Google+ PPQ: Heimatgeschichte: Nie mehr zum Friseur

Dienstag, 13. März 2012

Heimatgeschichte: Nie mehr zum Friseur

Man weiß ja noch genau, wie das alles angefangen hat. “Auf einmal wollten sie nicht mehr zum Friseur gehen“, erinnert sich die Dame beim Kaufmann, die der stets unterschätzte Adolf Winkelmann in seinem bis heute nicht Oscar-prämierten Road-Movie „Die Abfahrer“ zu Wort kommen lässt. Die Älteren erinnern sich: Verkäuferinnen trugen Haarreifen und Blümchenschürze, an den riesigen Registrierkassen glühten blutrote Leuchtdioden und der Käse lag vor großräumig gemusterter Tapete auf kleinen Beistelltischchen.

Ja, womit fing das alles an? Erst wollten sie nicht mehr zum Friseur, dann nicht mehr Maurer, Bergmann und Stahlgießer werden. Gab es Mitte der 60er Jahre noch höchstens 30 professionelle Rockbands im Land, die auch gleich den Popbereich mit abdeckten, waren es zehn Jahre später schon 200. So wenige nur, würde man heute sagen. Denn noch einmal 40 Jahre danach ist die Zahl der Menschen, die allein in Deutschland von Popmusik leben wollen und den Anspruch haben, dass die Gesellschaft ihnen das ermöglichen müsse, förmlich explodiert. Zwar war eine ganze Generation zwischendurch doch wieder beim Friseur. Doch mit dem Barmen um den Umstand, dass mit Musik nichts mehr zu verdienen ist, ist die Zahl der Bands, die das erstmal selbst erleben möchten, auf handgeschätzte 5.000 gestiegen.

„Rumtattat, rumtattata, das hat doch nichts mehr mit Musik zu tun!“, empörte sich die ältere Dame bei Winkelmann, die heute als guterhaltene Mittdreißigerin durchgehen würde. Damals machten die Frisuren alle Menschen alt, und natürlich ihre anstrengende Tätigkeit als Mauer, Bergmann und Stahlgießer. Die Häuser waren im Westen grau wie im Osten, die Straßen eng, die Fenster klein, die Autos alt und Türen quietschten. Im Regal Pril und Mondamin, Kraft Schaschlik-Soße und frische Eier aus Käfighaltung. Eine Montanrepublik, deren Demokratie auf dem bescheidenen Wohlstand ruhte, der aus Steinkohle und Stahl kam. Ärmliche Verhältnisse damals überall, hässliche Oberhemden, verschnittene Hosen, Fahrräder, die schon neu wie verrostet aussahen. Frischer Fisch wurde in Zeitung eingepackt. Milch gab es lose. Niemand überprüfte, wie hoch der Feinstaubgehalt in der Innenstadt und wie die Uranwerte im Baby-Trinkwasser waren. Überall wurde geraucht.

Die Vergangenheit, sie würde heute, wo sie die gute alte Zeiten genannt wird, glattweg verboten werden. Giftig. Unhygienisch. Eine Zumutung, wie die Menschen damals schon fanden. „Es war noch niemals so schlimm wie heute“, fasst die Dame im Film zusammen, wie 1978 auf die Welt geschaut wurde. Selten in der Weltgeschichte ist ein Satz gesagt worden, dem nachfolgende Generationen mit soviel Inbrunst beizupflichten bereit waren.

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