Donnerstag, 23. April 2026

Der Palast der Alpträume: Zukunftszentrum der Vergangenheit

Im Jahr 2003 durften Todesmutige die ausgeweidete Ruine des Palastes der Republik noch einmal betreten. Das Asbest war beseitigt. Die Beseitigung des Restes begann 2006.

Er musste weg. Er konnte nicht bleiben. Er musste sterben, damit das vereinte Deutschland leben konnte. Die roten Zaren der SED hatten den "Palast der Republik" als Zeichen des Sieges des Sozialismus gebaut. 1976, als zumindest einige von ihnen noch fest daran glaubten, dass dieser Sieg kommen werde, wenn auch wohl etwas später. Dann blieb er aus, der Klassenfeind marschierte ein. Das System brach zusammen. Nur eben dieser Protzbau, im Volksmund "Erichs Lampenladen" genannt, erinnerte die neuen Verwalter daran, wie knapp der eigene Triumph gewesen war.

Er stand für alles - und nichts 

Er musste weg, der Palast. Er stand für alles, was nicht mehr sein sollte und besser nie gewesen. Von Bonn aus gesehen galt es, alle Erinnerungen an die 40 Jahre des zweiten Deutschland möglich umgehend und gründlich auszuradieren. 

Weit weg am Rhein wussten sie wenig von der DDR. Sie glaubten nicht, dass kaum jemand im Osten den Zusammenbruch bedauerte, selbst nicht in der Staatspartei. Sie füchteten den Katzenjammer nach der Einheitseuphorie, den Moment, wenn die Schmerzen einsetzen, die die Abwicklung der Wirtschaft und das Aussortieren der nicht mehr nützlichen Arbeitskräfte mit sich bringen würde.

Ein "Palast des Volkes" erschien als passendes Symbol, die DDR mit allem, was sie war und nie gewesen ist vor aller Augen abzuwickeln. Dabei verkörperte das Gebäude, am 23. April 1976 erstmals für Besucher geöffnet, auf 15.300 Quadratmetern in bester Lage mitten in Berlin alles, was an der Deutschen Demokratischen Republik falsch war, nicht funktionierte und dennoch stolz protzend vorgeführt wurde. 

Das Gesicht des Kommandokommunismus 

Der Kommandokommunismus fand in dem Betonbau direkt an der Spree sein steinernes Abbild: Ein langer, flach vor einen Parkplatz geduckter Riegel aus weiß umfasstem belgischen Thermoglas. Ausgestattet mit Marmorboden, ausladenden Treppen, geschwungenen Sitzgruppen, üppigen Zierpflanzenarrangements, monumentalen Gemälden und jener - namensgebenden gläserne Blume aus geschmacklosen 10.000 Kugelleuchten. 

Alles, was sie aufzubieten vermochte, hatte die DDR-Führung in dieses eine Gebäude gesteckt. Die besten Bauarbeiter wurden von anderen Baustellen in der Republik abgezogen, um hier ihr Allerbestes zu geben. Geld spielte keine Rolle. Die Baukosten lagen offiziell bei 485 Millionen Mark der DDR, inoffiziell kletterten sie in den drei Jahren Bauzeit auf etwa eine Milliarde. Es war das teuerste Bauprojekt der DDR-Geschichte, für den Gegenwert des "Palastes" hätten sich mehr als 20.000 Neubauwohnungen errichten lassen.


Dennoch setzte Erich Honecker schon zwei Jahre nach seinem erfolgreichen Putsch gegen seinen Ziehvater Walter Ulbricht alles auf diese Karte. Am 2. November 1973 legte der frischgebackene Staats- und Parteichef den Grundstein für das gewaltige Zukunftszentrum, das als Schaufenster in eine Zeit gedacht war, von der Honecker und seine Genossen annahmen, sie werde eines Tages kommen, weil es in den Büchern von  Marx, Engels und Lenin so geschrieben stand. Bis dahin sollte der Palast den eigenen Leuten beweisen, dass nicht alles schlecht ist. Und auswärtige Besucher davon überzeugen, dass es sehr gut läuft mit dem Sozialismus in den deutschen Farben. 

Am 18. November 1974 feiert die politische Klasse Richtfest, und im April 1976 war er tatsächlich fertig, der Bau, der mit absurden 13 Restaurants und Cafés, einer Bowlingbahn, einem Theater, einem Konzertsaal, einer Diskothek mit drehbarer Tanzfläche, einer Milchbar mit Spreeblick, einer Kunstgalerie und einer Bar im Foyer, in der Gäste sich für 3,55 Mark - draußen in der DDR der Gegenwert von zehn kleinen Bieren  - einen Cocktail bestellen konnten, der den klassenfeindlichen Namen "Manhattan"  trug.

