Samstag, 19. März 2011

Schock für Sigmar

Schwerer Rückschlag für die deutsche Sozialdemokratie im Kampf um die Rückkehr zu den Fleischtöpfen im Kanzleramt: Nur vier Jahre nach der Übernahme einer Bärenpatenschaft über den kleinen Kuscheleisbären Knut durch den SPD-Popbeauftragten und -Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel ist der possierliche Knut plötzlich und unerwartet gestorben. Das Wappentier der SPD (groß, mächtig, unschlagbar) trieb nach Berichten der einzigen amtlichen deutschen Nachrichtenagentur dpa "leblos im Becken des Eisbärgeheges". Das der plötzliche Bärentod mitten im Landtagswahlkampf Fragen aufwerfe und auch die Auswirkungen auf den Klimawandel unklar seien, soll Knut nun obduziert werden.

"Ohne Eis kein Eisbär", hatte Sigmar Gabriel seinerzeit bei seiner Amtseinführung als Bärenpate einen engen Zusammenhang zwischen dem Schicksal des Zoobären und dem des arktischen Eises deutlich gemacht. Damals lebten nach Recherchen des später gescheiterten Umweltministers "noch schätzungsweise 20- bis 25.000 Eisbären in der Arktis" (Gabriel), nur knapp 15- bis 20000 mehr als 60 Jahre zuvor. "Sie sind vom Aussterben bedroht", prangerte Gabriel an, dass sich die Zahl der vom Aussterben bedrohten Bären damit in nur sechs Jahrzehnten quasi verfünffacht habe.

Vermutlich entspannt sich diese Situation durch den viel zu frühen Tod des Berliner Eisbären ein wenig, doch ungeklärt bleibt, wie mit den bisher für die Bärenpatenschaft aufgewendeten 11.900 Euro jährlich andere nutzbringende Projekte unterstützt werden können. Für diese Summe hatte das Weltklima in Gabriels Amtszeit mehrere Bilder des Ministers mit dem Bären erhalten, die die durchschnittliche Temperatur der Atmosphäre positiv beeinflussten. Kritiker hatten bemängelt, dass die Kosten aus dem Ruder laufen könnten, weil die durchschnittliche Lebensdauer von Eisbären in menschlicher Obhut 45 Jahre betrage, so dass der Steuerzahler mehr als eine halbe Million Euro in Knut hätte investieren müssen. Man hoffe, hieß es jetzt in Kreisen der Sozialdemokratie, dass Zyniker, die so argumentiert hätten, durch den tragischen Tod des Tieres verstummen. Ob Sigmar Gabriel zur Beisetzung seines großen Freundes aus dem Tierreich eilen werde, hänge allerdings hauptsächlich vom Wahlkampfterminkalender des Wahl-Magdeburgers ab.

Um die Felle der Volksgunst

Todlangweilig zwar, aber gerade darum so unheimlich spannend, so war er, der Landtagswahlkampf 2011 in Sachsen-Anhalt. Auf den letzten Metern geben die Kandidaten nun noch einmal alles: Der künftige SPD-Ministerpräsident Jens Bullerjahn mag seine Frau nicht öffentlich zeigen, dafür hat er die Gruppe City, die den Wählern zum Finale den Marsch bläst. Krude Thesen, Blut und Hoden: "Einmal fassen, tief im Blute fühlen, dies ist mein und es ist nur durch dich." Gemeint ist zur Feier des Tages wohl Jens Bullerjahn.

Dessen künftiger Ministerpräsidentenkollege Wulf Gallert, erster Ministerpräsident der Linken seit Hans Modrow, hält es mit der Frau genauso - Transparenz auf ostdeutsch. Hier wird noch der Mann gewählt, nicht die Frau. Auf der Bühne in der Stadtmitte zum Wahlkampfabschluss denn auch nur Männer. Der kleine Gysi auf einer Riesenbühne, daneben Gallert, das Gesicht das ganze Gegenteil von hohlwangig. Artur der Engel in links, schwebend über dem Wahlvolk, das womöglich doch hundert Köpfe zählt. Die Gruppe City würde hier gut hinpassen.

Auch beim konservativsten künftigen Ministerpräsidenten des Landes Sachsen-Anhalt, das mit 20 Milliarden Euro Schulden auf strikten Sparkurs gegangen ist. Rainer Haseloff, der sich selbst "Black Hasi" nennen lässt und Kaffeetüten mit diesem Aufdruck verteilt, hat eine Frau, die für die bedeutungslose Rolle der "First Lady" bereit ist. "Belebend, stark, 100 Prozent Sachsen-Anhalt", findet sich der Kandidat. So wirkt auch seine Gabriele, die als Zahnärztin praktiziert wie Sigmar Gabriels "neue Liebe Anke Stadler" .

Allen zusammen gefällt die Musik der Gruppe City. Hier gleichen sich die Frisuren, die Gesichter, die Lebensläufe, die Köpfe, die Augen, der Wille zur Machtausübung, der Wille zum Staatmachen. "Die Kuschel-Ossis von Sachsen-Anhalt" macht die ‎Sächsische Zeitung im Nachbarland aus, wo eine parteiübergreifende große Koalition aus Politaufsteigern der Nachwendejahre sich das Land als Beute teilt.

Worum es auch immer geht, wer auch immer im Mittelpunkt steht - rundherum sind die anderen. In Ausschüssen und Aufsichtsräten, in Kreisparlamenten und Ministerien, in Handlanger- und Anführerrollen, in Parteiämtern und als Anführer der Exekutive. Sie verleihen sich gegenseitig Orden für ihre sorgfältig durchgeplanten Karrieren, sie marschieren Schulter an Schulter "gegen rechts" (Angela Merkel) und zerschneiden Einweihungsbänder für Investitionen, die sie weder bezahlt noch beschlossen haben. Sie tragen dieselben Anzüge, fahren dieselben Autos, sprechen dieselbe Sprache, kommen aus denselben Kungelrunden. Sie kennen sich und sie lieben sich nicht,a ber sie sind alle zusammen stolz auf das, was andere geleistet haben.

Denn hier, und das macht die Wahlen in Sachsen-Anhalt immer so unglaublich spannend, kann jeder mit jedem. Der schwarze Hase mit dem roten Blasengel, der Mansfelder Metalfan mit der zugereisten Grünen oder dem importierten Gelben. Alle einst das eine große gleiche Grundinteressse: An die Macht kommen, um die Macht dazu zu nutzen, an der Macht zu bleiben.

Der "Stern" dazu: Sachsen-Anhalt wählt: Im Land der Schulden und der Hoffnungslosen

Gute Frage

Wie muß eigentlich jemand im Kopf und in der Seele beschaffen sein, der angesichts eines entsetzlichen Verkehrsunfalls, während die Autobahn mit Toten übersät ist und die eingeklemmten Schwerverletzten aus den Wracks geschnitten werden, am Fahrbahnrand ein Transparent hochhält und für eine Herabsetzung der Höchstgeschwindigkeit demonstriert?

Wer hat es gesagt?

Hätte man nicht zufällig zwei Vernünftige unter seinen deutschen Bekannten, müsste man annehmen, zur Zeit unter achtzig Millionen Idioten zu leben.

Freitag, 18. März 2011

Atomnachrichten im Abklingbecken

Nichts wird mehr so sein, wie es war, hatte die ehemalige Klimakanzlerin Angela Merkel direkt nach dem ersten "Brennpunkt" in der ARD versprochen, als der Super-Gau in Fukushima gerade passiert war. Eine Woche lang mühten sich Fernsehsender und Radioanstalten, der ersten Physikerin in der Kanzlerwaschmaschine recht zu geben: Morgens bestrahlten Berichte über "verzweifelte Rettungsmaßnahmen" das Volk, mittags, während Japan längst schlief, fuhren Greenpeace-Experten vor, die aus 9000 Kilometern Entfernung der Rat gaben, gar nicht weiter zu versuchen, das Schlimmste abzuwenden. "Der Gau läuft, das wird schlimmer als Tschernobyl", hatten sie schon vor vielen Jahren herausgefunden. Abends gab es dann für die, die tagsüber auf der Jagd nach Jodtabletten gewesen waren, noch einen "Brennpunkt" obendrauf, nun mit kommentierten Kommentaren der Kommentare zu verwackelten Filmaufnahmen von weißen Dampfwolken.

