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Donnerstag, 23. April 2020

Corona im Marathon: Kanone Kandebele kann dem Virus nicht davonlaufen

Kanone Kandebele trainiert normalerweise im Winter in seiner afrikanischen Heimat, um dann im Sommer Preisgelder bei Marathons in Deutschland abzuholen.


Kinos geschlossen, Konzerte, selbst Theater, Bundesliga, Oper und Frisierkunst darben in der Corona-Krise. Das Unterhaltungsgewerbe weltweit ist auf Null gestellt, nichts geht mehr, weder im Fußball-Operettentheater noch beim Tenniszirkus, bei der Formel 1 oder im Wandergewerbe der Triathleten. Bis hin zu Europa-, Welt- und Olympiameisterschaften ist alles abgesagt, sämtliche Großveranstaltungen sogar bis Ende August, nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel in Absprache mit den Ministerpräsidenten am Mittwoch entschieden hatte, dass zum Schutz vor einer weiteren Ausbreitung des Coronavirus weiterhin strikte Kontaktverbote zu befolgen sind.
 

Entsetzen in Olenguruone


Eine Nachricht, die fast 10.000 Kilometer entfernt von der deutschen Hauptstadt mit Entsetzen aufgenommen wurde. Hier, im kenianischen Dörfchen Olenguruone, das in der mittelkenianischen Provinz Nakuru County, die ehemals Rift Valley hieß, schlug die Nachricht ein wie eine Bombe. Kanone Kandebele, ein schmaler, etwas knochig wirkender kleiner Mann mit ganz dünnen Stricharmen, der ein freundliches Lächeln aufgesetzt hat, kann es immer noch nicht fassen.

"Als ich es hörte, habe ich sofort bei meinem Freund Hans angerufen und gefragt, Hans, ist das so?" Hans, der mit Nachnamen Müller heißt, in seiner frühen Jugend ein erfolgreicher Mittelstreckenläufer im Rhein-Sieg-Kreis war und heute eine ganze Anzahl hochtalentierte Langstreckler aus ganz Afrika als Manager und väterlicher Berater betreut, machte es dann amtlich. Ja, habe der Hans gesagt, es sieht nicht gut aus. "Kanone, sagte er", sagt Kanone Kandebele, "es könnte sein, dass du dieses Jahr gar nicht laufen kannst."

Eine Katastrophe. Denn Kanone Kandebele gehört zu einem ganz besonderen Gewerbezweig im internationalen Sportgeschäft: Der 32-jährige Sohn eines Kalufarmers ist Marathonprofi, ein vielbeschäftigter Gewinner vor allem mittelgroßer und großer Läufe über die berühmten 42,195 Kilometer. Kandebele wird von Marathonveranstalter als Highlight eingekauft, gemeinsam mit anderen, ebenso talentierten Kollegen aus seiner Heimat läuft er bei Großveranstaltungen allen einheimischen Läufern locker davon.

"Ich garantiere meinen Kunden Laufzeiten von unter 2.08 Stunden", schmunzelt er stolz. Das erst verschafft den vor allem von Volks- und Freizeitläufern, die zum Teil fünf oder auch sechs Stunden bis ins Ziel brauchen, eine Art sportlichen Anstrich. "Es hätte ja niemand Lust, im Ziel über Leute zu jubeln, die erst mit deutlichem Abstand zu den Zeiten der Besten über den Strich laufen", verrät einer der Macher des Schwerin-Marathons, den Kanone Kandebele im vergangenen Jahr mit in ausgezeichneten Zeit von 2.05.13 gewonnen hatte.

Federleichte Feder


Für den in der Regel wie federleicht wie eine Feder über die Straßen und den Asphalt sausenden früheren 5. der Crosslauf-Weltmeisterschaften von 2013 ist der absehbare Totalausfall der diesjährigen Sommertournee von Marathonort zu Marathonort eine Katastrophe. Zwar seinen die Planungen für den Berlin-Marathon am 27. September noch nicht ausgesetzt und trotz der anhaltenden Ausbreitung des Coronavirus hätten die Veranstalter in der deutschen Hauptstadt signalisiert, dass im Moment nichts gegen den Marathon spreche. Aber er sei skeptisch, denn um wirklich Leistung bringen zu können, müsste Kanone Kandebele jetzt voll in seine Steigerungs- und Ausdauertrainings einsteigen. "Aber wie soll ich das bezahlen, wenn am Ende die Laufprämien nicht kommen?", fragt er besorgt.

Die Krux: Zwar bestreitet der Sieger des Stendal-Marathons von 2017 seinen gesamten Lebensunterhalt aus seiner Tätigkeit als Solo-selbständiger im Laufgeschäft. Doch weil Kandebele nicht in die deutsche Arbeitslosenversicherung eingezahlt hat, steht ihm kein Kurzarbeitergeld zu. Von dem Haus und dem kleinen VW, den er sich vor einigen Jahren von seinem bislang größten Preisgeld - 200.000 Euro beim berühmten Finnmark-Marathon in Skandinavien - geleistet hat, kann er nicht leben. "Mein Haus kauft mir und der Familie kein Essen", beschreibt er.

