Google+ PPQ: Faschismus als Farce: Heil, Praktikerin!

Dienstag, 1. September 2020

Faschismus als Farce: Heil, Praktikerin!

Organisierte das Stürmchen auf den Reichtags: Heilpraktikerin Tamara.

400 Mann auf der Reichstagstreppe, Frauen darunter, Heranwachsende und Kinder, Partypeople und Influenzer mit gezückter Kamera. Der "Sturm auf den Reichstag", der am Tag danach langsam wieder zum "Ansturm" oder Treppenwitz zu schrumpfen versuchte, weil zu viele Youtube-Videos letztlich doch zu viele alternative Fakten zeigten, wird zum Fanal: Eine dreadlockige Heilplraktikein aus der Eifel soll zur Eroberung des Hohen Hauses aufgerufen haben. Indem sie aufrief, "die Treppen zum Reichstag hochzusteigen". Der Bundespräsident war außer sich, alle Ministerpräsidenten kondolierten, die mediale Gewalt uferte über Stunden aus. Die "Schande" (Seehofer) schien geeignet, Deutschland stolzes Ansehen in der Welt nachhaltig und endgültig zu zerstören.

Von der Rolle gerutschter Film


So leicht geht das. Im sechsten Corona-Monat scheint der Pandemiefilm von der Rolle gerutscht und durch eine Monthy-Python-Satire ersetzt worden zu sein. Das große Drama, kleines Karo. Laschet in NRW beendet die Maskenpflicht in Schulen, Söder in Bayern ruft sie im selben Moment aus. Alle Bundesländer nehmen jeztzt einheitliche Maksenbußgelder, nur in unterschiedlicher Höhe. Auper Sachsen-Anhalt, dort gilt die Maskenpflicht sowieso. Corona legt sich, so viel scheint sicher, langsam von der Lunge aufs Hirn.

War Hitler eben noch ein hessischer Sangesbruder, der dann kurzfristig von einem veganen Nazikoch ersetzt werden musste, weil Uwe Steimle auch nicht wollte, Dieter Nuhr sowieso, Lisa Eckhardt verhindert und Sarrazin nun nicht mehr in der SPD, hockt nun eine Esoterikerin auf der Besetzungscouch und ruft die Revolution aus. Die Frankfurter Rundschau recherchiert jener "Tamara K." flugs hinterher und findet "nur zwei positive Bewertungen bei Google". Schreibt das Blatt, das selbst nur eine hat.  Nicht gut, denn "Online-Bewertungen gelten als neue Währung" (FR)!

Riefen "Wahnsinn" und missbrauchten damit eine Parole von 1989.
Die FR wäre dann wohl pleite, aber das ist kein neuer Zustand für das dauerinsolvente Blatt, das anlässlich der Berliner Demonstration die weder im Grundgesetz noch sonst irgendwo erwähnte Kategorie der "unerlaubten Demo" erfand, um zu umschreiben, dass eine Demonstration angemeldet und nicht verboten, aber nach Ansicht der Redaktion dennoch dringend unterbindenswert sein kann.
"Genau so muss Journalismus" freut sich ein Leser im Kommentarbereich des Onlineauftrittes, dessen aktuelle Schwerpunkte Agenturtexte über Donald Trumps Vergehen, Versäumnisse und Verbrechen und  eine große Enthüllungsgeschichte über die Weigerung einer Friedberger Apothekerin sind, den Namen ihrer „Hof-Apotheke zum Mohren“ auf Wunsch der AktivistInnen einer Gruppe namens „United Colors Of Change“ zu ändern.

Nun also kehrt auch der Faschismus als Farce zurück, mit Dreadlocks und Regenbogenfahnen, der Parole "Wahnsinn" aus Mauerfallzeiten, den Flaggen des Norddeutschen Bundes und "gewalttätigen Ausschreitungen" (DPA) von einem solch epochalen Ausmaß, dass weder im Gemeinsinnfunk noch in den privaten Medien auch nur eine Sekunde oder Zeile Platz bleibt für das, was in Schweden gerade geschieht.

Clowns und Helden überall


Clowns und Helden überall, Polizisten, die allein "400 Chaoten" abwehren, dabei aber womöglich auch zulangen mussten. Der Bundespräsident räumte seinen Terminkalender frei, zum Glück ist im Bellevue genügend Platz für Abstandshaltung bei der Audienz. Gekniet hat er nicht vor den Heroen. Aber es fehlte wohl nicht viel.