So spitzte sich die Lage unablässig zu, ausgehend von dem Punkt, da nichts mehr zu retten war, die Strahlenwerte "unablässig" (dpa) stiegen und die Ticker bei "Spiegel", n-tv und Handelsblatt heiß liefen. Keine Rede war mehr von Libyen, von Ägypten, von Guttenberg, von Tunesien, von der Euro-Krise, von der Innenpolitik. Alles wartete gespannt auf den Moment, der das Ende der Zivilisation auf der Erde bedeuten würde, auf den Augenblick, in dem die menschliche Geschichte enden und strahlenresistente Käfer das Regiment übernehmen würde.

Der Augenblick ist noch nicht abgesagt, doch die Atomnachrichten liegen zweifellos im Abklingbecken. Nicht nur Entscheidung des Uno-Sicherheitsrates, Libyen wegen des Vorgehens von Muammar Gaddafi gegen Aufständische im eigenen Land demnächst anzugreifen, deutet den nächsten Aufmerksamkeitssprung an. Während beunruhigende Nachrichten des "Live-Ticker zur Katastrophe in Japan" (n-tv) mittlerweile schon lauten müssen "Japans Katastrophe verhindert milliardenschweren Börsengang", damit überhaupt noch ein bisschen Zug in die Geschichte kommt, markiert eine von der ARD direkt unter "Wettlauf gegen den Super-GAU - Stromleitung zu den ersten Reaktoren liegt" gemeldete "News" (Focus) die Wende: "Katie Price hat einen neuen", heißt es da (Rechtschreibung im Original).

Genau eine Woche, nachdem die ARD als erste stolz meldete, dass sie "von Kernschmelze ausgehe",, kehrt das große, abgesagte Gestern mit komischem Grinsen zurück. Es ist der Tag, an dem vielleicht schon der letzte "Brennpunkt" zu Japan ausgestrahlt werden wird. An dem ARD-Mann Robert Hetkämper, Erfinder der "bereits laufenden Kernschmelze" vom letzten Freitag, enthüllt, dass "Obdachlose, Gastarbeiter, Arbeitslose und sogar Minderjährige" gezwungen würden, die Welt vor dem Atomtod zu retten. Kinderarbeit gegen den Gau, an dem Tag, an dem die Leute ihre Jodtabletten aus der Küchenschublade in die Speisekammer legen. Dem Tag, an dem alles nichts mehr so ist, wie es war. Sondern wieder wie davor.

Der lange Abschied vom Atom

Zettel: Eine Tagesschau, 14 sachliche Fehler

Als nichts mehr zu retten war: Tag 2 der Katastrophe

Donnerstag, 17. März 2011

Vorwärts und schnell vergessen

In Siebenmeilenstiefeln eilt die Zeit, was eben noch auf der Seele brennt, ist morgen schon verstaubt und trübe, was gerade noch wichtiger ist als alles andere, scheint fünf Atemzüge danach eine Geschichte aus grauer Vorzeit. Eine "neue Ära" jeden Tag, ein neuer Morgen jede Stunde, die Katastrophen galoppieren und wo vor zwei Sekunden noch die Demokratie ihr recht einklagte, finden Urlauber nun schon wieder Pulsschlag war ist nun schon wieder
"alles, was zum perfekten Urlaub gehört".

Im Schatten des Super-Gau strömt das Öl aus Libyen, als sei Gaddafi nie abgesetzt gewesen. Keine Nachricht mehr von Mubarak, keine Erinnerung mehr, wie der Diktator von Tunesien hieß. War das große Ölunglück, die schlimmste Naturkatastrophe seit Tschernobyl vom letzten Jahr, im Golf von Mexiko oder im Golf von Siam? Hieß der letzte Kanzler, der seine Amtszeit nicht beendete, Kohl oder Schröder?

Vorwärts und schnell vergessen, hinter jedem überlebten Weltuntergang wartet die Chance auf einen nächsten, hinter allen ausgestandenen Krisen droht die eine, finale, die alle Optimisten Lügen strafen wird. "In den nächsten Stunden kann sich entscheiden, ob es in dem beschädigten japanischen Atomkraftwerk Fukushima 1 zu einer massiven Kernschmelze kommt", dröhnt es bei n-tv unheilschwanger. Ein landesweiter Geldautomaten-Ausfall bei der Großbank Mizuho sorge außerdem für Verunsicherung in der Bevölkerung. Stunden der Entscheidung, knapp eine Woche, nachdem der selbe Sender im Chor mit allen anderen verkündet hatte, dass die Kernschmelze im Gange sei.

Aber auch das weiß ja schon keiner mehr.

Warum Japan nach deutschem Baurecht niemals hätte bebaut werden dürfen

Fremde Federn: Fortschritt ist der Teufel

Alles ist fertig, geregelt, verkabelt und genormt, niemand muss mehr frieren, keiner mehr hungern. der Strom kommt aus der Wand, das Wasser aus dem Hahn, wer sich bewegen will, hat die Wahl zwischen Turnschuh, Fahrrad, Auto, Zug und Flieger. selbst die Angst, die früher in den Menschen hochstieg, wenn das Gerüchte von Missernten, Naturkatastrophen oder Kriegen die Runde machte, wird inzwischen frei Haus geliefert: Die GEZ-Gebühr ist ein Abomodell für Fracksausen, den Rest macht einer der zehntausend Live-Ticker im Netz, die im "Stream" (dpa) zur Umkehr mahnen.

Aber stehen wir nicht auf den Schultern von Riesen? Verdanken wir nicht selbst die Gemütlichkeit, in der wir dem Weltuntergang an deren anderem Ende zuschauen können, Frauen und Männern, die ihre Angst überwunden haben? Um Neues auszuprobieren? Könnte heute noch jemand das Feuer zähmen? Es gar selbst entfachen?", fragt Calimero in seinem stets lesenwerten Blog, und gibt sich gleich selbst die Antwort: "Viel zu riskant!" Eisenbahnen, Autos, Ozeanüberquerungen, gar Flugzeuge und Raketen?, heißt es weiter "Gar nicht zu verantworten!"

Die Sache ist klar: Hätten Menschen wie wir, Menschen der Art Homo Metus, die Erde in den letzten 5000 Jahren regiert, gäbe es kaum etwas von dem, das uns heute am Leben hält. Außer vielleicht den Hundestrand. "Zur Elektrizität wäre es gar nicht gekommen", glaubt Calimero, "Gefährliches Hexenwerk, unsichtbares, riskantes Teufelszeug!" Röntgen gäbe es genausowenig wie schmerzfreie Operationen, die "Schulmedizin" wäre am Widerstand derer gescheitert, die es für unerträglich halten, einen Menschen aufzuschneiden, um zu Schauen, wie er innerlich funktioniert. "Alles ist von Übel, was menschengemacht ist", schreibt Calimero, "Alles ist wider die Natur, mit der wir doch im Einklang stehen wollen".

"Der technisch-industrielle Komplex ist widernatürlich und wird früher oder später von diesem Planeten verschwinden. Und natürlich auch alle die, die ohne diesen Komplex unfähig sind zu überleben", schreibt "Der Prophet" im Gelben Forum. Ein bisschen Frohlocken ist dabei, denn "wer sich umgeben von Stahlbeton und allerhand zivilisatorischem Krempel in 150 Meter Höhe bei einem Erdbeben der Stärke 9 aufhält, hat natürlich schlechtere Karten als die Menschen, deren ganzer Besitzzum ein Lendenschurz und Bambusspeer umfasst".

