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| Die Jugend steht häufig fest zu den Verantwortlichen. Aber die Jugend ist es auch, die zuerst auf die andere Seite wechselt. |
Das Ende der DDR
Jeder weiß das, selbst im politischen Berlin. Schaut man in die Geschichte zurück, wurde das Ende der DDR nicht eingeläutet von einer wachsenden Unzufriedenheit mit dem Sozialismus oder einem Dissens darüber, dass der Kommunismus eine feine Sache sein könnte. Nein, die Menschen waren genervt, weil das große Ziel immer weiter in die Ferne rückte und ihr Alltag immer schwerer zu bewältigen wurde. Karg waren die Zugewinne an Bequemlichkeit. Der Blick zur Seite zeigte, dass anderswo ein Leben möglich war, wie man es sich selbst erträumte.
Der Wohlstand sank, die Anstrengungen wuchsen. Die Propagandatrompeten der Staatspartei wurden mit Hochdruck angeblasen. Die Sturheit, mit der sich Honecker und seine Genossen weigerten, die Wirklichkeit wahrzunehmen, erinnerte an bockige Kinder, die mit den Füßen stampfen und auf den Boden werfen, wenn die Dinge sich nicht ihrem Willen beugen. Tatsache aber war: Niemand hatte mehr Lust auf eine Zukunft, die sich doch nicht so leicht herbeizaubern ließ, wie es die kommunistischen Führer in ihren Bibeln von Marx, Engels und Lenin gelesen hatten.
Der Aufbau des Sozialismus
Die Dauer der historischen Spanne des "Aufbaus des Sozialismus" war anfangs auf ein paar Jahre taxiert worden. Stillschweigend wurden später Jahrzehnte daraus, denen zudem eine neue Bedeutung verliehen wurde: Die "Phase des Übergangs", das hatten neue Lesungen in den unbestechlichen Büchern der Klassiker ergeben, war selbst eine zeitgeschichtliche Größe unabsehbarer Länge. Nur Geduld! Die große Transformation würde zwar länger, aber doch nicht ewig dauern.
Dazu kam das überwältigende Gefühl von Langeweile und Lähmung, von Niedergang und Verfall. Es war das Grundrauschen der 80er Jahre im gesamten Ostblock. Regierung von uralten Männern, steuerte das sozialistische System von Erfolg zu Erfolg. Die Jugend aber mochte nicht dankbar sein für Almosen und das Versprechen, eines fernen Tages werde das kommunistische Paradies ausbrechen und jeder nach seinen Bedürfnissen leben, ganz unabhängig von seiner Leistung.
Länger als ein Mensch lebt
Wenn die Veränderung der Welt länger dauert, als ein Mensch lebt, erlahmt das Interesse der Anwesenden, sich mit Haut und Haar für die Veränderung einzusetzen. Selbst dem engagiertesten Genossen wird klar, dass er selbst überhaupt nicht mehr mitbekommen wird, wie seine Anstrengungen eines Tages fruchten. Es tritt ein, was so oft den Ausschlag gibt über die Existenz oder die Nichtexistenz von Systemen: "Jetzt, jetzt lebe ich, jetzt, jetzt sterbe ich", sang die DDR-Rockband Sandow am Vorabend des Zusammenbruchs des maladen Systems.
Nicht mehr warten. Das Heute ist das einzige Leben, das jeder Mensch wirklich hat. Bis fast zum letzten Tag gelang es den Trägern und Kostgängern der Diktatur zwar, einen Schein von Normalität zu wahren. Die nach eigener Rechnung zehntgrößte Wirtschaftsnation der Erde war den Schlagzeilen der Staatsmedien zufolge eine einzige blühende Landschaft.
Jugend in Uniform
Ihre Jugend trug begeistert das uniforme Blauhemd der Freien Deutschen Jugend. Fleißige Arbeiter und Angestellte wurden angefeuert vom Gedanken, mit dem erfolgreichen Aufbau des Sozialismus ein Zeichen an alle anderen Völker der Welt zu senden. Der Staat gab Millionen für Investitionen in die Infrastruktur aus, gedacht "zur Erhaltung und Erhöhung unseres Lebensniveaus". Er hatte auch beschlossen, moderne Chipfabriken zu bauen, die in denen die leuchtende Zukunft aus High-Tech-Silikon gemacht werden würde.