Die Sportskanone aus Kenia


Kanone Kandebele ist eines der prominenten, aber völlig unbekannten Opfer der Pandemie. Wie zahllose Fußballer,  Handballer, Biathleten und Eishockeyspieler verdammt ihn die Seuche zur Untätigkeit. Doch im Unterschied zu den deutschen Sportlerkollegen, die über feste Jobs bei millionenschweren Vereinen oder bei der Bundeswehr oder bei anderen staatlichen Institutionen und Behörden abgesichert sind, steht Kanone Kandebele vor dem Nichts.

Es gibt für den Vater vieler Kinder derzeit nichts zu laufen und nirgendwo zu siegen, Kandebele hat keine Chance darauf, bleiche europäische Hobbyläufer zu trainieren, wie er das sonst gelegentlich als Laufpauschalist im Auftrag großer deutscher Reiseveranstalter tut.  Das Läuferleben des knorrigen Mannes mit den beinharten Muskelbündeln ist komplett zum Erliegen gekommen. Kandebele, könnte man sagen, wie er da so sitzt in seiner kleinen, aber sauber gehaltenen Wohnung in einem modernen Wohnblock von Olenguruone, das in der mittelkenianischen Provinz Nakuru County liegt, die untef der Herrschaft der früheren Kolonialmacht noch "Rift Valley" genannt wurde, könnte man den flotten Kenianer für ein Sinnbild der Corona-Krise halten, wie die größte Gesundheissherausforderung der Neuzeit nach einer Vorgabe der Bundesworthülsenfabrik in Berlin in Deutschland genannt werden muss.

Doch Kanone Kandebele, der seinen Vornamen einer Vorliebe seines alleinerziehenden Vaters für britische Kriegsfilme verdankt, die "mein Daddy jeden Abend geschaut hat", wie er schmunzelt, fühlt sich nicht als Vorzeigeopfer. "Wir Kenianer", sagt er, "haben Körper, die sind so zierlich, wir wiegen meist nur 50 bis 60 Kilogramm und brauchen nicht viel Essen." Dass er und seine Läuferkollegen seit Jahren die olympischen Langstreckenwettbewerbe dominieren und der weltweite Marathonzirkus für Millionen Hobbyläufer ohne die Vorzeigerenner aus dem ostafrikanischen Hochland niemals eine Multimillionenindustrie hätte werden können, die Schuhfabriken in China ebenso ernährt wie deutsche Fernsehsender, liege nicht nur allein an der heimatlichen Luft ist hier wegen der 2000 Höhenmeter derart dünn ist, dass die Läufer tiefer als anderswo einatmen müssen, um genug Sauerstoff aufzunehmen. Dieser Umstand, hat man lange geglaubt, sei verantwortlich dafür, dass Menschen wie Kanone Kandebele unter normalen Umständen besonders effizient laufen.

Der Milchsäuremangel machts


Doch wenn Kanone in sich hineinhört, spürt er anderes. "Auch Johannesburg liegt über 1500 Meter hoch - und hat kaum Ausnahmeläufer produziert", lacht er. Weit wichtiger ist nach seiner Ansicht, dass Kenianer beim Laufen weniger schnell ermüden. "Die in meinem Körper vom müden Muskel erzeugte Milchsäure entsteht nur sehr langsam", weiß Kanone. Verantwortlich dafür seiner Meinung nach vor allem die höhere Konzentration eines Enzyms in der seiner Skelettmuskulatur, das die Milchsäure besonders gut verarbeitet und die Produktion von neuen Lactaten bremst. "Eine genetische Ursache also, keine rassische." Sicher sei, dass er rund zehn Prozent mehr Kilometer aus der gleichen Sauerstoffmenge holen könne als ein lauferfahrener Europäer. "Deshalb laufen wir so gern und wir siegen so oft." Nur nicht jetzt eben.

Wissenschaftler haben das Gefühl des Rekordläufers inzwischen bestätigt. Der renommierte Sportmediziner Tim Noakes aus Kapstadt beschreibt Ostafrikaner als Menschen mit Muskeln, "die sich mit einer viel höheren Geschwindigkeit zusammenziehen können, ohne dabei zu ermüden“. Zusammen mit der Höhe, in der Kenias Läufer trainieren, gewähre ihnen dies einen doppelten Vorteil. Westafrikaner hätten eine Muskelstruktur, die viel schneller ermüdet, sie dafür aber zu den weltbesten Sprintern mache. Mehrere Studien haben gezeigt, dass Westafrikaner und die Nachfahren der Sklaven in den USA dichtere Knochen, weniger Körperfett, dickere Oberschenkel und leichtere Waden haben. Die Kenianer sind anders gebaut, haben aber ähnlich dünne Waden, insgesamt rund 400 Gramm weniger Fleisch im Unterbein. Nach Berechnungen der schwedischen Wissenschaftler steigt für alle 50 Gramm im Wadenbereich der Sauerstoffverbrauch um etwa ein Prozent. Kenianer laufen also deshalb effizienter, weil sie zur Bewegung ihrer Gliedmaßen weniger Energie brauchen.