Dass die Ursache nahezu sämtlicher Toter in Japan ein Tsunami war, der Menschen traf, die eben nicht in Häusern aus Beton, sondern in gartenlaubenähnlichen Hüttchen aus Schnellbauholz leben, spielt keine Rolle. Ebensowenig, dass der Grund dafür, dass nicht 250.000 Menschen wie seinerzeit in Südostasien gestorben sind, im hochtechnisierten Vorwarnsystem der Japaner zu finden ist.

Zivilisation ist böse, Entwicklung schlimm, Fortschritt der Teufel, so klappert es in die Tastaturen, die ohne Zivilisation, technische Entwicklung und Fortschritt nicht da wären. In einem bemerkenswerten Akt der Verdrängung gelingt es Menschen, das Primitive zu idealisieren, den frühen Tod, das schwere Leben, Krankheiten, ein Leben in wirklicher Angst, ein Leben am Rande der Existenzbedrohung. Wäre es doch wieder so, klingt es vielstimmig aus dem Netz, könnten wir doch wieder dorthin zurück, wo wir nichts hätten, das uns eine "zornige Natur" kaputtmachen könnte.

"Die Zwerge aus dem dunklen Reich wollen die Welt ohne Risiko, ohne menschlichen Einfluss, ein Schlaraffenland, in dem alles kostenlos zu haben ist", hat Calimero beobachtet. "Sie wollen keine Weiterentwicklung, denn sie haben schon Angst vor dem Erreichten. Das Rad der Geschichte zurückdrehen, die Retardierung, die Rückbesinnung ... bis dermaleinst das Paradies winken möge."

Es wird nicht kommen und wenn doch, wird es das Grauen sein: Würden die Menschen in Japan heute noch in einfachen Bambushütten leben, hätte ihnen der Tsunami das Saatgut weggespült. Viele von ihnen wären tot, sie wüssten es nur noch nicht.

Wiedergeboren als Landtagskandidatin

Noch ehe die heiße Phase des Landtagwahlkampfes in Sachsen-Anhalt am Samstagabend nach der Sportschau richtig Fahrt aufnimmt, bevor sie dann am Sonntagmorgen mit der Stimmabgabe des künftigen Ministerpräsidenten Jens Bullerjahn ihren Höhepunkt findet, steigt in einer bescheidenen Villa in einem der besseren Viertel von Köln die Spannung. Hinter vorsorglich fest zugezogenen Gardinen sitzt die bekannte Situationskomikerin Anke Engelke (Bild oben rechts) und feilt an den letzten Details der größten Rolle, die sie in ihrer bewegten Karriere je gespielt hat: Die 45-jährige Vollblutdemokratin aus Kanada bewirbt sich erstmals um ein Direktmandat im sachsen-anhaltinischen Landtag. Nach dem Schauspieler und Moderator Kurt Krömer, der ebenfalls in Halle antritt, ist sie damit schon die zweite prominente Komödiantin, die ins Magdeburger Parlament will.

Dazu hat Engelke, die eigentlich Fischer heißt, vorübergehend den nicht viel weniger schönen Namen "Beate Fleischer" (Bild oben links und unten) angenommen und ihrer neuesten Kunstfigur im Stil von Hape Kerkelings Horst Schlämmer von einer rheinländischen Scriptschmiede, die normalerweise für den SPD-Politiker Dieter Wiefelspütz arbeitet, eine überzeugende Biografie schneidern lassen. Beatle Fleischer ist danach zwei Jahre älter als ihre Erfinderin, sie betreibt ein Dessousgeschäft in der Innenstadt von Halle/Saale und engagiert sich seit Jahren in einer Selbsthilfegruppe von Innenstadthändlern.

Eine Maskerade, die durch Engelkes überragendes schauspielerisches Talent überraschend schnell Glaubwürdigkeit gewann. Dabei tat zuletzt mit "Vollidiot" und "Freche Mädchen" erfolgreiche Entertainerin, Musikerin, Synchronsprecherin und Radiomoderatorin nichts weiter, als geduldig Worthülsen wie "dieses Problem ist nur im Miteinander und nicht administrativ zu lösen" oder "Ich trete ein für ein den Neigungen, Fähigkeiten und Interessen entsprechendes differenziertes Schul-beziehungsweise Bildungsangebot für unsere Kinder" zu verbreiten.

Mitarbeiter der großen deutschen Volksmimin zeigten sich auf Nachfrage von PPQ "überrascht, wie relativ einfach das ging". In den Vorbereitungsgesprächen habe man mit mehr und größeren Schwierigkeiten inklusive einer vorzeitigen Entdeckung des nicht allein aus bürgerschaftlichem Engagement vorangetriebenen Fernseh- Experimentes gerechnet. Schließlich sei Engelke als deutsche Stimme der Zeichentrick- Figur Marge Simpson deutschlandweit bekannt. "Letztenendes aber haben die Leute nicht einmal was gemerkt, als wir Anke plakatiert haben", sagt ein Mitarbeiter, der in den letzten Wochen als "Wahlkampfleiter" von "Beate Fleischer" auch öffentlich aufgetreten war. Mit einigen Aufnahmen von Anke Engelke, wie sie sich in ihrem vorübergehenden Heimatwahllokal Halle/Altstadt selbst wählt und wenigen Sequenzen der betretenen Gesichter bei der FDP-Wahlparty nach den ersten Hochrechnungen am Sonntag sei dann alles im Kasten. Die ersten Folgen von "Beate Fleischer - Demokratie wie nie" sollen im Herbst bei RTL laufen.

Mehr akute Fälle: Wiedergeboren als Doktorvater

Mittwoch, 16. März 2011

Das Rheinknie bei Sonnenaufgang

„Ja, damals",sagte der gealterte .Mann, und seine umschatteten Augen starrten in die Vergangenheit, während seine Rechte, wie Fridolin bemerkte, in der schwabbligen Transparenthülle eine fahrige Geste vollführte. „Damals dachte man: Was kümmern uns Kernkraftwerke, die hundert Kilometer entfernt liegen?" Fridolin kannte die Geschichte längst auswendig, weil er sie einmal wöchentlich während des Krankenbesuchs anhören mußte, aber er brachte es nicht fertig, die Besuche einzustellen; mit wem hätte der bemitleidenswerte Narr, der in dem achtzehn Quadratmeter großen Krankenzimmer lebendig begraben lag, sonst reden können? Und wovon sollte er schon reden als von seinem Verhängnis?

Im warmen Strom der Nichtigkeiten

Das ist wieder ein Geburtstag, den unser kleines Politblog da feiert. Mitten in der Zeitenwende, der Großzäsur, dem Zusammenbruch aller Gewissheiten müssen wir vierjähriges Bestehen melden. Vier lange Jahre voller Krisen waren das, voller absurder Geschichten, die zumeist das Leben schrieb, voller Bilder, von denen noch unsere Väter nie geglaubt hätten, dass es sie eines Tages geben wird, voller Zitate, die entweder die erfanden, die wir zitierten. Die anderenfalls aber auch von uns hergestellt wurden, um die so oft bedauernde mangelnde Klarheit und Wahrheit im allgemeinen Politsprech herzustellen.

Unsere Leser haben sich daran gewöhnt, sie suchen hier meist auch gar nicht das Gewöhnliche, sondern Dinge, die es gar nicht gibt. Eine Zeitlang ganz vorn in der Trefferliste, die Unbedarfte auf unser kleines Webangebot lockte, war der Begriff "jouporn.com". Auch nach einem "pahris hilton viedeo" wurde häufig gesucht. Häufig heißt: Nicht nur von einem Bedauernswerten, der nach dem finalen Klick auf ppq.be vermutlich überhaupt nicht mehr wusste, was das alles soll.

