Samstag, 11. März 2023

ARD-Reform: Wie alles mit dem Ende des "Tagesschau"-Orchesters begann

Bis zum März vor zehn Jahren wurde des abendliche "Tagesschau"-Melodie live eingespielt.

E
s war ein Tag vor ziemlich genau zehn Jahren, ein ganz gewöhnlicher Tag anfangs. Doch er endete in Trauer, Wut und Scham, als Ende einer Ära der Freiheit, der freien Berichterstattung und des künstlerischen Handwerks, dem die gesamte Nation allabendlich mit großem Wohlgefallen lauschte. Seit 1956 war es immer so gewesen: Der deutsche Feierabend, er wurde amtlich eingeläutet durch die Tagesschau-Melodie mit ihrem unverwechselbaren "Ta-ta, ta ta ta taa", einer rhythmisch akzentuierten Akkordfolge aus der Feder des 1971 gestorbenen Filmmusikers Hans Carste.  

Wie "Smoke on the Water"

Ein glücklicher Zufall, dass es überhaupt dazu kam. ARD-Experten hatten das Teilstück, das als ähnlich prägnant und bekannt gilt wie das Riff aus "Smoke on the Water" und die Bridge der Bundeswehrhymne "Wish You Were Heer" aus Carstes Komposition "Hammond-Fantasie" bergen können, ehe das Stück Ende der 60er Jahre vollkommen vergessen wurde. Seitdem wurde die Titelmelodie der staatlichen Nachrichtensendung allabendlich live im Hamburger Innenalsterstudio von einem handverlesenen Orchester gespielt, wenige Sekunden lang nur, aber von Millionen ähnlich erwartungsvoll mitgeklatscht wie die traditionell von Udo Lindenberg im großen Saal des Hotel "Atlantic" eingetrommelte "Tatort"-Melodie.

Die ARD aber musste damals schon sparen, als der ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice gerade erst gegründet worden war und der Rundfunkbeitragsstaatsvertrag den Rundfunkgebührenstaatsvertrags (RBStV) noch nicht ersetzt hatte. Der Reformbedarf war dennoch überall spürbar, ein Rundfunkbeitrag musste zwingend an die Stelle der früheren Rundfunkgebühren treten, unterstützt von harten Spareinschnitten, um die milliardenschweren Pensionsverpflichtungen der Anstalten weiterhin abzusichern. 

Krass und unüberhörbar

Der erste deutliche Schnitt war krass und unüberhörbar: A Morgen des 11. März 2012 teilten künstlerische Leitung und Geschäftsführung des "Tagesschau"-Orchesters den 73 Musikerinnen und Musikern mit, dass die Erkennungsmelodie der bis heute beliebtesten Nachrichtensendung der Republik ab Ende März nicht mehr wie gewohnt live eingespielt werden würde, sondern digital von einer Tonkonserve abgerufen werden solle. Da das Tagesschau-Orchester ein "reichhaltiges Archiv an Variationen über das Hauptausgaben-Motiv" hinterlassen habe, werde der Zuschauer wie immer nichts merken.

Ein Einschnitt nicht nur für die Hauptausgabe der "Tagesschau", sondern der Schlussakkord für eine weltweite nahezu einzigartige Tradition: Nach 58 Jahren ersetzte eine digitale Konserve die handwerkliche Meisterschaft der Abend für Abend mit nur winzigsten Änderungen filigran live eingespielte Musik. Ein Kulturbruch, der das Ende einer Ära markierte, aber der Spardruck auf die "Anstalten", wie sie sich selbst gern nennen, nur für wenige Tage minderte. Anfangs wurde zumindest noch der berühmte Gong wie gehabt vom jeweiligen Chef von Dienst geschlagen. Doch später wurde auch mit dieser lieben Gewohnheit gebrochen. Der Auftrag für das Signal für den Beginn der Verkündigung der Tageswahrheit wurde nach einer europaweiten Ausschreibung nach Indien vergeben.

Die letzte logische Konsequenz

Die Chefredaktion von ARD-Aktuell sah die Entscheidung nicht nur positiv. Doch "im Zuge der kompletten Digitalisierung von ARD-aktuell " sei es "die letzte logische Konsequenz" gewesen. Die Fans trauerten, eine Onlinepetition forderte die Weiterbeschäftigung der Musiker, auch Politiker im politischen Berlin äußerten sich besorgt und linke wie rechte Populisten sprachen von einem "falschen Zeichen" an die Ränder. 

Letztlich aber gewöhnten sich Millionen Menschen auch an diese Zeitenwende. Kaum drei Monate nach dem letzten Live-Auftritt des Tagesschau-Orchesters galt das allabendliche Live-Einspiel in großen Kreisen der Gesellschaft als nicht mehr zeitgemäß. Zwar sagten zwei Drittel der Befragten in einer ZDF-Umfrage, dass sie das Aus bedauerten. Gleichzeitig aber hielten nahezu 72 Prozent der Teilnehmer die Maßnahme zu Kosteneinsparungen für nachvollziehbar und angemessen, wenn sie zu Einsparungen im hohen sechsstelligen Bereich führe und durch größere Investitionen ins Programm direkt dem Gebührenzahler zu Gute kommen.


2 Kommentare:

Die Anmerkung hat gesagt…

Die Ärzte hatten doch dazumal die Axt an den Kulturfrevel personalsparender digitaler Tagesschautanzmusik angelegt und das Intro selber eingespielt, bevor der Mann die Welt erklären durfte. Selbst die drei Berliner Schlagerbarden haben gegen so mächtige Entscheidungsinstanzen wie Kulturabbau im Ersten keine Chance. Sparen ist die neue Religion.

Anonym hat gesagt…

Die Tageschau wurde 2023 vollständig auf AI-erzeugte Texte und Deepfakesprecher umgestellt, die Qualität ist nach Aussagen regelmäßiger Zuschauer gleich geblieben.

@Ärzte
Die hatten das Intro zu den Tagesthemen gespielt. Da hätten sie leicht ihre Reputation beschädigen können, wenn sie eine gehabt hätten.