ehe die Zeit anbricht, in der die Pension in Höhe von 69.336 Euro fließen wird.

Zum Abschied hat der scheidende EU-Kommissionspräsident auf die Erfolge seiner Amtszeit verwiesen. So konnte Griechenland gerettet werden, die Briten hingegen verließen die EU. Eine gemeinsame Lösung der Flüchtlingskrise kam zwar nicht zustande, doch die Gehälter der etwa 5.000 EU-Beamte stiegen zuletzt noch einmal um 3,3 Prozent, und das rückwirkend für das letzte halbe Jahr, so dass auf einen Schlag eine richtige Summe auf die Konten gespült wurde.

Möglich gemacht hatte das ein geschickter Mathetrick des EU-Chefs, der eine Gehaltsformel für die EU ausgeknobelt hat, die sich an der durchschnittlichen Steigerung der Gehälter belgischer Beamter und dem Anstieg der Inflationsrate in Belgien orientiert. Beide Werte werden dann allerdings nicht etwa multipliziert, wie böse Zungen behaupten, sondern nur addiert und auf die Bruttogehälter aufgeschlagen, die dann mit einem Steuersatz belegt wird, dem von richtig starkem dänischen Bier zumindest nahekommt. Eine bescheidene Lösung ganz im Sinne der Bürgerinnen und Bürger.

Aber nicht auf allen Feldern seiner Politik lief es so gut für den Polit-Profi, der fünfmal sein eigener Nachfolger als Chef der Euro-Gruppe war und damit einen Europa- und Weltrekord hält. Dass selbst sein persönlicher Einsatz für für den alten Populisten Silvio Berlusconi den Sieg der Rechtsnationalen in Italien nicht verhindern konnte, ärgert Juncker bis heute. Auch dass den kriselnden Euro nicht mehr überall dort einführen konnte, wo ihn Mitgliedssaaten nicht haben wollen, ärgerte den 64-Jährigen, der als Vordenker eines „Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten“ gilt. Der von Juncker geprägte Begriff beschreibt einen Kontinent, der in der Lage ist, gleichzeitig auf Gas und Bremse zu stehen, ohne vorwärts zu kommen. Oder wie Juncker zusammenfasst: "Es ist nicht mehr zeitgemäß, wenn wir uns vorstellen, dass alle dasselbe zusammen tun".

Von Zeit versteht er was und den selbstsüchtigen Führerinnen und Führern der Nationalstaaten, die trotz Junckers großer 2017er Initiative zum Umbau der EU vom Staatenbund zum übernationalen Staat immer noch existieren, kann der selbsternannte Erbauer eines "mehr geeinten, stärkeren und demokratischeren Europa für das Jahr 2025" deshalb nicht verzeihen, dass sie seine hochfliegenden Pläne zur Abschaffung der Zeit in der Staatengemeinschaft boykottierten. Paris, Lissabon, Rom, Berlin und die anderen Hauptstädte verhinderten mit ihrem Widerstand gegen die im müden EU-Wahlkampf spontan geborene Junckers-Idee, dass Junckers sich für alle Zeiten ins ewige Buch der Männer und Frauen eintragen konnte, die bleibende Spuren in den Annalen des in seiner Amtszeit mit dem Friedennobelpreis ausgezeichneten Staatenkollektivs hinterlassen haben.

Ein Kapitel, dass der mit "einem Hauch von Wehmut in der Luft" (Tagesschau) scheidende "große Europäer" (Manfred Weber), hoffentlich in seinen Memoiren aufarbeiten wird.


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

So schrieb einer: Die Zeitumstellung ist der Jetlag des Proletariats.
Ich war nur einmal in der Heimat der Tapferen, vor 22 Jahren, und wahrlich, die nächsten drei bis vier Tage nach der Rückkehr fühlte man sich wie eine Aule, so die Wand herunterläuft. Dscheddlägg.
Melatonin war dorten im Laden feil, neben den Joghurtbechern, hier ist es BtM-Rezept. Empfehlen kann ich das Zeug nicht.

Die Anmerkung hat gesagt…

Nein, Melatonin gibt es für spezielle Diagnosen auf Rezept.

https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/apothekenpraxis/melatonin-rechtslage-ungewiss-arzneimittel-oder-lebensmittel/

Rechtssicherheit herrscht lediglich bei Circadin (Medice). Das verschreibungspflichtige Präparat mit 2 mg Melatonin ist seit 2008 erhältlich und zur kurzfristigen Behandlung von Insomnien bei Patienten ab 55 Jahren indiziert. Das Arzneimittel wird einmal täglich ein bis zwei Stunden vor dem Zubettgehen und nach der letzten Mahlzeit eingenommen. Die Anwendung sollte über drei Wochen erfolgen.

Ansonsten kann man das hie und da auch kaufen. In Reformhäusern wird es meines Wissens vertrieben.

https://www.wlsproducts.de/melatonin-5mg

Ist aber alles Wurscht, denn der Empfehlung ist zu folgen. Das Zeugs funktioniert nicht.

Man kann sich auch Melatonin beim Homöopaten der Wahl ordern. Käme aufs Gleiche raus. Funktioniert auch nicht.

Anonym hat gesagt…

Doch, @ Anmerkung: Es funktioniert, zwar nicht, wie es angeblich soll, schon gar nicht als Jungbrunnen, aber man hat garstige Alpträume, neudeutsch Bädtripp.
Vergleichbar wäre L-Tryptophan (Ardeytropin), so ich aus meiner Kraftsportzeit kenne, man träumt lebhaft und bizarr, aber nicht kreisch angst. Unserer Wolgagermane, der Muskel-Waldemar, hat manchmal achte am Stück genommen ...