Hier, wir wiederholen das alle Jahre wieder gern, geht es ja gemeinhin um andere Themen als draußen in der großen, kalten Welt. Damals, als alles anfing, kurz nach dem Krieg, wussten wir kaum etwas vom großen Abenteuer Alltagsangst, von Abgeltungssteuern, libyschen Freiheitskämpfern, Google Street View und davon, dass der größte Popstar des Planeten einmal eine Frau namens "Lady Gaga" sein würde.

Es hat uns auch nicht interessiert. Wer PPQ liest, will wissen, was man nicht wissen muss, die Wahrheit über den 11. September etwa, und wenn es am Ende auch nur die Wahrheit über den 11. September 2004 ist, über den heute eigentlich gar nicht mehr gesprochen wird, obwohl er so verregnet war. Über fast 1500 Tage und beflügelt von 5565 Einträgen mit mehr als 1,2 Millionen Lesern hat sich auch eine sehr geschmacksichere Hitparade der beliebtesten Beiträge "herauskristallisiert" (dpa), die allesamt von Lebensfreude, tiefer Empathie, einer geheimen Lust an der Friedensbewegtheit und einem beneidenswerten Gefühl für die Grundprobleme der Moderne künden. Billige Späße auf Kosten anderer, wie sie die SPD mit ihrer Hartz-4-Reform und die FDP mit der Bundesarbeitsfront planen, auch das ist Konsens zwischen Produzenten und Konsumenten, sind ausweislich der Zahlen nicht die Sache des typischen PPQ-Laufpublikums.

Teuer soll es schon sein, kostenloser Premium- und Paid Content wird bevorzugt. Auch Lebenshilfe kommt gut an, wenn sie nicht ernst gemeint ist, sondern nur so klingt. Webwiki bringt es auf einen Punkt, wenn es zu PPQ knapp erklärt: "Sprache englisch, enthält Inhalte zu den Begriffen 2010, Dezember, Margin und PPQ". Das höchste Lob aber ist "politplatschquatsch.com, politplatschquatsch, ist beliebt im englischsprachigen Internet"

"Kein Wunder" (Der Spiegel), denn Sex sells, Blasen bildet und Beck wird immer den Kürzeren ziehen, wenn Bill den Längeren hat. Da sind die Zahlen unbestechlich, die wir in unserer Arbeitsgruppe "Exile On Internet" hier bei der Bergakademie Freiburg gesammelt haben.

Denn sie zeigen ein ganz und gar ungeschöntes, quasi Freikörperkultur-Bild von Internetdeutschland, das uns große Freude macht, weil schnöde Fleischeslust sichtlich siegt über intellektuelles Gegacker, und nackte Tatsachen mehr zählen als tausend Rußfilterreden von gescheiterten Popbeauftragten, angehenden Ex-Kanzlerkandidaten, Knutbären und linkisch auswärtsschlafenden Verbraucherschutzministern.

Die Wahrheit ist hart, aber auch nur so wirklich nützlich. Und hier kommt sie nun, die Jahresbilanz, die unsere Lieblingsagentur dpa eine "vorläufige" nennen würde, weil man nie weiß, was noch kommt und wer sich wo beschwert. All unsere schnuckeligen Stars sind dabei, die in einem frauenpolitisch aktiven Blog wie dem unseren nur ganz bescheiden Paris Hilton, Heidi Klum, Eva Herman und Tanja Derveaux heißen können. Dazu auf der Herrenseite des Tisches Dieter Trallafitti Wiefelspütz, der mitteldeutsche Fußballgott Thomas Neubert, dessen Tätigkeit als Marius Müller-Westernhagen wir als erstes Blog weltweit nachweisen konnten, Claus Jabobi, der greise Bild-Kolumnist, der noch vor Karl Guttenberg und von sich selbst abschrieb, Deutschlands unbekanntest eBad Bank, ein Geldhaus namens "Bundesbank" und der Ex-Unternehmer Lars Windhorst - mit ihnen allen stoßen wir heute an. Ganz leise, denn wie immer sind die Zeiten nicht zum feiern.

Die Charts des Schamlosen:

1. Paris Hilton checkt aus
2. Paris Hilton im Volksgefängnis
3. Sex sells
4. Von Ewigkeit zu Ewigkeit
5. Der Dr. und das liebe Stimmvieh
6. Pack raubt die Punkte
7. Heidi Klum nackt
8. Eva Hermann nackt
9. Doppelt hält Leser
10. Verbot der Woche: Badehosen
11. Jäger der Eintagsfliege
12. Lehmanopfer Bundesbank
13. Geiselhaft bei der Fußball-RAF

Dienstag, 15. März 2011

Fremde Federn: Von 9/11 zu 3/11


Die Parallelen sind so deutlich, dass sie einen anspringen. Hier 9/11, dort 3/11, damals die Beschwörung einer neuen Zeit, in der nichts mehr so sein werde wie vorher, hier nun die Vorhersage, dass "Japan alles ändert" (Markus Söder). Medial ist seit vergangenem Freitag wieder Twin-Tower-Time, im Zentrum der Katastrophe steht diesmal Deutschland, dessen regierende Koalition direkt vor wie immer wichtigen Landtagswahlen keine Atomdiskussion brauchen kann, nun aber doch eine am Hals hat. Nirgendwo auf der Welt zündet eine Kernreaktion mit einer Zuverlässigkeit wie hier im Heimatland von Otto Hahn und Fritz Straßmann, die 1938 in Berlin die ersten Kerne spalteten.

"Nur Tschernobyl war schlimmer", trötet n-tv, als handele es sich um einen Wettbewerb, welches Grauen die meisten Punkte für die Geschichtsbücher machen kann. Der dazu fällige Text muss nicht mehr geschrieben werden, er steht bereits im "Tagesspiegel", bezeichnenderweise unter "Kontrapunkt". Die dazugehörigen Charts des deutschen Aktienindex hier rechts - oben die Grafik von Sommer 2001 bis 9/11, darunter die der fünf Monate bis 3/11.

Es ist kein Zufall, dass immer öfter Parallelen gezogen werden zwischen 9/11 und 3/11. Denn die Terroranschläge in den USA markieren eine historische Zäsur wie die atomaren Desaster in Japan nach der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe. Damals wie heute sind die beherrschenden Gefühle Angst und Wut. Diese Gefühle brauchen ein Ventil.

In den USA entlud sich die aus dem Gleichgewicht geratene nationale Psyche in zwei Kriegen und dem Aufbau eines gigantischen Heimatschutzministeriums. Und was dort die Angst vor dem Terror war, ist in Deutschland die Angst vor dem Atom. Dabei ist es unerheblich, dass die Quelle der deutschen Angst rund 9000 Kilometer entfernt steht.

Angst braucht keine räumliche Nähe, um wirklich empfunden zu sein. Gefühlt ist den Deutschen das Kernkraftwerk Fukushima hautnah. Der beschleunigte Ausstieg aus der hiesigen Atomnutzung soll auch Ausdruck dieser hautnahen Angst sein.
Von 9/11 zu 3/11: Dem Déjà-vu-Erlebnis kann sich kein aufmerksamer Zeitzeuge entziehen. In den USA hieß es damals: Wenn das (gemeint war der Einsturz der Twin Tower des World Trade Centers) möglich ist, dann ist alles möglich. In Medien, Politik und Think Tanks wurden Dutzende Horror-Szenarien durchgespielt und in ihrer Konsequenz beschrieben. Ein entführtes Flugzeug stürzt auf ein Kernkraftwerk, eine schmutzige Bombe explodiert in einem Einkaufszentrum, das Grundwasser einer Metropole wird vergiftet. Nichts schien mehr absurd. Die Terror-Angst-Epidemie grassierte ohne Rationalitäts-, sprich: Wahrscheinlichkeitskontrolle.