Besucher, die die ostdeutsche Diktatur in den 80er Jahren bereisten, konnte zwei Deutsche Demokratische Republiken zugleich besuchen. In der einen freuen sich von harter Arbeit gebeugte Rentnerinnen und Rentner über das Wachsen und Gedeihen und die Möglichkeit, in den Westen zu fahren. Hier waren auch die Arbeiter stolz auf das Erreichte und sie wurden sauer, wenn jemand aus dem Ausland ihre Leistungen schlechtredete. "Wir lassen uns nicht auf den Tisch kotzen", sagten die kernigen Arbeiter mit den schwieligen Händen dann.
Frech und fröhlich angepasst
Jugendliche waren natürlich wie überall. Frech und fröhlich, alles ging ihnen zu langsam. Das führte zuweilen zu Missverständnissen mit der Staatsmacht. Aber insgesamt standen sie doch "fest", so hieß es damals, wo heute der Begriff "stabil" verwendet wird, hinter ihrem Staat. Die Wohnungsfrage war noch ein soziales Problem. Aber nicht mehr lange. In den offiziellen Medien zeigten sie gern, wenn wieder eine runde Wohnung in einer der sozialistischen Neubaustädten an eine klassenbewusste Familie übergeben wurde.
Es herrschte nicht grenzenloser, aber Optimismus. Das Gefühl, erst am Anfang zu stehen mit dem Aufbau, es war der Gewissheit gewichen, auch mit mehr und effizienter Arbeit werde es nie zu Viertagewoche und Work-Life-Balance reichen. Jeder, der durch die rostigen Altanlagen kroch, lecke Kessel flickte oder mit der alleserstickenden Bürokratie beschäftigt war, wusste genau, dass sich der bescheidene Wohlstand des Landes so nicht erhalten lassen würde. Private Gespräche drehten sich um den unübersehbar fortschreitenden Untergang. Die Meinungen waren geteilt, ob die da oben das alles nicht wüssten - oder nur nicht, was sie dagegen tun könnten.
Ein blutjunger Nachfolger
Die Frage wurde beantwortet, als der Langzeitherrscher Honecker von seinen Politbürokollegen gestützt wurde. Sein Nachfolger Egon Krenz, mit 52 Jahren gemessen an heutigen Maßstäben ein blutjunger Kerl, kam mit großer Geste ins Amt. Der ewige Kronprinz des Langzeitherrschers Honecker war zuvor bei seinem Ziehvater in Ungnade gefallen. Das gereichte ihm nun zum Vorteil. Nütze ihm aber nichts.
Krenz, der sich selbst als "Reformer" sah, verbrauchte die wenigen Vorschusslorbeeren, die ihm zumindest ein Teil seiner Genossen gegeben hatte, in Windeseile. Nach Tagen schon wusste jeder: Krenz hatte keinen Plan. Er hatte nie einen gehabt. Allem Anschein nach hatte niemand einen. Weil die Lage so schrecklich war, dass es keinen geben konnte.
Zweifel in den eigenen Reihen
Bis in die Reihen der Treuesten machten sich schnell Zweifel am Hoffnungsträger breit, der versprochen hatte, nicht alles anders, aber alles besser zu machen. Krenz rief eine "neue Etappe" beim "Aufbau des Sozialismus" aus, die mit einer "politischen Wende" verbunden sein werde. Der Sozialismus müsse durch einen "Dialog" mit der Bevölkerung lebenswerter gestaltet werden, verkündete er. Dazu nötig sei nichts weniger als eine Reform des politischen Systems, der radikale Abbau von Bürokratie und mehr Transparenz beim Behördenhandeln.
Egon Krenz, ein großer, schwerer Mann mit dem Gesicht einer Bulldogge, ist zu allem entschlossen. Vor allem dazu, dass alles bleiben soll, wie es ist. An der gemeinsamen sozialistischen Perspektive mit der Schutzmacht Sowjetunion ändere sich nichts, sagt er. Die geplante grundlegende Änderung der Wirtschafts- und Sozialpolitik setze fort, was so erfolgreich gewesen sei, werde aber die Versorgungslage der Bürger durch mehr Wachstum verbessern.
