Montag, 22. März 2021

Kontaktschuld: Jens Spahn am "Spiegel"-Pranger

Dank Kontaktschuld: Super-Überschrift für den Bierverkauf.

Ein Jahr lang kannte Journalismusdeutschland keine Zweifel: Wer argwöhnte, im Land des Pandemieweltmeisters laufe nicht alles ganz so glatt, wie es in der Zeitung stand, war ein Leugner, Feind und Staatsgefährder. Statt Fragen zu stellen, wie es kommen kann, dass Europas führende Wirtschaftsnation zwar ausdauernd von einer Corona-Strategie spricht, allerdings auch nach Monaten und Monaten keine zustandekommt, arbeitete sich das ehemalige Nachrichtenmagazin im Chor mit dem Rest der angeschlossenen Sendeanstalten an denen ab, die unverantwortlicherweise die Fragen stellten, die Medien aus Anhgst vor falschen Antworten nicht zu stellen wagten. Psychiatrische Hilfe bräuchten die, die ihre "wirre Gedankenwelt" (Feldenkirchen) spazierentragen, hieß es etwaüber Corona-Demonstranten, die, so sprach Dr. Spiegel, "chronisch einen an der Waffel" hätten.  

Unerbittlich an der Realität vorbei

Wenn schon, denn schon. Unerbittlich auch zu sich selbst ließ das Magazin aus Hamburg auch in Zeiten der verordneten Distanz jede kritische Distanz zu den Ideen der Regierenden vermissen. Riefen die hüh, echote der "Spiegel" ein Hüh zurück. Hieß es Hott, klang es auch um den Preis des eigenen untergangs genauso. Es schien, als hätte die gesamte Redaktion vergessen, dass Journalismus auch in Zeiten großer Krisen nicht heißt, Regierungspolitik noch besser nach unten zu erklären. Sondern oben zu fragen, warum der gesunde Menschenverstand beim nachdenken über die Lage regelmäßig zu anderen Ergebnissen kommt als das ominöse Corona-Kabinett.

Aber wenn schon, denn schon. Mit dem Scheitern der weltgrößten Impfkampagne und dem Umschlagen der Stimmung im Land wenn schon nicht zu offenem Protest, so doch zu widerborstiger Ignoranz justierte auch der "Spiegel" die Schreibmaschinengewehre neu. Auf einmal verwandelte sich das Pandemieparadies in eine Vorhölle: Alles ging schief. Alle waren ratlos. Die Maßnahmen überzogen. oder nicht hart genug. Der Lockdown zu lang. Oder zu kurz. das Falsche war richtig. Das Richtige falsch. 

Zweifler in die Psychiatrie

"Für manche Demonstranten hält die Psychiatrie effektivere Hilfen bereit als die Politik", hatte es eben noch geheißen - ein Nostalgie-Nachbau des Honecker-Satzes vom "Wir weinen ihnen keine Träne nach". Nun plötzlich aber ist nichts mehr gut genug: Die Warnungen vor Masken unverantwortlich. Das Versprechen der schnellen "Durchimpfung" (DPA) verhängnisvoll. Der Europa-Pakt zum langsamen, aber gleichmäßig solidarischen Impfen ein Todesurteil für Tausende. Die Kanzlerin keine mehr, die vom Ende her denkt. Und der Gesundheitsminister, der gerade noch als Favorit des "Spiegel" auf die Merkel-Nachfolge galt, Favorit auf den Posten des Schwarzen Peters im Corona-Schuldquartett.