Angst steckt an und fasziniert: Was für Medienexperten und Psychologen eine Binse ist, konnte Tag für Tag vor den Fernsehschirmen studiert werden. "Wer mit Angst arbeitet, ist immer im Vorteil", sagte 2003 der Psychologe Paul Slovic von der University of Oregon. "Es ist leichter zu ängstigen, als zu beruhigen. Und wir vertrauen eher jenen Menschen, die uns vor Gefahren warnen, als jenen, die sie uns ausreden wollen." In den USA warnten damals Kriegsgegner und Bürgerrechtler vor einer Instrumentalisierung der kollektiven Angst. Doch die Emotionen waren zu stark.

Ähnlich ist es heute in Deutschland. Anfangs warnten konservative Atomkraftbefürworter vor einer Instrumentalisierung der Angst. Doch diese Stimmen sind rasch still geworden. "Wenn ein Komet vom Himmel stürzt, sind unsere Atomkraftwerke nicht mehr sicher", bilanzierte am Montagabend der ARD-Moderator in einer Sondersendung. "Und ich habe gerade das Gefühl, dass dieses Risiko neu bewertet wird." Rund 70 Prozent der Deutschen glauben, dass hier ein ähnlicher Atom-Unfall wie in Japan passieren kann. Die Das-erinnert-mich-an-mich-Nation diskutiert nicht, ob es in Deutschland Erdbeben der Stärke 9 und 10 Meter hohe Tsunami-Wellen gibt. Statt dessen verlangt ihr Schock über die Bilder aus Japan eine drastische Aktion. Was für die Amerikaner nach 9/11 der Sturz der Taliban und von Saddam Hussein war, ist für die Deutschen nach 3/11 der möglichst schnelle Ausstieg aus der Atomkraft.

Hier wie dort brauchte es erst eine Katastrophe, damit die Terror- bzw. Atomkraftwarnungen ernst genommen wurden. Und hier wie dort lagen Stichwortgeber auf der Lauer der Gelegenheit. Richard Perle und Paul Wolfowitz glaubten, das beste Mittel im Kampf gegen den Terror sei die Demokratisierung der arabischen Welt. In Dick Cheney hatten sie einen Gesinnungsgenossen in der Bush-Regierung. Sigmar Gabriel und Jürgen Trittin hielten die Laufzeitverlängerung schon immer für gesellschaftlichen Verrat. In Norbert Röttgen finden sie nun einen Mitstreiter im Merkel-Kabinett für einen noch rascheren Ausstieg aus der Kernenergie.

Ganz ähnlich beschaffen ist auch jener nationale Eigensinn, der mitunter an Autismus grenzt, wie er sich in den USA nach 9/11 und in Deutschland nach 3/11 ausbreitete. Wer Angst sät, erntet Macht: Amerikanische Kriegstrommler und deutsche Atomkraftgegner wurden zwar im Inland gestärkt, aber das Ausland verweigerte ihnen oft die Gefolgschaft. Deutsche, Franzosen, Russen und Chinesen wollten Bush nicht in den Irak folgen; Polen, Franzosen, Inder und Chinesen wollen den Deutschen nicht in den Akw-Ausstieg folgen. Wer freilich den Zeitgeist im Rücken wähnt, wertet Isolation meist auch als Zeichen der Verblendung anderer.

So führten und führen 9/11 und 3/11 zu einer Art Auto-Immunisierung gegen Kritik. Stefan Mappus, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, sagte es gestern Abend in der ARD deutlich: "Viele Menschen haben Angst, da kann man nicht einfach sagen, weiter so. Da können Sie nicht einfach rational argumentieren."

Mappus hat recht. Denn man macht es sich zu leicht, wenn man kollektive Gefühle der Angst - ob vor Terror oder Atom - wegrationalisieren möchte. Nein, diese Gefühle sind sehr real und verlangen nach einer entsprechenden politischen Geste. Dabei gilt: Je intensiver die Angst, desto massiver muss die Antwort auf sie ausfallen.

Deshalb musste George W. Bush ebenso in Afghanistan einmarschieren wie Angela Merkel den Einstieg in den Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg verkünden. Gegen die Stimmung im Volk Politik zu machen, konnten und können sich beide nicht erlauben.

Der pädagogische Rest direkt im Tagesspiegel

Wie ich beinahe mal ein Atomkraftwerk gebaut hätte

Gut zwei Jahre vor dem Gau in Tschernobyl ging es um die Zukunft. Die Zukunft der Stromversorgung in der DDR. Sicher sollte sie sein, vor allem aber billiger als Öl und fortschrittlicher als Braunkohle. Max brauchte kein Wasser mehr, der Sozialismus brauchte das Atom. Und der Berlinpankowblogger baute mit am Kernkraftwerk Lubmin. Direkt am Ostseestrand. In Ruf- und Stromversorgungsweite Polens. Mit Stahl aus dem Westen, Arbeitern aus der DDR, Schweißelektroden aus dem Osten. Experten vom ZIS, dem Zentralen Institut für Schweißtechnik Halle. Und Monteuren aus Merseburg und Halle. Von der IMO (Industriemontagen), vom MLK (Metalleichtbaukombinat), vom SKET (Schwermaschinenkombinat Ernst Thälmann). Und Experten aus Russland, die sich auskannten mit Atomkraftwerken. Die auch schon den Bau des Reaktors in Tschernobyl betreut hatten.

Die Experten, die Spezialisten, die Abteilungsleiter, die Monteure – sie waren immer da. Im Zwölfstundenschichtdienst, Tag und Nacht, im Mittwoch/Mittwoch-Rhythmus. Mittwoch bis Mittwoch auf Montage, Donnerstag bis Dienstag frei. Geschlafen im Arbeiterwohnheim Greifswald. Oder eher gehaust. In Zweiraumwohnungen. Küche mit Elektroherd und Kühlschrank, Bad mit Wanne, zwei Zimmer mit jeweils zwei Doppelstockbetten. Ein Zimmer mit Tisch und Stühlen. Zum Doppelkopfspielen. Und zum Saufen. Bierbowle zum Beispiel. Beliebt nach der Nachtschicht (18 bis 6 Uhr). Am Abend vorher angesetzt.

Zutaten: Ein (einigermaßen) sauberer Wischeimer, Früchte aus der Dose, aus dem Glas. Pflaumen, Pfirsiche, Aprikosen, Kirschen – was auch immer da war. Zucker drüber und Ruß. Also Schnaps, so hochprozentig wie möglich. Am besten Primasprit. Wenn nicht, dann Korn, Goldbrand. Alles, was dreht. Abdecken, über Nacht stehen lassen. Am Morgen dann, nach dem Duschen, Bier drauf. Helles, Pils, Dunkles, Bock – egal. Hauptsache genug, um den Wischeimer bis zum Rand aufzufüllen. Umrühren, fertig. Dann in Gläser abgefüllt. Doppelkopf- oder Skatkarten auf den Tisch und ab ging die Post. Morgens um sieben. Bis zehn/elf Uhr waren alle voll. Ab in die Koje. Viele gleich in ihren Arbeitsklamotten. Um nicht zu viel Zeit mit Anziehen vertrödeln zu müssen.

Kurz vor fünf fuhr der Montagezug. Morgens wie abends. Von Greifswald nach Lubmin. Ein Zug voller Monteure. Ein Schichtzug voller Karo-Qualm, Schweißgeruch, Männersocken-in-Arbeitsschuhen-Gestank. Und voll. Sitzplätze gab´s nur für altgediente Monteure. Wehe, ein Neuer hatte sich auf einen Platz eines alten Hasen gesetzt. Da gab es schon gleich mal Dresche. Oder zumindest die Androhung derselben. Natürlich gab´s auch Kaffee. Monteurskaffee. Monteurskaffee sah aus wie Kaffee, wurde aus Kaffeetassen getrunken. War aber keiner. Wodka oder Goldi mit Cola. Morgens, kurz vor Fünf im Schichtzug.

