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Donnerstag, 8. Oktober 2020

Catcalling: Petition fordert Anerkennung als soziales Engagement

Svenja Prantl am Strand: Oft bekommt die hübsche PPQ-Kolumnistin hier Komplimente gesagt.

Sie schreckte auf, als sie zum ersten Mal davon las, und sie wurde aktiv, als sie den Eindruck bekam, dass hier ein Brauch abgeschafft werden soll, der eine jahrtausendealte Geschichte hat und bis heute seinen Teil zur sozialen Wärme in einer zusehends erkaltenden Gesellschaft beiträgt. Svenja Prantl, bei PPQ.li als Kolumnistin aus Leidenschaft beschäftigt, beobachtet deutsche Zustände zwar nur noch aus der Ferne, weil sie bereits vor Jahren ihr Glück am anderen Ende der Welt gefunden hat.

Dafür aber ist die 29-Jährige eine besonders akribische Beobachterin: Die Nachrichten aus der alten Heimat, dass eine Studentin aus Fulda per Petition versucht, das anerkennende Hinterpfeifen von Männern hinter Frauen und das beifällige "hohoho" von Frauen angesichts knackiger Männerpopos als "verbale sexistische Belästigung" zur Straftat erklären lassen will, rief die stets messerscharf argumentierende frühere Bibliotheksangestellte auf den Plan.  

Im Gespräch mit PPQ.li erklärt Svenja Prantl exklusiv, warum sie eine Petition gestartet hat, die das sogenannte Catcalling zu einem sogenannten nicht-physischen Weltkulturerbe erklären und die weltweit verbreitete Tradition künftig als soziales Engagement werten soll.

PPQ.li: Frau Prantl, eine Petition, die etwa durch Hinterherpfeifen öffentlich gemachte Komplimente zur sexuellen Strattat machen will, unterzeichneten binnen kurzer Zeit bundesweit mehr als 44.000 Menschen. Zeigt das nciht, dass wir hier ein ernstes Problem haben?

Prantl: Eher nicht, nicht wahr. Mehr als 83 Millionen haben nicht unterschrieben und die meisten werden auch nicht unterschreiben. Warum auch? Selbst wenn Interessenkreise jetzt versuchen, den schönen alten Brauch des anerkennenden Hinterpfeifens oder der nettgemeinten flapsischen Komplimente zum Beispiel von Bauarbeitern auf der Straße gegenüber hübschen Mädchen in kurzen Röcken oder engen Jeans als Belästigung abzuwerten, empfinden das die meisten Menschen doch anders.

PPQ.li: Wie denn anders?

Prantl: Die meisten fühlen sich schon geschmeichelt und empfinden das eben nicht als Belästigung, sondern als Zeichen der Anerkennung. Wazu macht man sich den hübsch, wozu steht man denn stundenlang im Sportstudio? Man will knackig sein, gut aussehen, beeindrucken. Wenn dann jemand hinterherpfeift, gehört es natürlich dazu, dass man den Vogel zeigt oder kalt zurückruft, im Leben nicht mit dir. Aber selbstverständlich heftet man das für sich persönlich als kleines Highlight ab, als Höhepunkt und Kompliment. 

PPQ.li: Sie sprechen da aus eigener Erfahrung? 

Prantl: Nicht nur aus meiner. Mit Freundinnen tauscht man sich immer aus, wenn sowas passiert, man ist ja ein bisschen stolz. Und dann geht los, wie sah der aus, war den knackig, hätte der eine Cahnce gehabt? Man ist ja Mensch und man taxiert auch als Frau beständig mögliche Partnerlösungen und Unterhaltungsangebote. Das ist ein Unterhaltungsangebot, ein jahrtausendealtes Spiel zwischen Menschen, zwischen Erwachsenen. Die sich im Zweifel auch selbst wehren können, indem sie verbal gegenhalten.

PPQ.li: Nun soll das zur sexuellen Belästigung erklärt werden, das wollen zumindest Aktivisten aus der westdeutschen Stadt Darmstadt, versammelt von der recht hübschen Studentin Antonia Quell, die sicher ihre Erfahrungen mit dem Brauch hat. 

Prantl: Das ist gut vorstellbar, denn sie macht auch auf mich eine ausgesprochen gute Figur. Dass da mal jemand einlädt und „Na, willst du was trinken?“ ruft oder auch "geiler Arsch", das scheint mir nachvollziehbar. Aber dass ein junges, selbstbewusstes Mädchen deshalb nach dem Staat ruft? damit der solche Spontankomplimente verbietet, nur weil sie uns Hochgebildeten vielleicht ein wenig grob und unbeholfen erscheinen? Nein, das würde die Gesellschaft noch kälter und das Zusammenleben noch komplizierter machen.

PPQ.li: Weil Sie glauben, dass das Catcalling, von dem einer PPQ-Umfrage zufolge unter diesem Namen etwa 99,7 Prozent der Deutschen noch nie gehört haben, eine soziale Geste ist, die eigentlich Anerkennung als soziales Engagement verdient?

