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Montag, 23. März 2020

Kontaktsperre: Eine Worthülse aus dem Knastalltag

Die Halbwertszeit der neuverhängten Krisenmaßnahmen der Bundesregierung liegt derzeit bei 48 Stunden, viel mehr Zeit bleibt auch der BWHF meist nicht, neue bemäntelnde Begriffe wie "einheitliche Beschränkung sozialer Kontakte" zu erfinden.

Es sind harte, arbeitsreiche Tage für Rainald Schawidow und seine Experten von der Bundesworthülsenfabrik (BWHF). Das Kollektiv der Phrasendrescher und Worthülsendreher ist hinter den Kulissen der großen Corona-Krise beinahe täglich gefordert, die Bundespolitik mit den nötigsten Begriffen zur Panikabwehr zu versorgen. Waren es anfangs subtile Satzbausteine wie "im Griff", "keine besondere Gefahr" oder "gut vorbereitet", die aus dem Bundeszentrallager für Beschwichtigungen direkt an die Medienfront geliefert wurden, um  Ruhe und Ordnung im Lande zu wahren, ist die Bundesworthülsenfabrik inzwischen zu ihrem Kerngeschäft zurückgekehrt. Die BWHF hat mit der Serienproduktion von zusammengesetzten Substantiven begonnen, die die Lage bemänteln und symbolisches Handeln als entschiedenes Rezept gegen eine Krise erscheinen lassen sollen. Eigentlicher Zweck der hochgefahrenen Produktion ist es, den Zusammenhalt in der Bevölkerung zu stärken.

Kernstücke der Überzeugungsarbeit


Ein großer Ruck, den die deutschen Leitmedien mit der Kampagne "Wir bleiben zu Hause" begleiten. Kernstück der Überzeugungsarbeit aber sind die in der großen Tradition früherer politischer Signalbegriffe wie "Rettungsschirm", "Energiewende", "Schulden-" und "Mietpreisbremse", "Stromautobahnen" oder "Wachstumspakt" entwickelten neuen Krisenkampfstoffe aus der Verbalwerkstatt. Die hatte in den zurückliegenden Jahren vor allem im Dauerstreit um die lebenswichtige Klimapolitik sprachliche Höhepunkte wie "Heißzeit", "Klimanotstand" und "CO2-Steuer" Volltreffer in Serie geliefert und damit bei der Bundesregierung die Erwartung geweckt, dass sich im Grunde jedes große Problem mit einem Leitbegriff semantisch einhegen und damit so lange auf die lange Bank schieben lässt, bis sich die Gemüter beruhigt haben und die Sache vergessen ist.

Dabei reagiert die BWHF durchaus flexibel auf sich teilweise im Stundentakt verändernde Erfordernisse: Waren eben noch abwertende Vokabeln nötig, um den Kampf gegen volksschädliche Vorsorger zu führen - die BWHF reagierte hier mit einer Reaktivierung des Tiervergleichs "Hamsterer" - stand später die Notwendigkeit, beschreibende Begriffe für die Lage zu finden, die wie das Dauerblau des Krisenblazers der Kanzlerin nonverbal von der Gewissheit erzählen, dass alles halb so schlimm ist. "Corona-Gefahr" (BWHF) löste die von rechtspopulistischen Verunsicherern aus Moskau erfundenen "Corona-Krise", "Corona-Katastrophe" und das denunzierende "Masken-Magel" ab. 

Ein erstes Stück Raumgewinn in der Schlacht um die Deutungsmacht, in der bemäntelnde Begriffe wie "einheitliche Beschränkung sozialer Kontakte" in einem selbst für die hochprofessionellen Worthülsendesigner der BWHF engen Zeitrahmen von zumeist nur 48 Stunden erfunden werden müssen. So lang ist derzeit die Halbwertszeit der neuverhängten Krisenmaßnahmen der Bundesregierung, so viel Zeit bleibt auch nur, die jeweils nächste Verschärfung wenigstens verbal als logisch, unabdingbar und planmäßig erscheinen zu lassen.

