Dienstag, 18. Januar 2011

Abschied vom traurigen Taliban

Eben noch sang er fröhlich "Mit Gott an unserer Seite" und freute sich auf die unweigerlich bevorstehende traditionelle Frühjahrsoffensive seiner Taliban, nach der es üblich ist, alle Führungspositionen neu besetzen. und nun ist Abu Talha, der Deutschland im heißen Bundestagswahlkampfherbst des Jahres 2009 mit vernichtenden Anschlägen gedroht hatte, wenn die Deutschen nicht endlich aus Afghanistan abzögen, selbst vor der Zeit verstorben.

Dabei war Bekkay Harrach aus, der sich "Abu Talha" nannte, ein junger Mann mit lockigem Haar und todtraurigen Augen, an dem der Anzug von der Stange furchtsam schlotterte wie die Kalaschnikow unterm Arm eines Al-Kaida-Einzelkämpfers. Die "Islamische Bewegung Usbekistan" habe, so meldet die permanent tagende Terroraufsicht vom "Spiegel", in einem "IBU-Kommuniqué, das sich an Sympathisanten in Deutschland richtet" geschrieben: "Unser Freund Bekkay aus Bonn, alias Abu Talha, der furchtlose Prediger, der sich mit ganz Deutschland angelegt hat, starb den Tod des Märtyrers." Ob durch eine Erkältung oder einfach aus der gekränktem Selbstbewusstsein, weil es trotz des von Deutschland verweigerten Abzuges nie zu den vernichtenden Anschlägen kam, wurde nicht mitgeteilt. In seinem Nachruf würdigt der "Spiegel" Harrach als den Mann, der "im Herbst 2009 für Alarmstimmung in Deutschland gesorgt" habe, "als er in einer Videobotschaft im Namen des Terrornetzwerks Al Kaida Anschläge ankündigte, falls das Wahlergebnis nicht den Willen spiegele, den Bundeswehreinsatz in Afghanistan zu beenden". Bescheiden unterschlagt das Magazin dabei seine eigene Rolle als Transmissionsriemen des Kriegsgeschreis aus den "Stammesgebieten" (dpa). "Die Drohung ist konkret und offenbar ernst gemeint", hatten den Terrorexperten von der Alster seinerzeit aufgrund der für zwei Euro zwanzig hergestellten Videodrohung orakelt. Zackig waren die beunruhigten Innenminister anschließend sofort bereit, die Kontrollen an Bahnhöfen und Flughäfen zu verschärfen.

Dazu brauchte es zuletzt allerdings nicht einmal mehr eine Videodrohung von Abu Talha, der den "Dschihad nach Deutschland" hatte tragen wollen und zur Vermeidung von Konsequenzen vor allem für die Stadt Kiel nur eine Abzugsfrist von 14 Tagen nach der Wahl eingeräumt hatte. So lange sollten sich alle Muslime von allen nicht "lebensnotwendigen" Orten fernzuhalten und ihre Kinder in ihrer Nähe zu behalten. Als eine erneute Drohung, eine Erklärung für die Fristverlängerung und die angekündigten Anschläge später ausblieben, sprang Bundesinnenminister Thomas de Maiziere höchstselbst in die Bresche. Ein Jahr nach dem Taliban aus Bonn und der Al Kaida im Mansfelder Landverkündete der CDU-Politiker im Hysteriechannel bevorstehende Blutbäder und Massaker, ebenso wie sein Vorgänger hat sich Taliban Thomas später nie wieder zur Frage geäußert, was die geplanten Anschläge verhindert hat.

Terrorstück im Staatstheater

Das Runde muss ins Eckige

Was für ein fürchterlich gefährlicher Ort die Welt der Moderne ist, stellte sich zuletzt heraus, als Weichmacherspuren aus China in Kinderspielzeug entdeckt wurden. Hätte auch nur ein Kind mehr als 80 Stunden an seinem Plastik-Plüschtier geleckt, wären gesundheitliche Folgen gar nicht auszuschließen gewesen. Doch auch Erwachsene finden sich im Alltag unablässig grauenhaften Fährnissen ausgesetzt. Starkwinde wehen, Städte müssen vor feuchten Kellern warnen, Hausstaubmilben kriechen in Kopfkissen und Schimmelbekämpfungssubstanzen fürs Bad, von Großmutter noch als "Essig" bezeichnet, enthalten häufig mehr Dioxin als die gute Knackwurst vom Bauernhof am Stadtrand.

Wer billig kauft, zahlt mit seiner Gesundheit drauf, das beweist auch der neueste schockierende Produktrückruf der Möbelkette Ikea. Das 1943 gegründete Unternehmen des aus einer Thüringer Bauernfamilie stammenden ehemaligen Hitler-Getreuen Ingvar Kamprad musste jetzt seine Glasbecher "Rund" wegen Bruchgefahr zurückrufen. Nachdem weltweit zwölf Becher zerbrochen waren und es dabei in fünf Fällen zu Verletzungen kam, wurden alle Käufer der Gläser aufgefordert, die bei oberflächlicher Betrachtung harmlos wirkenden Mordbecher nicht mehr zu benutzen. Vielmehr sollten alle noch im Haushalt vorhandenen "Rund"-Bestände in Watte verpackt zum nächsten Ikea-Einrichtungshaus zurückgebracht werden. Das Unternehmen erstatte dann den Kaufpreis.

Verbot der Woche: Schwuchtelpop und dürrer Rock

Das macht Mut, das baut auf, das zeigt, dass jedermann die Freiheit schätzen lernen kann, auch wenn sie nie perfekt ist. Sie kann es immer noch werden, glauben Kanadas Medienaufseher, die jetzt in einer auch für Deutschland richtungsweisenden Entscheidung beschlossen haben, den alten Dire-Straits-Hit "Money for Nothing" zu verbieten. Nur 25 Jahre nach der Erstveröffentlichung des Liedes, das auf einem für Dire-Straits-Verhältnisse recht rockigem Riff ruht, war aufgefallen, dass Mark Knopfler im Text das Wort "Faggots" singt - auf deutsch "Schwuchtel". Damit habe sich das Stück für die PPQ-Initiative "Verbot der Woche" qualifiziert, teilte die Medienaufsicht in Kanada mit.

Ein Hörer in Neufundland, wo den Menschen im Winter bis heute nicht viel anderes übrigbleibt als Radio zu hören, hatte die seit mehreren Jahren aufgelöste englische Popband angezeigt. Mit Erfolg: Der Text sei "nicht akzeptabel", da er gegen die ethischen Normen und die Menschenrechts-Klausel der Canadian Association of Broadcasters verstoße. Damit darf "Money for Nothing", ein früher Klagegesang gegen die Finanzkrise, die SPD und die Machenschaften von Managern mit Multimillioneneinkommen landesweit nicht mehr im Radio gesendet werden.

Während Dire Straits-Keyboarder Guy Fletcher die Entscheidung kritisierte und sie "eine Verschwendung von Papier" nannte, weil Texter Knopfler die betreffenden drei Zeilen im Lied "in der Rolle und der der realen alltäglichen Straße blöder amerikanischer Arbeiter" singe, fordern Menschenrechtsverbände ein schnelles Nachziehen der deutschen Behörden. Vor allem die rheinische Gruppe BAP falle immer wieder dadurch auf, dass sie mit einer Version des Dire-Straits-Klassikers zum Hass aufwiegele, in dem die offenbar wörtlich übersetzten Zeilen "Schau da der Schwule mit dem Ohrring und dem Make up – das kann ich auch noch, Karl, das ist nicht schwer. Der kleine Schwule da – ein Schwuler mit Privatjet! Der kleine Schwule da ist ein Millionär!" vorkommen. Aller paar Jahre fänden sich öffentlich-rechtliche Medienmanager überdies bereit, Konzertmitschnitte des menschenverachtenden Liedes im Fernsehen auszustrahlen. Diese Gefahr drohe auch demnächst wieder, wenn die Kapelle um den Text-Übersetzer Wolfgang Niedecken ihr 35. Jubiläum feiere. Unweigerlich würde wieder zum Hass aufgestachelt, wenn alte Rockpalast-Mitschnitte mit der Schwulenhetze über den Sender gingen, fürchten Betroffene, denen das Urteil aus Kanada Mut gemacht hat, nach Jahrzehnten stillen Leidens mit ihrer Angst an die Öffentlichkeit zu gehen.