Punkt sechs ging´s dann los. Auf der riesigen Baustelle. 500 Meter breit, zwei Kilometer lang. Vom Gerüst oben der Blick bis hinüber zur Greifswalder Oie, bis nach Rügen. Und nach Polen konnte man sehen, entlang der Strommasten. Es ging um den Bau von “Block fünf und sechs“. Vier Blöcke waren schon in Betrieb. Versorgten ein Zehntel der DDR und Westpolen mit Atomernergie. Oder “Strom aus dem Kernkraftwerk“, wie es damals hieß. Auf der Baustelle gab es überall Alarmlampen und -sirenen. Für den Falle des Falles. An den nie einer wirklich gelaubt hat. Deshalb störte es auch keinen, dass bei einigen Notfall-Rundumleuchten die Anschlusskabel lose heraus hingen. Das war eben so.

Der Bau von Block fünf und sechs kam aber sowieso nicht recht voran. Kein Stahl, keine Schweißelektroden, kein dies, kein das. Immer hat irgendwas gefehlt. Manchmal haben die Monteure das erst gemerkt, wenn sie vor Ort waren. Oben auf dem Reaktorblock, in 60 Meter Höhe. Dann ging es wieder runter. Über unendlich lange Gänge, Gerüstleitern. Durch tonnenschwere Sicherheitstüren, über rutschige Verbindungsschächte. Unten angekommen war dann Pause. Frühstückspause. Manchmal auch schon Mittag. Dann gab es bei manchen Monteurskaffee. Andere hatte noch ein Schluck Bierbowle in der Thermoskanne.

Block fünf ging 1989 in Probebetrieb.Und wurde wieder abgestellt. Nach dem Protest von Umweltgruppen. Wie auch der Rest des Kernkraftwerkes. Denn was die Monteure schon damals wussten, wurde nach 1990 auch offiziell bekannt: Die Baupläne für Lubmin waren Kopien aus Tschernobyl. Aber das hat 1984 noch niemanden gestört. Bei Bierbowle und Monteurskaffee ließ es sich aushalten. Auch im Winter.

Mit ´ner Schachtel Karo zur Radioaktivität
Lagerregal förzn fuffzich

Technischer Hintergrund der Katastrophe bei Calimero

Wer hat es gesagt?

Wir brauchen keine Grundsatzdebatte in Deutschland.

Montag, 14. März 2011

Zurück vom Weltuntergang

Man mag es kaum glauben, doch im aktuellen Atom-Gau-Twitter-Malstrom zwischen apokalyptischer Todessehnsucht, abendländischer Selbstgeißelung und purer Dummheit (ups, fast vergessen: Selbstherrlichkeit, Wahlkampf, Haben-wir-doch-schon-immer-gesagt-Ignoranz und Endlich-kapiert-die-Welt-Zynismus) erheben sich auch zarte Stimmchen der Vernunft. So schreibt OutOfOsthofen: "Die Welt schaut nach Japan, während in Libyen ein Massenmord befürchtet wird, der Jemen und Bahrain fast komplett vergessen sind." Und Horst Slammer bemerkt: "Und das Schlimmste ist, dass die Regierenden erleichtert sind, dass sie Atom-Eiertanz machen und Völkermord in Libyen ignorieren können. #akw" Wir vom Chapeau-Board PPQ sagen: Danke!

Der lange Abschied vom Atom

Das Leben, ein einziger großer Abschied, singt der bärtige Barde Rudi Feuerbach in seiner beklemmenden Ballade. Ein großer Abschied, der sich für manchen bei guter Gesundheit 90, 95 oder sogar mehr als hundert Jahre hinziehen kann. Ein Alter, das die deutsche Atomindustrie nicht erreichen wird. 48 Stunden nach ihrer Anweisung, alle deutschen Kernkraftwerke daraufhin zu "überprüfen", ob in ihnen schon eine Kernschmelze läuft, ob eine Kernschmelze droht oder ob eine drohende Kernschmelze noch mit Hilfe von Meerwasser abgewendet werden kann, hat die ehemalige Klima- und Eurorettungskanzlerin Angela Merkel eine Verlängerungspause für die von ihr selbst unlängst beschlossene Verlängerung der Reaktorlaufzeiten beschlossen.

"Heute handeln wir für die Menschen in Deutschland", sagte Merkel mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen. Sie wolle die Energiediskussion "ehrlich" führen und den deutschen Energiebedarf keinesfalls mit Atomstrom aus dem Ausland decken. Das Zeitalter der erneuerbaren Energien müsse schneller erreicht werden, und wer das wolle, müsse auch die notwendigen Belastungen akzeptieren. Derzeit kassiere der Staat beim Strompreis erst einen Anteil von 46 Prozent. Das sind fünf Prozent mehr als im vergangenen Jahr, jedoch immer noch rund 54 Prozent weniger, als im Idealfall möglich wäre. Der Anstieg zuletzt sei überwiegend auf die staatliche Förderung der erneuerbaren Energien durch die gesetzliche Umlage verursacht worden, habe aber noch Luft. Gelinge es, den Staatsanteil, den jeder Verbraucher über seine Stromrechnung zahle, weiter zu erhöhen, ständen ausreichend Mittel zur Verfügung, schnell komplett auf erneuerbare Energien umzusteigen.

"Die Kernenergie ist eine, die wir noch brauchen", sagte Merkel. Sicherheit aber stehe über allem. "Sieben deutsche Meiler sind verzichtbar", rechnet der "Spiegel" vor, auch dann könnte das Heft nächste Woche noch gedruckt werden. Die Lieferungen der restlichen zehn KKW sollen wie immer durch Stromsparen und bessere Dämmung ersetzt werden.

"Ein Tsunami des Irrationalismus überschwemmt Mitteleuropa", konstatiert Le Penseur, mittlerweile herrsche "tatsächlich totale Panik in den vom Erdbeben am Härtesten getroffenen Gebieten: Österreich und Deutschland", schreibt CanisLumpus2.0 im Forum der »Presse«. "Unterdessen verschwimmen im Informations-Tsunami die Grenzen zwischen Reportage und Kolportage immer mehr, subjektiv und auch objektiv", sieht die NZZ einen "Informations-Tsunami" am Werk. Der tobt auch in Deutschland: Die "Trending Topics" bei Twitter zeigen das Bild einer Welt, in der Deutschland einsam seiner romantischen Sehnsucht nach Verderbnis und Bestrafung frönt: Nirgendwo sonst ist Katastrophe, sind Apokalypse und Atomtod so trendig wie hier.

Merkels entschlossener Abschied vom Atom, um die Landtagswahlen nicht zu verlieren, ist so nur konsequent. Weil in Japan immer gerade zur besten Sendezeit in Deutschland Nacht ist, haben viele Nachrichtenkonsumenten inzwischen den Überblick über die Zahl der Explosionen und den aktuellen Stand der Kernschmelze verloren. Fernsehsender und Zeitungsseiten im Internet halten ihr Publikum mangels frischer Bilder tagsüber mit Nachrichten in Atem, von denen sie selbst nicht wissen, ob sie welche sind. Korrekturen übernimmt die Realität selbst, kommentiert werden sie nicht: Zwei Tage nach Berichten über den Super-Gau in Fukushima, meldet n-tv, dass nun "einige Brennstäbe bereits beschädigt" seien. Brennstäbe, die nach derselben Quelle noch vor 48 Stunden komplett geschmolzen waren.