Mit "Ausgangssperre" und dem milderen "Ausgangsbeschränkung" ist es Schawidow und seinen Sprachingenieuren zweifellos gelungen, neue Maßnahmen der Bundesregierung zu popularisieren. Dabei legte man vor allem im Rheinland äußersten Wert darauf, ohne das Wort "Ausnahmezustand" auszukommen oder die im vergangenen Jahr breit popularisierte und von zahlreichen Gemeinden genutzte Möglichkeit zu eröffnen, den Notstand auszurufen. Das war zwar in Bayern und im Saarland gut angekommen, wäre aber in anderen, liberaleren Gegenden der Republik wie plumpe Nachahmung erschienen und damit schädlich für den Wahlkampf um die CDU-Spitze gewesen..  Der Rheinländer Armin Laschet, der seine Bürger trotz grassierender Seuche Karneval feiern und wichtige Bundesligaspiele besuchen ließ, verlangte vernehmlich nach anderen sprachlichen Regelungen, die ein fröhlicheres Management des sozialen Todes der Gesellschaft erlauben.


Geniestreich trotz neuer Abstandsregeln


Und wirklich: Mit der Worthülse "Kontaktsperre" gelang es der BWHF tatsächlich, in einer turbulenten Wochenend-Schicht unter erschwerten "Abstandsregeln" (BWHF), einen Begriff zu designen, der die Tarnung weitgehend ausgehebelter Grundrechte mit einem Versprechen freundlicher Strenge verbindet. Dabei mussten die Sinndesigner der BWHF diesmal nicht einmal selbst zur Wortfeile greifen und es war auch nicht notwendig, wie bei "Rettungsschirm" und "Energiewende", "Schuldenbremse", "Wachstumspakt" und "Stromautobahn" mit der Terminus-Heißklebepistole Nomen zu kombinieren.

"Kontaktsperre" fanden Mitarbeiter der BWHF vielmehr im BWHF-Archiv, wo das Substantivum seit Jahren abgelegt und bereits fast vollkommen vergessen war. Laut offizieller Definition war es ursprünglich - mutmaßlich noch im Kaiserreich vom damaligen BWHF-Vorläufer Reichsamt für Worte und Benennungen (RWB - Forschungsbehörde) - für die Verwendung in gesellschaftlichen Randbereichen  entwickelt worden. "Kontaktsperre" stand danach für eine "Unterbindung aller Kontakte bestimmter Häftlinge besonders mit der Außenwelt, solange von solchen Kontakten eine akute Gefahr ausgeht" (Duden) - kurz entschlossen aber verzichtete die Chefetage der BWHF dennoch darauf, Änderungen an dem Nominalkompositum vorzunehmen. 

Der neue Corona-Begriff habe zwar rechtlich keinerlei Grundlage, da die entsprechenden Gesetze erst noch verabschiedet werden müssten. Doch erwecke er den zutreffenden Eindruck, dass er bindend für alle Bürger sei, weil die staatlichen Organe sich entschlossen hätten, ihr Handeln an Erfordernissen auszurichten, statt sich an Gesetze zu halten, hieß es dazu im politischen Berlin. Es gehe jetzt darum, die Bevölkerung auf harte Zeiten einzuschwören, sie zugleich aber nicht zu beunruhigen. Dies werde mit dem Substantivkompositum "auf hervorragende Weise erreicht", lobt ein selbst häufig mit sprachlicher Spurenverwischung befasster Ministerialbeamter. 

Kommentare:

Die Anmerkung hat gesagt…

Udo Vetter

Ein mehr oder weniger schlichtes Versammlungsverbot hätte demnach aber auch gereicht.

https://www.lawblog.de/index.php/archives/2020/03/20/verhaeltnismaessig-verhaeltnismaessig/

Die Anmerkung hat gesagt…

Udo Vetter

Grundrecht außer Kraft

So lange wir uns in der Bahn noch gegenübersitzen und beliebig unsere Häuser verlassen dürfen, ist die Landesregierung mit der faktischen Abschaffung eines Grundrechts deutlich zu weit gegangen.

https://www.lawblog.de/index.php/archives/2020/03/17/grundrecht-ausser-kraft/

Die Anmerkung hat gesagt…

Worthülsen vs. kernige Worte.

https://twitter.com/peta/status/1241457313434808324

Covid19 wouldn't exist in a vegan world.