Sie sind nicht die einzigen. Obwohl die Dire Straits noch versuchen, ihr moralisches Versagen mit dem Argument zu entschuldigen, ein Urteil wie das kanadische sage "ziemlich viel über die Gesellschaft, in der wir leben" aus, regt sich auch Widerstand gegen andere unmoralische Rockmusiktexte. Das auf höhergewichtige Mitmenschen zielende "na, du fette Sau" des Hamburger Armani-Rockers Müller-Westernhagen gehöre genauso auf den Prüfstand einer Bundestags-Enquette-Komission wie die Andersliebende verunglimpfende Nummer "Schwule Mädchen" von der Sprechgesangsformation "Fettes Brot" und die gegen homosexuelle Untergewichtige gerichtete Katy Perry-Schmuddelhetze "Your so gay".

Zur bürgerschaftlich engagierten Reihe Verbot der Woche

Montag, 17. Januar 2011

Ohrfeigen für Sarrazin

Es ist eine Ohrfeige für Thilo Sarrazin, ein endgültiger Beleg dafür, dass Deutschland keineswegs vor hat, sich "abzuschaffen" oder auch nur, den Kampf um die noch erfolgreicher zu gestaltende Integration vieler fleißiger Nachbarn und Freunde aus dem islamischen Kulturraum aufzugeben. Die Zahlen kommen aus Nordrhein-Westfalen, doch sie könnten auch von überall anders her kommen. Denn sie belegen, dass Sarrazin und seine Gefolgsleute mit ihrer hasserfüllten Hetze gegen ehemals ausländische Mitbürger völlig falsch liegen: Nur 28 Prozent der muslimischen Haushalte in Nordrhein-Westfalen sind nach der aktuellen Studie "Muslimisches Leben in Nordrhein-Westfalen“ von Transferleistungen abhängig. 72 Prozent der nach Ermittlungen des Arbeits- und Integrationsministerium zwischen 1,3 und 1,5 Millionen Islamgläubigen im bevölkerungsreichsten Bundesland gehen dagegen einer geregelten Tätigkeit nach, sind reich oder leben nicht überwiegend von Transferzahlungen.

Ein Ergebnis der Muslime-Studie in NRW: Gerademal 420.000 Muslime - das ist kaum die Einwohnerzahl von Beirut - haben neben dem Bekenntnis zum Islam auch eines zum Leben als Empfänger von Hartz4-Geld oder anderen Hilfen zum Lebensunterhalt abgegeben. Den größten Anteil unter ihnen stellen mit 65 Prozent türkischstämmige Migranten und Migrantinnen, wobei die "Sonderauswertung über muslimisches Leben" laut Ministerium aufgedeckt habe, dass "gläubige Frauen, die Kopftuch tragen, vergleichsweise abgeschotteter leben, über schlechtere Sprachkenntnisse verfügen und seltener erwerbstätig sind als Musliminnen ohne Kopftuch". Deutschland tut gut, heißt es weiter: „Zuwanderinnen, die die Schule in Deutschland absolviert haben, weisen insgesamt ein höheres Bildungsniveau auf als ihre Muttergeneration". Mit der Formulierung, "die Frauen und Mädchen und haben gegenüber den männlichen Zuwanderern aufgeholt“ verweisen die Verfasser aber zugleich diplomatisch darauf, dass Muslime immer noch weit gebildeter sind als Muslima.

Die Fakten sprechen eine klare Sprache und sie widerlegen zweifelsfrei alle Interviewäußerungen von Thilo Sarrazin zum Thema Intelligenz-Vererbung. Insgesamt hätten Muslime, schreibt die "Welt", ein generell „signifikant niedrigeres Bildungsniveau als die Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften" aufzuweisen. Vor allem türkischstämmige Muslime fielen mit "deutlich schlechteren Bildungsabschlüssen auf als Muslime aus dem Iran oder Südostasien". Intelligenz werde hier nachweisbar kaum vererbt. Allerdings können die Betroffenen überhaupt nichts dafür: Migrationsexperten, die ihren Namen offenbar nicht hatten sagen wollen, führen die Daten darauf zurück, dass Muslime aus dem Iran oder Südostasien "schon im eigenen Land höhere Schulabschlüsse erlangt" hätten, während bei den türkischstämmigen Muslimen, die bis zum 11. September 2001 "Moslems" genannt worden waren, "die Folgen der Gastarbeiterprogramme" deutlich werden, als einfache Arbeitskräfte ins Land gelockt wurden."

Eine Situation, die Mut macht. Klar zu erkennen sei "ein Zusammenhang zwischen Bildungsabschluss und sozialer Integration". Je höher der Schulabschluss, desto häufiger treten freundschaftliche Kontakte zu Personen deutscher Herkunft auf“, heißt es in der Erhebung. Das größte Hindernis für enge und freundschaftliche Beziehungen zwischen anatolischen Bauern und Hamburger Zahnärzten sei über Jahrhunderte die große Entfernung gewesen, die zwischen beiden lag. Mit dem Zuzug nach Deutschland sei diese Hürde bereits weggefallen, jetzt werde nur noch ein höheres Maß an Anstrengung auf beiden Seiten gebraucht, um die Schulabschlüsse der Immigranten an die der ursprünglichen Wohnbevölkerung anzupassen.

Hochwasser marsch: Volk beim Flusslauf

Seit Sonntag 12 Uhr wird zurückgeflossen! Pralle Schläuche, ausgelegt von der Zscherbener Feuerwehr, spucken Wasser aus den Gärten entlang der Frontlinie zur Hohenweidener Aue zurück ins Schwemmland, dass es für einen Moment aussieht, als sei die Hochwasser-Ursache gefunden: Soviel Wasser, naheliegend, dass die Auenlandschaft vollläuft.

Die ist ein See bis zum Horizont, glänzend im ersten Frühlingssonnenlicht, das deutlich für die zunehmende Erderwärmung spricht. Der Planet strahlt, das Wasser steigt, die Freiwilligen der Feuerwehren überall im Süden Sachsen-Anhalt haben richtig gut zu tun. Alles wird aufgefahren, was sonst in den prächtigen Feuerwehrgerätehäusern, die Helmut Kohl einst mit Solidaritätsmillionen hatte erbauen lassen, vergebens auf einen Einsatz wartet. Schwere Technik auf schlammigen Böden, Krisenstäbe, die den Alltag fliehen. Hätten die Panzer, sagt ein Fluttourist bewundernd, würden sie mit denen aufs Wasser schießen.


So heißt es nur, den Damm halten. Die Lage ist kritisch, der Ton in der Truppe aber kommod. In Halle werden schon Buslinien umgeleitet, die Straße am Gimritzer Damm ist gesperrt. Pflegeheime werden evakuiert, die Wassermassen sickern wie feindliche Agenten unter den Dämmen durch, feindlich gesinnte Pfützen steigen hinter der Front aus Gullis, der Pegel in Halle-Trotha bei 6.91 Metern, so hoch wie seit 65 Jahren nicht mehr, ausgenommen die Jahre, als wirklich Wasser über die Straßen lief und die Heizölbehälter in Angersdorf sich anschickten, die Dorfstraße runterzuschwimmen.

