Sonntag, 24. April 2022

Schuld: Eine Frage des Schuldigen

Wenn es passt, reicht Mitschuld, passt es nicht, gibt es gar keine Schuld, nur die Verantwortung der Unschuldigen, sich nie zu gewöhnen.

C
em Özdemir kann es natürlich. Der frühere Außenpolitik-Experte der Grünen, mangels anderer Ministermöglichkeiten auf seiner letzten Karriereetappe noch schnell ins Landwirtschaftsfach gewechselt, empfindet auch als Agrarminister ganz besondere Verantwortung dafür, die schlimmsten Kapitel der deutschen Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Özdemir belässt es dabei nicht bei deutschen Verbrechen, auch der Genozid der Türken an den Armeniern gibt ihm Gelegenheit, zu mahnen: "Nie wieder heißt auch, immer wieder an diese Tragödie und die deutsche Mitschuld zu erinnern", ist sich der "anatolische Schwabe" (Özdemir über Özdemir).

Deutschlands Verantwortung

Viel mehr Platz war nicht, so dass die Täter zugunsten der Mitwisser zurückstehen müssen. Sie werden nie genannt, sie werden nicht erwähnt, sie sind gar nicht mehr vorhanden, ausradiert aus der Geschichte. Die Verantwortung auch für diesen Völkermord liegt nun komplett in Deutschland, nicht einmal regional gibt es bei Özdemir einen Hinweis darauf, wo sich der "Völkermord an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten" vor 107 Jahren wohl abgespielt haben könnte. War es in Sachsen? In Vorpommern? Oder in Brandenburg?

Eine Nebenfrage. "Nie wieder" heißt nicht nur, "immer wieder an diese Tragödie und die deutsche Mitschuld zu erinnern", sondern auch, "alles dafür zu tun, dass wir unserer Verantwortung heute gerecht werden". Rechtzeitig warnen, laut warnen und mit Name und Hausnummer warnen! 

Täter nur, wenn es passt

Nancy Faeser, Özdemirs Ministerinnenkollegin im Innenamt, hat das genau verstanden. Nach den so schrecklich aus dem Ruder gelaufenen antisemitischen Demonstrationen in Berlin mit ihren "Kindermörder Israel"-Rufen und Übergriffen sogar auf Journalisten, stellte die Sozialdemokratin ein für alle mal und diesmal womöglich abschließend fest, dass es "für Judenfeindlichkeit es in unserer Gesellschaft keinen Platz" gebe. 

Wer da demonstriert, spielt für Faeser keine Rolle, da es an den üblichen Verdächtigen fehlt. Wie Cem Özdemir, dem es wichtig ist, nicht zu erwähnen, dass die Jungtürken nicht nur an der Wiege der modernen Türkei standen, sondern auch an den Bahren von hunderttausenden von ihnen ermordeten Armeniern, legt Nancy Faeser Wert darauf, die Verursacher des neuen Berliner Judenhasses ungenannt zu lassen.

Gar nicht egal

Die Verurteilung der Verantwortlichen kommt ohne Verantwortliche aus: "Hier muss der Rechtsstaat konsequent handeln", fordert Nancy Faeser, entschlossen, sich an "antisemitische Beschimpfungen niemals zu gewöhnen - egal von wo und von wem sie kommen".

Ganz so egal ist das freilich nicht, zumindest nicht für die öffentlichkeitswirksame Aufarbeitung in tatkäftigen Tweets. Schuld wird dann stets zu einer Frage, die sich an der Person des Schuldigen entscheidet: Eignet er sich als Popanz für die eigene Agenda, reicht bereits eine Mitschuld, um ihm - und nur ihm - auch nach 107 Jahren noch ausdrücklich die Leviten zu lesen. 

Wie jeder Völkermord ist auch dieser damit Teil deutscher Verantwortung, wessen denn sonst. Und niemandens sonst! Handelt es sich  bei den Tätern allerdings um geschichtlich unbescholtene Menschen, vielleicht junge Männer, um die sich nie richtig gekümmert wurde, dann können die Betreffenden nicht nur selbst nichts dafür, es gilt auch, ihre Herkunft, ihren Glauben und ihre Identität aus der Diskussion um die Frage der Schuld herauszuhalten.

Dann gibt es gar keine Verantwortung mehr. Außer der, sich als Nichtbeteiligter nie zu gewöhnen -  eine Forderung, die den Kreis schließt: Die mit der Mitschuld tragen die Schuld, dass es immer noch so etwas gibt, denn sie haben sich daran gewöhnt.

EU-Grundgesetz fürs Netz: Die Cookie-Bäcker

In der EU gibt es bald bessere Cookies.

So viele Fliegen und wieder nur eine Klappe. Mit der Einigung auf ein "neues Grundgesetz für das Internet" (Tageschau) ist der EU einmal mehr ein genialer Schachzug gelungen. Die Gemeinschaft, schon im März des Jahres 2000 angetreten, mit der sagenumwobenen "Lissabon-Strategie" zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt zu werden, greift vom Rücksitz des Fahrgastes im Hightech-Zug nun wenigstens noch einmal nach der Weltherrschaft bei der Regulierung der nahezu durchweg aus dem Ausland kommenden Anbieterschaft im Internet.  

Nichts weniger als alles

Das Digitale-Dienste-Gesetz (DSA), auf das sich Vertreter von Europaparlament und EU-Mitgliedstaaten einer letzten 16-stündigen Verhandlungsrunde nach Jahren des Zeterns, Zerrens und Ankündigens geeinigt haben, wird nicht weniger tun als alles: Hass und Hetze aus den meinungsfreien Datenräumen vertreiben, die amerikanischen Netz-Giganten hart an die Kandare und Produktfälschern das Handwerk legen. Dazu bedienen sich EU-Parlament, EU-Kommission und EU-Mitgliedsstaaten eines gerissenen Tricks: "Was offline illegal ist, wird in der EU effektiv online illegal sein", hat Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen die gewiefte Taktik hinter den Neuregelungen beschrieben.

Damit umgeht die Wertegemeinschaft klug den Umstand, dass alles, was offline illegal ist, natürlich auch heute schon auch online illegal ist, weil kein Strafgesetzbuch Straftatbestände wie Betrug, Beleidigung oder üble Nachrede unter den Vorbehalt stellt, dass sie offline begangen worden sein müssen. Von der Leyen, die ihre politische Karriere einst als "Zensursula" mit dem Versuch begann, unangenehme Internetinhalte wegfiltern zu lassen, spricht denn auch gezielt nicht von Strafbarkeit, sondern von einer nicht näher bezeichneten "Illegalität" - was ihr vor zehn Jahren mit dem  Zugangserschwerungsgesetz im kleinen deutschen Rahmen nicht gelang, wird im Schatten von Pandemie und Ukrainekrieg im großen Maßstab Wirklichkeit.

Um verboten zu sein, muss etwas oder jemand keine Grenzen der Strafbarkeit mehr überschreiten, es reicht, die Grenzen des guten Geschmacks zu verletzen. Was genau das sein wird, muss sich zeigen: Heute ist das Rechtsverständnis in den einzelnen Mitgliedstaaten durchaus divers, in Dänemark und Schweden ist etwa das Zeigen von Hakenkreuzen nicht verboten, in Lettland ebenso, dagegen haben Lettland, Litauen und Ungarn das Zeigen des Sowjetsterns unter Strafe gestellt. Da künftig die Rechtslage in einem Land erlaubt, dass Institutionen aus diesem Land Internetanbieter zwingen können, national verbotene Symbole für Nutzer in der gesamten EU zu entfernen, kommt das allgemeine Verbot aller Insignien von irgendetwas, die irgendwo verboten sind, nun doch noch - 15 Jahre nach dem Scheitern des deutschen Vorstoßes nach Brüssel, das Hakenkreuz europaweit zu verbieten.

