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Montag, 3. März 2014

Ukraine: Sie wissen nicht, was sie tun sollen


Deutschland und die Welt, immer wieder ein Thema, bei dem die Vorstellung davon, wie es sein könnte, das Bild prägt, das der Wille entschlossen ist, zu gestalten. Deutschland als großes europäisches Land ist sich seiner Größe selbst nicht bewusst, noch weniger aber wissen Politiker, Experten und Leitmedienpraktikanten einzuschätzen, wie groß die Welt dort draußen eigentlich ist. "Angesichts eines drohenden russischen Militäreinsatzes auf der Krim beruft die Ukraine alle Reservisten ein", hat etwa das Militär-Fachjournal Süddeutsche Zeitung erfahren. Auch die Tagesschau, N24, die FAZ und sämtliche 340 anderen agenturgespeisten Nachrichtenverteilstationen schwören: "Die Ukraine beruft alle Reservisten ein!"

Alle Reservisten? Die ukrainische Armee verfügt über runde Million von ihnen - und die sollen nun alle auf einmal die Uniform anziehen? Ja, hat denn das Land so viele Paar Stiefel, so viele Uniformen, so viele Kasernen und in denen so viele Betten? Wer schließlich kommandiert dieses Heer, das fünfmal so groß wäre wie die derzeit im Dienst stehende ukrainische Armee?

Niemand natürlich, weil die Idee, alle Reservisten einzuberufen, eine rein deutsche ist. Hier, wo in Medien generell entmilitarisierte Zonen sind, aus denen heraus nach friedlicher Intervention gerufen wird, reicht die Vorstellung vom Ablauf der Geschehnisse vor einem Krieg, um Realität zu werden. Es braucht keine Kausalität, keine Plausibilität, es muss niemand darüber nachdenken, wen die Ukraine einberufen wird, wenn alle ihre Reservisten gefangen, verwundet oder tot sind. Klingt einfach nur gut.

Wie es auch gut klingt, die Krim verbal zu besetzen. Putin habe die Krim "faktisch besetzt", schätzt die SZ, auch die "Welt" spricht von einer "faktischen Besetzung". Russland habe 6000 Soldaten auf die Krim entsandt, versichert auch Europas Mann im Osten, der EU-Parlamentarier Elmar Brok. Die Welt als Wille und Vorstellung: Die Krim ist rund 15 Mal kleiner als Deutschland und 28 mal größer als die deutsche Insel Rügen, die Truppen, die sie nun angeblich besetzt haben, sind allerdings rund 1600 Mal kleiner als die, die Deutschland nach dem II. Weltkrieg besetzt hielten.

Wie machen die das, diese Russen? Und machen sie es überhaupt? Oder ist die deutsche Vorstellung davon, wie klein die Welt ist und wie Dinge ablaufen, wenn der Himmel über ihr sich bewölkt und Regen aufzieht, alleinverantwortlich für das Durcheinanderwerfen von Größeneinheiten, Fachbegriffen und strategischen Axiomen? Das eigentliche Problem hier, in diesem konkreten Konflikt, sind die gespaltenen Loyalitäten in einem Land, das eigentlich zwei Länder ist, weil seine beiden bestimmenden Volksgruppen unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft haben - wie in Ägypten, Tunesien, dem Irak und auf dem Balkan war es nur ein betonierter Status Quo, der die Lage ruhig hielt.

Fehleinschätzungen, beruhend auf einem von Illusionen, Unkenntnis und falscher Einschätzung der eigenen Stärke beruhenden Lagebild. Kein Auslandsgeheimdienst scheint hier tätig, der den Regierenden rechtzeitig Zusammenhänge in ihrer Komplexität darstellt, wie es die New York Times tut. Kein außenpolitisches Expertenteam in der ganzen großen EU, das vor den Dingen warnt, die stets passieren, wenn die dämpfende Decke über durch Druck befriedeten Staaten weggezogen wird.

Stattdessen Fachgespräche mit Ex-Boxern und bierernste Auftritte von Taschenspieler, Illusionisten und beinharten Amateuren vom Format kleines Karo.