Halle ist noch trocken, doch überall am Rande lecken die Fluten an den Barrikaden. Krisenstäbe tagen in Permanenz, Hilfsdienste sind in Alarmbereitschaft. Offiziell heißt es, der Saalepegel habe die Werte der Fluten von 1994 und 2003 überschritten, zumindest steht das Wasser in den Tiefgaragen, die damals noch nicht da waren. Parkplätze sind auch rar, wo immer es zum Strand geht. Die Stadt, halbversunken wie ein Venedig für Arme, malt die "Wassermusik" ihres größten Sohnes im Landschaftsbild nach. Da muss man kommen, da muss man gucken. Wer noch nicht dienstverpflichtet ist, nutzt die Gelegenheit, dem nassen Schrecken ins Antlitz zu blicken: Völkerwanderung entlang der Saale, die sich breit macht wie der Mississippi, Flusslauf zu Fuß und alles, was Beine hat, filmt, obwohl immer wieder unbelehrbare Hochwassertouristen im Bild herumstehen.

Hochwasser nur noch im Herbst
Überschwemmungen viel jünger
Ostdeutschland trocknet aus

Sonntag, 16. Januar 2011

Antifaschisten im Fliesen-Ferrari

Kreisklasse gegen Bundesliga, Traktor im Rennen mit Ferrari, so stellt sich Kachelkunstkennern die derzeitige Situation in der mitteldeutschen Fliesenszene dar: Hier Halle, eine Metropole der Kachelkleberei, ein Mekka für Kunstfreunde aus aller Welt und nicht zuletzt wegen des unermüdlichen Mühens des anonymen Kachelmannes ein heißer Kandidat auf die Verleihung des Titels Unesco-Welterbestätte. Und dort Leipzig, bekannt geworden durch die gescheiterte Olympiabewerbung und berühmt für den Versuch, die Altstadt komplett zu untertunneln.

Das reicht nicht, weiß die Stadtverwaltung von Leipzig, die deshalb zuletzt versucht hatte, dem Kachelprojekt in Sachsen-Anhalt eigene Kunstfliesen entgegenzusetzen. Ein Wettkampf, der bei Beobachtern mitleidiges Lächeln auslöste, die Medien an der Saale jedoch motiviert zu haben scheint, Notiz vom Kopf an Kopf-Rennen der beiden Städte zu nehmen. Die HZ zeigt in ihrem überregionalen Lokalteil eine auch im großen Kachelverzeichnis offiziell aktenkundige Kachel-Galerie, deren Farbkraft und Formenvielfalt die Leipziger Bemühungen um Anschluss an führende Fliesenstandorte konsequent in die Schranken verweist.

Kunst ist hier, in der alten Arbeiterstadt, aber selbstverständlich nicht nur Kunst. Kaum zufällig findet sich das aus vier Einzelklebungen bestehende Kunstwerk in einer nach der Antifaschistin Martha Brautzsch benannten Straße, die Kachelkennern bereits seit Jahren als hervorragender Fliesenfundort gilt. Brautzsch war wegen ihres antifaschistischen Kampfes zwischen 1933 und 1945 mehrfach inhaftiert gewesen, nach dem Sieg der ruhmreichen Sowjetarmee über den Hitlerfaschismus baute sie die demokratische Frauenbewegung in Mitteldeutschland auf, wurde aber dann in einer schrecklichen Bluttat nach einer Frauentagsfeier im Jahre 1946 von faschistischen Banden feige ermordet. Später hatte sich herausgestellt, dass die faschistischen Mörder von ruhmreichen, aber fahnenflüchtigen Sowjetsoldaten dargestellt worden waren.

Im Kampf um die Kachelkunst :
Leise flieseln im Schnee
Kachelland ist abgebrannt
Verehrte Winkel-Fliese
Anti-Kachel-Strategie
Vernichtungsschlag gegen Kachelprojekt
Fliesenkünstler im eigenen Land
Kanonen auf Kacheln

Eigene Funde können übrigens auch während der kalten Jahreszeit stets direkt an politplatschquatsch@gmail.com geleitet werden, jeder Fund wird von uns auf Wunsch mit einem mundnachgemalten Kunstdruck der inzwischen von Kachel-Gegnern vernichteten Ur-Fliese prämiert.

Samstag, 15. Januar 2011

Wer hat es gesagt?

Als man mir das letzte Mal einen geblasen hat, kostete der Schokoriegel noch fünf Cent.

Endlich amtlich: Arithmetische Experimente

Ein ganz kleines bisschen hat es gedauert, dann aber waren alle Zweifel ausgeräumt. Die Beamten des Statistischen Bundesamtes schlugen Medienalarm, überrascht von den Ergebnissen der eigenen Arithmetik-Experimenten. Die Geburtenzahl in Deutschland werde "dramatisch sinken", meldeten die Experten in einer Coverversion eines PPQ-Sachstandsberichtes aus dem Februar 2009. Bis zum Jahr 2060, so das "dramatische Ergebnis" (Morgenpost) könnte "die Bevölkerung Deutschlands auf 65 Millionen Einwohner schrumpfen".

Sehen Sie, liebe Leser, würde die "Süddeutsche Zeitung" jetzt am liebsten schreiben, Deutschland schafft sich keineswegs ab, wie der Bundeshetzer Thilo Sarrazin immer behauptet. Deutschland stirbt ganz einfach aus! Ein Abgang wie bei den Azteken, eben noch hier, morgen schon fort, ein tausendjähriges Reich, dessen Reichweite eben aber auch nicht weiter reicht als jene 1000 Jahre: Immer vorausgesetzt, die Sterbetafeln und Geburtenraten bleiben, wie sie sind, werden die Gebiete an Elbe, Saale udn Rhein gerade mal noch 15 Generationen lang von den Kindern, Enkeln und Enkelenkeln der derzeitigen Bewohner besiedelt bleiben.

Und es wird eine Kultur sein, ähnlich dynamisch wie eine verlöschde Kerze. Von 80 Millionen Deutschen heute bleiben angesichts einer Geburtenrate von 1,37 Neugeborenen pro Frau innerhalb der nächsten Generation noch fast 55 Millionen - das bezeugen nun auch die Bundesstatistiker. Der Rest ist Grundschulrechnen: Die 55 Millionen bekommen bei gleicher Kinderzahl noch 37,5 Millionen mal Nachwuchs. Über 25,6, 17,5 und 11,7 Millionen erreicht die Zahl schließlich schon im kommenden Jahrhundert die magische Zehn-Millionen-Grenze.

Eine Momentaufnahme der Zweistelligkeit, denn das Schwinden hält unbeeindruckt vom sozialdemokratischen Willen a, mit buchhalterischen Tricks eine Lösung zu finden. Anno 2200 werden noch rund 5,5 Millionen Deutsche das neue Jahr begrüßen, anno 2300 dann nur noch knapp eine Million. Im Jahr 2450 endlich ist aus den Erben von Hitlers willigen Helfern ein überschaubarer Stamm mit etwa 300.000 Mitglieder geworden. Sie leben in den weiten Landschaften links und rechts der früheren "Straße der Gewalt", finden aber nur noch selten jemanden zum Zusammenschlagen, für Protestdemonstrationen oder gemeinsame Hakenkreuzschmierereien.

Freitag, 14. Januar 2011

Gaumenschmaus aus dem Gedankentrichter

Natürlich ist auch die Tunesien-Krise für die Stichflammenwerfer aus dem Jammertal des deutschen Journalismus wieder eine gute Gelegenheit, mit irrsinnigen Vergleichen und besinnungslosen Schlagzeilen auf Aufmerksamkeitsjagd zu gehen. Die "Süddeutsche Zeitung", seit Wochen schon der tiefste Punkt im Gedankentrichter der Republik, versucht mit "Der Ceausescu der Sanddünen", deutsche Ex-Tunesienurlauber für Tunesiens Ex-Präsident Ben Ali zu interessieren, die allzeit bürgerbewegte "Zeit" ruft den "Sieg der Jugend" aus, die "Financial Times" attestiert dem in den zurückliegenden Jahren von deutschen Medienschaffenden eher weniger oft besungenen Potentaten: "Ben Ali hinterlässt Chaos".