Segen für die Meinungsfreiheit

Ein Segen für die Meinungsfreiheit, denn damit verschwindet auch der Sowjetstern. Und in einen ganzen Schwung guter Nütze für Europas Verbraucher ist das alles auch noch verpackt. Denn mit dem Digital Service Act geht die Gemeinschaft endlich auch das leidige Problem der Cookies an, das sie mit der EU-Richtlinie 2009/136/EG über den Schutz personenbezogener Daten eigenhändig geschaffen hatte. Um die EU-Bürgerinnen und Bürger vor Nachstellungen von datengierigen Netzkonzernen zu schützen, wies die EU seinerzeit in ihrer "E-Privacy-Richtlinie" an, dass alle Websites mindestens 400 Mal am Tag die Einwilligung ihrer Besucher einholen müssen, um Cookies auf den Endgeräten der Nutzer speichern zu dürfen.

Ganz groß gedacht und seitdem  noch vielfach schlimmer gemacht. Die Cookie-Hölle EU generiert bis heute allein siebenundvierzig Mal mehr Zustimmungsklicks zur Cookiespeicherung als die gesamte restliche Welt. Die "Tagesschau" nennt das "Cookie-Wahnsinn",  doch in den Koalitionsverhandlungen vor der Bildung der Ampelkoalition stand zeitweise sogar zur Debatte, Deutschland Braunkohleausstieg auf 2027 vorzuziehen und als Ersatz die bei den Hochrechnungen zufolge 637 Billiarden Cookieklicks der Deutschen anfallende Energie zu nutzen.

Energie aus Cookieklick-Rückgewinnung

Ein interessanter Einfall, allein es mangelte seinerzeit noch an technischen Verfahren zur sogenannten Klickrückgewinnung. Bis heute besteht da weiterhin noch viel grundsätzlicher Forschungsbedarf. Doch die EU entfernt sich mit dem wegweisenden Digital Service Act, dessen Abnicken im Parlament als "Formsache" (DPA) gilt, nun schon wieder vom ehemals so "wichtigen Rechtsakt für die Anstrengungen, die Privatsphäre der Nutzer im Internet zu schützen". 

Nach der "Zähmung des Internets" (Handelsblatt) durch das "große Internetgesetz" soll es "bessere Cookies" (Die Zeit) geben. Dass die kleinen Lesezeichen "verschwinden, ist sehr unwahrscheinlich".  Aber: Kein Anbieter soll mehr die Möglichkeit haben, Internetnutzer zur Zustimmung zu zwingen wie bisher. Stattdessen ein Quantensprung für 440 Millionen Menschen, die sich allein oft nur durch sogenannte Add-Ons zu helfen wussten: Künftig soll es "einfacher werden, Cookies sie abzulehnen", dazu hat die EU ein Verbot erlassen, Zustimmungbuttons einladend farblich hervorzuheben, während Ablehungsknöpfe unauffällig grau weggetarnt werden.

Gäbe es die Gemeinschaft nicht, sie müsste zweifellos erfunden werden.


Samstag, 23. April 2022

Es war nicht alles Brecht: Über Kleingärten im Sozialismus

Die Welt hinterm Haus

in Parzellen zerteilt

jeden gehört eine Kleinigkeit

von allem

was allen gehört.

 

Zur alltagskritischen Reihe "Es war nicht alles Brecht"

Stille Feldpost: Frieden schaffen mit Ringtausch-Waffen

Die ersten Panzer aus der deutschen Wehrrücklage werden für den Ringtausch vorbereitet.

Unerträglich ist die Lage in Mariupol, das hat Annalena Baerbock vom Baltikum aus gesehen. Andrij Melnyk dagegen weiß aus eigener Erfahrung, dass es in Berlin nicht besser ist. Keine Panzer auf den Straßen, die in langen Kolonnen Richtung Osten rollen. Keine Haubitzen, keine "Marder", "Wölfe" und wie die deutschen Kriegstiere sonst gerade heißen. Nur Marina Weißband, eine Grüne mit Wurzeln in der Ukraine, die für alle Militärstrategen spricht, die aus Filmen wissen wo vorn ist beim Gewehr: Es braucht mehr, mehr von allem, mehr Waffen, mehr Geld, mehr Willen, mehr Entschlossenheit und mehr Tempo sowieso.  

Deutschlands Weltfriedensverantwortung

Wie für alle anderen Staaten weltweit auch hat Deutschland eine besondere Verantwortung auch für die Ukraine, vor 80 Jahren als Teil des deutschen Generalgouvernements immerhin verwaltet vom Reichskommissariat Ukraine im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete. Zugleich ist da die panische Angst vor einem atomaren Angriff aus dem Osten, der irre Iwan, er könnte durchdrehen und den deutschen Atomausstieg in einer einzigen Sekunde ungeschehen machen. 

Führende Pokerspieler halten das für unwahrscheinlich, doch hat nicht Putin die Ukraine auch mit einer Streitmacht angegriffen, die nach allen Regeln der modernen Kriegskunst niemals ausreichen konnte, das Land zu besiegen? Ist er der Wahnsinnige, für den ihn alle halten, könnte er auch noch einmal tun, was niemand tun würde, der noch bei klarem Verstand ist.

Beim Russisch-Roulette liegen die besseren Chancen immer beim Revolver, und darauf gründet sich die Strategie des Bundeskanzlers zur Einhegung der "größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg", wie es seine Vorgängerin zweifellos genannt haben würde, wäre sie damit konfrontiert worden. Scholz, der mit ruhiger Hand regiert wie er es bei seinem früheren Dienstherren Gerhard Schröder gelernt hat, widersteht der Versuchung, den Populisten des Traums vom Vormarsch mit Schwerenwaffen nachzugeben.

Abnutzungskampf im Osten

Eile mit Weile, Rüstung über Umwege. Olaf Scholz, der im Unterschied zu seinen schärfsten Kritikern Zivildienst geleistet hat, ist auf einen langen Abnutzungskampf an der nach einem Beschluss der Bundesworthülsenfabrik als "Ostflanke" zu bezeichnenden früheren Ostfront eingestellt. Der letzte Krieg dort dauerte vier Jahre, die Landflächen gelten als riesig, die Räume als kaum in einem Zug einnehmbar. 

Früh hat Scholz seine Herolde deshalb überall bekanntmachen lassen, dass nichts da ist und dass da auch nichts dazukommt. Der nackte Mann in Olivgrün hat nicht mal Taschen, geschweige denn Geschütze, Bomben und Panzer zu verschenken. So traurig das ist, das bisschen, was übrig ist von der einstigen Wehrmacht wird gebraucht, um es dem Russen entgegenzuwerfen, wenn er sich den deutschen Grenzen nähert, die, das ist seit Jahren bekannt, niemand schließen kann.

Rettung aus der BWHF

Rettung in der prekären Situation zwischen der öffentlichen Erwartung, Deutschland könne und müsse den Vernichtungsfeldzug der Russen gegen die Ukraine beenden wie früher US-Stabsoffiziere Bundeswehrmanöver beendeten - Koffer auf, einige nukes in den Sandkasten geworfen, fertig war der Russe - kam für den Kanzler einmal mehr aus der Bundesworthülsenfabrik (BWHF)

Liefern müssen und doch nicht liefern wollen, weil man nicht liefern können darf, um den Kriegsherren im Kreml nicht zu brüskieren, das geht nur über einen "Ringtausch"®©. Ein Wort, das in der BWHF aus älteren Beständen gekramt wurde, die noch aus DDR-Zeiten stammen, als zumindest ein Teil Deutschlands inniglich verbunden war mit dem Brudervolk der Befreier vom Hitlerfaschismus.

