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Mittwoch, 16. Dezember 2015

Doku Deutschland: Mit einem Klick ins Glück

Die Kurven sind mein Freund. Was immer es zu wissen gibt, steht in den Kurven: hier ein scharfer Knick, dort ein steiler Anstieg, daneben eine Zickzack-Linie, unterlegt mit einer gelben Welle. Das Geheimnis ist, sage ich immer, dass man solche Charts lesen können muss.

Ich kann sie lesen, denn ich bin Börsenhändler. Nun schauen Sie nicht so, das ist nichts Unanständiges, auch wenn ihnen das die Zeitungen erzählen. Leute wie ich halten die Wirtschaft in Schwung! Gestern hatte ich 2 000 Euro plus, vorgestern 4 000. Letzte Woche allerdings lief es nicht so gut, ich bin ja ehrlich. Ein paar Spekulationen gingen nicht auf, die Kurven haben mich, sag ich mal, irgendwie verraten.

Ich habe damals angefangen, als es mit dem Neuen Markt losging, die Älteren erinnern sich. Wäre ja auch schön blöd gewesen, diese Chance liegenzulassen. Nicht mehr aus dem Haus, keinen Chef über sich dulden müssen, keine dämlichen Beratungen, dummes Geseier, Überstunden. Als mein eigener Broker bin ich der Bestimmer, ich sage, wann es losgeht, was gemacht wird und wann ich mit dem Hund rausgehe.

Besser geht es nicht. Der Job ist absolut planbar. Ich habe Bildschirme, auf denen Echtzeit-Kurse in weiß, rot und grün blinken wie die Spätvorstellung im Mäusekino. Ein Klick, und ich kaufe, ein Klick, und ich bin es wieder los. Natürlich habe ich mir Erfahrungsberichte durchgelesen, als eine sogenannte Stützhilfe.

Ein Beruf für jedermann,sage ich immer. Nur wer nervös wird, sich ärgert und seine Emotionen nicht wegdrücken kann, ist hier falsch. Meine ersten anderthalb Jahre lang habe ich selbst auch böse Lehrgeld gezahlt. Ein paar schnelle Erfolge, und schon denkst du, der Markt dreht sich, wie du willst. Macht er aber nicht. Ich hatte Monate voller frustrierender Erfahrungen, ich habe alle typischen Anfängerfehler gemacht. Ich habe nicht auf die Kurven geschaut, sondern versucht, gegen die Kurven Recht zu behalten. Dann kommt es, wie es immer kommt: Man glaubt, man muss Verluste aussitzen, man entscheidet aus dem Bauch und man entscheidet falsch.

Nach einem Jahr war nichts übrig. Ich habe mireine Pause verordnet, Fachbücher gelesen und Trockenübungen gemacht. Seitdem habe ich mein Konzept. Ich schaue, wo Bewegung ist, egal ob nach unten oder nach oben. Und springe auf einen fahrenden Zug. Ich hoffe jedes Mal, dass ich eine schöne Reise mache.

Täglich. Ich handle mit Aktien, CFDs, Optionen, Futures. Und mit Erfolg. Manchmal denke ich, mein Geheimnis ist das alte Lineal, mit dem ich an den Kurven auf dem Bildschirm grob abschätzen kann, wie der Trend verläuft. Seit ich das benutzte, klebe ich am Geld.

Inzwischen herrscht auch technisch nahezu Waffengleichheit unter den Profis in den Banken und uns Amateuren. Als ich anfing, dackelte man zur Bank, gab seinen Auftrag ab, und wenn man Glück hatte, kam ein paar Tage später die Bestätigung für den Kauf. Per Post. Heute dagegen habe ich ein High-Tech-Cockpit mit Realtime-Kursen und einer speziellen Software, die die Kurse aller weltweit gehandelten Papiere im selben Moment lesen wie die professionellen Händler von Banken und großen Fonds. Gebe ich einen Kaufauftrag ein, liegt der im gleichen Augenblick im Börsensaal.

Verluste begrenzen, Gewinne laufen lassen - zwischen neun Uhr morgens, wenn die deutschen Börsen öffnen, sitze ich am Tisch und schaue, wie ich meine Tagesstrategie umsetzen kann. was läuft, lasse ich laufen bei 15 Prozent Minus dagegen bin ich raus. Läuft ein Wert heiß, ziehe ich meinen Verkaufskurs automatisch hinterher. Bricht die Rallye zusammen, sind meine Gewinne sicher.

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