Doch noch ist Hoffnung, noch ist Hirn. Ausgerechnet das ehemalige Nachrichtenmagazin "Spiegel" schafft es, das tunesische Drama in eine schlanke Zeile zu fassen: "Nach Diktatur verreist" heißt es da. Der Grimme-Preis mindestens ist fällig, und das ist ernst gemeint.

Fünfzehn Jahr´, Blut im Haar

Es sind wohl die späten Folgen des gewalttätigen Islamismus, die der niedersächsische Kriminologe Christian Pfeiffer da im Genmaterial der mitteldeutschen Jugend entdeckt hat. Für seine Studie "Jugendliche als Opfer und Täter von Gewalt in Sachsen-Anhalt", die sich speziell mit dem "Jugendgewaltproblem" an der "Straße der Gewalt" beschäftigt, hatte der mit seiner Forderung nach einem Axtverbot für das Grundgesetz bekannt gewordene Direktor des Kriminologischen Instituts Niedersachsen 2.600 Neunklässler aus 166 Schulen des westlichsten der ostdeutschen Länder befragt, die kurz vor den Al-Kaida-Angriffen auf die Twin Towers in New York eingeschult worden waren.

Die Ergebnisse werfen alle bisherigen Theorien und Statistiken zu jugendlicher Gewalt durcheinander: Nach Angaben der Jugendlichen selbst hatten 17,7 Prozent von ihnen in den zwölf Monaten vor der Befragung selbst eine Sachbeschädigung begangen, 17 Prozent gaben zu, in Läden gestohlen zu haben und knapp 13,4 Prozent erklärten, in den vergangenen zwölf Monaten mindestens eine Gewalttat (Foto oben) begangen zu haben.

Damit ist nun erstmals klar, dass es die in den Jahren 1994 und 1995 geborenen Kinder sind, die das gewalttätige Klima in Ostdeutschland nahezu im Alleingang erzeugen. Nach den letzten Zahlen des Statistischen Landesamtes von Sachsen-Anhalt sind zwar etwa 420.000 Einwohner des Landes Menschen jünger als 21 Jahre, auf sie entfielen alles in allem aber nur 4160 Ladendiebstähle, 4654 Sachbeschädigungen und 5500 Fälle von Körperverletzung.

Ein bisschen Frieden an der Straße der Gewalt. Da nach den von Christian Pfeiffer jetzt einmal mehr ermittelten Zahlen insgesamt 6600 Jugendstraftaten allein von den rund 14.000 Angehörigen der Geburtsjahrgänge 1994 und 1995 begangen werden, der überwiegende Anteil dabei außerdem auf die etwa 7.000 heute etwa 15-jährigen jungen Männer entfällt, verbleibt für den gesamten Rest von etwa 404.000 unter 21-jährigen Einwohnern von Sachsen-Anhalt nur eine Zahl von rund 7.700 Straftaten. Die nachgewiesene Kriminalitätsrate liegt damit - die besonders gewalttättige und höchstkriminelle Alterskohorte der von Christian Pfeiffer befragten Neuntklässler herausgerechnet - bei nur 1,9 Prozent - um das Zehnfache unter der Kriminalitätsbelastung der Gleichaltrigen in allen anderen Bundesländern.

Terror erreicht Dessau
Wo das Entsetzen regiert
Aufstand mit Edelpils

Wiedergeboren als unschuldige Zielscheibe

Er war ein junger Mann, ein liebender Sohn, ein guter Freund. Bis Sarah Palin kam und eine Landkarte ins Internet stellte, auf der Fadenkreuze die US-Bundesstaaten markierten, die frühere Fast-Vizepräsidentin am liebsten erschossen hätte. Jared Lee Loughner handelte und verübte einen Mordanschlag auf die demokratische Abgeordnete Gabrielle Giffords, wie es ihm die Ikone der Hockey-Mums aufgetragen hatte. Das von der Republikanerin herangezüchtete "Klima des Hasses", wie es der Nobelpreisträger Paul Krugman in der "New York Times" genannt hatte, hatte sein erstes Opfer gefunden, analysierte der "Spiegel".

Die Karte von Palins Kampagne "Take back the 20" habe "20 Demokraten ins Visier" genommen, die zur Wiederwahl standen, darunter auch die bei dem Attentat schwer verletzte Giffords. "Die politischen Gegner standen - so der optische Eindruck - im Fadenkreuz eines Zielfernrohrs", wusste das Blatt zu berichten. Wieder "Schüsse im Land der politischen Hassprediger", hieß es nicht etwa bezogen auf Irak, Iran oder Afghanistan, sondern gezielt auf die USA. Die Politik dort nämlich radikalisiere sich zusehends, das Attentat auf die Kongressabgeordnete sei nur "der tragische Höhepunkt dieser Entwicklung". Für den Gewaltakt gegen die 40 Jahre alte Abgeordnete gebe es "natürlich keine klaren Anstifter". Doch es bleibe "ein schaler Nachgeschmack", denn es gebe "viele, welche die Stimmung im Vorfeld aufgeheizt haben".

Klare Analyse, die von der Geschichte bezeugt wird. Gewalt, recherchierte die "Spiegel"-Redaktion im Archiv, ist dort nämlich "nichts Neues". Ganz im Gegensatz zu Deutschland, wo politische Gegner miteinander kumpeln und Attentatsopfer wie Wolfgang Schäuble und Oskar Lafontaine die Anschläge auf ihr Leben überleben durften, starben in den USA immer wieder führende Politiker in politischen Auseinandersetzungen. "Die Auseinandersetzungen um Sklaverei, um Rassentrennung, um Vietnam, um Abtreibungsrechte wurden blutig geführt. Erst 1995 jagte der Rechtsextremist Timothy McVeigh ein Regierungsgebäude in Oklahoma in die Luft und tötete dabei 168 Menschen", zeigt das Magazin vorbildlich auf die Wurzeln des Hasses.

Das überzeugte deutschlandweit. Von der Rheinischen Post ("Hass im Herzen, die Waffe in der Hand") über die Illustrierte Stern ("Zorn, Hass und Bigotterie sind ungeheuerlich") bis zur Süddeutschen Zeitung ("Attentat auf Giffords Das Mekka der Eiferer") waren sich Kommentatoren einig: "Blanker Hass gibt mittlerweile den Ton in den USA an", fasst die "taz" emotionslos zusammen, Gegner würden dort jetzt zu Feinden (Handelsblatt), die USA sei jetzt "Ein Land in Scherben", weinte "Die Zeit" Krokodilstränen.

Wie richtig diese Ferndiagnose ist, hat Le Penseur jetzt herausgefunden. Denn so grauenvoll die Karte der Republikaner war (Bild oben rechts), die Demokraten hielten unter der Überschrift "Behind Enemy Lines" im selben Stil dagegen. Statt menschenverachtende Fadenkreuze wie das böse Amerika, verwendet das gute, das quasi deutsche Amerika allerdings unschuldige Zielscheiben (oben links).

Mehr erschütternde Wiedergeburten

Donnerstag, 13. Januar 2011

Die Niedertracht der Meinungsfreiheit

Nein, es gibt keinen Zusammenhang zwischen der Meldung, dass die Zahl der Demokratien weltweit "erneut" (Die Welt) gesunken ist und der Tatsache, dass der jüngst zum "Spiegel"-Blogger aufgestiegene "Freitag"-Verleger Jakob Augstein seinen epochalen Hass-Text "Die FAZ, Sarrazin und Lügen zu Weihnachten" nach zwei Wochen strengen Schweigens unter dem Titel "Im Land der Niedertracht" neu aufgelegt hat. Diesmal ist nicht ein Teil der Deutschen besser als der andere, der es gewagt hat, trotz allegegenwärtiger Warnungen nicht nur vom Erben des "Spiegel"-Gründers ein Buch zu kaufen, das weder Kanzlerin noch Süddeutscher Zeitung, nicht dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime noch dem früheren Fernsehmoderator Paolo Pinkel gefallen hat. Nein, diesmal sind es die Franzosen, die als Maßstab für gesunde Moral herhalten müssen. Denn während die Deutschen, kein bisschen klug geworden aus ihrer Geschichte, eben jenes Loblied auf Niedertracht, Hass und Neid an die Spitze der Charts kauften, wühlt nach Erkenntnissen von Augstein jun. "in Frankreich ein Buch die Nation auf", das "zum Kampf gegen Ungerechtigkeit und Menschenfeindlichkeit" aufrufe.