Umzug der Wehrrücklage

Ein "Ringtausch" bezeichnete seinerzeit, in den friedlichen Jahren des Kalten Krieges, eine Reihe von  kreisförmigen Umzügen in Echtzeit: Bürgerinnen und Bürger gingen die Lösung der Wohnungsfrage  als soziales Problem an, indem sie Wohnraum tauschten, einmal groß gegen zweimal klein, einmal da gegen einmal dort. Kein Staub setzte sich zwischen Auszug und Neueinzug, dämmerte der Abend, hatten alle wieder ein Zuhause, nur woanders. Obgleich nirgendwo etwas dazugekommen war, hatten alle am Ende des Tages mehr.

Ein Vorbild, um das die Mitarbeitenden von Falk Ebenhagen, Hauptabteilungsleiter Hauptsatzverwaltung (HHV) in der BWHF, nicht herumkamen. Nach dem bewährten Muster von "Energiewende" und "Wachstumspakt", "Mietpreisbremse", "Stromautobahnen", "Ökoflation" und zuletzt "Basisschutz" entwarfen die Worthülsendreher, Phrasendesigner und Bedeutungspoeten der BWHF diesmal einen Symbolbegriff per Reanimation. Man habe "den Staub heruntergeblasen", beschreibt Ebenhagen, und für die ersten paar Tage wie üblich angeordnet, dass ein "sogenannt" oder auch "so genannt" in der Einführungsphase der neuen Vokabel voranzustellen sei. "Die Menschen müssen sich ja erst an das neue Wort gewöhnen, vor allem im Westen."

Vorbild DDR-Wohnungsnot

Von dessen Fronteinsatz versprechen sich die Experten in Berlin eine Menge, adäquat zur Wirkung auf Wohnungsnot in der DDR. Wenn Deutschland keine Panzer, Haubitzen, Schützenpanzer und Jagdflugzeuge an die Ukraine liefert, dafür aber an Slowenien, Kroatien, Tschechien und die Slowakei, die ihrerseits dann aus ihren Beständen Waffenvorräte nach Osten weiterreichen, ist allen geholfen und niemandem fehlt etwas, das er vorher gar nicht hatte. Das Unternehmen Dabeisein ohne Mitzumachen hat etwas von Quantenphysik. Schrödingers Katze fährt Scholzens Panzer an die Ostfront Ostflanke.

Freitag, 22. April 2022

Zitate zur Zeit: Die russische Art Vergangenheit

Immer wieder müssen Teile der Vergangenheit neu bewertet und ausradiert werden.

Nichts ist so unvorhersehbar wie die Vergangenheit.

Russisches Sprichwort

Nachruf auf die Linkspartei: Jeder stirbt für sich allein

Susanne Hennig-Wellsow zieht sich auf ihr Bundestagsmandat zurück. Gemälde: Kümram, Naturkreide auf Blut, karamellisiert

Es war ein kurzer Tanz auf dem erlöschenden Vulkan, den Janine Wissler und Susanne Hennig-Wellsow gemeinsam tanzten. Dreizehn Monate nur amtierten die "neue Doppelspitze" der Linkspartei, die den Gipfel bereits am Tag ihrer Wahl erreicht hatte. Janine Wissler tauchte danach umgehend ab, Henning-Wellsow noch schneller. Gregor Gysi, der Altvordere der ehemaligen PDS, war und blieb präsenter. Nie wieder gelang es einer der beiden Parteivorsitzenden, auch nur annähernd so erfolgreich zu agieren wie im Februar 2020, als Wellsow, die aus Mecklenburg nach Thüringerin verzogene Ostdeutsche im Duo, dem neugewählten Ministerpräsidenten des Freistaates auf ihre Weise Respekt erwies.

Neuanfang mit schnellem Ende

Die offensive Verachtung für demokratische Gepflogenheiten und Entscheidungen, Jugendlichkeit, Weiblichkeit und das klare Bekenntnis zum Kommunismus als gesellschaftspolitischem Ziel langten nicht, den versprochenen Neuanfang der Linkspartei einzuleiten. Wie Andrea Nahles nebenan bei der SPD scheiterten auch die beiden Damen mit der unstillbaren Sehnsucht nach einem  "wahren Sozialismus", nach "soziale Gerechtigkeit" und staatlich organisierter Chancengleichheit an den Verhältnissen. 

Bis zur Bundestagswahl im Herbst 2021 träumten die zerrütteten Reste der Union aus verträumten Westlinken und realsozialistischen sozialisierten früheren FDJlern noch von einer Zukunft als drittes Rad am rot-rot-grünen Regierungswagen. Mit den beiden anderen Linksparteien in eine neue Zeit ziehen, das hätte den Jahrzehnten anhaltenden Niedergang der immer noch nur umbenannten SED trefflich maskiert. Dafür hätten die Genossen sogar ein paar Panzer geschluckt und die eine oder andere Nato-Mission geleitet.  

Letzte Phase des Niedergangs

Doch der Wahlabend dokumentierte nicht die Wiederauferstehung, sondern den Beginn der vielleicht letzten Phase des Niedergang einer Partei, die nach 30 Jahren Eindämmung, Isolation und allerlei verdruckster Versuche, sich ranzuschmeißen an den Klassenfeind, immerhin angekommen war in der Mitte des Parteienstaates. Die Linke, ehemals PDS, ehemals SED, bis heute aber dieselbe Organisation,  regierte mit, wo sie konnte, sie simulierte Opposition, so lange es nicht grundsätzlich wurde, und  trieb die gesellschaftliche Spaltung voran, wo immer sie glaubte, Nutzen daraus ziehen zu können.
 
Ost gegen West, Links gegen Rechts, Arm gegen Reich - je weniger erfolgreich die Strategie war, desto verhementer wurde sie verfolgt. Nach knapp 30 Jahren im Westen war die Linke nur noch in zehn Landesparlamenten vertreten, davon lagen nur vier in Westdeutschland, davon waren drei kleine, bedeutungslose Länder wie das Saarland, Bremen und Hamburg. Wissler und Hennig-Wellsow, zwei  weniger junge, als vielmehr mittelalte weiße Bildungsbürgerlinke, die noch keinen einzigen Tag in ihres Lebens hauptberuflich außerhalb des Parteibiotops gearbeitet hatten, sollten den Trend drehen, die Altstalinisten, Lafontaine-Linken und Bionadebürgerlichen vereinen.
 

Langes Elend

 
Das musste schiefgehen. Aber musste es so lange dauern? Dreizehn Monate spielte sich das ungleiche Duett, hier die verträumte Romantikerin aus Hessen und einer DKP-Familie, als eisenharte Trotzkistin eine der letzten ihrer Art. Dort die ehemalige Eisschnellläuferin mit dem Lehrerdiplom, Tochter eines Volkspolizisten und einer Standesbeamtin, die mit 26, als sie jüngste Abgeordnete in den Thüringer Landtag einzog und ihre Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Landtagsfraktion beendete, in die große politische Karriere startete. 
 
Beide Frauen entstammen derselben neuen deutschen Nomenklatur wie Kevin Kühnert, Aydan Özoguz, Juliane Seifert und Florian Pronold und Sawsan Chebli, sie gleichen den Manuela Schwesig, Lars Klingbeil und Carsten Schneider der anderen Parteien wie ein Ei: Nachwuchskader aus der Asiette der Parteibrutanstalt, schon vor dem Abitur in die Partei eingetreten, während des Studiums in einem Abgeordnetenbüro beschult und anschließend selbst leitende Parteiarbeiterinnen.
 

Fünfklang als Echo des wahren Sozialismus

 
Kollektivieren, Vergemeinschaften, Verbieten, Erziehen und Strafen, der Fünfklang des letzten wahren Sozialismus auf deutschem Boden, er erklang als Echo, wo immer das "Team Solidarität" auftrat. Weg mit diesem System! Weg mit der Marktwirtschaft, dem Renditestreben Einzelner, der Verpflichtung, die Grundfesten des Staates zu verteidigen. Her mit dem Equal Pay Day, der allumfassenden staatlichen Daseinsfürsorge und einer Bundesmietpreisbremse. Der Verfassungsschutz wird abgeschafft, aber die Revolution erst später ausgerufen. Denen war das zu spät, die anderen hatten Angst um  ihr Häuschen, um ihren Mittelklassewagen und um den kleinen Malerbetrieb.
 
