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| Die personifizierte Aufstiegschance: Winfried Kretschmann, hier als Teil der barocken politischen Verhältnisse vom jungen Maler Kümram porträtiert, steht für die Ära der heilen Welt. |
Noch einmal erklingen die Celli, noch einmal die Posaunen und Trompeten. Balletttänzer wieseln über die Bühne. Klarinette und Tuba intonieren feierliche Melodien. Am Rednerpult steht Vize-Ministerpräsident und Innenminister Thomas Strobl, der den großen Tenor Moritz Kallenberg ansagt, der die Arie "Mein Schatz" aus dem "Don Giovanni" schmunzelnd singt. Der Saal rauscht vor Spannung. Es kribbelt, als Bundespräsident a.D. Joachim Gauck seine Rede hält. Es folgt der Auftritt von Wissenschaftsministerin Petra Olschowski wegen der Quote.
Ein großer Tag im Neuen Schloss
Es ist ein großer Tag im Neuen Schloss Stuttgart, in dem die demokratische Mitte zusammengekommen ist, um einen der Ihren zu verabschieden. Da kommt er, um zu gehen: Winfried Kretschmann, 77, aber kaum gebeugt, das Haar weiß wie immer, die Worte weise, die Stimme fest. Er wolle nicht viele Worte machen, verriet er der scheidende Ministerpräsident Baden-Württembergs der versammelten Prominenz, zu der bekannte Namen gehören. Ihnen predigt Kretschmann wie in besten Tagen: Vom Zusammenrücken. Vom Weitermachen. Vom Wert der Freiheit.
Atemlose Stille herrscht jetzt im Saal. Allen wird bewusst, das es bedeutet, wenn dieser Mann jetzt gleich abgeht, um sich auf den Weg nach Berlin zu machen, zur nächsten Abschiedsfeier. Schon das allein zeigt, welche überragende Bedeutung sich dieser frühere Maoist und Klassenkämpfe in seiner Rolle als grüner Realist erarbeitet hat.
Sakrale Höhen eines Staatsaktes
Selten nur gelingt es einer politischen Figur, den eigenen Abgang in die sakralen Höhen eines Staatsaktes zu heben, ohne dabei den Boden der Bescheidenheit zu verlassen. Doch Winfried Kretschmann ist auch das gelungen: In Stuttgart ist das Neue Schloss die passende Schale für ihn. In Berlin wirkt er, der am längsten in der Runde der Länderchefs weilt, wie ein Einrichtungsgegenstand, der das gesamte Gebäude aufrechthält.
Auch dort, wo in der Länderkammer normalerweise das zähe Ringen um Steuer-Euro und Zuständigkeiten den Sauerstoffgehalt der Luft minimiert, herrschte an diesem Freitag eine fast andächtige Stille. "Der Winfried", wie hin die Kollegen hier respektvoll nennen, ist zu seinem eigenen Abschiedsakt angereist. Kein kurzer Weg und kein leichter, nicht für Winfried Kretschmann, den dienstältesten Ministerpräsidenten der Republik. Aber auch nicht für das Land, das er zurücklässt, in den Händen eines von ihm selbst ausgesuchten Nachfolgers, aber unerlöst.
Mit ihm zieht die alte Zeit
Kretschmann steht für ein Zeitalter, das mit ihm geht. Er regierte in einer Zeit, die von heute aus betrachtet die glücklichsten Jahre der Republik genannt werden. Gemeint ist jene Ära mit den Kraftzentren in Stuttgart und Berlin, in der Winfried Kretschmann und Angela Merkel den Menschen das Gefühl gaben, die Dinge in der Hand zu haben.
Der grüne Schwabe, ein alter weißer Mann, spiegelte Merkels "Wir schaffen das" mit Sätzen wie "Auch der Waschlappen ist eine brauchbare Erfindung", "mein ökologisches Denken ist sehr stark ökonomisch imprägniert" und "das Rasen ist dem Deutschen, was dem Ami die Waffe ist."
Die Hand am Steuer
Merker war Chemikerin, Kretschmann war Philosoph. Zusammen wiesen sie Deutschland den Weg und die Möglichkeit, in der wohligen Illusion zu leben, die großen Transformationen – Klimaplan, Energieausstieg, offene Grenzen – liefen wie von selbst. Solange nur ein bedächtiger Herr im dunklen Anzug oder eine unaufgeregte Dame im Blazer die Hand am Steuer hielten. "Wir bleiben auf dem Teppich, auch wenn der Teppich fliegt", hat Kretschmann sein Credo einmal umrissen.