Hier die guten Franzosen, eben noch mit Straßenschlachten in ihren Vorstädten beschäftigt, die Bücher kaufen, die Jakob Augstein gefallen und die deshalb als Demokraten gelten dürfen. Dort aber die Deutschen, die wiedermal "ein Buch der Niedertracht zum Bestseller" (alle Zitate Augstein) machen, als hätten sie aus Hitler nichts gelernt. "Das ist beschämend", analysiert Augstein, der den französischen Bestsellerautor Stephane Hessel als "Diplomat und Dichter" vorstellt, der das KZ überlebt habe und nun zum "Kampf für eine Gesellschaft" aufrufe, "auf die wir stolz sein können".

Zu der gehört nach Ansicht des von Augstein so gelobten Autoren allerdings vor allem Meinungsfreiheit. "Auch wenn gewisse Meinungen und Ideen die Leute schockieren, wie das bei der Religion manchmal der Fall ist, sollte es dennoch normal sein, dass man seine Gedanken deutlich äußern darf", ließ der Uno-Veteran letztes Jahr erst wissen. Deshalb solle die Redefreiheit nicht einschränkt werden, "für jeden Ausdruck der freien Rede sollte es möglich sein, eine entgegengesetzte Ansicht zu äußern". Der "Dialog zwischen Meinungen, die manchmal brutal sein können," sollte dabei "aber auf gegenseitigem Respekt beruhen".

Ein Respekt für andere Ansichten, zu dem sich Jakob Augstein nicht aufraffen kann. Er erkennt im Erfolg von Sarrazins Buch das Deutlichwerden eines "tiefsitzenden Rassismus, der sich nach oben arbeitet, der durchbricht, der sich was traut". Man könne ja offenbar wieder sagen "Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert", obwohl das doch eigentlich verboten sein müsse, wenn es denn endlich mal nach ihm ginge. Jakob Augstein ist empört über die "deutsche Empörung", die "etwas Böses hat". Und was ihn selbst betrifft, liegt er damit sicher nicht falsch.

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Abriss-Exkursionen: Geister der Gegenwart

So also sieht das aus, wenn der letzte Chemiearbeiter verzogen, der letzte Soli-Euro verfrühstückt, das letzte Stück Zukunft aufgegeben ist. Ortschaftsräte lösen sich auf, das Hotel der Stadt steht einsam und leer, auch gegen den zunehmenden Fluglärm protestiert niemand mehr. Reppichau und Hohenmölsen, Hüttenrode und Derstedt, Gemeinden mit uralter Besiedlungsgeschichte, bewohnt nur noch vom Wind und vom Wetter.

Garnet, ein abgelegenes Örtchen in Montana, hat schon hinter sich, was den ostdeutschen Dörfern an der Straße der Gewalt nach Ansicht von Experten noch bevorsteht: Entvölkerung, Ausdünnung, Aufgabe. "Sachsen-Anhaltend" plakatiert die regierende Landes-CDU im Landtagswahlkampf warnend, der Wahlspruch des Landes "Wir stehen früher auf" ist von der Wirklichkeit längst zu "Wir sterben früher aus" korrigiert worden.

Vor 112 Jahren noch war Garnet ein ebenso springlebendiges Gemeinwesen wie es heute Wolfen Nord ist. Tausend Menschen gruben Gold aus den Bergen ringsum, es gab Kneipen, Bars, eine Poststation, Supermärkte und Hotels, Volksfeste wurden gefeiert und Wahlen abgehalten.

Dann aber war es nicht die Ankunft des Klimawandels in den abgelegenen Wäldern bei Missoula, der dem blühenden Ort das Rückgrat brach. Vielmehr sanken die Fördermengen bei gleichen Kosten, der Goldpreis deckte den Aufwand nicht mehr. Von tausend Einwohner blieben 1905 noch 150, 1912 kam zum fehlenden Glück noch Pech dazu und ein Feuer zerstörte weite Teile der Innenstadt, die seitdem einem Nachbau des ostdeutschen Dorfes Riezel ähnelt.

Garnet aber kam noch einmal, so wie Fördermilliarden einen Angstblüte auch im seit 1948 ausblutenden Ostdeutschland auslösten. Nach der Weltwirtschaftskrise 1929 war Gold der letzte sichere Hafen für Geldanleger, ein staatlich garantiertes Investment wie vor zwei, drei Jahren deutsche Solaraktien. Heerscharen von Glücksrittern schlugen sich die schmale Pfade durch den Wald bis in das alte Goldgräberdorf, sie schlossen die Minen wieder auf, sie förderten wieder Gold und das auf einmal wieder mit Gewinn.

"Was der Staat kann, kann nur der Staat", staunte später Franz Müntefering, der heute völlig vergessene ehemalige Retter der SPD. Und Recht hat er. In den USA wurde der private Goldbesitz ab 1. Mai 1933 mit der „Executive Order 6102“ verboten, Präsident Franklin D. Roosevelt wies an, alles Gold in privatem Besitz bei staatlichen Annahmestellen anzugeben. Die ehemaligen Besitzer bekamen 20,67 US-Dollar pro Unze dafür.

Am Tag danach war Garnet leer wie die Straßen von Rübeland im Harz es heute sind. Und diesmal blieb es dabei. Was an Häusern noch steht, sieht aus wie eben verlassen, die Kaffeedosen stehen noch auf dem Tisch, die Schneeschuhe rosten vor sich hin. Die Nationalparkverwaltung nimmt Eintritt für einen Blick in die ostdeutsche Zukunft.


Mehr Abrissexkursionen hier, und noch mehr hier, hier, hier und hier und hier.

Mittwoch, 12. Januar 2011

Die Wahrscheinlichkeit ist irgendwo da draußen

Pimmellängen fürs Personalbüro

Ohh, jetzt wird es eng für die FAZ, die Financial Times und n-tv. Der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar, Anmgehöriger Welt-Internetregierung und deutscher Bevollmächtigter zum Schutz der gesamtgesellschaftlichen Angst vor der Veröffentlichung geheimer Daten wie Namen und Rufnummern, droht Nutzern von Googles Analysedienst Google Analytics mit harten Strafen. Google entspreche nicht den deutschen Datenschutzanforderungen, sagte Caspar der betroffenen Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die laut Quellcode ihrer Internetseite selbst Analytics-Nutzer ist.

Mit Hilfe des kostenlosen Tools, das sich andere große deutsche Medienseiten ähnlich von Yahoo (SZ) oder Omnicom (Die Zeit) bereitstellen lassen, können Besucherströme durchleuchtet werden. Der "Spiegel", alle naselang über den Datenschutz bei Firmen wie Facebook und Google beunruhigt, wo Menschen freiwillig und wissentlich Namen, Adressen, Telefonnummern und private Lebensdetails veröffentlichen, zählt mit count.spiegel.de/nm_ und adserv.quality-channel.de, meldet aber auch jeden Besucher an die Auflagenzählinstanz IVW. Seitenbetreiber finden so heraus, welche Browser ihre Leser verwenden, welche Seiten sie zuvor besucht haben, aus welcher Domain-Region sie kommen und ob sie öfter vorbeischauen. Allerdings sind das durchweg theoretische Erkenntnisse, da Internetuser von ihren Providern regelmäßig neue IP-Adressen zugewiesen bekommen - haben die Betroffenen nicht freiwillig sogenannte Cookies aktiviert, kann keine Website erkennen, ob der User von heute derselbe ist, der gestern schon da war.