An wen sich das politische Angebot der Linkspartei überhaupt noch richtete, war schon seit Jahren nicht mehr klar, doch unter Wissler und Wellsow wurde es noch unklarer. Die Parteispitze konnte sich darauf einigen, dass Sahra Wagenknecht falsch lag, wenn sie Abweichler, Zweifler und Querköpfe auf die Barrikaden rief. Man selbst konzentrierte sich bei der Suche nach neuen Mehrheiten lieber auf das alte, angestammte Milieu: Wer die SPD zu westlich und immer noch zu marktwirtschaftlich fand, wem die Grünen zu atlantisch und vor lauter Lastenrad-Romantik zu wenig klassenkämpferisch waren, der zeigte es den superreichen Kuponschneidern mit einem Kreuz im sechsten  Kreis der Wahlzettelhölle.
 

Millionen standen hinter ihnen

 
2,3 Millionen Menschen ließen sich zuletzt immer noch nicht abschrecken. Nicht von Hennig-Wellsows Unkenntnis der Binsen ihres Berufes. Nicht von ihrer anhaltenden Westskepsis. Nicht von Wisslers Fokussierung auf den ewigen Kampf gegen rechts und ihrem immer wieder stolz vorgeführten Glauben an die Allmacht des Staates und die Macht von Knute und Kandare. Doch die "Mühen radikal-pragmatischer Politik", sie mahlten langsam, aber unerbittlich: Mit Ach und Krach gelang noch einmal der Sprung in den Bundestag, die ersehnte "Perspektive linker Politik" (Taz) aber sah nur noch ein langsames Sterben vor.
 
In ihrer Rücktrittserklärung  nannte Susanne Hennig-Wellsow alles das allerdings nicht, sondern schob im Trend der letzten Tage ihren achtjährigen Sohn vor. Dazu der linke Sex-Skandal in Hessen, über den nicht viel mehr bekannt ist als Vorwürfe über sexualisierte Gewalt, Sexismus und toxische Männlichkeit, von denen niemand nichts wusste. Janine Wissler, die näher dran ist an den Ereignissen im dunkeldeutschen Bundesland im Westen, macht indes weiter. Jemand muss den Laden ja abwickeln.

Donnerstag, 21. April 2022

Tolle Truppe: Unterm Bombenteppich auf die Karriereleiter

Den Ostfeldzug vom Sofa aus mitspielen: Ein cooles Bundeswehrgame macht es möglich.

Die deutsche Sozialdemokratie bis hin in die Mitte der Union, die Grünen und die Reste der Linkspartei sowieso, Deutschland wähnte sich über Jahrzehnte in einer heilen Welt. Zu Gast bei Freunden, der Frieden musste nicht einmal bewaffnet sein.was an Bundeswehr noch vorhanden war, diente als abschreckendes Beispiel für die rechtsextrem machende Wirkung des Waffenhandwerks. Provozierend öffentlich ließen Bundesregierungen im halben Dutzend die Überbleibsel früherer Wehrhaftigkeit vergammeln und verfallen. Schwäche die wahre Stärke der Nation, die keine mehr sein wollte, sondern Teil eines größeren Ganzen ohne genaue Form, ohne festen Inhalt, aber mit den besten Absichten.

Opas Offensivgeist ist verebbt

Wenig an Fünf- oder Zehn-Punkte-Plänen, die hierzulande geschmiedet wurden, kam konsequenter zur Umsetzung. Wenig an Absichten, Paketen und Agenden gelang so gut. Elf Jahre nach Aussetzung der Wehrpflicht für immer ist die deutsche Jugend wehrunwillig, Opas legendärer Offensivgeist ist verebbt. Schlaff präsentieren sich die kläglichen Reste der einst so stolzen Panzertruppe in ihren eingemotteten Leoparden, das Heer hat keine Schwerenwaffen, die Marine keine großen Schiffe, es fliegt wenig und die Gewehre aus eigenem Anbau schießen um die Ecke, ohne dass Ersatz in Sicht ist: Erst müssen die höchsten Richter entscheiden, wessen Wumme sich nicht erwärmt, wenn der deutsche Soldat den Feind bekämpft.

Das Hauptsacheverfahren ist noch offen. Es könnte sein, dass ein Urteil fällt, noch ehe ein ganzes Jahrzehnt herum ist. Entscheidend geschwächt geht Deutschland in die Schlacht mit dem Endgegner im Osten. Die Lage ist ernst, alle Bemühungen von Graf Guttenberg, Thomas de Maiziere, Ursula von der Leyen, Annegret Kramp-Karrenbauer und Christine Lambrecht, Deutschland fit zu machen für einen neuen Waffengang, haben kaum Ertrag gebracht. 

Die Bundeswehr als abschreckendes Beispiel

Die Bundeswehr ist immer öfter rechtsextrem, jeder zweite Mann im Land ungeeignet zum Dienst an der krummen Waffe. Einen Krieg gegen Polen, Thailand oder Griechenland würde die blanke Trümmertruppe unter Umständen wieder gewinnen. Doch griffe Ägypten an, Indonesien, die Türkei oder Italien, hülfe nur der Einsatz der agilen Teile der Wohlstandsjugend aus den Bionadevierteln, die sich auf den Straßen an den Landesgrenzen festkleben müssten, um den Einmarsch aufzuhalten.

Deutschlands ist geschwächt, doch Deutschland weiß sich zu helfen. Mit dem "Soldatenspiel" zeigt der frühere Hightech-Standort, dass Gewehre, die nicht schießen, Hubschrauber, die auf Anweisung des Tüv Rheinland wie festgeschraubt am Boden bleiben müssen, und Jagdflieger ohne Startfreigabe von der Frauenbeauftragten kein Problem sind. Im Browsergame "Soldatenspiel" kann jedermann vom Sofa aus "Teil der Truppe" werden, kostenlos und ohne Download. Als kerniger Kerl heißt es dann, genug Wut für einen Kampf aufzuladen, um anschließend "die Kampfeslust zu stillen", wie die natürlich aus dem Osten Deutschlands stammenden Entwickler beschreiben.

Es klappert das Höhenleitwerk

Ein Gefecht verbraucht standardmäßig "20 Wut", wie die Entwickler mitteilen, die in Manuela Schwesigs Hauptstadt KleinmoskauSchwerin sitzen. Chef im Ring ist das Oberführungskommando, das "authentische Missionen" ausgibt, "fast wie bei der Bundeswehr". Mal klappert das Höhenleitwerk, mal schießt das G36 um die Ecke, mal verlangt das Generalität einen Bombenteppich auf zivile Kollateralgeiseln, um einen Hufeisenplan mit Stumpf und Stiel auszumerzen. Auf dem Weg nach Moskau geht der Soldat dabei seinen Weg zur Spitze der Karriereleiter, er schiebt Wache wie Opa, bildet seine Fähigkeiten weiter aus, um auch in Kräftemessen mit entmenschten Russen Frauen und Kinder zuerst beschützen zu können.

Jeder virtuelle Kriegsfreiwillige kann zu Beginn des Spiels selbst wählen, wie er aussehen möchte, in welcher „Truppengattung“ (Bild) er dienen will und ob er mit Spezialwaffen wie dem berühmten Makarow-Gewehr ins Gefecht gehen mag. Es herrscht "Bombenwetter"  in der virtuellen Welt und der "Truppenendgegner" wird der Summe der deutschen Kriegsanstrengungen am Ende mit Sicherheit nichts mehr entgegenzusetzen haben.