Besucher in schicker Verkleidung 

In dem monströsen "Pallazzo Protzo" versammelte sich alles, was die Staats- und Parteiführung für gut, schön und wichtig hielt. Hier war der Sitz der "Volkskammer" genannten Gesetzgebungsabteilung der SED mit 787 Plätzen. Hier durften sich einfache Arbeiter und Angestellte, schick verkleidet, überzeugen, was die marode DDR-Wirtschaft zu leisten versteht, wenn sie sich alle Mühe gibt. 

Ausflüge nach Berlin, überall beliebt, weil die Geschäfte in der Hauptstadt mit Waren versorgt wurden, die Gera, Bautzen und Greifswald nie erreichten, kamen nicht mehr aus ohne einen Palastbesuch. Wer in der Moccabar in der ersten Etage saß oder einen Platz im Lindenrestaurant ergattert hatte, durfte sich ein bisschen Wessi fühlen. Millionen taten das. Sie kamen zu Pop-Konzerten, zum propagandistischen "Tag der Familie" und zum "Tag der Solidarität", sie kamen zur Disko und zur sozialistischen Jugendweihe. 

Party der politischen Klasse 

Am Ende kamen sie dann auch zur letzten Geburtstagsfeier der Republik. Und das ohne Einladung. Während die politische Klasse  im Palast ihre große Party zum 40. Jahrestag der DDR feierte, versammeln sich unter den Thermoglasfenstern Demonstranten. Die Fete geht ihren sozialistischen Gang. Honecker, schwerkrank, aber gerade wieder diensttauglich, hält noch einmal Hof wie in besseren Tagen. Den führenden Genossen aus der Parteizentrale und den Bezirken, ausgewählten Vertretern der hart arbeitenden Mitte und Diplomaten aus aller Herren Länder wird aufgetischt. 

Erich Honecker lobt "unseren sozialistischen deutschen Friedensstaat" als "Grundpfeiler der Stabilität und Sicherheit in Europa". Die DDR sei ein "Wellenbrecher gegen Neonazismus und Chauvinismus" verteidigt er den Mauerbau als erste deutsche Brandmauer. Dann aber dringen störende Geräusche von draußen herein. Demonstranten stehen direkt vor dem Palast. Sie rufen nicht mehr "Gorbi, Gorbi" im Glauben, der sowjetische Schutzherr der DDR werde sie erhören wie noch am Nachmittag etliche der 100.000 vermeintlich treuen FDJ-ler. Nein, sie rufen "Wir sind das Volk" und verlangen nach "Freiheit". 

Jagdszenen um den Palast 

Honecker ignoriert das. Stasi-Chef Erich Mielke lässt seine Truppen ausrücken. Es kommt zu Jagdszenen rund um den Palast. Polizei und Stasi versuchen zuerst, die Protestler abzudrängen. Dann werden Wasserwerfer, Reizgas und Schlagringe eingesetzt. Stasi-Trupps durchkämmen die Stadt nach verdächtigen Elementen. Sie brechen Wohnungen auf, in denen sie versteckte Demonstranten vermuten. Mehr als 1.000 Menschen werden festgenommen und in vorbereitete Sammelpunkte gebracht. 

Das System hetzt seine Kritiker im Schatten eines Bauwerks, das hatte beweisen sollen, wie modern, weltoffen und erfolgreich der Plansozialismus unter der Führung seines greisen Politbüros ist. Hinter der Glasfassade des Palastes ist der Unmut über die Störer kleiner als der über das Versagen der Sicherheitskräfte. Die hätten das doch verhindern müssen, heißt es in getuschelten Gesprächen in den Ecken des Partypalastes. 

Ein Potemkinsches Dorf 

In jener Nacht wurde der Palast vom Aushängeschild der Parteidiktatur zum Menetekel eines Systems, das vor dem Untergang stand. Der proletarische Pomp und die spätrömische Dekadenz der Verschwendung rarer Ressourcen für einen rein symbolischen Zweck hatten nur knapp mehr als 13 Jahre ihre Wirkung getan. 

Der Palazzo Prozzo zeigte sich jetzt als Potemkinsches Dorf. "Große Schnauze, nüscht dahinter", sagt der Berliner. Zwei Wochen nach der rauschenden Ballnacht im Palast stürzte Honecker. Einen Monat danach fiel die Brandmauer. Es dauerte kein Jahr, und der ganze Stolz der "organisierenden Klassenpartei" (Luigi Pantisano) war Geschichte.

Erst beim Ausfegen, vereinbart war, dass die DDR besenrein an die neuen Besitzer übergeben wird, fiel der Palast wieder ins Auge. In Honeckers Lampenladen hatten die letzten Volkskammerabgeordneten die Abwicklung der "Errungenschaften" (Erich Honecker) der DDR geplant und die entsprechenden Gesetze beschlossen. Hier war das Scheitern des sozialistischen Menschenversuches in endlosen Nachtsitzungen protokolliert und die Übergabe der verbliebenen Reste von Wert an die Nachnutzer organisiert worden. 