PETA @peta
Deadly diseases like #COVID19 will keep breaking out until the world stops eating animals.

PETA’s Answer to Fears Over New Coronavirus—Go Vegan Right Now

Anonym hat gesagt…

Was macht Bernd heute?

Die Anmerkung hat gesagt…

Veganer züchtigen.

Die Anmerkung hat gesagt…

Beten hilft, sag ich doch.

https://www.domradio.de/sites/default/files/pdf/corona_novene.pdf

Gerry hat gesagt…

Hl. Corona, die Schutzheilige gegen Seuchen. Corona gegen Corona also.

Anonym hat gesagt…

OT
Ob Spahn während seiner kometenmäßigen Karriere in Merkels Pudelzirkus je von https://de.wikipedia.org/wiki/Favipiravir gehört hat?


Spoiler: Nein.

Anonym hat gesagt…

Bernd plant für 20°° die Machtübernahme und Weltherrschaft

Der lachende Mann hat gesagt…

Bei aller Anerkennung für die Leistungen der Sprachwissenschaftler in der Bundesworthülsenfabrik sollte nicht die schärfste Waffe im Kampf gegen unerwünschte Erscheinungen (zum Beispiel: Rechts, AfD, Rassismus usw., jetzt auch Coronavirus) in Vergessenheit geraten oder geringgeschätzt werden: Zeichen setzen!

Florida Ralf hat gesagt…

ein bekannter ist der frau von schawidow (also frau schawidow) heute zufaellig im nachbarort auf dem rad begegnet: die frau sagt, es ist alles wie quarantaene, ihr mann war seit drei tagen nicht mehr zu hause und hat in der BWF eine haengematte aufgespannt, weil sie quasi rund um die uhr und praeventiv in mehrere richtungen vorformulieren. niemand in berlin scheine richtig zu wissen, was eigentlich benoetigt wird - "hue und hott die ganze tour". schawidow selbst, sagt sie, klang wohl am telefon "fertiger" als in den tagen der schuldenbremsen-entwicklung. sie bekam beim fleischer die letzten glaeser hausmacher-leberwurst und bringt dem BWF-notteam heute abend selbst geschmierte broetchen. die frau soll eine ganz nette sein.

Volker hat gesagt…

Die Schwarzmalerei ist nicht gut. Und die ganzen Gerüchte auch nicht.
Ich halte mich lieber (wie beim Klimaschwindel auch) an den wissenschaftlichen Rat der ausgewiesenen Experten. Z.B. Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Insititut. Die sagt was Sache ist.
Nämlich die Gefahr, dass das neue Coronavirus nach Deutschland importiert wird, sei gering. Selbst bei vereinzeltem Auftreten geht das RKI nicht von einer Verbreitung aus, da es schwer von Mensch zu Mensch übertragbar sei.
Also ganz anders als beim leicht übertragbaren SARS-Virus, an dem 2002/2003 weltweit rund 800 Menschen starben.

ppq hat gesagt…

@floridaralf danke für den statusbericht aus der familie schawidow. gut zu hören, dass es ihr gut geht. dass er noch arbeit hat, ist in diesen zeiten wichtig, aber ja auch jeden tag in den medien zu bemerken. an die, die dahinterstehen, denkt wie immer keiner. umso wichtiger ist dieser beitrag!

ppq hat gesagt…

die glasmacher hat doch recht! wer nicht aus dem haus geht, hat null gefährdung!!!!

Anonym hat gesagt…

Bernd hat die Macht nicht übernommen.

Anonym hat gesagt…

https://www.finanzen.net/aktien/deutsche_bank-aktie


Bernd hat bei 4,8 ge- und bei 6 verkauft .

auf Kredit .

dafür habt ihr natürlich keine Nerven .