Natürlich gehe die Gesundheit immer vor, er unterstützte deshalb ebenso wie seine Laufkameraden aus der gemischten Laufgruppe von Olenguruone jede Entscheidung der Veranstalter in Europa, die verantwortlich getroffen werde. "Aber im Moment kämpfe ich eben sehr, denn ich habe keinen Job und meine Geschwister müssen mich unterstützen."

Gerade in der kenianischen Gesellschaft, in der sich junge, gebildete Großstädter heute weniger auf ihre Ethnie als Bezugspunkt berufen als früher, spielt die Frage des Einkommens eine große Rolle für den Platz, den jemand in der Gesellschaft beanspruchen darf. "Ethnizität und Tradition sind nichts Statisches bei uns", sagt Kanone Kandebele, "sie müssen keineswegs zwangsläufig zum politisierten Tribalismus führen, wenn deine individuelle Leistung es dir gestattet, ein eigenes Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Artist im globalen Laufzirkus


Kanone Kandebele hatte dieses Selbstbewusstsein, als erfolgreicher Artist im globalen Laufzirkus, der um die Welt zog und Siege und Podestplätze sammelte, kam es auf seine Herkunft als Junge aus der Bantu-Tradition nicht mehr an. "Ich hatte viele Freunde, aber wenn du nichts mehr hast, dann kommt keiner und hilft dir", muss er jetzt konstatieren - ein Appell auch in Richtung Deutschland, die mit den Planungen für fest terminierte Marathons und Halbmarathons, für die er und seine Laufkollegen aus Kenia und Äthiopien fest als Siegläufer gebucht gewesen nicht waren, weiter voranzutreiben.

"Für uns hängt davon der Lebensunterhalt ab, ihr entscheidet", mahnt Kanone Kandebele, "ob unsere Kinder im nächsten Winter zu essen haben werden." Jürgen Lock, Geschäftsführer beim Berlin-Marathon-Ausrichter SCC, macht Kandebele und den anderen Rummelrennern keine Hoffnung mehr: Die Veranstalter des Berlin-Marathons hatten bis zuletzt gehofft, dass der Lauf im Herbst stattfinden kann. Doch das war vergeblich. Die Berliner Veranstaltung mit 44.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus der ganzen Welt  war seit Monaten ausverkauft. Und wurde nun abgesagt.

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Kommentare:

Carl Gustaf hat gesagt…

Man darf gespannt, wer zuerst ausgetrocknet sein wird: die Corona-Seuche oder der Doping-Sumpf? Wenn sie nicht gestorben sind, dürften die ganzen Doping-Ärzte jetzt auf Kurzarbeit sein ...

Anonym hat gesagt…

Ja, die Gene. Mein Ahn mütterlicherseits nährte sich in der Weltwirtschaftskrise mit Kraftakten auf Rummelplätzen und in Kleinzirkussen (Hier kommt der große Zampano!), bis ER, der Vielgeschmähte, ihn wieder in Lohn und Brot brachte ...

Anonym hat gesagt…

Es gibt da eine Annahme, daß die ersten Menschen durch Selektionsdruck am Leibe unbehaart und anthrazitfarben waren, spindeldürre, sowie mit wohlentwickelten Schweißdrüsen (siehe H.Mann - Zwischen den Rassen) - um beim Erschauen kreisender Geier am hellichten Tag, während die Prädatoren vor Hitze stöhnend im Schatten lagen, durch die Savanne flitzen konnten, um sich nicht etwa am Gammelfleisch, sondern an den Aasmaden zu laben: Proteine, ungesättigte Fettsäuren ... Daher die Aithiopen (Brandgesichtigen) diese Gabe zum Langstreckenlauf hätten.

Die Anmerkung hat gesagt…

Es gibt da noch eine Annahme von Anthropologen und Sportwissenschaftler, die sich mit der Physik und Biochemie dieses Vorgangs beschäftigt haben. Die Sieger, die alle fast meistens immer aus diesen Regionen kommen, haben eine sehr spezifischen Stützapparat (Kochenbau) der physikalisch bessere Hebelverhältnisse darstellt als jener des gemeinen Mitteleuropäers. Dazu gesellt sich ein optimiertes Muskel- und Fasziengewebe. Zweiteres funktioniert deutlich effizienter als bei den Mitläufern. Und weil dem so ist, ist der Sauerstoffumsatz optimaler.

Dann kommt ein drittes hinzu, daß in allen Wettbewerben gilt. Ohne Training läuft da gar nichts. Wer am meisten trainiert, gewinnt. Nicht am meisten aber ziemlich oft. Am Schachbrett, an der eletrisch verstärkten Handzupfmaschine, beim Marathon und und und.

Ich selbst z.B. habe ein ungeheures Talent für's Klavierspielen, habe es aber immer noch nicht in die größten Konzertsäle der Welt geschafft, weil sich da Zahl meiner Tastenanschläge bisher aus ca. 173 beläuft.

Anonym hat gesagt…

warum läuft der Herr Kanone so schnell durch die Gegend ?

ppq hat gesagt…

weil er es kann