Europa und die Welt, ein Trauerspiel. Die Spitzenpolitik würde nun am liebsten reflexhaft einen Russland-Boykott ausrufen, weiß aber nicht, wie die Deutschen kurz vor der Europawahl auf ausbleibende russische Öl- und Gaslieferungen reagieren würden. Also bleibt es beim Boykott der Paralympics, das tut niemandem weh und wirkt, als würde man etwas tun, obwohl man nichts tun kann, weil man plötzlich gar nicht mehr weiß, was man tun sollte.

Was bedeutet das? Was bedeutet das hohle Getöse, das ziellose Gerenne, die falschen Zahlen, Größenordnungen und Verhältnisse?

Nichts Gutes jedenfalls. Sie wissen nicht, wovon sie reden, und sie geben inzwischen sogar zu, dass sie nicht wissen, was sie tun. Walter Steinmeier, der vor einigen Wochen noch seine Vorstellungen von der künftigen Demokratie in der Ukraine öffentlich machte, hat jetzt, sechs Monate nach der von der ebenso dreisten wie tapsigen EU-Diplomatie provozierten und angeheizten Krise, vorgeschlagen, doch mal eine "Factfinding-Mission zu starten, um die Vorgänge auf der Krim und in der Ostukraine zu überprüfen".

Das zumindest wird erstmal keinen weiteren Schaden anrichten. Und mehr kann man wohl nicht verlangen.

Update: +++ 10:19 Barroso kündigt "starke" EU-Reaktion an +++ Man werde Elmar Brok zum nachgucken nach Kiew schicken, um herauszubekommen, wo das Land Ukraine liege und wie das Wetter sei +++

Ukraine: Wie der Dritte Weltkrieg begann

Kommentare:

Orwell hat gesagt…

Es ist wirklich schlimm, deswegen gibt es auch schon vorbereitete Reden der Reichskanzlerin und des Bundeskaisers, die wir auszugsweise veröffentlichen konnten. Für den Fall dass der Weltkrieg nun langsam endlich mal losgeht.

Krisenbericht aus der Hauptstadt: Weltkrieg – Ukrainischer Boxeraufstand – Chaos in Berlin

Anonym hat gesagt…

Für deutsche Medien ist die Welt ein Dorf und die Ukraine darin ein heruntergekommenes Vorwerk. Man kann sich direkt vorstellen, wie das Gehöft von 6000 Russenbesetzern nur so wimmelt.

Und unserer Gas kommt demnächst aus dem 3D - Drucker.

Anonym hat gesagt…

Die EU hat für morgen eine Pressekonferenz angekündigt. Man wird dann erklären, dass das alles inszeniert wurde, um zum 100.Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs vorzuführen, wie die vermeintlichen Unbewegten Beweger der Weltpolitik eine ScheiBe nach der anderen bauen und wie tagespolitische Taktik strategisch ins Chaos führen kann.

derherold hat gesagt…

Was die EU und Deutschland machen, sagen, konstruieren, veröffentlichen bedeutet nichts ... genausowenig wie zeitfazspiegel. Die verkünden genau DAS, was USA und NATO und deren "Multiplikaoren" vorgeben.

So mutierte unklängst der SU-Nachfolgestaat Rußland zum "faschistischen Staat" (wahrschenilich ist die Wall-Street dann der Anti-Faschismus), ukrainische Politdarsteller sind das europäische Bürgertum 1920ff ("Nazis") und Nordkorea (irgendwo zwischen DDR und Maos China) ist eigentlich das III. Reich.

...garniert mit "Holocaustleugnung", Timoschenko-Softporno, "russischer Imperialismus", Giftgasdurch- SölnerinSyrien-Leugnern und SchwuleInCharkow-Gedächtniskirche.

Volker hat gesagt…

Herold, ich glaube ja gern, dass da jemand die Strippen zieht.
Dennoch ist mir das alles zu wenig stringent.
Vor gerade mal 6 Jahren hat unsere polit-mediale Elite wie eine Frau das friedliebende Rußland vor dem georgeischen Aggressor beschützt..
War das damals auch ein Werk von USA und (wer ist das überhaupt?) NATO?