Energieausstieg im Eilzugtempo: Amputation der alten Wohlstandszöpfe

Ausgeschalteter Strom wird in den Netzen gespeichert und verbraucht, wenn mal kein Wind weht.

Der Kanzler ist abgetaucht und bei gelegentlichen öffentlichen Auftritten wirkt er verwirrt wie kurz vor der Grenze, an der Politiker unsichtbaren Gratulanten dankbar die Hand schütteln. Die Verteidigungsministerin urlaubt auf Sylt, der Klimaminister packt immer noch an seinem großen Osterpaket. Der Finanzminister hält sich zurück und die neue Familienministerin entwirft die ersten Pläne für die kommende Kindergrundsicherung.

Öl wird halbiert

So war es wieder an der Chefin im Außenamt, den Deutschen zu verkünden, was errechnet und beschlossen worden ist: Deutschland wird ab kommendem Jahr kein russisches Öl mehr importieren, schon bis zum Sommer werde "das Öl halbiert" und bis Ende des Jahres bei null sein. Dann werde Gas folgen, "in einem gemeinsamen europäischen Fahrplan", ein Ausstieg nach Art einer echten Wertegemeinschaft.

Wie seinerzeit Angela Merkel von Südafrika aus die Landesregierung in Thüringen neu besetzte, so wählte Annalena Baerbock einen Abstecher nach Riga, um die Einstellung der deutschen Ölimporte aus Russland zu verkünden. Mehr noch, neben Gas wird auch mit Stein- und Braunkohle Schluss gemacht.

Russische Energieimporte laufen aus

Deshalb sage ich hier klar und deutlich: Ja, auch Deutschland lässt die russischen Energieimporte komplett auslaufen", erklärte Baerbock. "Ein für allemal" würde "unsere russische Energieabhängigkeit" beendet", ein Beschluss, hinter den keine jemals mehr kommende Bundesregierung zurückfallen darf. Er steht für immer wie die Schuldenbremse, wie die neue Ostpolitik der SPD und der Beschluss, Atomstrom und das gefürchtete Fracking-Gas nur aus ausländischen Quellen zu fördern.

Jetzt muss es schnell gehen und das wird es. "Wir können jetzt die Uhr nicht zurückdrehen", hat Annalena Baerbock gesagt. Aber vor! Lieber heute als Morgen sollen alle russischen Lieferungen  im Bereich der Energie heruntergefahren werden. "Wir wollen alle die Gaslieferungen auslaufen lassen, lieber heute als morgen", sagte Baerbock. Acht Monate bleiben nun, die Volkswirtschaft komplett zu elektrifizieren und nach dem Atom-, dem Steinkohle- und dem Braunkohleausstieg auch die "Fossilen" (Ricarda Lang) aus Russland zu ersetzen, die heute noch 51 Prozent beim Gas, 50 Prozent bei der Kohle und knapp 40 Prozent beim Öl ausmachen.

Heizen mit Wollen

Solar und Wind, Wasser und Erdwärme, Netze als Speicher und Einsparungen durch das Heizen und Kochen mit Wollen - die Alternativen sind aus der Grünen Physik zum Teil seit Jahren bekannt, wurden aber bisher durch die fortgesetzten Einflüsterungen der fünften Kolonne Moskaus nicht ernst genommen. Zu teuer sei ein sofortiger Ausstieg aus allem, wie ihn junge Klimaaktivisten seit Wochen fordern, so groß sei das Risiko, die Wirtschaft an die Wand zu fahren. 

Seitdem aber klar ist, dass in Deutschland viele Menschen nach dem Krieg sowieso ärmer sein werden, ist ein Rückbau des überbordenden deutschen Wohlstandsniveaus aus den 90er Jahren kein Tabu mehr. Schaden abzuwenden, wie es im Amtseid des Bundeskanzlers heißt, muss in der aktuellen Situation eben heißen, schnell zu operieren: Ein tiefer, radikaler Schnitt auch ohne Betäubung und nachfolgend eine Amputation aller alten Wohlstandszöpfe. Fließt kein russisches Gas mehr nach Deutschland, müssen allenfalls 43 Terawattstunden ersetzt werden, dazu addiert sich zum Jahresende der Wegfall der derzeit noch aktiven Atomkraftwerke Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 mit weiteren 64 Terawattstunden Stromerzeugung. 

Kein Problem, das nicht mit dem Neubau von nicht einmal 11.000 Windkraftanlagen sofort behoben werden kann.


Mittwoch, 20. April 2022

Der Irrweg der Entspannung: Z wie Zeitenwende

Olaf Scholz gilt als letzter Genosse der großen Schröder-Jahre mit ihrer selbstbewusst ausgestellten Kumpanei zwischen SPD und Putins Russland. Gemälde: Kümram, Naturkreide gestrichen, karamellisiert

Es war, so viel ist mittlerweile bekannt, wohl kein Zufall, dass Bundeskanzler Olaf Scholz bei seiner bejubelten ersten Kriegsrede im Bundestag das Wort "Zeitenwende" in den Mittelpunkt stellte. Ein Wort mit Z, einen nur wenig gebräuchlichen Buchstaben, den der russische Diktator Wladimir Putin seinen Angriffstruppen  beim Überfall auf die Ukraine als geheimes Zeichen verordnet hatte. "Z" als Zeichen für das russische Wort "za", den Beginn der Parole "Za Pobedu!", zu Deutsch  "Für den Sieg!", die allerdings im Russischen, das kein Z kennt, als "за победу" mit S geschrieben wird.

Für den Sieg im Bundestag

Dazu nun Scholz' "Zeitenwende", ein Begriff, der den Erzählungen aus dem politischen Berlin zufolge wie stets bei der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) bestellt und von dort auch geliefert wurde. Ein Zufall? Oder das Werk russischer Einflussagenten, die die deutschen Debatten manipulieren wollen?

Sechs Wochen nach dem Tag der Wahrheit klären sich die Fronten. Es ist die SPD, die Recherchen des Magazins "Der Spiegel" zufolge bereits seit Jahren, womöglich seit Jahrzehnten als fünfte Kolonne Moskaus agiert. Mutmaßlich angefangen von Willy Brandts ersten Schritten nach Osten, die in einer Kumpanei mit den damaligen Machthabern in Moskau gipfelten. Im August 1970 hatte Brandt, wie jetzt bekannt wurde, bei einem Besuch in der russischen Hauptstadt darauf verzichtet, die Frage der Menschenrechte anzusprechen und sich darauf beschränkt, im Katharinensaal, einem der drei Festsäle des Kreml, die mit russischen Waffen, Blut und Tod neu gezogenen europäischen Nachkriegsgrenzen anzuerkennen.

In der alten Bonner Bundesrepublik wurde das Einknicken vor einem absolutistischen System als "Entspannung" gefeiert. Der Plan, mit dem Bau der so genannten "Druschba"-Pipeline sowjetisches Öl nach Westeuropa zu transportieren, um Deutschland unabhängiger vom Importen aus den islamischen Despotien am Golf zu machen, wurde im ersten Anlauf noch von den Amerikanern torpediert, die die Stornierung der bereits unterzeichneten Verträge erzwangen. Später aber arrangierten sich alle mit einem ausgeklügelten System der vernetzten Kungelei: Die Russen lieferten in die DDR. Die DDR lieferte in die Bundesrepublik. Alle waren glücklich. Nach der zweiten Ölkrise sprach niemand mehr vom Blutöl aus dem neuen Zarenreich.

Blutöl aus dem Zarenreich

Doch den Sozialdemokraten, auch das ist jetzt erst bekannt geworden, war diese Abhängigkeit noch nicht genug. Ab 1968 beriet man einen Anschluss Bayerns an das sowjetische Gasnetz - ein Affront gegen den EU- und Nato-Partner Niederlande, dem vorgeworfen wurde, ein Erdgas-Liefermonopol für Deutschland zu besitzen. Man wolle sich davon unabhängiger machen, argumentierte die deutsche Sozialdemokratie, an deren Seite mit Italien und Frankreich zwei EU-Staaten standen, deren kommunistische Parteien hartnäckig für Moskau lobbyierten. 