Sachliche Informationen gau-japan

Sonntag, 13. März 2011

Vom kurzen Gedächtnis

Ruhige, sachliche Einordnung, Aufklärung, zum Kern der Dinge vordringen in gemessenen, auf harten Fakten gegründeten Gesprächen - das ist seit Jahren Markenzeichen der sonntagabendlichen Kaminrunde bei Anne Will. Wo der Rest der Medienmeute sich ins Fleisch verbeisst, geht es hier um die Knochen, dringen Experten unter kundiger Leitung der gestrengen Ex-Darstellerin aus "Herr der Ringe" immer wieder chirurgisch konsequent zur Ursache all dessen vor, was die Menschen bewegt.

Auch zu Japan tagte das Fernsehgericht, denn schließlich, weihte Will ihre Gemeinde gleich anfangs in eines der am besten gehütesten Geheimnisse der Geschichtsschreibung ein, habe man es hier mit einer Katastrophe zu tun, die "alles bisher Vorstellbare" übersteige.

Nein, Thema der Sendung ist nicht der einem Wunder gleichende Umstand, dass alles schlimm gekommen ist, aber nicht noch viel schlimmer. Der Tsunami in Südostasien etwa traf vor sechs Jahren auf Küsten voller Dörfer, auf Kleinstädte und Hotelanlagen. Und forderte mehr als 230.000 Opfer. Jetzt explodierten die Fluten an städtisch besiedelten Stränden, in Großstädten, in Industriegebieten - und die Opferzahl ist hoch, und doch gleichzeitig viel niedriger.

Aber Anne Will, wie alle Writer der Apokalypse der Aufklärung verpflichtet, aber auch von Quoten abhängig, mag das nicht wissen. Es wäre schlecht fürs Geschäft, die Dinge kleinzureden, einzuordnen, sich im Moment des Grauens zu erinnern, dass die Geschichte der menschlichen Zivilisation immer schon auch eine Geschichte von Katastrophen, von Tod und Zerstörung war. Aber hatte der Spiegel zu Haiti einen Liveticker? Berichtete n-tv jemals schon vier Tage hinter einander unter dem Leadsatz "Japan steht offenbar vor einer nuklearen Katastrophe"? Warf der Tsunami von 2004 die Frage auf, warum der damals als Kanzler amtierende Gerhard Schröder und sein Adlatus Joseph Fischer die deutschen Atomkraftwerke sofort und für immer abschalten?

Sie haben es nicht getan. Sie haben sie laufen lassen, mit Einverständnis von Claudia Roth, Sigmar Gabriel und Jürgen Trittin. Wäre rot-grün an der Macht geblieben, würden sie immer noch laufen. Ganz so, wie sie heute laufen.

Japan gibt eine gute Gelegenheit, das im Nachhinein zu verschleiern. Dazu muss das seltsame MVorstellungsvermögen, das die Sonntagspredigerin Will bemüht, jedoch die Tsunamikatastrophe von Südostasien samt ihrer 230000 Opfer ausblenden. Und nicht nur die. Sie muss Tschernobyl, das Original des Atomtodes, in der Rangliste hinter Fukushima stellen. Sie muss Weltkriege, Koreakrieg, Afghanistankrieg, Vietnamkrieg, Hutu-Tutsi-Massaker, Balkankrieg, Irakkrieg, das 1908er Erdbeben in Messina mit 83000 Toten, das Erdbeben im chinesischen Gansu samt seiner 200000, das von Tangshahn im Jahre 1976 mit 800.000 Toten, die verheerende Jangste-Überschwemmung 1931 in China, die 1,3 Millionen Menschen das Leben kostete, aber auch der Burma-Zyklon von 2008 mit 200000 Tote und sogar des fast noch wackelnde Erdbeben von Haiti mit ebenfalls 200000 Tote (2010) beiseite lassen. Sie muss das Erinnerungsvermögen eines Hirnlosen zum Maßstab der Apokalypse machen.

Es ist ein kurzes Gedächtnis, das übrig bleibt und staunt, wie China "trotz Japan" (Die Welt) den Bau von 60 neuen Kernkraftwerken beschließt.

Die Bauchredner der Bewegung

"Wer gestern und heute Informationen zur japanischen Naturkatastrophe bekommen wollte, sollte sich besser nicht auf den Output der deutschen Medien verlassen haben", analysiert Calimero in seiner Rumpelkammer - während BBC, CNN, Russia Today, Al Jazeera und NHK daran interessiert waren, zu informieren, marschieren in den deutschen Medien die Bauchredner der Anti-Atomkraft-Bewegung auf. Viele Sendungen "glichen Sockenpuppen von Greenpeace und diversen Rot- und Grünpopulisten", glaubt Calimero beobachtet zu haben.

Das war aber auch nicht allzu schwer. Auf dem Wege der gegenseitigen Verstärkung des jeweils Größten Anzunehmenden Unsinns (GAU) animierten sich ahnungslose Studiosprecher und zugeschaltete Interessenvertreter eeiner atomfreien Zukunft gegenseitig zu Höchstleistungen. "Geballte Unkenntnis traf auf Katastrophengrusel", schreibt Calimero, "und so gerieten die wirklichen Opfer mal ganz schnell aus dem Fokus." Was ist der Tod Zehntausender gegen die mögliche Verstrahlung deutscher Siedlungsgebiete durch weittragende Jetstreams?

Nach deutschem Baurecht, das werden weitere Sondersendungen in den kommenden Tagen ergeben, hätte ganz Japan niemals bebaut werden dürfen, schon gar nicht mit Kernkraftwerken. Es wird dem japanischen Regierungssprecher Yukio Edanohat danach nichts nützen, dass er seine von der ARD freihändig falsch übersetzten Aussagen über eine Kernschmelze im erdbebenbeschädigten Kraftwerk Fukushima 1 "zurückgenommen" (n-tv) hat, weil er sie nie gesagt hatte.

Das Kind ist im Brunnen, das Industrieland Japan, laut Karte etwa so groß wie Deutschland, restlos "verwüstet, verzweifelt, verstrahlt", wie n-tv punktgenau analysiert. Unter dem Motto "Japan steht offenbar vor einer nuklearen Katastrophe" hat der Unterhaltungssender einen Ticker geschaltet, der alle Belege für diese Ausgangsthese sammeln soll. Es gibt kein Morgen mehr, für niemanden, ist sich Grünen-Chefin Claudia Roth sicher. Japan sei nicht nur eine Natur-, sondern auch eine "Hightech-Katastrophe" gewesen. Buße tun könne nur, wer jetzt Atomkraftwerke abschalte. So lange noch nicht klar ist, was in Fukushima wirklich passierte.

Deutsche Erfinder: Atommüll-Ofen und Solar-Laser

Ernsthafe Erörterung der Situation mit vielen Links zu ernsthaften Informationen bei Scienceblogs - mit besten Empfehlungen von Le Penseur

Ordnung für den Untergang

"Völlig unklar ist, ob die Kernschmelze läuft und wie lange noch", sagt der Greenpeace-Experte im "Morgenmagazin Extra". Die Experte ist ein anderer als gestern, die Katastrophe ist dieselbe: Nicht das Erdbeben, nicht der Tsunami, nicht die Toten von Japan erschüttern die deutsche Medienlandschaft. Sondern die Möglichkeit, dass die Greenpeace-Experten Recht gehabt haben könnten mit ihrer laut Google-Timeline bis zum 10. März 2011 nie zuvor geäußerten Ansicht, japanische Kernkraftwerke seien ganz besonders unsicher.

Doch die Katastrophen jagen sich, auch wenn Teile der japanischen Regierung es noch bestreiten. Schlechte Zeiten sind gute Zeiten für die Einschaltquoten, da muss man mitfühlen, aber auch ans Geschäft denken. Der Konjunktiv ist der beste Freund des Studiogastes, der nicht weiß, wovon er redet, das aber mit großer Überzeugungskraft über die Rampe bringt. Heinz Smital, auch er Greenpeace-Experte, findet "die Folgen der Fukushima-Katastrophe im Moment nicht einschätzbar". Jetzt komme es auf die Menge der radioaktiven Freisetzung und die Wetterbedingungen an, sagt er und leitet zum Wetterbericht über. Noch kein Atomstaub am Himmel über Halle, soweit der Studiometereologe das derzeit sagen kann. Die Gefährdung für Europa ist durch die große Distanz zu Japan eher gering, aber für Christoph von Lieven, auch er ein Greenpeace-Experte, gibt es keinen Grund zu Beruhigung. Alles hänge von der Windrichtung ab, es sei aber möglich, dass durch die Nahrungskette kleine Partikel hierher gelangen.