Prantl: Das denke ich in der Tat und da bin ich beileibe nicht allein. Wäre eine entsprechende Petition nicht vom Anbieter gelöscht worden, könnten wir heute schon zeigen, dass diese Ansicht gesellschaftlich mehrheitsfähig ist. Die Menschen, das kennt doch jeder von uns von sich selbst, wollen Komplimente, gerade von Fremden, weil man weiß, die sind ehrlich. Wer das verbieten will, handelt asozial.

PPQ.li: Weil uns allen etwas fehlen würde, wenn Hinterpfeifen oder ein Ruf wie "Lust, was mit mir zu trinken" als Ordnungswidrigkeit bestraft würden. 

Prantl: Mit Sicherheit. Ich weiß doch von mir selbst, dass ich einem hübschen Mädchen gern hinterschaue, wenn es einen kurzen Rock trägt oder ein luftiges Kleidchen, weil ich dann denke, so würde ic auch gern ausschauen. Oder bei einem Mann, wenn der eine enge Jeans anhat und man sieht den knackigen Po, da pfeift man schon mal hinterher, wenn man mit den Freundinnen im Straßencafè sitzt, weil man Anerkennung zeigen will. Ich weiß ja selbst, wie viel Sportstudioschweiß es kostet, den eigenen Körper so zu formen, wie man das gern haben würde. 

PPQ.li: Aber die Initiatoren der Petition gegen Catcalling sehen das anders. Sie nenen solche Kommentare anzüglich und wollen, dass es Bußgelder gibt für Sätze wie wie "Hey, Süße, willst du mit mir schlafen?" oder das dirtytalkende "Geiler Arsch, komm mal rüber". 

Prantl: Absurd. Schon an der Frage, ob schon "Hey, Süße" strafbar ist oder "Hey, Süße, willst du mit mir essen gehen" oder erst "Hey, Süße, gehst du mit mir ins Bett" zeigt sich die ganze Verwerflichkeit der Idee. Wer macht da eine Liste? Wer prüft, was gesagt worden ist? Wie beweist man das? Nein, wir glauben, das führt nur zu mehr Unsicherheit zwischen Männern und Frauen, letztlich zu mehr Frustration auch in sexueller Hinsicht und zu einer Herrschaft des Unrechts, das unsere Gesellschaft kälter und unpersönlicher macht, weil es die Distanz zwischen Menschen künstlich vergrößert. 

PPQ.li: Derzeit wird der Begriff Catcall vor allem in den sozialen Netzwerken benutzt, erst mit den vielen großformatigen Medienbeiträgen zu dieser ominösen Petition sind die dort unetr Ausschluss der Öffentlichkeit betriebenen Accounts wie @catcallsofdarmstadt, @catcallsoffenbach oder @catcallsfulda außerhalb einer Blase von Gleichgesinnten und Gleichbesorgten bekannt geworden. Tröstet Sie das darüber hinweg, dass ihre eigene Petition gelöscht worden ist, wie Sie sagen? 

Prantl: Zur Löschung möchte ich derzeit nichts sagen, weil wir da eine juristische Klärung anstreben. Aber es ist sicher richtig, dass das vermeintliche Problem nur eines einer ganz kleinen Minderheit ist, von der ich auch annehme, dass sie ein bisschen aus Eifersucht handelt. Wer nie gecatcalled wird, der ist natürlich irgendwann neidisch auf die, denen hintergepfiffen wird und die im Strandbad reihenweise Komplimente einsammeln. Wenn jemand mir mitteilt, er finde mich gut gebaut, durchtrainiert oder er wünsche sich, dass ich mit ihm um die Ecke gehe, dann ist das sicherlich kein Fall für den Petitionsausschuss des Bundestags, sondern auch Ausdruck eines gesellschaftlichen Klimas, in dem die zwischenmenschliche Distanz eben nicht wie manch anderer Kultur so ist, dass man weder gucken noch ansprechen darf. Ich bin darüber glücklich, jedenfalls viel glücklicher als ich wäre, müsste ich darauf achten, nur ja keinem Mann auf die Brust oder auf den Hintern zu schauen. Oder Männern wäre verboten, mich fasziniert anzustarren.


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich möchte eine Petition anregen, dass die Mädchen bei Catcalls kultursensibel die Herkunft der Gruppen von Männern in ihre Bewertung einfließen lassen.

Anonym hat gesagt…

Sagte Wolfgang Neuss in einer Quarkschau Anfang der 80er zu Richard* von Agent Orange: Ich bin Ästhet! (Anm.: Was fiers Gemied un fiers Ooche.)
*Damals Bürgermeister von Westberlin.

Anonym hat gesagt…

Eine sehr schöne und kluge Freundin, nicht schlecht. Hübscher Po, was will man mehr?

Anonym hat gesagt…

Bei Arnolt Bronnen "Aisopos" (Ein Sklave bei der Arbeit nimmt sich soviel Zeit wie möglich zum Pissen ...) stieß ich auf den Begriff "kallipygisch": Paßt.
Ist jemand mit Graecum hier?