Ich will damit keinesfalls die US-Interessen in Abrede stellen, die wir dank freundlicher Unterstützung des gelben Forums in unübertroffener Deutlichkeit vorfinden: "Without Ukraine Russia ceases to be empire, while with Ukraine – bought off first and subdued afterwards, it automatically turns into empire…According to him, the new world order under the hegemony of the United States is created against Russia and on the fragments of Russia. Ukraine is the Western outpost to prevent the recreation of the Soviet Union."

Das wäre die Antwort auf die Frage, warum heute die Elite so handelt wie sie handelt.
Aber warum haben die noch vor 6 Jahren die Kanonen in die entgegengesetzte Richtung gedreht?

Die Frage ist ernst gemeint, ich blicke wirklich nicht mehr durch.

derherold hat gesagt…

2008 war auch noch Bush an der Regierung ... da konnte man noch nicht so eindeutig auf den Zünder hauen.

Man sollte allerdings auch sagen, daß die russlandfreundlichen Artikel erst nach(!) der Beendigung des Militäreinsatzes geschrieben wurden.

Soros´/CIA´s HumanRightsWatch hat ja auch "Verbrechen" bei den libyschen "Rebellen" entdeckt, NACHDEM der Putsch erfolgreich war.

Außerdem waren *taz* und die Linkspartei noch nicht so eingenordet wie heute. Damals gab es meines Wissen noch keine Linkspartei-Funktionäre in US-Lobbygruppen wie "Atlantikbrücke". Özdemir war noch kein Grünen-Vorturner und der eine oder andere linke Journalist hatte 2008 auch noch kein Springer-Angebot.

ppq. so hat gesagt…

es gibt da keinen großen plan, das sieht man doch gerade. im grunde hat die eu im allmachtswahn versucht, die ukraine etwas enger anzubinden, besser ist das ja, wenn man sein vorfeld beherrscht. dasselbe denkt putin allerdings auch - und damit hat in brüssel, berlin und paris offenbar niemand gerechnet. nun sind alle ganz erschrocken, dass der despot von moskau (kommt bald!) bereit ist, im zeitalter der kommoden verhandlungspolitik mit den methoden des vergangenen jahrhunderts zu streiten. also etwa das zu tun, was frankreich letztes jahr in mali gemacht hat. huch! nun aber daumenschrauben! wir können ihn in die knie zwingen, vielleicht, indem wir bortsch und wodka boykottieren. was machen eigentlich die femen? das ist die stunde der brust!!!!

derherold hat gesagt…

Ja, weil es keinne Plan gibt, gibt es auch keine berichterstattung darüberm, daß Rumänien und Bulgarien gerade zu us-amerikanischen Militärkolonien ausgebaut wurden.

8 Truppenstandorte der USA ?

... keinen TV- oder Zeitungsbeitrag wert, daß die USA uns vor Raketen aus dem Iran beschützen müssen ? (Der plant nämlich wie Hitler, die Welt zu beherrschen)

Anonym hat gesagt…

Natürlich gibt es keinen Plan. Es ist eher ein ungeordnetes Treiben in eine grob gegebene Richtung. Manches funktioniert, manches funktioniert nicht. Niemand hätte vorhersagen können, ob sich Russland für Kooperation oder Konfrontation entscheiden würde. Nun ist der Westen in Zugzwang und muss zeigen, ob er es wie in Syrien beim Spucken großer Töne belässt oder mit den gleichen Mitteln dagegendrückt.
Letzteres wird nicht passieren, weil westliche Politik nur funktioniert, solange die Öffentlichkeit mit Lügen und Illusionen versorgt wird. In Russland dagegen gibt es auch für offen machtpolitisch motivierte Militäreinsätze öffentlichen Rückhalt. Deswegen konnte Putin die Schmierenkomödie in der Ukraine recht entspannt verfolgen und sein Blatt sortieren.