Als "Energie-Kooperation" verbrämt, warf sich Europa begeistert in die Armee des sowjetischen Russlands: Es war das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", das die deutsche Öffentlichkeit über die raffinierten Erdgas-Röhren-Pläne informierte. Ein kompliziertes Dreiecksgeschäft mit einem Tausch von sowjetischem Erdgas gegen deutsche Stahlrohre, die Russland bezahlen werden, indem es für einen Zeitraum von 20 Jahren jährlich bis zu drei Milliarden Kubikmeter Erdgas im Gesamtwert von 2,5 Milliarden D-Mark nach Deutschland liefere.

Augen zu, Gashahn auf

Putins spätere "Puppen" (Der Spiegel) hatten allen Grund zum Jubel. Deutsche Stahlkonzerne wie der spätere Telefonkonzern Mannesmann und der Schwerewaffenhersteller Thyssen lieferten 1,2 Millionen Tonnen Großröhren für die Abhängigkeitsleitung mit einem Durchmesser von 1,42 Meter. Ein aus 17 Banken bestehendes Konsortium finanzierte das Millionengeschäft über einen mit aus heutiger Sicht sagenhaften sechs Prozent verzinsten Kredit vor, für den die Bundesregierung bürgte. Nach Fertigstellung der Pipeline würde Russland mit Gas zahlen - und Deutschland mit seiner energetischen Unabhängigkeit.

Das aber ahnte damals niemand, nicht einmal beim "Spiegel", nicht einmal bei den Grünen, die noch nicht gegründet waren und auch noch keine Pläne schmiedeten, 30 bis 40 Erdgas-Kraftwerke neu zu bauen, um russisches Gas als Brücke in eine braunkohle-, atom- und ölfreie nachhaltige Zukunft zu nutzen. Das Gerücht, dass die gesamte SPD mutmaßlich von Moskau aus unterhalten wurde, kursierte in der Parteipresse allenfalls unter der Hand, als "Russland-Versteher" verharmlost bekamen die Propagandisten einer laschen Haltung mit Umarmungs- und Unterwerfungsfantasien zuverlässig und überall ihre Plattform geboten.

Kommando späte Reue

Das Umdenken in den deutschen Medien erfolgte er, als den Anhängern des Spinnennetzes in die Sowjetunion ihre Beschwichtigungspolitik mit dem Angriff auf die Ukraine um die Ohren flog. Martin Schulz und Gerhard Schröder, Heiko Maas, der selige Helmut Kohl, Egon Bahr, Willy Brandt, Manuela Schwesig, Angela Merkel, Ursula von der Leyen, Michael Kretschmer, Peter Altmaier, Walter Steinmeier, Sigmar Gabriel und Joschka Fischer: Wie unter einem grellen Blitzlicht zeigt sich die politische Elite des Landes als eine einzige "Moskau-Connection" (FAZ), die das "Unheil trotz aller Signale nicht hatte kommen sehen wollen" (Focus). 

Ein ganzes Milieu aus Politiker, Diplomaten, Medienarbeitern, Wissenschaftlern, Buchautoren und Expert*:/innen führte die Bevölkerung hinter die sibirische Birke. Die Schuld des letzten Krieges werde am besten durch gelenkige Fügsamkeit abgetragen, Wandel durch Annäherung, Akzeptanz des Anderes und seiner so anderen Vorstellung von Menschenrechten, Glücksversprechen und dem Absterben des Nationalstaates. Sie konnten mit einander, alle bewunderten das Comeback des Großreiches, auch wenn es allen ein wenig gruselte dabei.

Verfechter einer harten Linie mit mehr Aufrüstung, mehr Energieimporten aus den befreundeten USA und einer Stärkung der nationalen Rüstungsindustrie durch vermehrte Exporte in Kriegs-und Krisengebiete mussten sich als kalte Krieger beschimpfen lassen. Als Donald Trump Deutschland ein Ultimatum stellte, seine Verpflichtungen der Nato gegenüber einzuhalten, musste sich der US-Präsident verhöhnen lassen. Selbstbewusst und auf offener Bühne diskutierten Moskaus Frauen und Männer in Berlin, wie sich die Forderungen aus den USA formal am besten einhalten lassen würden, ohne sie wirklich einzuhalten. 

Niemand wollte es wissen

Niemandem fiel das auf. Niemand hatte etwas dagegen. Vom Willy-Brandt-Haus bis zum Kanzleramt, vom Spiegel-Hochhaus bis zur Süddeutschen Zeitung, vom Grünen-Vorstand bis ins Herz der Merkel-Union wollten alle glauben, dass die Welt so ist, wie sie in der eigenen Vorstellung war. Und nicht so, wie sie zu sein schien. Selbst Scholzens "Zeitenwende" entpuppte sich zum Unwillen nahezu aller angeschlossenen Abspielstationen als Versuch, die alten Zeiten unter einer neuen Überschrift fortzusetzen: Kein sofortiges komplettes Energieimportembargo. Keine "Schwerenwaffen" (Baerbock) für die Verteidiger des Wertewestens an der Ostfront. Maß und Mitte und Wankelmut statt Generalmobilmachung.

Die Enttäuschung dort, wo der Verstand noch bei jeder Aussicht auf Schlachtenlärm sofort in die Trompete fliegt, ist mit Händen zu greifen. Deutschland müsste nun und es sollte wieder, es kann nur und darf sich nicht drücken. Zu den Gewehren! Dass der Feind im eigenen Land nun erbarmungslos verfolgt wird, ist ein guter Anfang, denn nur, wenn die Heimatfront steht, kann an offensive Bewegungen gedacht werden. Wer, wenn nicht das Land, das zwei Weltkriege ausgelöst und überstanden hat, weiß, wie eine neue Ostpolitik aussehen könnte, die sich an neuen und doch sehr alten Realitäten orientiert. 

Der Russe, er ist nicht integrierbar, er ist nicht einmal Europäer, auch wenn er so aussieht, und er selbst weiß das auch genau.  Alles, was jetzt unternommen werden muss, muss sich wieder gegen Russland richten, und der Westen darf nicht wieder "zu dumm und zu blind" sein, "um dies zu begreifen", wie ein früherer deutscher Kanzler den Völkerbundkommissar Carl Burckhardt im August 1939 mahnte.

Dienstag, 19. April 2022

HFC: Auferstehung kurz nach Ostern

Jan Shcherbakovski weiß selbst nicht, wie er das 3:3 gemacht hat.

Ostern ist schon ein paar Stunden rum an diesem Dienstagabend, der einige der seltenen Augenblicke bringen wird, an denen der HFC des Jahrgangs 2021/2022 Anlass für Emotionen bietet. 3:3 wird am Ende an der Anzeigetafel stehen, 3:3 nach einem Spielverlauf, der sich gut anließ, binnen von nur fünf Minuten ins Übliche kippte, kurz Hoffnung machte, sie zum Verschwinden brachte und dann doch wieder die Sonne aufgehen lässt.

Es ist nur drei Tage nach dem blamablen, enttäuschenden und desaströsen 1:1 gegen Havelse ein Spiel wie unter dem Fallbeil. Niemand im HFC-Anhang hat noch Erwartungen an die aktuelle Elf, die Elf selbst verbirgt kaum noch, dass sie am liebsten noch kurz den Nichtabstieg besiegeln, das letzte Spieljahr dann aber schnell vergessen möchte. Dann kommt Osnabrück zum Nachholspiel, eine Begegnung muss ausgetragen werden, von der schon niemand mehr sagen kann, was eigentlich der Grund war, weshalb man damals vor ein paar Wochen, als noch Corona war... nicht gleich.

