Google+ PPQ: Regression mit Rumpelstein

Montag, 5. April 2010

Regression mit Rumpelstein

Die Originale kommen schon lange nicht mehr hierher, in die mitteldeutsche Rock-Provinz, in der sie als junge Leute ihre ersten Schritte zum Weltruhm stolperten. Doch das Publikum in Halle, der Kulturhauptstadt der alten Kulturlandschaft Sachsen-Anhalt, ist zur Genügsamkeit erzogen: Es strömt herbei, wenn die originale Ireen Sheer sich selbst covert, es jubelt Queen-Nachbauten aus Sachsen und Siegern von Rolling-Stones-Ähnlichkeitswettbewerben bierselig zu.

Ein guter Platz für RMC, einen dicken Fußabdruck auf der Deutschlandkarte der Rock-Grausamkeiten zu hinterlassen. Die Rammstein-Nachspielcombo aus Tschechien lud zünftig in ein ehemaliges "Pappenwerk" von der staatssozialistischen Fabrikationshallenstange, in dem heute "Plakatpromotion" betrieben wird. Vor der Tür tiefergelegte BMW-Kinderwagen aus dem Saalkreis, drinnen tiefersitzende Buggy-Hosen von H&M, im Hof Dixieklos, auf der Bühne die komplette Regressionsreihe, die eigentlich nur das Rammstein-Original zu leisten vermag. Der "Rammstein Member's Club" aus Liberec ist auf einer Art Europatournee, als Tourmotto gilt "Weniger produzieren mehr": Braucht die Original-Mannschaft von Till Lindemann sechs Mitglieder, um epischen Lärm zu produzieren und Platten herzustellen, die vom Bundesjugendzensurministerium verboten werden, reichen den Kopisten um Sänger Martier fünf feste Musikanten und ein zwangsverpflichteter Keyboardsklave, verbanntes Liedgut wie "Ich tu Dir weh" (Video) in spritzgußartigen Versionen aus allen Rohren zu blasen.

Der "Stacheldraht im Harnkanal", nach Ansicht führender Politaufsehern gehalten, die deutsche Jugend in ihrer Entwicklung zu gefährden, wird hier mit Inbrunst eingeführt. Flammen schlagen aus dem Bühnenboden, der Keyboardsklave im Ledertanga tanzt wie ein Derwisch, die Instrumenatlfraktion zelebriert den Stoizismus der Originale mit dem Stolz armer Vorstadtbrüder. Sie können alle Hits von "Benzin" über "Ohne Dich" bis zu "Pussy", Martier hat alle Lindemann-Gesichtsausdrücke drauf und sich sogar so einen metallenen Mad-Max-Arm bauen lassen, wie ihn der Meister des rockgewordenen Roll-R gelegentlich trägt.

Der Orginal-Anhang der Berliner Spätromantiker ist begeistert vom falschen Schein der Rumpelsteine. Das Volk kennt alle Texte, es schreit kollektiv nach Bestrafung und es gehorcht Befehlen wie "Hände hoch", obwohl ein leichter tschechischer Akzent unverkennbar ist. "We´re all living in America", singt der Tscheche am Ende das Hohelied der Globalisierung: "Wer nicht tanzen will am Schluss, weiß noch nicht, dass er tanzen muss!" Frohe Ostern.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
bpb hat gesagt…

Na, wenigstens sind´s echte Tschechen. Haben sie doch auf ihrer Homepage aus der Biesdorfer Parkbühne die Biersdorfer gemacht...