Montag, 28. Dezember 2020

Corona-Krise: Die letzten 460 Tage

Klammheimliche Freude oder abschreckendes Entsetzen.

Strafe muss sein. Niemand wird in lautes Lachen ausbrechen, nur weil die Corona-Leugner in Sachsen jetzt leichensäckeweise von der Medizin zu kosten bekommen, die sie monatelang ignoriert haben. Aber ein bisschen schadenfroh kann man schon sein von Hamburg aus, dass seinen einstigen Vorsprung bei den Infektionszahlen und Todesraten längst verloren hat. Nur Deutschland insgesamt ist hot spot, mit einem Mal und das nach Monaten, in denen die Welt neidisch auf den deutschen Weg zur Corona-Bekämpfung schaute, während die Deutschen neidisch nach Sachsen starrten: Was machen die nur richtiger, dort im Osten? Wieso stecken die sich nicht an?

Willkommenskultur für Virenträger

Taten sie dann doch, pünktlich kurz nach dem tschechischen lockdown, den die krisengestählte Landesregierung in Dresden mit ihrer eigenen Art Willkommenskultur feierte: Als im Nachbarland alle Kneipen und Geschäfte geschlossen waren, lud Sachsen wie der östlichste Rand Bayern zu Shoppingtouren für Corona-Verbreiter. Sein Bundesland, so glaubte der sächsische Regierungschef Michael Kretschmer, hatte das Virus schließlich schon besiegt. Was sollte also passieren? Es dauerte vier Wochen und die Zonenrandgebiete erblühten im eigens neueingeführten RKI-Violett. Wie Südsachsen färbte sich auch Ostbayern im höchsten Warnton.

Aber man hatte die Grenzen nun mal nicht schon wieder schließen können. Ganz Europa war nach dem verkorksten Abschottungsfrühjahr von der EU-Kommission eingeschworen worden, die nächste Welle gemeinsam abzureiten. Alle oder keiner! Solidarität oder Tod! Richtig geklappt hat das nicht, aber wenigstens der Form nach blieb es dabei. Gelegentlich schotteten sich Mitgliedsstaaten ab. Aber darüber wurde wenig berichtet. Und überhaupt nicht mehr so aufgeregt wie noch vor Monaten.

Europa siegt gemeinsam

Europa siegt zusammen, oder es geht gemeinsam unter - diese erfolgverheißende Devise galt auch bei der Impfstoffbestellung. Alle für einen und eine Ampulle für all in jeder Stadt - verschwenderische Mengen der neuen Heilsbringer aus der Spritze hatte die EU-Kommission für die Bürgerinnen und Bürger bestellt. Nur eben auch bei Herstellern, die noch nichts herstellen, weil ihr Impfstoff noch lange nicht fertig ist. Aber wenn das eines Tages soweit ist, sagt Ursula von der Leyen stolz, "haben wir mehr als zwei Milliarden Dosen". Für 440 Millionen EUropäer. Im ersten enttäuschenden Moment allerdings, nörgelt selbst die Jubelpresse, sei "nur eine Palette mit zwei Kisten" vom guten Stoff angekommen. Für ganz NRW.

Ging nicht anders, denn schließlich ist die Bundesregierung bei CureVac Anteilseigner. Wem, wenn nicht dieser Firma kann man vertrauen und muss man abkaufen, was sie entwickelt hat? Die Ware kommt zwar frühestens in zwei, drei, vier Monaten. Doch bis dahin muss es eben so gehen: Bei 83 Millionen Einwohnern in Deutschland und einer Impfquote von etwa 67 Prozent bräuchte es bei zwei notwendigen Impfungen pro Person 111 Millionen Dosen für §die größte Impfkampagne aller Zeiten" (Tagesschau). Für das erste  Quartal stehen dank der größten Bestellaktion aller Zeiten zwölf Millionen zur Verfügung. Zur Ablenkung empfiehlt es sich da tatsächlich, laut zu schimpfen und geheime Mächte für die Situation verantwortlich zu machen.

Mehr als eine Million Amerikaner sind mittlerweile geimpft, fast eine Million Briten. Und in Deutschland eine 101-Jährige, die illegalerweise 24 Stunden vor dem symbolischen europaweiten Impfstart "Tagesschau"-gerecht vor die Spritze geschoben und animmunisiert wurde. Auch Ungarn wartete nicht auf den von Brüssel festgelegten Startzeitpunkt, aber die Ungarn kennt man nicht anders.

Schnell, aber nicht zu schnell.
Egoismus überall. Als klar wurde, dass der von Brüssel für alle bestellte Impfstoff nicht reichen würde, preschte das reiche Deutschland auf eigene Faust vor und bestellte nach, nur für sich. Als klar würde, dass das für den Moment nichts ändern, schimpfte sich Gesundheitsminister Jens Spahn selbst dafür, dass nun wohl weitere Tausende sinnlos sterben müssen, weil erst im Sommer genügend Impfstoff vorhanden sein wird. 

Zuwenig muss für alle reichen

Nicht, weil es ihn nicht gibt. Sondern weil keiner ihn bestellt hat. Die Europäische Kommission wollte alle bei Laune halten und ihre Einkäufe breit streuen, deshalb bestellte sie bei vielen Herstellern und überall ein bisschen. Zusammengerechnet hätten die Auslieferungen mehrfach für alle EU-Bürger gereicht, wenn denn alle Unternehmen schon etwas zu liefern hätten. Hat aber im Moment nur Biontech-Pfizer, deren Angebot, mehr zu liefern, Ursula von der Leyen ablehnte, denn womöglich hätte man sonst irgendwann auf zu vielen Impfstoffdosen gesessen.

So sitzt man auf  Mengen, die Fahrradboten ausliefern können. Hat aber die weltweit allergünstigsten Preise ausgehandelt. Und darauf kommt schließlich an, in der größten Krise seit Menschengedenken. Wo in den USA Trucks herumfahren,  kommt in Deutschland ein Taxi: 9.000 Dosen für ein ganzes Bundesland, 900 für eine Stadt mit 250.000 Einwohnern. Das reicht nicht einmal für die Altenheime, schon gar nicht für die Pfleger dort, die dann doch wieder nur ein Handvoll Applaus bekommen. 

Nur noch 460 Tage

Gähnend leer die "Impfzentren", eigens überall aufgebaut, um den Eindruck zu erwecken, jetzt werde aber wirklich was getan. Nicht einmal angeschaltet die Anmeldeseiten für die Terminvergabe, die, deutsche Tradition, zweifellos zum Start ohnehin zusammenbrechen werden. Die offiziellen Impfungen haben gestern begonnen, allein in Nordrhein-Westfalen flossen 9.750 Impfstoffdosen binnen Stunden in die Adern der knapp 18 Millionen Landeskinder. Kann dieses Tempo beibehalten werden, ist NRW in viereinhalb Jahren komplett durchgeimpft. Ganz Deutschland, das mit Bayern und Sachsen aus Bundesländer hat, die noch schneller spritzen als Laschet-Land, könnte sogar innerhalb der nächsten 460 Tage immunisiert werden.


Kommentare:

Hase, Du bleibst hier ... hat gesagt…

In 460 Tagen wäre auch ich dann bereit. Bis dahin ist das gute Zeug zur Schluckimpfung weiterentwickelt, Geschmacksrichtung Fledermaussuppe. Es hülfe dann auch gegen Blähungen und das Reißen.

Anonym hat gesagt…

Warum so kompliziert?

Das ist zweifelsfrei Allahs Strafe für die den Islam ablehnenden AfD-Ossis.