Rotweiß mit dem Zepter

Jetzt muss es und jetzt geht es auch. Osnabrück will hoch, der HFC nicht runter. Wer hier wer ist, sieht man gleich. Die Gäste, in ihrem üblen dunklen Lila seit Jahren ein gefürchteter Gegner, starten ehrgeizig, die Gastgeber abwartend. Es dauert zehn Minuten, ehe die Rotweißen das Zepter in die Hand nehmen. Eberwein macht beinahe das 1:0, dann hat der nach langer Pause wieder startende Zimmerschied den Ball in vielversprechender Position auf dem Fuß. Beide Male fehlt es am Abschlussglück. Im Strafraum gegenüber ist bis dahin gar nichts mehr los. Ein Fernschuss, das ist alles, was Tim Schreiber entschärfen muss.

Worin der Unterschied zwischen einem Aufstiegsanwärter und einer Mannschaft in akuter Abstiegsangst liegt,. zeigt sich dann aber kurz und trocken in der 31. Minute. Einmal fängt der VfL einen HFC-Aufbauversuch noch in der HFC-Hälfte ab. Zwei Pässe weiter zieht Klaas ab und lässt Schreiber keine Chance.

Alles wie immer

Alles wie immer und alles entscheiden, denn Rückstände holt der Hallesche FC in diesem Spieljahr nie auf. Die Köpfe hängen, die Fans singen. Aber auch damit ist Schluss, als es fünf Minuten später schon wieder hinter Schreiber einschlägt. Diesmal zischt eine straffe Eingabe fast auf der Torlinie von rechts durch den Strafraum. Zwei Hallenser verpassen, Osnabrücks Higl nicht. 0:2.

Halles Trainer Andrè Meyer, der wegen einer Gelbroten Karte auf der Tribüne sitzt, sieht im Grunde bis zur Halbzeit eine klassische HFC-Partie der zweiten Corona-Saison. Man weiß nicht wie, man weiß nicht warum. Aber man ist auf dem besten Wege, zu verlieren. Die Leistung stimmt, im Unterschied zu Havelse. Nur das Ergebnis stimmt nicht und so macht auch das eigentlich keinen Unterschied.

Verloren, aber nicht vorbei

Nur ist es ja noch nicht vorbei. Jedenfalls nicht nach Meinung der 5100 Fans im Stadion und der elt Spieler in Rot und weiß unten auf dem Rasen. Vom konsternierten HFC der wirklich ganz schrecklichen Auftritte ist heute nichts zu sehen. Als wollten die Aktiven ihrem erst 24-jährigen Ersatztrainer Max Bergmann beweisen, dass nichts vorbei ist, so lange es nicht vorüber ist, laufen sie das VfL-Tor unverdrossen weiter an. Jan Löhmanssröben und Niklas Kreuzer sind die Anführer der trotzigen Bemühungen um einen Ehrentreffer, aber auch die anderen machen mit - Jannes Vollert einmal mehr mit Offensivdrang, Eberwein im Mittelfeld, Huth ganz vorn, mit einem Kopfball, der schon hätte den Anschlusstreffer bringen können.

Der aber fällt erst in der 59. Minute, nur Sekunden nach einem Durchbruch von Kreuzer in den Strafraum, der wegen eines elfmeterreifen Fouls am Rechtsaußen ohne Abschluss bleibt, aber auch ohne den fälligen Strafstoßpfiff. Julian Guttau ist es dann, der im nächsten Anlauf links außen knapp vor der Grundlinie zum Flanken kommt. Von ganz weit hinten rechts zieht Kreuzer ab und der Ball kullert mehr ins Netz als dass er fliegt.

Verblüfft von sich selbst

Ist es Freude? Ist es Verblüffung?  Irgendwie ist es jetzt egal. Selbst als die Realität nur eine knappe Viertelstunde nach dem gefühlten Ausgleich zurückkehrt und Niklas Landgraf bei einem verunglückten Abwehrversuch das 3:1 für die Gäste erzielt, lassen die HFC-Spieler nicht nach. Derstroff, für Zimmerschied im Spiel, Joscha Wosz, der für den unglücklichen Landgraf mitmachen darf, dann noch Zulechner, Shcherbakovski und Sternberg - sie alle haben einen guten Abend erwischt. Einwechsler Julian Derstroff flankt auf Einwechsler Phillip Zulechner, der köpft in der 83. sein zweites Tor im HFC-Dress. 2:3. Und der Sekundenzeiger ist noch keine weitere Runde herum, da versucht es Jan Shcherbakovski direkt aus 30 Metern. Und zur großen Verwunderung von Freund und Feind sitzt auch dieser Schuss.

Ein 3:3, ein schmutzig schöner Punkt immerhin, der allerdings ganz besonders glänzt, weil niemand mehr mit ihm gerechnet hatte. Alles dreht durch, unten auf dem Platz, oben auf den Traversen. Totgesagte leben länger. Kurz nach Ostern erfolgt hier jedenfalls die Auferstehung, nicht ganz perfekt wie damals gegen Rostock. Aber umso wundersamer, als ja schon niemand mehr einen Cent auf diese aktuelle HFC-Mannschaft mit ihren Wechselspielen zwischen anämischem Desinteresse an sich selbst und zeitweiligen Ausbrüchen an Emotionalität gegeben hatte. 

Die nehmen diesmal gar kein Ende, denn der HFC gibt sich keineswegs mit dem Remis zufrieden. Auf einmal haben sie Spaß, auf einmal glauben sie an sich, auf einmal glauben sie, dass alles möglich ist. Zwei-, drei-, viermal rennen sie noch an, das Momentum nun im  Rücken, wo sonst der schwere Sack hängt, der wie eine Last durch die traurigen Niederungen von Wernigerode, Havelse und Meppen geschleppt werden musste.

Es nützt nichts, es bleibt auch nach 94 Minuten beim 3:3. Aber wie viele Spiele in dieser Saison hätten wenigstens so ausgehen können?

Ramsan Kadyrow: Der Teufel trägt Prada

Ramsan Kadyrow inszeniert sich gern als grausamer Kriegsherr. Auf dem Schlachtfeld trägt der Schlächter Prada-Schuhe.


Er steht inmitten seiner Männer,  ein gedrungener Mann mit einem Kinnbart, der den Halsausschnitt ausfüllt. Die Felddienstuniform von Ramsan Kadyrow ist sichtlich frisch gebügelt, seine Mundwinkel hält Putins selbsternanntes schärfstes Schwert grausam nach unten gezogen. Kadyrow, 45 Jahre als und als Nachfolger seines Vaters Achmat Kadyrow Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien, taucht seit dem Überfall der russischen Truppen auf die Ukraine immer dort auf, wo den Russen die Felle wegschwimmen.

Mal ließ er sich angeblich in der Nähe von Kiew beim Beten filmen, mal drohte er mit der Einnahme der ukrainischen Hauptstadt. Mal stellte er seine vermeintliche Elitetruppe der Kadyrowzyzur Verfügung, um den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in einer Kommandoaktion gefangennehmen zu lassen. Mal tritt er als Oberkommandierender Südfront auf, Chef der Truppen, die seit Wochen daran arbeiten, Mariupol dem Erdboden gleich zu machen.

Putins blutiger Schatten

Der Sohn eines Verräters, der andere Verräter verriet, ist "Putins blutiger Schatten", devot bis zum Kniefall vor dem Mann im Kreml, zu dessen Wohlgefallen er zuletzt sogar den Operettentitel als "Präsident" der 1,2-Millionen-Region zwischen Georgien und Dagestan ablegte, weil nur ein Herrscher in Russland Präsident sein könne, nämlich Putin. Seitdem lässt sich der beinharte Islamist "Oberhaupt" nennen, eine Bezeichnung, die den Regierungsstil des zwölffachen Vaters perfekt beschreibt: Für Kadyrow ist Tschetschenien, eine Republik mit einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung, Machtbasis und Familienbesitz, privates Lehen und sicherer Rückzugsort vor den Nachstellungen seiner Gegner, die er in der Vergangenheit reihenweise ermorden lassen haben soll.