Hat er Cookies aktiviert, darf wohl davon ausgegangen werden, dass er identifiziert werden möchte. Möchte man glauben. So einfach aber ist die Welt deutscher Datenschützer nicht. Ihre Aufgabe ist es, zu befürchten, dass "Profile von Internetsurfern mit ihren Interessen, Lebensgewohnheiten, Konsumverhalten und Präferenzen erstellt werden" könnten. Nächste Frage wäre nun: Und dann? Was tut man mit den Profilen? Außer vielleicht personenbezogene Werbung schicken?

Eine Antwort wird kein Datenschützer geben können, er wird es aber auch nicht wollen. Wo bliebe denn die Furcht vor dem restlosen Ausspioniertwerden, wenn herauskäme, dass weder Google morgens ein Rollkommando schicken noch Facebook abends die Pimmellänge ans Personalbüro weitermelden wird?

Stattdessen geht die Phantomdiskussion um vermeintlich bedrohte Daten von der Art, wie sie früher in jeder mittelgroßen Stadt im Adressbuch zu finden war, weiter. Nutzungsprofile dürften nur bei Verwendung von Pseudonymen angelegt werden, jammern Datenschützer, die IP-Adresse sei jedoch kein Pseudonym im Sinne des Telemediengesetzes. Google hatte zuvor zugesagt, die gesammelten IP-Adressen zu verkürzen und damit zu anonymisieren. Auch wurden Erweiterungsmodule für verschiedene Internetbrowser angeboten, mit denen Internetnutzer verhindern könnten, dass ihre Daten an Google übertragen werden. Caspar hat laut dem Bericht kritisiert, dass es insbesondere für die Web-Browser Safari und Opera aber keine Erweiterungen gebe. "Dadurch", heißt es bei Heise, "würden rund 10 Prozent der Internetnutzer in Deutschland von der Widerspruchsmöglichkeit ausgeschlossen". Datenschützer Caspar könnte nun meinen, wer das nicht will, habe die Möglichkeit, seinen Browser zu wechseln. Doch das wäre natürlich zu einfach.

Stattdessen werden die Aufsichtsbehörden nun gegen Betreiber von Websites vorgehen, die Google Analytics einsetzen. Auf die FAZ, die Financial Times und n-tv kämen Bußgelder zu.

E-Mail-Egge gegen Elektropost-Pest

Erst der Porsche, dann der Panther-Panzer, dann die Atombombe, der Stapelstuhl und die Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie - Deutschland hat der Welt längst nicht nur das Mp3-Format, die Gruppe Pur und die Sorge um die Klimaerwärmung geschenkt, sondern noch viel mehr Hochtechnologie. Ein völlig neues Kapitel schlägt jetzt Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner auf: Die ehemalige Rundfunkmechanikerin hat ein Verfahren entwickeln lassen, mit dem Bilder zum Verschwinden aus dem Internet gebracht werden können.

Der in Saarbrücken forschende Informatiker Michael Backes hat dazu die Softwarelösung X-Pire entworfen, die eigentlich ganz einfach funktioniert: Stellt ein Nutzer ein Foto ins Netz, gibt er gleichzeitig an, wie lange es dort zu sehen sein soll. Hinter den Kulissen verschlüsselt das Programm das Bild dann mit Hilfe eines sogenannten "Schlüssels", der auf einem "vertrauenswürdigen Server" liegt. Ist der programmierte Zeitraum abgelaufen, können Betrachter das Bild nicht mehr sehen, weil der Schlüssel es nicht mehr öffnet. Nach demselben Prinzip ermöglicht es der E-Mailanbieter Bigstring bereits Jahren, Mails zu versenden, die sich auf Wunsch und nach einem vom Sender eingestellten Zeitraum im Postfach des Empfängers löschen.

Eine geniale und nun endlich auch eine original deutsche Idee. Der "digitale Radiergummi" erfordert für einen erfolgreichen Schutz nur, dass jeder Nutzer im Internet eingestellte Bilder vor dem Hochladen mit einem Ablaufdatum versieht - für einen jugendlichen Randalierer, der Bilder seiner Heldentaten nach der Rückkehr von einer Sauftour mit 1,8 auf dem Kessel bei Facebook einstellt (Foto oben), eine Selbstverständlichkeit. Die Kosten für den Dienst sollen - gerechnet über die Ablaufzeit von fünf Jahren - nur rund 600 Euro betragen und in monatlichen Raten von 10 Euro abgestottert werden können. Man rechne mit großer Nachfrage auch aus dem Ausland, wo die Sorge um den Datenschutz eine ungleich größere Rolle als bei den seit der Fußball-WM 2006 als unheimlich locker bekannten Deutschen spiele.

Vom staatlichen Blogampelamt
lässt Landwirtschaftsministerin Aigner deshalb jetzt Möglichkleiten prüfen, nach dem Online-Radiergummi auch einen Rasierapparat für alte Texte, eine sogenannte E-Mail-Egge zum Unterpflügen ungültig gewordener Elektropost und "Mini-Nukes" genannte Kleinsprengsätze zur Vernichtung älterer Internetseiten herzustellen. Damit werde es künftig auch Internetnutzern möglich sein, im Netz so wenig Spuren zu hinterlassen wie Nicht-Nutzer. Nachdem Ilse Aigner auf einer amerikanischen Seite, die sich trotz eines deutschlandweiten Verbots mit der angeblichen Archivierung des gesamten Netzes beschäftigt, Kopien ihrer eigenen Homepage von 1999 entdeckt hat(Foto), ist allerdings inzwischen ein Spezialteam der Bundeswehr-Seals unterwegs, das die entsprechenden Server körperlich vernichten soll.

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Dienstag, 11. Januar 2011

Die Mechanik des Dekrets

Wer damals dabei sein durfte, wird es nicht vergessen. Aber Träumen ist erlaubt, also träumt in diesen Tagen das halbe Land vom Kommunismus, der ja, so raunt es in der Linkspartei, nicht verboten ist und nicht verboten werden darf, weil er im Unterschied zum Nationalsozialismus eine grundgute Sache war, die nur eben immer, wenn sie praktisch versucht worden ist, nicht ganz so gut geklappt hat.

Beim nächsten Mal, schwört Linken-Chefin Gesine Lötzsch, wird das besser gemacht, denn Kommunismus ist wie Reiten, wenn man runter fällt, steigt man am besten gleich wieder auf. Nur keine Angst, weil ein paar Tote und Unglückliche auf der Strecke bleiben. Was zählt, ist die Sache, das Himmelreich auf Erden, in dem das Böse keine Chance mehr hat, heiße es nun Ungerechtigkeit, Armut, Hunger oder Krieg.

Das Weltbild eines Kommunisten ist ein mechanisches. Die Gesellschaft funktioniert in seiner Vorstellung nach Vorgaben, die dekreditiert werden können. Keine unsichtbare Hand des Marktes, kein Wettkampf der Ideen, sondern lauter gute Absichten, die von guten Menschen nach bestem Wissen umgesetzt werden.

Erstaunlicherweise ist diese Vorstellung unausrottbar, soviel auch gegen sie spricht. Der Deutsche, von ausländischen Kennern wie dem Pop-Philosophen Justin Sullivan als "Romantiker" beschrieben, sehnt sich nach einer Welt, die so ist, wie seine Vorstellung von ihr. Ein Attentat auf eine Politikerin in den USA ruft mit tödlicher Gewissheit eine Schar von Erklärern auf den Plan, die wahlweise eine konservative US-Ex-Vizepräsidentschaftskandidatin oder das liberale Waffenrecht in den Staaten als Begründung dafür bemüht, warum der schwer gestörte Täter seinen Anschlag durchführen musste. Er war eben aufgehetzt durch ein Klima der Zuspitzung im politischen Amerika, er konnte sich die Waffe legal besorgen, Sarah Palin hatte zudem Fadenkreuze auf ihrer Internetseite und ein Zitat des früheren Retters der SPD dazu: "Nachladen".