Lieben sie dich, dann lieben sie dich wie Teenager einen Popstar. Wenden sie sich aber einmal ab, dann bist du nicht mehr der mit der Krise tanzt und die Seuche als Karrierechance genießen kann. Sondern ein fürchterlicher Quälgeist, dessen Anwesenheit einen jeden Tag und immer wieder an die eigenen Versäumnisse und fadenscheinigen Lobeshymnen erinnert. "Der mit der Krise tanzt" verwandelte sich nicht nach der Maskenlüge, nicht nach dem Sommersieg über die Seuche, nicht nach dem Wellenbrecher-Lockdown, nicht nach der Neujahrsverlängerung, nicht nach dem Impfstoffdebakel und nicht nach der Schnelltest-Pleite in die Hauptfigur einer dritten Corona-Phase, die der der Euphorie über nahen Sieg und der des aufschleichenden Zweifels um die Weihnachtsfeiertage gerade folgt.Aber nach alledem zusammen doch.

Mit den Waffen einer Sau

Dort steht er nun und der "Spiegel" kann nicht anders, als alles aufzubieten, was schlechter Journalismus an Waffen zur Verfügung hat. Nun hilft, dass der moderne Pranger neben Schuld und Unschuld auch die Kontaktschuld kennt, ein Bezichtigungsverfahren, das auf dem alten Prinzip der Sippenhaft aufbaut, aber ohne Blutlinien auskommt. Anfangs noch zaghaft ausprobiert von den führenden Moralisten einer heute längst vergessenen Zeit, wurde die Kontaktschuld als Zivilstraftatbestand im Fall der heute lange vergessenen Olympia-Ruderin Nadja Drygalla zum ersten Mal haftwirksam. Drygalla hatte sich geweigert, ihren Lebensgefährten zu verlassen, obwohl der ein „ehemaliger Nazi-Funktionär“ (Spiegel) gewesen war. Der saubere Sport verstieß sie. Das geschah ihr recht, sie hätte den eben nicht lieben dürfen.

Das Konstruktionsprinzip ist nun Vorbild für den Sturz des Gesundheitsministers, dem man viel vorwerfen kann - aber am meisten wohl, dass er es seiner Kanzlerin kampflos überließ, die nicht vorhandene Corona-Strategie zu entwerfen. Dass die Firma seines Ehemannes Masken an das Gesundheitsministerium verkauft hat, mag so von fern betrachtet eine Petitesse sein: Weder waren die Preise sonderlich hoch noch schlug die Burda GmbH im seinerzeit herrschenden Maskenmangel reihenweise Konkurrenten über persönliche Beziehungen aus dem Feld, um ihren Mini-Bestand von  "mehr als einer halbe Million FFP2-Masken" an das Ministerium des Ehemann ihres Berliner Büros loszuschlagen.

Zwölf Monate journalistische Lähmung

Aber zwölf endlosen Monaten journalistischer Querschnittslähmung ist die Sicherung raus. Vier Rechercheure bietet das ehemalige Sturmgeschütz der Demokratie nun auf, um die ohnehin und keineswegs grundlos grassierenden Zweifel am Funktionieren einer Demokratie ohne Parlament nach Kräften zu schüren. Irgendwie ist da nichts. Aber irgendwie doch. Ein Raunen und eine zugkräftige Überschrift fiel ab. Und der Kollateralschaden an der Glaubwürdigkeit eines Magazins, das eine endlose Schleife an Inkompetenz monatelang mit großem Aufwand zu ignorieren wusste, nun aber auszieht, ein Nicht-Versäumnis zum rücktrittsträchtigen Skandal aufzublasen. 


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wieso vertickt eine Medienbude eigentlich Masken? Und dann holen die da nichtmal Profit raus, und am Ende haben die sogenannten Ehemänner ohne jeden Gegenwert die Kacke am Hals.

ppq hat gesagt…

sie wollten sich als dienstbar erweisen, um punkte zu machen

Mummenschanz hat gesagt…

Ein Volk, das solche Gauner immer wieder zu Heilsbringern verklärt und zu Herrschern krönt, ein solch degeneriertes Blödvolk verdient es, bis in die Obdachlosigkeit ausgeplündert zu werden.

In Frankfurt ist der Deutsche durch seine grenzenlose Willkommenssucht bereits zu einer Minderheit geworden. Allerdings ohne den sonst üblichen Schutz samt Sonderzahlungen. Soll er also mit seinem selbstgebastelten Multikultiparadies klarkommen. Vermutlich aber wird er bald wieder jammern, nix geahnt oder gewusst zu haben. So tickt er nämlich, der deutsche Untertan.

