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Sonntag, 1. August 2010

Fremde Federn: Diskriminierung 2.0

Es ist das große, dunkle Geheimnis des vermeintlich zusammengewachsenen Landes, das Christoph Cadenbach und Bastian Obermayer in ihrem Text "Geschlossene Gesellschaft" im SZ-Magazin ins Licht zerren, als gebe es keine zarten Gefühle der Zusammengehörigkeit in Deutschland. "Nur fünf Prozent der deutschen Elite kommen aus dem Osten", haben die beiden gezählt, "kein Bundesminister, kein wichtiger Chefredakteur, kein DAX-Vorstand". Natürlich auch keine Bundeskanzlerin, entgegen allem Anschein, den die gebürtige Hamburgerin Angela Merkel zu erwecken versucht, und natürlich auch kein Nationalmannschaftsstammspieler, wie PPQ verschiedentlich wehklagte. "Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung hat Deutschland ein Diskriminierungsproblem", schreibt die im Osten stur ungelesene Edelbeilage der Münchner Lokalzeitung in einer Ostdeutschland-Sonderausgabe unter dem Titel "Wann kommt die Wende?"

Nie dann, wenn einer danach fragt, und schon gar nicht von dort, woher man sie sich nähern hört. Die Ostdeutschen, die in der Bundesliga derzeit 26 von 250 Profis stellen, müssen im Westen, der sich immer selbst genügt hat, keine Leitungspositionen und Führungskaderstellen erobern. Weil der Westen, wie er war, heute schon nicht mehr existiert. Zwei Jahrzehnte nach der Einheit stecken die obrigkeitsstaatlichen Gene der DDR tief im Knochenmark der sich aus eigener Erinnerung immer noch freiheitlich und liberal dünkenden Gesellschaft. Ganz ohne Anleitung durch gelernte Ossis ist es der Mehrheitsgesellschaft des Westens gelungen, sich in eine Art Wohlfühl-DDR zu verwandeln: Es gibt Denkverbote und Sprechtabus, Strafen ohne Tat und Symbolhandlungen ohne Sinn, die Jahre vergehen im Vorbeirattern von Gedenktagen, im abfeiern immergleicher Rituale zwischen ADAC-Tunneltest und -Raststättenprüfung, Vogel der Woche und Unesco-Welterbestätte des Monats.

Der Osten ist längst überall, allerdings kann das nur erkennen, wer die Original-DDR erlebt hat: So vieles gleicht sich so sehr und das immer mehr. Ostdeutsch zu sein heißt vielleicht auch deshalb nicht, Angehöriger eines eigenen Volksstammes zu sein, wie ein westdeutsches Gericht kürzlich entschied. "Im Osten ist der Niedriglohnsektor doppelt so groß wie im Westen und die Billiglöhne sind deutlich geringer: 4,86 Euro pro Stunde im Schnitt im Osten, fast sieben Euro im Westen", rechnet das SZ-Magazin vor, "im Osten ist der Anteil der Hartz-IV-Aufstocker, deren Lohn nicht zum Leben reicht, mehr als doppelt so hoch und die Jugendarbeitslosigkeit fast doppelt so hoch wie im Westen. Dort besitzen die Menschen dafür mehr als dreimal so viel Vermögen wie im Osten." Die beiden Autoren sind Westdeutsche, nur die Illustrationen zum SZ-Sonderheft Ost durfte ausnahmsweise mal ein Grafikbüro liefern, dessen Gründer aus der DDR stammen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Schön auch immer wieder, wenn solche erfahrenen Qualitätsjournalisten wie Cadenbach (30) und Obermayer (33) über das Thema schreiben. Obermayer war 12 Jahre alt zur Wende und Cadenbach ist 89 noch mit der Trommel um den Christbaum gerannt.

ppq hat gesagt…

zumindest kann man ihnen persönliche betroffenheit oder kenntnis aus erster hand nicht vorwerfen

Die Anmerkung hat gesagt…

So wenig die BRD ein Wohlfahrts- so wenig ist sie auch ein Wohlfühlstaat. Will heißen, in der DDR war es schon schnarchnasiger und gemütlicher, unterm Strich streßfrei, so man streßfrei leben wollte.

Richtig Spaß macht die Bundesrepublik keinen.

VolkerStramm hat gesagt…

Warum nur ist die Sprache so sanft?
Gerade mal Diskriminierung - und das war es dann schon.

Warum kriegt es die Prantl-Prawda (sonst immer couragiert im Kampf gegen alle und alles) nicht mal hin, die Parallelen zur Autobahnzeit aufzuzeigen?
Warum ist die SZ nicht entsetzt dass es schon wieder so weit ist, 65 Jahre danach?
Warum keine Wissenschaftler, die die Alltagsdiskriminierung der Ossis anprangern?

ppq hat gesagt…

prantl-prawda ist genial.

ppq hat gesagt…

also stressfreier als damals ist es heute schon. wenn ich nur n die rieisge schreibmaschine denke... und daran, dass es immer keine farbbänder gab. und nur so hässliches papier, gelb wie die krankenwagen, die mal weiß waren.

nöö, also wie das damals war, kannst du nachgeborenen ja gar nicht mehr erklären. höchstens, indem du den schimmel von der marmelade kratzt und entschieden sagt, den rest kann man essen, der ist noch gtu.

war normal. heute würden dir alle den vogel zeigen

Die Anmerkung hat gesagt…

Heute geht mir jeder mit allem auf den Sack. Der Aufwand, sich dem zu entziehen, um mein Leben so führen zu können, wie es mir in den Kram paßt und nicht den anderen, der ist deutlich höher als zu DDR-Zeiten.