Der Treppenwitz vom Reichstagssturm gewinnt so heute schon historisches Gewicht. Der Ort, an dem frei gewählte Abgeordnete 87 Jahre zuvor mit dem "Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich" einen Freibrief für Adolf Hitler ausstellten, ist heute dank seiner transparenten Mütze die "Herzkammer unserer Demokratie". Die eifernde Eifeler Krebsheilerin der Staatsfeind Nummer 1. Die eben noch rassistisch durchseuchte Polizei der stockschwingende Retter des Abendlandes. Und die Treppe des Bundestagsgebäudes die Mauer von Helms Klamm, Schauplatz der gewaltigen Schlacht gegen die Untotenarmee der Corona-Sarumans mit ihren Kaiserflaggen und wehenden Regenbogenbannern.

Gerade noch mal gutgegangen. Gerade noch mal  von der Schippe gesprungen. Aber so knapp ist es noch nie gewesen.

Kommentare:

Florida Ralf hat gesagt…

sehr, sehr huebsch. fear and loathing in den grenzen von 2015. die komplette invertierung des acab-narrativs - mal eben so von der wochenendschicht proklamiert. die bild im taumel: "chaoten gegen unser parlament". der spiegel mit ratgeberbeilage: "so wird ihr wonniges kind mal kein/e drecksdemonstierende*r!" die ard: "beten fuer die brd!"

noch nie war so viel lametta.

Anonym hat gesagt…

Die Nachfolgesingle zum Hit 'Chemnitzer Hatz' ist also trotz der Promobemühungen bis zum Steinmeier gefloppt. Vielleicht nur, weil diesesmal Merkel weniger involviert war, die man sonst wieder mit einer eisern wiederholten Kollektivlüge hätte retten müssen.

Gerry hat gesagt…

ppq bringt es erneut fertig, das Chaos literarisch aufzuarbeiten, es auf eine Weise zu sortieren und den Wahnsinn umso deutlicher klar zu machen. Irgendwann haben mal ideell beseelte Geister "Die Würde des Menschen ist unantastbar" zu Text gebracht. Was diese wohl da vor Augen gehabt haben?

ppq hat gesagt…

@gelöschter: das "einkoten" lasse ich mir ja, unter schmerzen, noch gefallen. den rest nicht. den ganzen logenmist und die aufhängfantasien bitte bei dir daheim, nicht hier

@gerry: der satz ist ein großer irrtum. schau dir die welt an. was ist da an der menschenwürde unantastbar? die hätten es als wunsch oder forderung formulieren sollen, nicht als tatsachenbehauptung.

so ist es eine der ältesten und haltbarsten fake new überhaupt.

das wollte ich schon lange mal loswerden

Anonym hat gesagt…

>Was diese wohl da vor Augen gehabt haben?

Vor Augen hatten sie dabei den zwar nicht größten, aber populärsten Massenmord der Geschichte, und sie dachten, dass da nur das ganz große Pathos angemessen sein könnte, und man konnte sich ja damals durchaus auch noch persönlich verantwortlich fühlen und wollte zeigen, wie gründlich man seine Lektion gelernt hat.

Wenn man das Pathos mal ausblendet, war es ein Neu-Aufflammen deutschen Größen- und Weltrettungswahns, der ein paar Jahre vorher zu eben diesem Massenmord führte.

Volker hat gesagt…

Bors Reitschuster zur Reichstagserstürmung

https://www.reitschuster.de/post/der-erfundene-reichstags-sturm-hier-die-wahre-geschichte

Anonym hat gesagt…

... ein Neu-Aufflammen deutschen Größen- und Weltrettungswahns ...

Ich frage rein sachlich, Dich zu schmähen, sei von mir: Nimmst Du für Dich geistige Gesundheit in Anspruch?

Anonym hat gesagt…

re PPQ : vermutlich wird es einen völlig gewaltfreien Politikwechsel geben .

Anonym hat gesagt…

>Ich frage rein sachlich, Dich zu schmähen, sei von mir: Nimmst Du für Dich geistige
>Gesundheit in Anspruch?

Der erste Satz des GG ist ein paar Nummern zu groß. Ist doch nicht zu übersehen, und auch nicht, dass C. Roth ist nicht die einzige ist, die mit dem ersten Satz auf Weltrettungsmission geht.

Anonym hat gesagt…

zu eben diesem Massenmord ...

Da lobe ich mir die Weisheit der Partei in "1984", welche die alten Zeitungen ständig umschreiben ließ ...
Wenn man wollte, könnte man (wie lange noch) aus alten Zeitungen entnehmen, daß es "diesen Massenmord" seit 1918 mindestens fünf Mal gegeben hätte, eher noch öfter, und zwar j e d e s m a l mit genau vaw Millionen Opfa.

suedwestfunk hat gesagt…

Yepp!

suedwestfunk hat gesagt…

Mit Sektkorken, spitzem Witz und leichter Feder die moralinsaure Zersetzung der Menschenwürde abwehren wie E.T.A Hoffmann, Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Bernd Zeller...: Es kann noch Spaß machen, deutsch zu sein 🤣🌞👍