Kein Wunder, dass Nachrichtenkonsumenten verunsichert sind und nicht mehr wissen, wie sie reagieren solle. Eben noch Tunesien, Ägypten, Libyen, Guttenberg, E10 und Bahnstreik, jetzt plötzlich Cäsium im Frühstücksbrötchen und Jodtabeletten zum Nachtisch. In Leserbriefen und Zuschaueranrufen beklagen sich immer mehr Menschen über die katastrophale Unübersichtlichkeit des Katastrophenspielplanes. Man komme nicht mehr mit, klagen Betroffene, in einem bewegenden Brief an die Redaktion des "Mordenmagazin" berichtet ein Mann sogar, wie er an der Zapfsäule zu Superplus gegriffen habe, weil er in diesem Moment der Ansicht gewesen sei, damit etwas Sinnvolles gegen die Überfischung der Meer zu tun. In Stuttgart gingen derweil Zehntausende auf die Straße, um die gegen den Trend zu immer mehr Erdbeben zu protestieren.

Zeit, umzukehren, finden Internet-Aktivisten wie Gustaf Fröhlich, der jetzt mit einem neuen Konzept Ordnung in den Untergang bringen will. "Nachdem sich die Katastrophen inzwischen schneller abwechseln als die Wetterlagen", schlägt Fröhlich vor, "kann man den Katastrophen doch genauso vergeben Namen vergeben wie den Hoch- und Tiefdruckgebieten." Nach dem Erdbeben "Angela" folge künftig der Tsumami "Bullerjahn", dann der atomare Supergau "Claudia".

Ursprünglich von Popstar Bon Jovi erdacht, der den Plan in seinem Stück "You Give Love A Bad Name" umrissen hatte, gewinnt das Fröhlich-Konzept derzeit in Windeseile Anhänger. Alles hänge jetzt von der Windrichtung ab, sagte ein Greenpeace-Experte. Damit werde eine neue Übersichtlichkeit geschaffen und dem fortschreitenden Untergang der Welt eine Ordnung gegeben, heißt es bei Unterstützern der Initiative, die derzeit eine Petition an Bundesklimakanzlerin Angela Merkel vorbereiten.

Empörend: Deutschland-Wetter verletzt Klima-Norm
Entsetzlich: Internet macht Erde immer schwerer
Erschütternd: Der stille Tod des Smog-Alarms

Samstag, 12. März 2011

Wiedermal Weltuntergang

Jetzt ist es amtlich. "Die ARD geht von Kernschmelze aus", zitiert Heise.de. "Japanische Regierung spricht nicht von Kernschmelze", beklagt "Die Zeit" in ihrer Rubrik "Tag 2 nach dem Beben". "Bilder, die die Welt in Atem halten", sieht das Handelsblatt, inzwischen nicht mehr auf den Tahrir-Platz in Kairo, sondern im Fernsehen. "Explosion in AKW", nimmt der "Spiegel", was noch zu haben ist, "Regierung spricht von beispielloser Katastrophe". Die "Angst vor dem GAU", die die "Welt" festhält, sie grassiert vor allem in Europa, speziell in Deutschland, und sie ist am besten zu sehen in Stuttgart: "60.000 demonstrieren gegen Atomkraft". ZDFonline kommentiert enttäuscht: "Japans Behörde für Atomsicherheit stuft die Explosion in Fukushima als weniger gravierend ein als Harrisburg '79 und Tschernobyl '86." Bundes-E10-Minister Norbert Röttgen aber mag die Hoffnungen auf einen Super-Gau nicht aufgeben. Einfach mal die Klappe halten, weil man nichts genaues weiß, kommt nicht infrage. "Anhand der uns vorliegenden Informationen neigen wir dazu, dass dort eine Kernschmelze im Gange ist", beschreibt der Christdemokrat seine Neigungen.

Für den Abend hat die ehemalige Klima- und Spargroschen-Rettungskanzlerin zum Krisengipfel nach Berlin geladen. Beobachter erwarten einen zweiten Euroschwur, wie damals im Oktober 2008. Mit dem Satz "Wir sagen den Stromverbraucherinnen und Stromverbrauchern, dass ihre Atemluft sicher ist. Auch dafür steht die Bundesregierung ein", werde Merkel Druck aus der Atomdebatte nehmen. Danach geht es in der ARD weiter mit Wintersport.

Zettel beleuchtet die deutsche Lust am japanischen Atom-Untergang

Ungewissheit über den Untergang

Christoph von Lieven weiß nicht, ob die Explosion nun in der Maschinenhalle oder in der Reaktorkuppel stattgefunden hat. Mit traumwandlerischer Sicherheit aber weiß der "Greenpeace-Experte", dass Angst angeraten ist. "Tschernobyl", sagt er, und noch einmal "Tschernobyl".

Tschernobyl ist überhaupt überall in diesen Stunden, in denen "Dach und Mauern des Reaktors in Fukushima zerstört" (FAZ) worden sind. Oder doch zumindest die der Maschinenhalle, man weiß es nicht. Man weiß es nicht und besser könnte es nicht laufen: Ungewissheit schafft Raum für Untergangsfantasien. "Kann denn diese atomare Wolke auch bis zu uns gelangen?", fragt ein beunruhigter ZDF-Moderator einen in Berlin stehenden ehemaligen Bundesatomexperten.

Tschernobyl im Fernsehstudio, so es denn ein deutsches ist. Während CNN seine Sendungen unter dem Titel "Probleme mit Nuklearanlage" fährt, heißt es bei n-tv "Kernschmelze droht". Cäsium ausgetreten. Hamsterkäufe in japanischen Städten. Evakuierung. Explosion im Reaktor.

Verstörende Nachrichten im Handelsblatt: "In China sitzen zahlreiche Japaner fest, die verzweifelt in die Heimat wollen. In Japan selbst herrscht stoische Ruhe - Notfälle ist man schließlich gewohnt."

"Da kann man nichts machen", erläutert Lutz Mez bei N24. Es handele sich bei Fukushima um einen Siedewasserreaktor, der mit nur einem Kühlwasserkreislauf läuft. Ist die äußere Hülle beschädigt, tritt aus dem Inneren direkt radioaktiv belastete Luft aus. zwar sei die Kettenreaktion durch das Einschieben der Steuerstäbe gestoppt worden. Doch ungekühlt könnten die Brennstäbe schmelzen und von selbst wieder eine Kettenreaktion in Gang kommen. "Wir wissen es nicht", sagt Mez.

Aber wir reden drüber. Reporter lesen live aus Twitter-Feeds vor, in denen live aus Fernsehsendungen zitiert wird, in denen Experten live aus Facebook-Statuseintragungen zum Thema zitieren. es herrscht Ungewissheit über den Untergang, die aber steht felsenfest. Wisst ihr schon Näheres? Jodtabeltten essen schadet nicht. "Die Brennstäbe verschmelzen", sagt Christoph vor Lieven, "sie brennen sich durch den Boden durch".

In den nächsten Stunden werden deutschlandweit fünf eigene Siedewasserreaktoren entdeckt werden. Nach Terrordrohung, Ägypten, Guttenberg, Libyen und Biosprit gilt die nächste deutsche Hysterie unweigerlich der Atomenergie. Es ist schließlich Wahlkampf.

Was von der Zukunft übrigbleibt
Endgültige allgemeine Verunsicherung