Google+ PPQ: Fremdenfeindlich fürs Welterbe

Sonntag, 29. Juni 2008

Fremdenfeindlich fürs Welterbe

Es war noch nie hinderlich in kreativen Berufen, ein wenig durchgeknallt zu sein. Bisher kulminierte dieses Prinzip in der Person des Franz Josef Wagner, bei der Bild-Zeitung als Stimme des Volkes angestellt. Neuerdings aber meldet auch Jens Jessen, Feuilletonchef der "Zeit", nachdrücklich Anspruch auf den Titel des famosesten Wirrkopfs der Schreiberling-Szene an.

Erst machte der immerhin doch auch schon 53-Jährige mit großem Erfolg beim Publikum ein grassierendes "Spießerproblem" für den Überfall zweier Migrantenkinder auf einen rentner in der Münchner U-Bahn aus. Jetzt hat er in Sachen Dresdner Waldschlösschenbrücke nachgelegt: Nach Jessens unmaßgeblicher Überzeugung sind es "mafiöse Bauunternehmen" (Jessen) derentwegen die Brücke trotz der drohenden Aberkennung des nebulösen Welterbestatus gebaut werden muss. "Die Brückenbauer spüren schon den kalten Stahl einer russischen Pistole an der Schläfe oder sehen das Tschetschenen-Messer an der Kehle der lieblichen Tochter" fabuliert der in fremdenfeindlichen Ressentiments offenbar geübte Kritiker der "markerschütternden Melodey des Fortschritts" im fernen Hamburg.

Dass die bis heute nicht namentlich bekannten Miglieder der merkwürdigen Institution Welterbekommission vor der Verleihung des Welterbestatus an das Dresdner Elbtal genau wussten, dass der berühmte Canaletto-Blick künftig um eine neue Brücke ergänzt werden würde - es ficht den freidrehenden Fachmann am anderen Elbende nicht die Bohne an. Dass Dresden demokratisch entschieden hat, sich dem keiner demokratischen Kontrolle unterworfenen Diktat der Welterbe-Titelverleiher nicht zu unterwerfen - dem Mann, der tatsächlich die These aufstellt, man erkenne "Fortschritt daran, dass etwas Hässliches gebaut wird" ist es egal. Er spintisiert sich in ein Fantasiereich aus Baulöwen, "Spitzbuben", die in Dresden an der Macht sind, und "Brückenbauern, die mit fliegender Hast alle Einsprüche abwehren". Womit er wohl die Richter meint, denen er seit der Sachsen-Sumpf-Affäre, die am Ende keine war, nicht mehr traut.

Schlimmer als in der schicken Schreibstube des hochbezahlten "Zeit"-Experten für alles sind die Zweifel an der deutschen Demokratie und am deutschen Rechtsstaat in keinem Hartz-4-finanzierten sächsischen Skinheadhaushalt: "Polizei, Staatsanwaltschaft", orgelt Jessen, "zwecklos, sie einzuschalten." Alle sind sie bestochen, alle haben ein Tschetschenen-Messer am hals oder die Russenknarre am Kopf. Jetzt sowieso, "wo schon Bäume abgeholzt wurden".

Bäume übrigens, derentwegen der von Fachleuten aus den Kulturnationen Kenia, Kuba, Mauritius, Marokko und Tunesien welterbe-gewürdigte Canaletto-Blick von der rechten Elbseite seit 25 Jahren nicht mehr zu genießen war.

Kommentare:

panzerbummi hat gesagt…

so mögen wir die weltermahner: realitätsfern, aber dumm.

Anonym hat gesagt…

Bisher kannte ich nur "verprantln", gibt es jetzt auch "verjessen"?
(Wo finde ich den Original-Jessen zur WSB?)

doctor me hat gesagt…

schön finde ich ja, wenn sich kommentatoren am ende ihres artikels unglaubwürdig machen. wenn man zum bespiel über die, in der tat sehr merkwürdigen, äußerungen jessens schreibt und sie als fremdenfeindlich geißelt, dann aber mit dem satz "Fachleuten aus den Kulturnationen Kenia, Kuba, Mauritius, Marokko und Tunesien" deutlich macht, dass wir uns doch bitte schön von diesen kulturellen provinzlern (oder waren es die unzivilisierten wilden? *grübel*) nicht sagen zu lassen haben, was kultur ist und was nicht.
schickes eigentor.

Dresdner hat gesagt…

@doctor me
Das war kein Eigentor. Als Dredner hätte ich es nicht besser sagen können, daß die Herren(und Damen?) aus den genannten Ländern erst einmal ein paar Hausaufgaben machen sollten, bevor sie mir erklären, wie Demokratie geht und wie eine intakte Kulturlandschaft auszusehen hat.

binladenhüter hat gesagt…

also doctor, bitte, was ist an der formulierung "Fachleute aus den Kulturnationen Kenia, Kuba, Mauritius, Marokko und Tunesien" zu beanstanden? sind das deiner ansicht nach keine alten kulturnationen? was denn dann? guck dir mal havanna an, da kannst du was lernen über den erhalt von baugeschichte. oder tunesien, was die mit karthago machen, prima! da ist es touristen sogar ausdrücklich verboten, die letzten paar splitter, die von der einstigen größe übriggeblieben sind, mit nach hause zu nehmen. aus dem rest, der schon nicht mehr da ist, haben sie ja schon neue schöne sachen gebaut.


das ist schon kulturvoll, enorm kulturvoll.

Anonym hat gesagt…

Noch einmal mein Frage:
Wo finde ich den Original-Jessen zur Waldschlößchenbrücke?

bETONKOPF hat gesagt…

ähm, entschuldigt, dass ich mich einmische, ich weiß, dass Zeitalter der Ironie ist vorbei, aber könnte es nicht sein, dass Jessen seinen Artikel nicht wirklich ernst gemeint hat, sozusagen gescherzt hat? Als ich die Jessen-Spalte in der ZEIt vom letzten Donnerstag las, kam mir das so vor. Euch nicht? Humorlose Hallenser! Ansonsten gebe ich Euch natürlich recht: Viva la ADAC, CDU und BETONBETONBETONBETON

politplatschquatsch hat gesagt…

@ anonym: im netz steht die kolummne nicht, die war - wohl wegen ihrer überagenden qualiät - nur im holzteil der "zeit" zu finden


@betonkopf: ja, so hat der das sicher gemeint. wir haben ja auch alle gelacht bzw. wir lachen immer noch

Betonkopf hat gesagt…

Ihr kommt aus dem lachen quasi nicht mehr raus... dann ist ja gut! und ich dachte schon, ihr wollt dem linksliberalen Schreiber von der Zeit mal so richtig einen mitgeben.

binladenhüter hat gesagt…

um gottes willen! wobei mir neu ist, dass die linksliberal sind. das sind wir nämlich schon, kennwort socialism of the heart und so. und hier, wo wir sind, sehe ich die nicht

wir erwägen aufgrund der diskussin nun vielmehr, einen jens-jessen-preis für vieldeutige publizistik zu stiften. die lesarten, die sein text zulässt, sind ja augenscheinlich legion, das soll erstmal jemand nachmachen. der kriegt dann den preis, der, ich verrate da nichts überraschendes, eine cd mit dem song "es fährt ein zug nach nirgendwo" sein wird, die nach ablauf eines jahres zurückgegeben werden muss (wegen der nächsten verleihung)