Selbst das DDR-Fernsehen war ja vergleichsweise eine Insel der Ruhe und Entspannung, aus heutiger Sicht betrachtet.

derherold hat gesagt…

"Warum keine Wissenschaftler, die die Alltagsdiskriminierung der Ossis anprangern?"

Ägypten ?
... weil *es* nicht gewollt ist. Die "Diskriminierungsschiene" ist anti-national. Jeder Versuch, die (jüngere) Bevölkerung in Ostdt. zu halten, ist zu unterlassen, da der Westen die Kinder der Ostdeutschen braucht (nein, nicht als Lohndrücker, sondern als qualifizierten Nachwuchs).

@Anmerkung: Das mit dem "Entziehen" sehe ich anders. Heute kann sich der Gut- und Besserverdiener (noch) dem allgemeinen Zustand in diesem unserem Lande (nicht nur durch Privatschulen) entziehen; der gemeine DDR-Bürger konnte das wohl nicht. Deshalb ist die ostdeutsche Intelligenz nicht nur einen Zacken reaktionärer als die westdt. Wohlstandslinke.
Man vergleiche Klaus Wowereit mit Kurt Hager. ;-)

waulmurf hat gesagt…

Naja, in der DDR gab es immerhin ein glaubhaftes anarchisches Moment, z.B. wenn Willi Schwabe zur Zuckerfee auf seinen Dachboden stieg. Oder Klaus Feldmanns Scheitel, den er mal auf die eine und dann wieder auf die andere Seite kämmte.

Das Subtile, die leiseste Andeutung wurde verstanden und war deshalb wirkmächtig und gefürchtet. Man verstand sich gewissermaßen durch die mangelwarige Blume.
Heute plärrt alles nur noch durcheinander, haut den medialen Hammer auf den Kopp des anderen - bis zur Sinn- und Besinnungslosigkeit. Man versteht sich nicht mehr.

Kobalt hat gesagt…

Ja. Schlimm. Früher war wirklich alles besser. Nee, was war das schön.

ppq hat gesagt…

wieder haben alle recht. wobei ich sagen würde: das radio hat ja auch einen ausknopf, den hatte die fdj so nicht.

sich damals zu entziehen, bedeutete, zu verzichten, wobei das ausmaß sehr individuell ausfiel. entziehen war gleichbedeutend mit dagegensein, also zwangsläufig im verdacht zu stehen, für den westen zu sein. das musste nicht mal stimmen.

sich heute entziehen heißt dagegen nur, sich individuell zu entscheiden, dieses oder jenes nicht zu tun, anzuschauen, zu glauben. da dem ganzen aber die masse fehlt, die früher durch die automatische zuschreibung aller individuellen verweigerer zum "westen" entstand, hat entziehen und raushalten heute keinerlei gesellschaftsverändernde funktion mehr.


wenn ich ein wort dafür suchen müsste, wie das heute alles auf mich wirkt, fiele mir immer nur kommod ein. so hat aber wohl mal jemand die ddr als diktatur beschrieben, das kann also nicht stimmen

waulmurf hat gesagt…

Nahezu wortlose oder alternativ-kodifizierte Kommunikation gedeiht nunmal vorallem während der Repression, wenn den Mündern enge Grenzen gesetzt sind.
Es quillt und wächst praktisch wie ein beanspruchter Muskel, der als Ersatz für einen anderen einspringen muss und der in einem anderen Klima nur kümmerlich sein kann. Alles hat seine Kosten. Der fehlende Umweg durch die Blume banalisiert und kostet so viel Wirkkraft.

waulmurf hat gesagt…

also nicht alles war besser, sondern manches war besser, bedingt dadurch, dass anderes schlechter war. die allgemeine verbesserung als kollektives hirngespinst gewissermaßen.

man könnte auch sagen, dass man immer wieder an den punkt gelangt, wo sich der hund sich in den eigenen schwanz beißt.

Die Anmerkung hat gesagt…

@ppq

hat entziehen und raushalten heute keinerlei gesellschaftsverändernde funktion mehr

Da geh ich mit und verschlimmer das Ganze. Das Entziehen und Raushalten hat eher eine gesellschaftsstabilisierende Funktion, wie man immer an den Zahlen zu Wahlen sieht.

Keiner geht mehr wählen und trotzdem haben die Sieger die absolute Mehrheit und verhalten sich danach dementsprechend. Als ob sie einen Freibrief für jede Schweinerei ausgestellt bekommen haben.

Bescheinigt wurde ihnen zahlenmäßig jedoch nur ein Minderheitenmandat. Stört sie aber nicht weiter, weil sie ja selber die Regeln festgelegt haben, nach denen das Spiel zu laufen hat.

VolkerStramm hat gesagt…

Trotzdem ist der Westsozialismus dem Ostsozialismus überlegen.

Ist zwar nicht das Thema des Stranges, muss aber mal gesagt werden.

waulmurf hat gesagt…

Wählen verändert aber auch nichts und somit ist es letztenendes egal, was man an den Wahlsonntagen so treibt. Die Stabilisierung hat andere Ursachen, eben auch kommunikative.
Man darf zwar (fast) alles ungestraft sagen, aber es interessiert kaum noch. Es provoziert nicht und wenn, nicht nachhaltig. Alles verebbt in wenigen Tagen, ja schon Stunden, wenn auch mancher medialer Leichnam ("aktuelles" Beispiel: Loveparade 2010) von manchen Unverbesserlichen noch Tage später künstlich beatmet wird. Die Meute hat sich längst shcon wieder zerstreut und sucht nach frischen Kicks. Dadurch ist Mobilisierung und Gleichschaltung unmöglich geworden. Stattdessen versucht halt jeder dem anderen in die Hosentasche zu greifen, um am Ende nicht der Dumme zu sein.