Er darf kein Denkmal sein 

Wie die Paulskirche in Frankfurt am Main, in der die Nationalversammlung am 27. März 1849 die erste Verfassung des Deutschen Reiches beschlossen hatte, hätte allein dieses historische Geschehen den Palast der Republik zu einem zentralen deutschen Nationaldenkmal für Demokratie und Freiheit machen müssen. Doch ehe noch die Einheit eintrat, und Diskussionen aufkommen konnten, schlossen sich die Türen: Am 19. September 1990, zwei Wochen vor der Wiedervereinigung, entdeckten Experten, dass beim Bau 700 Tonnen Asbest zur Ummantelung der Stahlträger verwendet worden. 

Wie im World Trade Center in New York, das elf Jahre später abgerissen wurde, hatten die Erbauer Asbest als Feuerschutzmaterial verwendet. In den 70er Jahren war das Stand der Technik. In nahezu drei Vierteln der etwa 12,5 Millionen Wohngebäude, die in den 50er- und 80er-Jahren errichtet wurden, wurde mit Hilfe von Asbest gebaut.

Bei Hochhäuser und Plattenbauten im Westen wie im Osten liegt die Asbestquote nahe 100 Prozent. Asbestzement fand in Schulen, Krankenhäusern und Bürogebäuden nicht nur in Dachplatten Verwendung, sondern auch in Fassadenverkleidungen, Rohrleitungen, Fußbodenbelägen, Spachtelmasse und Fliesenkleber. 

Asbest ist überall 

Schon allein aus finanziellen Gründen ist das kein großes Problem. Asbest steckt in den Wänden und Böden, hinter den Tapeten und unterm Linoleum. So lange niemand die Wände anbohrt oder sie aufreißt, passiert nichts. Halb Dänemark wohnt bis heute unter Dächern aus asbesthaltigen Eternitplatten.  Beim Abbau und der Entsorgung gehen die Dänen mit großer Ruhe und ohne Aufregung vor.

Anders als beim Palast der Republik. Hier wurde nach der Schließung Kurs auf einen Abriss nach angemessener Abklingszeit genommen. Die Bundesworthülsenfabrik (BWHF) führte den Begriff  "Asbest-Arena" für den aller Wände entkleideten Alt-Rohbau ein. Ein Name wie ein Todesurteil.

Acht Jahre nach der Schließung begannen Arbeiten zur Asbestentfernung, die sich fünf Jahre lang hinzogen und 35 Millionen Euro kosteten. Danach stand der Palast als leerer Rohbau da – durchaus sanierungsfähi, aber immer noch ein Stein des Anstoßes, weil er an Zeiten zu erinnern schien, die des Erinnerns nicht wert sein wollten. Der Palast hätte ein Denkmal werden können, ein Kulturhaus, ein DDR-Museum, eine Veranstaltungshalle. Stattdessen beschloss der  Bundestag 2003 den Abriss ab 2006. 

32 Millionen für nichts 

Nur 20 Millionen Euro sollte der kosten, 32 Millionen wurden es. Doch im Dezember 2008 war es endlich geschafft. Später wurde eine Art Replik des alten Berliner Stadtschlosses über die Brache gestellt – unter dem an frühere wissenschaftliche Großtaten erinnernden Namen "Humbold-Forum". Die 600 oder 700 Millionen Euro, ganz genau weiß das niemand, waren gut angelegtes Geld. Hätte man sie nicht im märkischen Sand und im Spreeschlamm vergraben, wären sie längst auch weg. 

So aber erinnert der Neubau des wilhelmischen Schlosses an das, was schon lange nicht mehr steht. Der Versuch einer systematischen Beseitigung eines Bauwerks, das als Symbol einer Herrschaftsepisode herhalten musste, darf als gradios gescheitert gelten. Ausgerechnet die großen Medienhäuser im tiefen westen, für Ostdeutschland auch nach 35 Jahren noch eine fremde, unbegreifliche Region ist, feiern den "Honeckers Traum aus Marmor uns Asbest" (ARD), als würde die SED-Propagandabteilung sie dafür mit Blüthner-Flügeln bezahlen. 


2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

War da einmal, da standen irgendwo Billardtische einfach rum. Carambolage, also nicht die, an denen die coolen Typen im Film immer spielten, aber immerhin.

Anonym hat gesagt…

"Schon allein aus finanziellen Gründen ist das kein großes Problem. Asbest steckt in den Wänden und Böden, hinter den Tapeten und unterm Linoleum. So lange niemand die Wände anbohrt oder sie aufreißt, passiert nichts." - Wenn da nicht die ganz Schlauen wären. Asbestsanierung in einem Deutschen Forschungszentrum, etwa 1994 erlebt: Männer mit Gasmasken rücken an und reißen während des Betriebs den Verputz um die Türzargen raus. Nach Beschwerden von Mitarbeitern stellt man einen Fasersammler auf. Gefunden wurde nichts.