Krisenzeiten-Profiteure sind übrigens keine Neuerscheinung, und haben das Wahlvieh noch nie klüger gemacht. Die Kamelkarawahne zieht also weiter in die Wüste, die mit Illusionen frischen Wassers in den Tod lockt. Sie haben den Trug nie kapiert, sie kapieren ihn aktuell nicht und sie werden ihn auch morgen nicht kapieren, denn sie haben zwar Augen, sehen aber nichts und haben zwar Ohren, hören aber nichts. Sie sind wahrnehmungsgestörte Behinderte.

Warum also sollten die vielen Spahns da nicht zugreifen und einsacken, was sie bekommen können? Die schwarmintelligente demokratische Mehrheit legitimiert es doch so bzw. bestraft es nicht, sondern bewundert die kaltschnäuzige Raffinesse oft sogar, weil sie gern selber so einnehmenden Charakters wäre.

Anonym hat gesagt…

das Wahlvieh noch nie klüger gemacht ...

Steht schon in einer - zuerst Mitte der Zwanziger herausgegebenen - Diätanleitung (Kein Mampf - oder so). Auch wenn da, andere Punkte betreffend, recht viel Mulm steht.
Ein Monopol an kollektiver Blödheit haben wir aber eben nicht. In der einen oder der anderen Sache ist das eine oder andere Volk weiter vor oder leicht zurück.

Jodel hat gesagt…

Inzwischen ist es mit absolut egal, wofür einer unserer minderleistenden Regierungshäuptlinge abgeschossen wird. Hauptsache es trifft auch mal einen von denen. Wenn er dann wegen den falschen Gründen zurücktreten muss, soll es mir auch recht sein. Zudem die Landung auch nicht allzu hart ausfallen dürfte.
Al Capone wurde auch wegen Steuerhinterziehung hinter Gitter gebracht und nicht wegen dem richtig harten Zeugs das er auf dem Kerbholz hatte.

Sollte es so etwas wie Sippenhaft in einem zivilisierten Rechtsstaat geben? Nein, selbstverständlich nicht. Um den legendären Satz von Herrn Kronzucker etwas abzuwandeln:
Man sollte sich nicht freuen, auch wenn es mal einen Richtigen trifft, wenn die Mittel niederträchtig und die Gründe falsch sind.
Aber wir leben eben im Besten Deutschland aller Zeiten und alles was früher zurecht undenkbar war, ist heute wieder up to date.

Also lieber Spiegel und abschreibende Medien: Halali und Feuer frei, was die Konfettikanone noch hergibt. Wenigstens einen Tag lang sollen mich die Rücktrittsschlagzeilen von der alltäglichen Agonie des Lockdowns ein wenig ablenken.

Anonym hat gesagt…

in einem zivilisierten Rechtsstaat ...

Gibt es Beispiele für zivilisierte Rechtsstaaten? Viele wüßte ich nicht ...

Jodel hat gesagt…

@Anonym
Die Beispiele finden sich eher auf der zeitlichen Schiene als auf der örtlichen.
Derzeit ist der Rechtsstaat im gesamten Westen im Niedergang. Anderswo ist dieses Prinzip schlicht unbekannt.
Absolut perfekt läuft es sicher nirgendwo. Das liegt offensichtlich in der nicht perfekten menschlichen Natur.

Die alte Bonner Republik möchte ich aber doch zu den Vorbildern zählen. Viel näher als dort kommt ein Staat der korrekten Bezeichnung als zivilisierter Rechtsstaat wohl nicht.
Auch möchte ich unser inzwischen verfemtes Kaiserreich erwähnen. Man muss die Gesetze die dort gegolten haben nicht mögen. Aber ein Rechtsstaat war es allemal und man ist seinerzeit auch zivilisierter miteinander umgegangen.