Die Überwindung der Schranken
Kretschmann, der grüne Föderalist, der von ganz links in die rechte Ecke seiner Partei gerückt war, lenkte die Grünen nicht. Aber der hielt sie zuweilen auf dem Boden. Der überraschende Liebling vieler Bürgerlicher und Konservativer konterte den Ideologismus seiner Genossen schmunzelnd aus, indem er auf Onkelart argumentierte. "Zur Aufregung um den Veggie-Day kann ich nur sagen, ich bin sozialisiert worden, dass man Freitag kein Fleisch isst", sagte er. Und: "Ich wüsste nicht, dass mir das geschadet hat."
Kretschmann tritt mit 77 Jahren ab, fünf Jahre älter als der Ostdeutsche Reiner Haseloff, der nach schwäbischem Maßstab noch eine ganze Legislatur hätte dranhängen können. Wie Merkel und ihr Statthalter in Sachsen-Anhalt aber endet auch Kretschmanns Zeit im richtigen Augenblick. Der weißhaarige Sohn eines Volksschullehrers war als junger Mann Soldat, als älterer Kommunist und im hohen Alter wurde er zum Symbol für die Fähigkeit der Grünen, sich den Staat, den sie so lange bekämpft hatten, aneignen zu können. Eine widersprüchliche Figur, die mit sich im Reinen schien.
Das Pathos der Bonner Republik
Sein Abgang, feierlich begangen und mit dem steifen Pathos der Bonner Republik zelebriert, ist zugleich das Ende einer Epoche. Viele Grüne hatten es von der einen Seite aus versucht, viele Sozialdemokraten und Christdemokraten von der anderen. Doch nur Winfried Kretschmann war es gelungen, die Blut-Hirn-Schranke zwischen der schwäbischen Hausfrau und der Klimaangst der nachwachsenden Generationen zu überwinden.
Der alte weiße Mann der Grünen, der mit dem Gestus des gütigen, aber strengen Studienrats vermittelte, dass der Erhalt des Diesel-Standorts radikale Ökologie erst ermögliche, konnte Dialektik nicht nur buchstabieren. Er wusste auch, dass außer ihm niemand wusste, wovon die Rede war. Winfried Kretschmann war integraler Teil der barocken politischen Verhältnisse in jenem Deutschland nach dem Anschluss der DDR, das nicht nur an eine heile Welt glaubte, sondern meinte, sie heilen zu können.
Zur Berliner Verabschiedung, ohne Zapfenstreich, ganz sachlich, aber mit den Zügen eines grün-schwarzen Hochamts, versammelten sich die demokratischen Feinde und Freunde, um dem Mann zu huldigen, der ihnen das Regieren so angenehm gemacht hatte. Angela Merkel war gekommen, um den Weggefährten zu ehren, mit dem sie die Konsensmaschine über so viele Jahre geschmiert hatte. Auch die CDU-Spitzen Hendrik Wüst und Daniel Günther neigten das Haupt vor dem Mann, der bewiesen hatte, dass Grün-Schwarz kein Notbehelf, sondern eine Bestimmung sein kann, der es sich zu folgen lohnt.
Die Liturgie des Konsens
Die Laudatio hielt Joachim Gauck, wie Kretschmann ein Klippenspringer der politischen Abgründe, der sich Anerkennung aus allen Lagern durch radikale Anpassung verdiente. Gauck, der Ostdeutsche, brachte den Erfolg des Westdeutschen auf die fast schon biblische Formel "Vertrauen, Haltung, Anstand". Da sprach ein Pfarrer salbungsvoll über einen, der immer auch ein Pfarrer hätte sein können. Es war eine emphatische Würdigung des Umgangs mit dem politischen Gegner – ein Nachruf auf eine schöne Zeit, in der sich CDU, CSU, SPD und Grüne beim Regieren abwechselten, gestützt von einer FDP, die stets bereitstand, den bürgerlichen Schein zu wahren.
Geordnete Verhältnisse, saubere Absprachen, jüdische Vermächtnisse, die Lithurgie des Konsens. Gisela Erler, eine langjährige Weggefährtin, hielt ein flammendes Plädoyer für die Politik des Gehörtwerdens, jene Kultur der demokratischen Beteiligung, die Kretschmann nicht erfunden hatte, aber wie ein Schutzschild vor sich hertrug.