Zwei Jahrzehnte, nachdem sein Vater sich entschloss, der Unabhängigkeitsbewegung gegen Russland den Rücken zu kehren und stattdessen als russischer Stadthalter von Putins Gnaden als absoluter Herrscher in Grosny zu regieren, hat sein Erbe die Taktiken des Vaters perfektioniert, der 2004 von islamistischen Rebellen ermordet worden war. Seit Ramsan Kadyrow 2007 seine Nachfolge antrat, herrscht er mit einer Mischung aus religiösem Fundamentalismus und Statthalter-Brutalität. Der Einfall der Russen in die Ukraine hat für ihn keine Parallelität mit deren Vergeltungsfeldzug gegen das Kaukasus-Emirat namens Tschetschenische Republik Itschkerien, sondern ist Teil einer notwendigen Strategie zur Wiedererschaffung eines russischen Großreiches.

Teufel in Tausend-Euro-Schuhen

Ein unangenehmer, ja, ungeheuerlicher Mensch, der selbst noch furchtbar wäre, hätte er auch nur ein Zehntel der Gräuseltaten begangen, die ihm zugeschrieben werden. Ramsan Kadyrow hat Blut an den Händen, er kennt das Wort Skrupel nicht und keine Angst vor Strafe. Als Islamist kämpft er gegen Islamisten, als Sohn eines ehemaligen Kämpfers für die Unabhängigkeit seiner Heimat von Russland gegen die, die für die Unabhängigkeit der Ukraine kämpfen. Für Kadyrow ist Putin ein Idol: Ein ehemaliger Mitarbeiter des Geheimdienstes, der in den 40er Jahren Hunderttausende Tschetschenen gewaltsam in die Verbannung nach Kasachstan und Kirgistan verfrachtete, weil sie sich mit den Deutschen verbündet haben sollten, um die Sowjetmacht zu stürzen.

Und insgeheim hat dieser Mann, der jede Opposition in seiner "Republik" unterdrückt, die nicht einmal so groß ist wie Sachsen,  auch noch eine andere, ganz geheime Seite: Als er sich jetzt als Frontkämpfer in der Ukraine inszenieren ließ, um anzukündigen, dass er "den Nazis in Kiew" (Kadyrow) bald noch näher kommen werde, trug der Vater der gelegentlich n Paris modelnden Aishat Kadyrova an den Füßen nicht irgendwelche Schuhe oder Stiefel. Sondern Pradas "Monolith Combat Boots" aus Leder und Nylon zum Preis von 1.250 Euro.

Krawall in Schweden: Was steckt nur dahitler?

Was ist denn da letzte Nacht in Schweden passiert?

Wer mit der Wahrheit lügen will, mit reinen, puren, ungeschminkten Fakten Meinung machen und dabei nicht erwischt werden, dem rät das Lehrbuch des klassischen Demagogiefaches "Lügen mit der Wahrheit"  Zahlen ohne jeden Bezug zu präsentieren, den Kontext von Nachrichten wegzulassen, in Grafiken zeichnerisch Wertungen zu setzen, die mit den abgebildeten Werten nichts zu tun haben, oder Ereignisse nach der sogenannten Drehrumbum-Regel rück- oder seitwärts zu erzählen. Schuldige können damit im Handumdrehen zu Opfern, Verantwortliche vergessen und Punkte auf der richtigen Seite der Tribüne gemacht werden.

Kreativer Umgang mit dem Unsagbaren

Das ZDF gilt seit jeher als eine der Meisterwerkstätten dieses kreativen Umgangs mit dem Unsagbaren. Versehen mit der Macht der großen Zahlen und der Sendungskraft der gemeinsinnnützigen Gebührenverwendung hat sich das zweite als erste Adresse im propagandistischen Abwehrkampf gegen Hetze, Hass und Zweifel etabliert, wie es Claus Kleber einst nannte. Nichts, was im "ZettDF" (Harald Schmidt)  läuft, läuft je gegen den großen Erzählstrang. Und wenn die Gefahr aufkommt, es könnte, dann wird je nach Bedarf angesteilt, abgeglättet und ausgeglichen.

Dass es im coronaverfluchten Schweden mit seinen vielen falschen Wegen aus der Pandemie zu "schweren Ausschreitungen" (ZDF) kommt, ist aufgrund der so gesehen nur naheliegend und verdient. Dass aber der wieder der "junge Mann" oder gar "junge Männer" hinter den Gewaltausbrüchen stecken könnten, ist dem Publikum daheim an den Empfängern aufgrund der jüngeren Entwicklung hin zu vielmals größeren Problemen in ganz Europa kaum mehr erzieherisch wertvoll vermittelbar.

Im harmonischen Gleichklang mit allen anderen angeschlossenen Abspielstationen entschied sich der Sender deshalb, die Täter dort zu suchen, wo sie am einfachsten zu finden sind: Die "Genehmigung rechter Kundgebungen", bei denen "auch ein Koran verbrannt werden" sollte,  habe zu den "Krawallen" geführt. Bei denen "Unbekannte ein brennendes Objekt auf einen Bus in Malmö geworfen" hätten, so hieß es. Mehr ist wieder nicht passiert in Schweden, auch nicht letzte Nacht.

Maskierte unbekannte Dritte

Unbekannte", "Maskierte", womöglich "Gangs" (ARD) unbekannter Zusammensetzung, "Gegendemonstranten" (BR) mit mutmaßlich recht kurzer Zündschnur, ein "15-Jähriger" (Göteborg Posten) oder sogar "Dritte" (BR). "Was steckt hinter den Ausschreitungen in Schweden?", fragt sich der Deutschlandfunk besorgt, bei dem das Wort mit I dann immerhin zweimal im Text auftaucht. Es gehe um eine "ethnische Säuberung von Muslimen in Dänemark", Rechtsextreme verhöhnten und provozierten "den Islam und Muslime".

Ein Ausmalbild mit ganz dünnen Linien, in dem "Busfahrgäste evakuiert werden mussten", "auch weitere Fahrzeuge und mehrere Mülltonnen brannten" und die Polizei "mit Steinen und Molotow-Cocktails beworfen" wird, ohne dass mehr klar wird als die Urheberschaft der "islam- und einwanderungsfeindlichen Gruppierung Stram Kurs (Strammer Kurs) des Politikers und Rechtsanwalts Rasmus Paludan", der dahitler steckt, wenn es zwischen der Polizei und Gegendemonstranten so richtig raucht, es zum "Konflikt mit der Polizei" (BR) kommt und Malmö brennt statt nur "auch ein Koran". 

Nur der Koran brennt nicht

Kein Hauch eines Verdachtes fällt auf die berühmte "Partyszene" und schon gar nicht auf den, dessen Name niemals genannt werden darf. Die Polizei nahm in Malmö und Norrköping "Demonstranten" fest, es wurden Warnschüsse abgefeuert, "Menschen" von Querschlägern getroffen und 26 Polizisten verletzt. In Skäggetorp gab es einen gewaltsamen Aufstand, Polizisten wurden mit "Feuerbomben" (Göteborg Posten" beworfen. Die Polizei spricht von einem gewalttätiger Aufstand mit etwa 150 Menschen, obwohl der rechtsextreme Aufstachler Paludan weder erschienen war noch einen Koran verbrannte. Auch in Linköping wurden Menschen trotzdem mit leichten Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert. 

Die Verfolgung der "Randalierer" (ZDF) aber gilt als "schwierig", denn wer oder was sie sein könnten, was sie motiviert und dazu treibt, kann bislang nicht einmal vermutet werden.