Samstag, 18. April 2020

Corona-Krise: Die Stunde der Verschwörer

Weil die Bundesregierung vergessen hatte, Masken zu bevorraten, wurde wochenlang behauptet, Masken seien völlig unnütz.


Es war schäbig, es war mutmaßlich für einige Menschen tödlich und nur die wirklich "Saudummen" (Tagesspiegel) sind seitdem noch bereit, Vertrauen zu wagen und nicht rückwärtsgewandt zu diskutieren. Verschwörungstheorien zu Corona schüren nicht nur den Hass auf eine politische Klasse, die offenbart, dass sie völlig unvorbereitet in die erste echte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg geriet. Sondern die den Gang der Dinge auch vollkommen abhoben von Tatsachen managed, als treibe die sie als größte Sorge an, dass irgendjemand auf ihre jahrzehntelangen Versäumnisse bei der Vorsorge aufmerksam werden könnte.

Das gefährdet Menschenleben, immer noch. Und immer noch bezeichnen interessierte Kreise es als "Entscheidung im Rahmen der Pandemie-Strategie" (Peter Altmeier), genau so gehandelt zu haben. Eine von einer ganzen Reihe, die zwar in den Leitmedien kaum Beachtung finden, weil das Hauptaugenmerk auch hier der Produktion und Lieferung von Beruhigungspillen und Durchhalteparolen gilt.  Doch ein Blick in den Abgrund dessen, was eine transparente und auf Mitverantwortlichkeit der Bürgerinnen und Bürger setzende Krisenkommunikation hätte sein sollen, zeigt vor allem eine Vielzahl an "kruden Theorien" (Tagesspiegel), in denen es eigentlich geht es gar nicht um das Virus geht.

Verschwörungstheorien vom Staat


Jens Spahn hatte alle Hände voll zu tun, als Corona ausbrach. Mit Armin Laschet zusammen musste der Bundesgesundheitsminister eine feste Front bilden, um die Begehrlichkeiten des Konkurrenten Friedrich Merz im Kampf um den CDU-Vorsitz abzuwehren. Für Corona  hatte der Fachminister da wenig Zeit, ebenso wie die Bundeskanzlerin mit anderem beschäftigt war. In Thüringen galt es eine Ministerpräsidentenwahl rückabzuwickeln, um Hitler davon abzuhalten, aus seinem Grab aufzustehen.

Die sich nähernde Zombie-Apokalypse aus China schien den Verantwortungsträgern eine vergleichsweise leicht zu beherrschende Gefahr. Schließlich hatte diese Bundesregierung schon ganz andere Aufgaben gestellt und Europa, den Euro, das Weltklima und Thüringen gerettet. Als die ersten Fragen kamen, was man denn machen könne, um nicht zu sterben wie tausende chinesische Bürger, riet Jens Spahn zum Händewaschen, auch solle man kräftig Alkohol  trinken. Die Bundeskanzlerin trat erstmal nicht auf, aber aus dem Kanzleramt strömte Zuversicht. Wenn alle mithülfen, schafften wir das.  Deutschland sei "sehr gut vorbereitet". Natürlich. seit vielen, vielen Jahren.


Einige Verschwörungstheoretiker empfahlen, Masken zu tragen. Andere begannen, Vorräte anzulegen, um bei möglichen Ausgangssperren nicht an möglicherweise bis auf die Straße reichenden Supermarktschlangen anstehen zu müssen. Viele kauften Dosensuppe, Toilettenpapier und Mehl, um Brot selbst zu backen zu können, wenn vielleicht auch die Bäcker geschlossen werden würde. Das ging überwiegend vollkommen unaufgeregt über die Bühne, gesittet und wie als Beleg dafür, wie verantwortungsvoll erwachsene Staatsbürger bereit sind, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, indem sie frühere Empfehlungen der Bundesregierung zur Vorsorge für den Krisen- und Katastrophenfall ruhig und gelassen umsetzen.