Die Masche, zugleich dafür und dagegen zu sein, ist sein Vermächtnis: Der Eindruck, dass hinter jedem Plan eine tiefe, philosophische Durchdringung steht. Bei Merkel hieß das "vom Ende her denken". Kretschmann goss es in den Satz: "Die knappste Ressource, die man hat, die heißt Vertrauen."
Der Zorn des alten Meisters
Dass er den Bundesrat als Konsensmaschine pries, um die Deutschland in der Welt beneidet werde, war sein letzter großer Dienst an der Institution. Eine Verbeugung, die die Versammlung der Ministerpräsidenten umgehend konterkarierte, indem sie die bereits von Kabinett und Bundestag beschlossene 1.000-Euro-Krisenprämie durchfallen ließ. Ohne im Gegenzug die Erhöhung der Tabaksteuer zurückzudrehen.
Doch Kretschmann wäre nicht Kretschmann, wenn er ohne eine letzte Zurechtweisung gegangen wäre. In seiner 182. Plenarsitzung warf er dem Bund in einer Generalabrechnung "Respektlosigkeit" und eine "Missachtung der Länderinteressen" vor. Als stehe er noch einmal auf der Barrikade, rügte die "zentralistischen Allmachtsfantasien" der Bundesregierung - und nicht nur der aktuellen. Der Föderalismus als Bollwerk solche Anwandlungen werde seit vielen Jahren "verbogen", schimpfte der scheidende Landesvater. Denn das Gespür für gut funktionierenden Föderalismus sei "zunehmend abhandengekommen".
Fragen im Nachhinein
Es war der Zorn eines Mannes, der sich wohl im Nachhinein fragt, wie er selbst alles so lange hatte mitmachen können. Reiner Haseloff, der noch viel dramatischer gescheiterte Kollege aus dem Osten, hatte ähnliche Töne hören lassen, als seine Partei ihn zum vorzeitigen Abgang gedrängt hatte. Bei Kretschmann, einer der wenigen Ministerpräsidenten, die trotz der Erbfolgetradition auch ihre letzte Amtszeit vollmachen, klang die Rede weniger verbittert. Die Worte Freiheit, Subsidiarität und Föderalismus aber schmeckten auch hier schal.
Die Bahn kaputtgespart. Brücken und Straßen verrostet und voller Schlaglöcher. Die Bundeswehr wie das Bildungswesen ein Trümmerhaufen, die CO2-Bilanz verheerend, die Schulden so hoch wie nie, die innere Einheit dafür immer noch nicht mehr als eine ferne Vision. Mehr als mehr Beamte und Staatsangestellte und weniger Erfindungen, als mehr Behörden und weniger Fabriken hat Kretschmann nicht erreichen können. Er war mittendrin statt nur dabei. Doch auch sein Stolz lässt es selbst ganz am Ende nicht zu, das zuzugeben.
Der Schatten des Nachfolgers
Es fehlt an Fachkräften. Es fehlt an zuversicht. Es fehlt an einer Idee von Zukunft. An Vertrauen, jener "knappsten Ressource", die niemand mehr hat. Niemals wandte sich Winfriid Kretschmann gegen einen Gesellschaftsumbau mit zivilgesellschaftliche Initiativen, die zusammen mit staatlichen Institutionen ein waches Auge auf die Meinungsäußerungen der Bürgerinnen und Bürger werfen. Niemals lehnte er sich grundsätzlich aus dem Fenster.
Winfried Kretschmann hinterlässt ein Erbe der Beruhigung. Er war die Führungsfigur im Hintergrund, die das Land durch die Stürme der Veränderung führte, indem er vorgab, der Wind werde den Teppich fliegen lassen., beweise man nur die richtige Einstellung zur Einheit in der Vielfalt. Als er das Rednerpult verließ, hochaufgerichtet, aber innerlich unverkennbar gebeugt, erhob sich das Plenum zu einem letzten lang anhaltenden Applaus. Es war das Klatschen einer politischen Klasse, die weiß, dass mit dem Brückenbauer zwischen Grün und Schwarz der vielleicht letzte Garant einer Stabilität geht, die nie mehr als Bequemlichkeit und Taschenspielerei war.


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