Google+ PPQ: Worthülsenbeschuss: "Politik setzt gezielt auf die Bundesworthülsenfabrik"

Freitag, 29. März 2019

Worthülsenbeschuss: "Politik setzt gezielt auf die Bundesworthülsenfabrik"

Die Bundesworthülsenfabrik (BWHF) befindet sich direkt unter dem Kanzleramt in Berlin.

Der Medienwissenschaftlers Hans Achtelbuscher vom An-Institut für Angewandte Entropie der Bundeskulturstiftung und die Bitterfelder Gebärdendolmetscherin Frauke Hahnwech sprechen im PPQ-Interview über Worthülsen, die Bundesworthülsenfabrik, die Wortmacht der Politik und Medienkompetenz.


PPQ: Herr Achtelbuscher, Frau Hahnwech, in der Diskussion über politische Sprache taucht derzeit häufig der Begriff „Worthülse“ auf. Was ist das?

Hahnwech: Der Begriff ist überhaupt nichts Neues. Das ist erst mal nur die Bezeichnung einer Sprachmunition, wie dem Gehirn vorgibt, wie es Informationen verarbeiten soll, nämlich in erster Linie positiv im Verhältnis zu dem, was der Worthülsennutzer beabsichtigt. Bekannt geworden ist der Begriff dadurch, dass der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl 1990 den vormaligen DDR-Betrieb VEB Geschwätz als Bundesbehörde übernommen hat. Kohl zog damit die Lehren daraus, dass die Kognitionsforscherin Elisabeth Wehling im Experiment nachgewiesen hatte, wie einfach es möglich ist, über bestimmte Begriffe Bilder in den Köpfen der einfachen Bevölkerung hervorzurufen, die den Blick der Menschen auf politische Entscheidungen bestimmen.

Achtelbuscher: Worthülsen funktionieren wie eine Programmierung. Das bedeutet, dass mit einer Worthülse wie "Rettungsschirm" und "Energiewende", "Schuldenbremse" und "Wachstumspakt", "Stromautobahn" oder "Obergrenze mit atmendem Deckel" ein mentaler Zustand abgerufen wird.  Auch bei einer politischen Entscheidung, den Sie vielleicht gar nicht in Ordnung finden, kommt dieses Bild in den Kopf: Gute-Kita-Gesetz. Starke-Familien-Gesetz, Geile-Steuern-Gesetz - das macht etwas mit ihnen. Sobald der Begriff ausgesprochen wird, wird die Bewertung mitausgesprochen.

PPQ: Und das funktioniert?

Achtelbuscher: Ja, nehmen Sie doch nur das Gute-Kita-Gesetz". Wenn Sie von "guten Kitas" sprechen, dann transportieren Sie das Bild, dass das alles toll ist. Die Wirklichkeit sieht selbstverständlich anders aus, es fehlt an Mitarbeitern, es fehlt an Integration, an Geld und an modernen Gebäuden. Da aber "Gute-Kita-Gesetz" den Rahmen vorgibt, ist es kaum noch möglich, ein negative Bild aufzuhängen. Stattdessen unterwirft sich die mediale Berichterstattung notgedrungen der politischen Vorgabe, für die die Begriffsdesigner der Bundesworthülsenfabrik in großer Professionalität Worthülsen entwerfen. Schon die Ablösung des international erfolgreichen Wortes "Kindergarten" durch das kantige, technokratische "Kita" ist ja ein geniestreich. Immer wenn Ihnen das Wort Kindergarten begegnete, kam Ihnen ja automatisch die DDR in den Kopf. Bei Kita ist das nicht der Fall, diese Vokabel lässt sich jetzt neu anfüllen.

PPQ: Bei den Parteien soll es Listen mit bestimmten Wörtern geben, die gepusht werden sollen, hat der renommierte "Tagesspiegel" enthüllt?

Hahnwech: Nicht nur bei den Parteien, auch in den Redaktionen. Wissenschaftlich lassen sich Verlaufskurven nachweisen für Worthülsen wie "Rettungspaket" oder "Benzinpreisbremse". Wenn die Politik beschlossen hat, sich mit Hilfe der Bundesworthülsenfabrik auf ein Gefechtsfeld zu begeben, dann sondiert sie natürlich vorher ihre Erfolgsaussichten. Klar ist, wenn eine Begrifflichkeit von ihnen selbst festgelegt wird, müssen auch ihresKritiker und Gegner sie verwenden. Damit  verstärken die ungewollt Ihre Argumente, weil Sie ihren Wortschatz übernehmen. Nehmen Sie "Protestterroristen", ein Begriff, den die Bundesworthülsenfabrik in der G20-Krise für die SPD geschmiedet hat. Medien haben das verwendet und die gewalttätigen Ausschreitungen dadurch wie eine Karnevalsveranstaltung aussehen lassen. Bisschen Protest. Vorbild ist hier der berühmte "Gänseblümchenmörder", der einen starken Begriff durch Zusammensetzung verniedlicht. Wer den Begriff verwendet, ruft das Bild einer Frühlingswiese auf, nicht das eines bluttrünstigen Killers.