Das Egon-Echo bei Merz
Wenn Friedrich Merz heute auf eine Bühne steigt oder in einem Talkshow-Studio Platz nimmt, hängt das sogenannte Egon-Echo im Raum. Mit mehr als drei Jahrzehnten Abstand steuert die Bundesrepublik, die in der Stunde der Insolvenz der DDR herbeisprang, um die Reste zu retten, auf eine identische Krise zu. Wieder sollte die bessere, die klimagerechte und nachhaltige Zukunft später kommen. Wieder sollten die Ebenlebenden sie mit Verzicht finanzieren und mit Fleiß herbeibeschwören.
Aber das "Jetzt, jetzt lebe ich", gilt immer noch. Wie damals wollen die heute Anwesenden heute leben, nicht irgendwann, wenn endlich die Welt gerettet ist. Sie wollen Fernflüge. Sie wollen Kreuzfahrturlaub. Sie wollen warme Wohnungen und individuelle Mobilität, weil dieses Leben das einzige Leben sein wird, was sie jemals leben werden darf. Vor allem im Osten wollen sie das, wo sich viele noch erinnern, dass genau das die Versprechen waren, die ihre Konversion vom gläubigen Kommunisten zu Anhängern der freien Marktwirtschaft veranlasste.
Wie wir heute leben
"So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben" lockte die Weberin Frida Hockauf nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 mit einer Propagandaparole zu mehr Anstrengung jetzt für mehr Belohnung irgendwann. Die spottgeneigten SED-Untertanen machten daraus prompt "So wie wir heute leben, werden wir morgen arbeiten - Prost!". Spott war noch nicht strafbar.
Mit "Wir schaffen das" ließ Angela Merkel die Dinge dem Ende entgegenlaufen, um niemanden aus seinen Träumen zu wecken. Ihr glaubten die Leute gern. Die Ampel-Ära verwaltete dann die Agonie jener heilen, aber längst toten Welt. Und die schwarz-roten Nachfolger des Triumvirats Scholz, Habeck, Lindner ist nun nur noch bestrebt, die Insolvenzanmeldung so lange wie möglich hinauszuzögern.
Weniger Brutto von Netto und Rewe
Zum Erstaunen von Wählern, Beobachtern und der frohlockenden politischen Konkurrenz liefert das Bündnis aus SPD, CDU und CSU schwarz-rote Koalition genau das Gegenteil von allem, was es in Aussicht gestellt hatte. Höhere Abgaben, weniger Brutto von Netto und Rewe, mehr Gängelung, weniger Perspektive, kein Bürokratieabbau, dafür aber verpulverte Extra-Billionen und propagandistische Taschenspielertricks und tränendrüsige Fernsehauftritte, mit denen Mitleid erregt werden soll. Jeder angekündigte Griff in die Portemonnaies der Normalverdiener ist ein Spot in der Dauerwerbesendung "AfD – die einzige Alternative".
Merz weiß das. Klingbeil weiß das. Selbst Bas dürfte es ahnen. Doch wie Honecker und seinem Erben Egon fehlt es ihnen an Handwerkszeug und Handlungsoptionen, etwas anderes zu tun als zu schwatzen, anzukündigen und Besserung ab demnächst zu versprechen. Die beiden Kanzler in Berlin haben das Ziel, das Land zu regieren, sichtlich aufgegeben. Derzeit besteht ihr Bemühen darin, sich in die Somemrpause zu retten. Danach werden sie die blameblen Niederlagen bei den Landtagswahlen überstehen wollen. Und anschließend den nächsten Herbst ohne Reformen, Weihnachten und Neujahr.
Die letzte Hoffnung im Regierungsbunker heißt diesmal nicht Wenck, sondern Wachstum. Und bei allem Resilienzgerede: Kommt es nicht aus Trumps Amerika, ist es auch in einem Jahr nicht da.


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