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Donnerstag, 31. Mai 2018

Achter Geburtstag: Europa im ewigen Endspielmodus


Als die erste Welle der "amerikanischen Krise" (Peer Steinbrück) über den alten Kontinent gerollt war, schauten sich die Staatenlenker Europas verblüfft um. Entsetzen machte sich breit. Was hatte stabil sein sollen, eine Burg in einer unsicheren Welt, sah nach nur einem weltweiten Finanzsturm aus wie ein Kartenhaus. Es wankte und schwankte, es knirschte und brannte. Die Staatshaushalte vieler Partnerländer stellten sich als frei erfunden heraus, die volkswirtschaftlichen Leistungsdaten waren ausgedacht, die Schuldengrenzen nach dem Vorbild des großen Vorbilds Deutschland nie eingehalten, die Zukunft hatte man drei- oder viermal verpfändet.

Es kam zum "Endspiel um den Euro", wie es die FAZ nannte. In höchster Not, als das Ende drohte und kein Silberstreif am Horizont mehr Hoffnungszeichen sendete, entschlossen sich die gesunden Kräfte in der Mitte der erfolgreichen Staatengemeinschaft damals im Mai 2010, schnell und entschlossen zu handeln. Angela Merkel schlüpfte aus ihrer Rolle als Klimakanzlerin. Und in "Stunden hektischer Krisendiplomatie" (Die Welt) gelang es ihr gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, das "Projekt Euro" (dpa) zu retten.

Es war das erste einer langen, langen Kette von Endspielen um die EU, den Euro oder gleich ganz Europa, die von fleißigen Medienarbeitern geknibbert wurde. Mit Rettungspaketen wurde gegen Spekulanten gekämpft, mit Schulterschlüssen gegen Brexit-Briten. Mit Hilfe des IWF, der dann allerdings irgendwann von der Fahne ging, gegen die Griechenpleite. Und mit einem Blankoscheck der EZB gegen den Verdacht, irgendwo könne eine Grenze dessen sein, was eine gemeinsame Währung kosten darf. Europas Eliten hatten sich entschlossen, das Projekt einer am Reißbrett entworfenen Staatengemeinschaft, aus der möglichst bald ein Bundesstaat werden soll, mit Zähnen, Klauen und frei erfundenen Behauptungen zu verteidigen.

Whatever it takes.

Acht Jahre später feiert das "Endspiel" nun Geburtstag. 2900 Tage nach Merkels und Sarkozys erstem erfolgreichen Versuch, den Euro zu retten "noch bevor in der Nacht zum Montag die Börsen in Fernost öffnen" (FAZ, 2010), ist es durch eine unkluge Entscheidung vieler italienischer Wähler nötig geworden, erneut auf den Platz zu gehen und um die schiere Existenz des Euro zu spielen.

Diesmal geht es nicht gegen Spekulanten, die an allem schuld sind. Sondern gegen Populisten, doch auch diesmal kann keine Rede davon sein, dass der Euro selbst seine Krisen in sich trägt. Nein, schuld sind Fake News und gefühlte Wahrheiten, die nicht den Statistiken entsprechen: "Trotz des leichten wirtschaftlichen Aufschwungs überwiegt in der italienischen Bevölkerung der Eindruck, dass es dem Land seit dem Eintritt in die Währungsunion schlechter geht, vor allem in Bezug auf die weiterhin schwierige Arbeitsmarktlage und die in den vergangenen zehn Jahren gewachsene Armut", schreibt die FAZ.

Der Italiener als solcher hat leider mehrheitlich nie verstanden, dass ihm der Euro Wohlstand, Freiheit und Glück gebracht hat. Die kommenden Wochen würden deshalb, so die FAZ, die die "Endspiel"-Methapher einst erfand, "von einer starken Polarisierung geprägt sein – für oder gegen den Euro, für oder gegen die Europäische Union." Mit der kleinen Einschränkung allerdings, dass es derzeit keine italienischen Politiker gebe, "die der antieuropäischen Rhetorik von Fünf Sternen und Lega wirksam etwas entgegensetzen – und den Italienern erklären könnten, warum es sich lohnt, für die EU und die Wirtschafts- und Währungsunion zu kämpfen".

Das wird dann wohl wieder Angela Merkel übernehmen müssen - niemand mehr Endspiel-Erfahrung als sie, niemand hat mehr Endspiele gewonnen als sie, niemandem ist mehr zuzutrauen, dass sie auch diesmal triumphieren und retten wird, was noch zu retten ist. 

Kommentare:

Sauer hat gesagt…

Endspiele haben es nun mal so an sich, daß sie immer wieder gespielt werden müssen. Kein Endspiel ist endgültig, man denke an die Fußball-WM. Im Unterschied zu den Euro-Endspielen werden die im Fußball immer mit vielen neuen Spielern ausgetragen. Dadurch sind sie attraktiver und spannender als die um den Euro. Hier laufen stets die selben MackerInnen auf und man weiß von vornherein, wie es ausgeht. Auch die Spielzüge sind immer die gleichen, es gibt keine Überraschungen und genialen Dribblings, keinen Paß in den tiefen Raum und keine packenden Szenen vor dem Tor. Alles sehr öde und langweilig. Deshalb schaut auch kaum jemand noch zu, die Einzigen, die das Holzen auf dem Feld noch interessiert, sind die Politikclowns und ihre hündischen Speichellecker, die Journalisten. Gäbe es letztere nicht, man würde über die Endspiele nichts erfahren. Die Menschen würden ruhiger und zufriedener leben. Deswegen: Kümmert euch nicht um das Endspielgewürge, seid glücklich und heiter.

ppq hat gesagt…

also dass sie jetzt mitten im endspiel zu jogis jungs fährt, ist schon ein pass in die tiefste tiefe des raumes

Anonym hat gesagt…

http://www.achgut.com/artikel/zwei_leichen_im_keller_der_elbharmonie

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