PPQ: Das ist die Methode der BWHF? Oder wird das unbewusst so gemacht?

Achtelbuscher: Das ist die Arbeitsaufgabe der Behörde. Politiker wissen, dass ein gezielter Einsatz von Worthülsen wirkt. Bei den Parteien gibt es tatsächlich Listen mit bestimmten Wörtern, die eingesetzt werden sollen, andere dagegen versucht man zu vermeiden. Die Bundesworthülsenfabrik berät hier auch gezielt, wie "Rettungsschirm" und "Energiewende", "Schuldenbremse" und "Wachstumspakt", "Stromautobahnen" oder "Benzinpreisbremse" einzusetzen sind und wann sie nicht mehr verwendet werden sollten.

PPQ: Nicht mehr verwendet? Wieso?

Hahnwech: Da ist eine Adoleszenz eingebaut, nahezu immer.  Egal ob der "Rettungsschirm" oder der "Wachstumspakt" oder die "Stromautobahnen", all das sind Begriffe, die einer aktuellen Vernebelung dienen sollen. Das Prinzip ist im Grunde, etwas, das sich nicht lösen lässt, begrifflich neu zu verpacken und so lange darüber zu reden, bis die Unmöglichkeit einer Lösung des Problems in Vergessenheit geraten ist. Von "Stromautobahnen", einen Begriff, bei dem ich zuerst dachte, die Mitarbeiter der BWHF machen sich auch ein bisschen lustig über uns, ist ja nun schon lange nichts mehr zu hören.

PPQ: Tun sie aber nicht, oder??

Hahnwech: Nun, man muss schon sagen, dass all diese schönen Begriffe von der BWHF hergestellt werden. Also sind sie letztlich vom Steuerzahler finanziert worden. Wenn Medien wirklich verantwortlich mit dem Volksvermögen umgehen wollen, dann sollten sie diese Vokabeln auch benutzen, dazu sind sie ja da. Wir müssen uns wirklich nicht von dem distanzieren, was aus der Politik kommt. Das sind doch unsere gewählten Volksvertreter, die handeln in unserem Interesse. Natürlich gibt es da die Rechtspopulisten, die sagen, man macht sich zum Werkzeug, wenn man unreflektiert solche Worthülsen übernimmt. Das ist ein Dilemma, für das es keine perfekte Lösung gibt. Aber wenn man sich dessen zumindest bewusst ist, geht es.

Achtelbuscher: Ein aktuelles Beispiel ist das "Geile-Steuern-Gesetz", mit dem der unter Beschuss geratene Finanzminister Scholz seine Chancen auf die SPD-Spitzenkadidatur für das Kanzleramt wahren will. Er hat die Parole ausgegeben hat, dass er nach außen positiv kommunizieren möchte und bei der BWHF deswegen einen knackigen, positiven Namen für das neue Steuergesetz bestellt. Oder Hubertus Heil, ein Minister, von dem nach Umfragen 76,4 Prozent der Deutschen gar nicht wussten, dass es ihn gibt. Der hat mit der Vermeidung der Unglückszahl "13" beim neuen Sozialgesetzbuch Millionen Horoskopleser auf seine Seite gezogen.

PPQ: Und die Medien machen da mit?

Hahnwech: Ja, es ist erstaunlich zu sehen, wie diese inhaltsleeren, oft geradezu hirnrissigen Begriffe aus der BWHF in den Medien begeistert weiterverbreitet werden. Sie werden in fast allen Texten mitgenommen, auch in Überschriften. Dazu muss man Herrn Schawidow, dem Chef der BWHF, schon gratulieren, denn der Plan ist aufgegangen.

PPQ: Woran erkennt man eine gute Worthülse?

Achtelbuscher: Grundsätzlich kann man schon sagen, dass eine gute Worthülse unbewusst wirkt. man merkt nicht, dass es eine ist. "Rettungsschirm" und "Energiewende", "Schuldenbremse" und "Wachstumspakt", "Stromautobahn", das klingt alles sehr logisch, obwohl ein Wort wie "Rettungsschirm" natürlich überhaupt keine Bedeutung hat. "Fallschirm" ja, oder "Regenschirm". Aber "Rettungsschirm"? Das ist wie bei "Stromautobahn" völlig sinnfrei, aber es wirkt. Das Phänomen tritt aber ja nicht nur bei Politikern und Medien auf, auch viele ganz normale Menschen akzeptieren vorgegebene Sprache und sie übernehmen ungeprüft Begriffe, auch wenn sie, mit Verlaub, komplett blödsinnig sind.