Alles fällt in eins, wenn Vorstellung es will, nur kommt dann am Ende ein Bild heraus, das viel über den Maler, wenig aber über sein Model sagt. David Schah hat in der Zeitschrift "eigentümlich frei" einen Vortrag von George Reisman aufgegriffen, in dem der New Yorker Ökonom vordergründig erklärt, warum Hitlers Nationalsozialismus keine Ausprägung des Kapitalismus, sondern eine Form des Sozialismus gewesen ist. Zuerst einmal nämlich, weil der Staat und nicht der nominelle Privateigentümer, über alle wesentliche Macht an den Produktionsmitteln verfügt habe. "Der Staat bestimmte, was in welcher Menge und auf welche Art zu produzieren war und wem die Produkte zugeteilt werden sollten; er bestimmte auch, welche Preise zu verlangen, welche Gehälter zu bezahlen und welche Dividenden oder andere Einkommen den nominellen Privateigentümern zu beziehen erlaubt waren."

Von dort aus ergibt sich alles Weitere mit zwingender Konsequenz. Wo der Staat über alles bestimmt, muss er auch alles planen. Wo ihm das nicht gelingt, wird er, ob er sich nun Sozialismus, Kommunismus oder Nationalsozialismus nennt, immer tiefer eingreifen müssen in die Automatismen, die eine Gesellschaft sonst am Laufen halten. Den real existierenden Sozialismus in Nazi-Deutschland hätten dann, so Reisman, die Einführung von Preis- und Lohnkontrollen im Jahre 1936 besiegelt. Von hier aus, unverkennbar sind die Parallelen zu DDR, Sowjetunion, China bis ins heutige Kuba, war der Staat allmächtig, denn die Kräfte des Marktes waren per Dekret für ungültig erklärt worden.

Sie wirkten allerdings weiter, in Hitlers Deutschland wie in Honeckers DDR. Das Zusammenspiel "von Inflation und Preis- und Lohnkontrollen bewirkt Knappheit, also einen Zustand, in dem die Menge der Güter, welche die Menschen kaufen möchten, die Menge der zum Verkauf angebotenen Güter übersteigt", beschreibt Reisman. Knappheit führt jedoch zu einem völligen wirtschaftlichen Chaos. Sie führt zu einer zufälligen Verteilung von Gütern an verschiedene geographische Gebiete, zur zufälligen Zuweisung eines Produktionsfaktors in Bezug auf verschiedene mögliche Produkte, sowie zur zufälligen Zuteilung von Arbeit und Kapital an verschiedene Wirtschaftsbereiche. Die Menschen, denen der sozialistische Staat Glück und Zufriedenheit versprochen hat, werden unzufrieden. Nun müsse "der Staat, will er mit solchen nicht beabsichtigten Effekten seiner Preiskontrollen fertig werden, entweder die Preiskontrollen selbst abschaffen oder aber weitere Maßnahmen ergreifen."

Wir nähern uns nun durch die Hintertür der Wirtschafspolitik der Frage des Waffenrechts. Ist die Wirtschaft durch eine Kombination aus Preiskontrollen und Kontrollmaßnahmen verstaatlicht, muss die staatliche Kontrolle der Einhaltung der Vorgaben mindestens so drastisch sein wie der Drang der Menschen, sich den verfügten Beschränkungen beim Warenaustausch durch Schwarzhandel und Günstlingswirtschaft zu entziehen. "Schwere Strafen, verbunden mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden und die Strafen dann auch tatsächlich erleiden zu müssen", sagt Reisman, seien die Konsequenz. "Wenn der Staat es mit seinen Preiskontrollen ernst meint, muss er notwendigerweise Strafen wie für ein Kapitalverbrechen verhängen."

Wirtschaftliches Handeln wird im Wirtschaftssystem des Sozialismus gleich welcher Ausprägung zum Kapitalverbrechen. "Der Staat müsse den Schwarzmarkthandel zu einer gefährlichen Sache werden lassen. Er muss den Menschen Angst machen, dass nämlich ein solcher Schwarzhandel von der Polizei entdeckt wird und es darauf Gefängnis setzt. Um eine solche Angst zu erzeugen, muss der Staat eine Armee von Spitzeln und Informanten aufbauen", heißt es weiter. Ein Zustand, der jedem DDR-Bürger bekannt ist, während ihn jüngere Menschen nur aus Filmen über die Nazizeit kennen.

Reisman porträtiert denn auch beide, wenn er schreibt: "An jedem Tag seines Lebens muss der Normalbürger eines sozialistischen Staates seine Zeit in endlosen Warteschlangen verbringen. Für ihn sind Probleme, wie sie die Amerikaner während der Benzin-Engpässe in den siebziger Jahren erlebten, völlig normal. Doch erlebt er diese Knappheit nicht bei Benzin, denn er besitzt ja kein eigenes Auto und darf auch nicht hoffen, jemals eines zu besitzen. Er erlebt die Knappheit vielmehr bei so einfachen Dingen wie Kleidung, Gemüse, ja sogar Brot. Schlimmer noch: Er ist häufig sogar gezwungen, einer Arbeit nachzugehen, die er sich nicht ausgesucht hat und die er deswegen nicht sonderlich schätzt. Denn unter den Bedingungen von Knappheit kommt es dazu, dass der Staat genauso über die Zuteilung von Arbeit entscheidet wie er auch über die Zuteilung von materiellen Produktionsfaktoren verfügt. Der Normalbürger im Sozialismus lebt auch im Zustand einer unfassbaren räumlichen Bedrängtheit, die ihm keine Privatsphäre lässt. Angesichts von Wohnungsknappheit werden Mieter Heimen zugeteilt; Familien werden gezwungen, ihre Wohnungen zu teilen. Und es wird ein Ausweis-System für das Inland eingeführt, um die akute Wohnungsknappheit in den attraktiveren Gegenden des Landes zu begrenzen. Um es milde auszudrücken: Eine Person, die unter solchen Bedingungen leben muss, sollte eigentlich vor Wut kochen."

Womit wir beim Waffenbesitz wären. "Was wäre nun logischer, als dass die Bürger eines sozialistischen Staates ihre Wut gegen den sozialistischen Staat selbst richten?", fragt der Professor. Und was tut der Staat dagegen? Er stopft die Löcher, über die sich die Wut äußern könnte, verstaatlicht Zeitungen, Fernseh- und Radiosender, Versammlungsräume, überwacht Künstler und Kultur und, das ist grandios wichtig, er verbietet den private Besitz von Waffen.

Das Gewaltmonopol im Totalitarismus darf nur beim Staat liegen, weil nur so Aufstände und Rebellionen verhindert werden können. Dass noch nie ein Land zur Diktatur geworden ist, in dem privater Waffenbesitz erlaubt war, stützt die These. Ebenso wie die Tatsache, dass alle Diktatoren des 20.Jahrhunderts den Besitz von Waffen für Zivilisten sofort verboten haben. Der Kommunismus funktioniert in dieser Beziehung in der Tat mechanisch, egal, ob ein Stalin, ein Hitler, ein Mao oder ein Castro an der Spitze steht. "Daraus kann man nur schlussfolgern, dass der Terror, den sozialistische Staaten erleben mussten, nicht bloß das Werk böser Menschen wie Stalin war, sondern sich aus der Natur des sozialistischen Systems ergibt."