Irrationale Furcht vor Kontrollverlust


Doch bei den Regierenden war der erste Reflex auf Bilder leerer Klopapierregale und Mehlkäufer mit OP-Masken vor dem Gesicht ein von der irrationalen Furcht geprägter vor einem Kontrollverlust. Angela Merkel hat dergleichen in den letzten Monaten der DDR erlebt. Die Langzeitkanzlerin weiß genau, dass mit Verlust der Deutungshoheit über Ereignisse stets der Verlust der Macht einhergeht.

Wie ein Trommelfeuer ließ das Kanzleramt die angeschlossenen Sendeanstalten jetzt Beruhigung kommunizieren: Der Begriff "Cortona-Ferien" wurde erfunden, um die Lage semantisch zu entspannen. Das Masketragen erklärten Regierungsvertreter und Fachleute regierungsnaher Fachinstitute zum unnützen und unsolidarischen Akt.  Andere behaupten, es existiere überhaupt kein besonders gefährliches Virus. Deutschland sei "gut vorbereitet". Wichtig sei die "Husten- und Nies-Etikette sowie eine gute Handhygiene". Weitergehende Maßnahmen seien nicht geplant. Zwischen der Absage von Großveranstaltungen, der Schließung von Einrichtungen wie Schulen oder Kitas "bis hin zum Abriegeln ganzer Städte" gebe es zahlreiche Zwischenstufen, erläuterte Gesundheitsminister Spahn. Vorrangig sei, angemessen und verhältnismäßig zu reagieren.

Wer mehr verlange und behaupte, alles sei viel, viel schlimmer und werde auch viel schlimmer kommen, der tue das, um die Menschen zu verunsichern und sein rechtes Süppchen zu kochen. denn der binnen weniger Stunden im Bundestag durchgepeitschte Beschluss einer neuen Kurzarbeiterregelung, die dem Hohen Haus in gewöhnlichen Zeiten Diskussionsstoff für siebzehn Jahre geliefert hätte, bedeute nicht etwa, dass da etwas ganz großes und ziemlich Fürchterliches herannahte. Sondern nur, wie fantastisch Demokratie funktioniert.

Haarsträubende Händewaschparolen 


Eine von vielen Verschwörungstheorien, die in diesen Tagen über Corona kursieren, obwohl sie so haarsträubend sind, dass man sich kaum vorstellen kann, irgendjemand könnte sie ernst nehmen. Doch tatsächlich werden Händewaschparolen von Jens Spahn und Ursula von der Leyen ebenso zigtausendfach über die sozialen Netzwerke und per Messenger verbreitet wie amtliche Beteuerungen, an Deutschlands Außengrenzen würden nur "vorübergehende Grenzkontrollen" durchgeführt, von denen im Gegensatz zu polnischen Grenzschließungen nahezu niemand betroffen sei. Inländische Reiseverbote, die die verfassungsmäßig verbriefte Freizügigkeit im Bundesgebiet 
auf der Grundlage von Entscheidungen von Landesregierung aufhebt, könnten tatsächlich verfassungswidrig sein. Doch Bundesaußenminister Heiko Maas forderte zum Durchhalten auf. das müsse jetzt sein, anders gehe es nicht.

Die Folgen sind sehr real. Nicht nur verleiten diese, von prominenten Politikern verbreiteten Verschwörungstheorien dazu, verfassungsmäßige Rechte widerstandslos aufzugeben, weil ein im Eiltempo durchgepeitschtes Infektionsschutzgesetz der Bundesregierung "zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ umfassende Befugnisse zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten durch die rigorose und von keinem Parlament abzusegnende Einschränkung von Grundrechten wie der Versammlungsfreiheit,  der Freiheit der Persönlichkeitsentfaltung und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit zubilligt.