PPQ: Warum?
 
Hahnwech: Das liegt an den Medien, denn die geben Dinge eben oft weiter, ohne sie zu hinterfragen. Und dann akzeptiert der Mediennutzer, dass es eben so ist. Niemand kann sich dem widersetzen, wenn es die Medien nicht tun. Und die haben andere Probleme, als nachzufragen, was da für sprachliche Verbrechen verübt werden.

PPQ: Die bleiben straffrei?

Achtelbuscher: Bleiben sie. Genau. Sprache ist Macht, das ist nicht erst seit gestern so. Wer über die Worthülsen gebietet, der kann unsere sich so aufgeklärt wähnende Gesellschaft manipulieren. Und wenn das geht, dann wird es auch gemacht.





Kommentare:

Immo Sennewald hat gesagt…

Den Rettungsschirm gibt es - für Gleitschirmflieger z.B.

Hülsenfrüchtchen hat gesagt…

Was sollen sich schwarmintelligent dünkende Michels denn auch denken, wenn sie eher instinktiv spüren als rational verstehen, dass ihnen immer schneller die verlässliche Lebensbasis abhanden kommt?

Die greifen in ihrer panischen Konfusion dann mit einer (ge)hörigen Portion Allheilmittel-Aberglauben zu jedem Plastikstrohhalm, also auch zum "Rettungsschirm", den die für ihren Niedergang verantwortliche Obrigkeit anzubieten scheint. Dass sie damit eine Bruchlandung nicht aufhalten können, kapieren unsere weltrettenden Dummkopf-Schlaumeier - wenn überhaupt - meist zu spät.

... und wenn es dann schmerzhaft gekracht hat, suchen sie wütend nach Sündenböcken, die für ihre eigene unverstandene Dämlichkeit bezahlen sollen. Diese selbsternannten stolzen Kronen der Schöpfung sind nämlich nur triebgesteuerte Nacktaffen. Man fühlt sich in Schland nicht zuletzt durch die multikulturelle Bereicherung darum immer öfter wie im Zoo mit offenen Gehegen.

Der 87% 0815-Piefke-Mehrheit scheint das jedoch zu gefallen. Darum fordert die Masse: "Weiter so, Mutti!"

Worthülsen sind also nur das Produkt der Menschenhülsen, die zunehmend verblödet überall rumturnen wir in der Zirkusmanege. Sich zum albernen Clown machen ohne es zu merken, ist der neue Zeitgeist dieses sedierten Herdennutzviehs.

Auf was soll man gesellschaftlich da noch hoffen?

Anonym hat gesagt…

@Vorposter
"suchen sie wütend nach Sündenböcken"


Für die Schmierfinke einer kompletto verrotteten „buntesdeutschen“ Journaille ist es nur noch zynischer Usus, das feige, rückgratlose, culpathisch weichgeprügelte Schafskopp-Volk auch mit den dummfugigsten Nichtigkeiten permanent entweder in Hyperventilations- oder Knieschlotter-Modus zu versetzen. –

Insbesondere am „Dschörmän-Angst“-Hebel wird in schöner, zyklischer Regelmässigkeit mit sadistischer Lust gezogen. – Denn, komme was da wolle, an alltäglichen Phänomenen, natürlichen Zyklen und Periodizität unterliegenden Veränderungen, „Buntes-Schafs-Nase“ bekommt das alsbald
v. seinen „Diskurshoheiten“ als erschröööckliche Katastrophööö kredenzt. –

Das Füllhorn dieser Sadisten ist schier unerschöpflich, denn von „Waldsterben, Atoooom-Toood, über Ozooooon-Löcher, ÄÄÄIIIDS-Pandemien, Schweine/Vogel/Hühner-Grippen, bis zu Klimaaa-Katastrophööö“, braune Fascho/Nazi-Zellen, Macho-Unterdrückern, reichen die „Standard-Knieschlotter-Auslöser“, ganz zu schweigen v. halluzinierten, adhoc ex nihilo auftretenden „Bedrohungen“. –

Die in unserer Lügen-Matrix aufgeblähten Popanze sind fürwahr Legion, an denen sich das Bundes-Hirn-Voll-Wasch-Bären-Volk sodann austoben darf und als perfide Vorwände für das jämmerliche Scheitern von stinkverlogenen, Linksgrünokofemimultikulti-Scharlatanerien daher halluziniert werden.