Die Endlösung der Kapitalismusfrage
Marxisten in Merseburg
Ein Held zum Kuscheln

Ist Sarah Palin schuld? - Antworten bei Zettel

Wiedergeboren mit Blumenstrauß

"Er ist vernünftig", wusste schon Bert Brecht, "jeder versteht ihn". Kein Wunder, denn "er ist leicht. Er ist gut für dich", Nur "die Dummköpfe nennen ihn dumm, und die Schmutzigen nennen ihn schmutzig". Dabei ahnt jeder, der kein Ausbeuter ist: "Er ist gegen den Schmutz und gegen die Dummheit." Der gute alte Kommunismus, ein freundlicher Geselle, der nur Gutes im Sinn führt. Jaja, "die Ausbeuter nennen ihn ein Verbrechen"!

Wir aber wissen seit Gesine Lötzsch: "Er ist das Ende der Verbrechen. Er ist keine Tollheit, sondern das Ende der Tollheit. Er ist nicht das Rätsel, sondern die Lösung. Er ist das Einfache, das schwer zu machen ist, wie auch die aktuellen Bilder zeigen, die Die Anmerkung am Rande der großen Luxemburg-Demo in Berlin sichern konnte. "Was unterscheidet eigentlich die Veranstaltung von den Zeiten, als noch Erich und Willy in der ersten Reihe marschierten statt Gregor und Oskar?", fragt der Bloggerkollege, der eigentlich mit wachem Blick durch die Welt geht. Die Antwort ist noch einfacher als der Kommunismus selbst: "Hinter den ersten drei Reihen folge kein Volk mehr auf dem Fuße".

Die Demo aber, sie ist nicht nur neuerstanden als Massenkundgebung ohne Massen, sie zeigt im Detail auch, woran das heute krankt. Marschierten die führenden Genossen früher voller Trauer, aber mit leeren Händen (Bild links) an der Ehrengedenkstätte auf, weil der europäische Winter die volkseigene Blumenzucht nachhaltig behinderte, steht die neue Führungsgeneration der Linken mit Armen voll farbenprächtiger Importpflanzen vor den Gräbern von Karl und Rosa. Der Kapitalismus, nach einer aktuellen Analyse von Gesine Lötzsch nicht in der Lage, "die grundlegenden Probleme der Menschheit" zu lösen, hat offenbar den noch in der entwickelten sozialistischen Gesellschaft grassierenden Frischblumenmangel behoben.

Mehr erschütternde Wiedergeburten: hier

Omas Gletscher


Da ist er wieder, dieser lieb gewonnene Ton des Weltuntergangs: "Wissenschaftler aus Kanada und den USA haben dramatische Folgen der Erderwärmung für Europa prognostiziert. Demnach soll der Klimawandel dazu führen, dass Europas Alpengletscher bis zum Jahr 2100 um 75 Prozent abschmelzen." Ja, wem Dioxin, Hochwasser und die FDP noch nicht reichen, um die Apokalypse begrüßen zu dürfen, dem fällt mit dieser Meldung aber endgültig ein Ei aus der Hose, äh, das Glas gefiltertes Himalaya-Schmelzwasser aus der Hand. Der Meeresspiegel steigt, die Temperatur tut es ihm gleich: Wenn das kein Sieg für die beliebte Soap Opera "Wer hat noch nicht, wer will nochmal" ist ... Dass die Auswirkungen auf die "Eiskappen und Gebirgsgletscher in Grönland" laut Studie nicht ganz so dramatisch sind, obwohl genau die "Folgen des Klimawandels auf die gewaltigen Eisschilde von Grönland" gar nicht untersucht wurden - geschenkt. Grönland und die Antarktis waren nie Gegenstand der Untersuchung, obwohl dort 99 Prozent des weltweiten Eises vor sich hin dämmern. Dieser kleine Lapsus wird erfolgreich ausgeglichen, in dem sich die Autoren auf Daten des Weltklimarates beziehen. Meine Oma hätte ihren nächsten Satz so begonnen: "Ein Schelm, der ..."

Montag, 10. Januar 2011

Rückverdummung aus dem Tierreich

Willkommen im Land, wo die Depressionen blühen, wo die Radiosprecher ihre Hörer ankumpeln, die Wetteransager erzählen, wie das Wetter so war, und Zeitungen sich nicht zu schade sind, aufwendig ausgedachten Unsinn zu verbreiten, ohne jemals nachzuschauen, ob sie nicht eine Woche oder eine Stunde zuvor noch das ganze Gegenteil als Wahrheit verkauft haben. Es ist das Land, in dem die Fußball-Nationalmannschaft nicht mehr Nationalmannschaft heißt, sondern "unsere Jungs", in dem Verbraucher unentwegt verunsichert sind, wo Milch und Honig fließen, während die "Schere zwischen arm und reich" mit jedem Tag weiter auseinanderklafft, bis sich niemand mehr das iPad2, das neue iPhone, den 200-Zoll-Flachfernseher und der 3d-Recorder wird leisten können, weil alle in Afghanistan gestorben, an Dioxin-Eiern verreckt oder von der Rücknahme des Rauchverbotes in den Umweltzonen der Innenstädte ins Ausland getrieben wurden.

Ein Land, das Tröstung braucht, weil es nahezu im Wochenrhythmus von üblen Nachrichten belästigt wird. Mal stirbt es aus, mal wird es überfremdet, mal sinken die renten, mal steigen die Preise, mal ist der Datenschutz in Gefahr, mal die Wiederwahl, mal kommt die Bahn nicht, mal fällt der Flieger aus. Nie war Leben schlimmer, nie war Gegenwart grausamer als heute, wo auf 43 Kanälen, 26 davon öffentlich-rechtlich, tagtäglich in Elend gebadet werden kann, wo Appetit immer gleich Hunger ist und jede Abweichung vom Lehrbuchzustand des Wünschdirwas einer perfekten Welt ein himmelschreiender Skandal.

Wie ein Kind in seine Plüschtiere weint, so kuschelt sich die Nation in den schrecklichen Momenten, in denen "wir" (Angela Merkel) mit der Wirklichkeit konfrontiert werden, in den pädosexuell unverdächtigen Trost aus der Tierwelt. Erst war da der sinnfreie Eisbär Knut, den das Volk knuddeln wollte, als sei er aus Wolle, dann folgte Paul der Krake, der "unsere Jungs" von Ebndsieg zu Endsieg eilen ließ. Und nun geht Deutschland den letzten Schritt zur Infantilisierung: Ein schielendes Opossum aus Leipzig ist soooooooooooooo süß, dass kein Internet-Geek wiederstehen kann. Dem Tier, das von nichts weiß, werden Lieder gesungen und Namen gegeben, wie ja jedes Ding im Kinderzimmer vom Sturm bis zum Hochdruckgebiet einen Namen haben muss, damit es im Geiste gekuddelt und geliebt werden kann.

Nach Knut und Paul kommt nun Heidi, auf dem Fuße folgen die Leitmedien, die das Resultat von über Jahre konsequent betriebener Rückverdummung als "Phänomen" zu beleuchten vorgeben, um es als nette Auflockerung zwischen Koalitionsstreit und Kommunismusdebatte präsentieren zu können. Das Land der Denker und Dichter als Land derer, die da geistig arm sind und hoffen dürfen, das Himmelreich zu gewinnen. Ein Sieg des Schwachsinns, das aber auf ganzer Breite. "Fans des schielednen Oppossums",s chreibt die staatliche Nachrichtenagentur dpa, müssten sich noch ein wenig gedulden, denn das possierliche Tier stehe samt seiner Oppossums-Kollegen "Männchen Teddy" und "Schwester Naira" erst ab Juli für öffentliche Auftritte zu Verfügung. "Dann werden Heidi und ihre Kollegen in der Tropenerlebniswelt Gondwanaland in einem Nachttierbereich leben", heißt es in einer Coverversion des Knut-Klassikers "dann vergräbt der Bär seine Schnauze in den ersten Schnee des Winters. So genießen Eisbären einen Drink".