Als Rettung vor Corona wird etwa das Verbot bezeichnet, dass Zweitwohungsbesitzer sich in ihren Ferienhäusern aufhalten dürfen. Hilfreich sei es auch, nicht allein Motorrad zu fahren, Fahrrad aber schon. Angeln ist als Sport erlaubt, Klimmzüge auf einem Spielplatz sind hingegen strafbar. In einigen Bundesländern  gelten Baumärkte als für die Volksgesundheit so wichtig, dass sie geöffnet blieben. In anderen dagegen wurden sie geschlossen, um das Virus unschädlich zu machen.

Dass die Ausbreitung von Covid-19 ausgerechnet in zwei westdeutschen Bundesländern begann und dass die Seuche dort bis heute grausamer grassiert als im ehemals sozialistischen Osten, ist für Verschwörungstheoretiker  kein Zufall. "Staatliche Autorität" werde im Osten immer noch stärker akzeptiert, verbreitete ein Ministerpräsident katholischen Glaubens. Dessen oberster Hirte sieht die Pandemie als Strafe Gottes für Verfehlungen der Menschheit. Es sei nun Zeit zu einer Umkehr und einer Abkehr vom Konsum. "Sonst verlieren wir alles", droht Papst Franziskus im typischen Gestus eines Untergangspredigers mit Strafe, wenn nicht gefolgt wird.

Gottes gerechte Klimastrafe


Auch andere Prediger anderer Religionen halten das Coronavirus für Gottes gerechte Strafe. Die Legalisierung von Abtreibung oder die Homoehe, von Gott selbst gewollte, denn alles, was geschieht, kann nur von Gott gewollt sein,  hätten Gott nun erzürnt, glauben sie. Michael Arndt, der russisch-orthodoxe Erzbischof von Berlin und Deutschland, nennt es „kein en Zufall, dass die gegenwärtige Katastrophe in der Großen Fastenzeit über uns kommt“. Islamische gelehrte hingegen empfehlen das Trinken von viel Tee und viele Gebete gegen die Krankheit, die von Allah geschickt worden sein, die Kreuzritter zu strafen

Parolen von der "Rache der Natur" und M;ahnungen zu einem harten Durchgreifen, das allein die Menschheit noch retten könne, haben Hochkonjunktur herrscht auch bei Beschwörungen, nach denen nur mehr Naturschutz, Wildtierschutz und Düngerverzicht geeignet seien, Covid-19 davon abzuhalten, ähnlich tödliche Dimensionen wie sie Spanische Grippe am Ende des Ersten Weltkrieges anzunehmen. Zudem müsse die Privatisierung deutscher Krankenhäuser beendet und die gesamte Gesundheitsbranche verstaatlicht werden wie in Großbritannien.

Es ist die Erschaffung der „Neuen Weltordnung“ aus dem Geist der Pandemie, die sich selbst aus den verschwurbelten Schlagzeilen einer freien Presse herauslesen lässt, die ihre gesellschaftliche Aufgabe vordringlich in Truppenbetreuung und Fronttheater sieht. Zuhausemiteinanderstark. Wirbleibendaheim. Heute basteln wir Atemmasken aus Kaffeefiltern und Schlüpfergummi. Die nützen nichts, oder doch, oder nur heute oder morgen.


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Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich finde, ihr solltet viel mehr über das totale Versagen dieses unmöglichen 'Trump' berichten. Das ist für unsere Bürgerinnen und Bürger viel wichtiger. So wie jetzt werden eure Aussichten auf einen staatlichen Zuschuss nicht besser werden.

Euer Jens

ppq hat gesagt…

das schöne daran ist, dass wir keinen pfennig brauchen. wir bekommen doch millionen aus dem topf für die herstellung bösartiger fake news, weil das z.b. für hans gensing und antonio akahne die arbeitsgrundlage für richtigstellungen und faktenfinderei ist

Anonym hat gesagt…

Herrlich scharfzüngig wie immer, chapeau!