Donnerstag, 31. Dezember 2020

2020: Das Jahr mit dem großen C

Das Jahr im Rückblick: Nie zuvor hat die Realität so deutlich gezeigt, dass Satire auch zu weit gehen kann.

Wieder ein Jahr rum, wieder alles noch verrückter. Dass die Welt aus den Fugen ist, steht nun nicht mehr nur hier bei PPQ, wo bereits seit Jahren vor diesem Phänomen gewarnt wird. Sondern überall und flächendeckend. Für Satire ein Herrenwitz, denn sie geht unterdessen täglich so weit, dass es oft kaum noch geraten scheint, Standardwerkzeuge wie Übertreibung, Zuspitzung und gallebittere Verschärfung einzusetzen. Niemand hat die Absicht, über irgendetwas zu lachen, denn alles ist auch so schon ernst genug.  

Am Anfang war das Ende

Dafür sprechen schon die Themen des Jahres, angeführt vom Coronavirus, gefolgt von der Corona-Krise. Direkt dahinter lag Covid-19, dann gab es noch kurz die US-Wahl, das war es auch schon. "as angefangen hatte mit einer von der Kanzlerin persönlich aus dem fernen Afrika verfügten Rückabwicklung einer regionalen Wahl, entwickelte sich wenig später zu einem ganzheitlichen Debakel für die Demokratie, die Wirtschaft, die Kultur, die Hoffnung mancher auf das Erstehen einer neuen Diktatur, aber darauf, dass Europa helfen oder aber dass es an der Herausforderung zerbrechen möge. 

Die neu angesetzte Abstimmung in Erfurt markierte das Ende der Demokratie in ihrer traditionellen Form und den Übergang zur Kommandowirtschaft im Krisenmodus. Hatten Thrillerautoren und Hollywood-Drehbuchschreiber bis etwa Mitte März immer imaginiert, dass eine altgediente und vielfach bewährte Parlamentsdemokratie nur die schuftigen Schweinereien eingeschworener Feinde der  verfassungsmäßigen Ordnung unterminiert werden könne, zeigte sich plötzlich, dass das auch auf dem Verordnungswege möglich ist. 

Die Bahnsteigkarte zur Corona-Ordnung

Kaum war die Pandemie ausgerufen, verfiel das größte demokratische Parlament der Welt in ein Monate andauerndes Schweigen, es regierte ein "Corona-Kabinett", das von keinem der Verfassungsväter und auch von keiner Verfassungsmutter auch nur erwähnt worden war. Der Deutsche hatte für seine Revolution diesmal keine Bahnsteigkarte erworben, sondern eine Einwegmaske, deren Wirksamkeit sich der vierten oder sechsten Eindämmungsverordnung verdankte: Die hatte beschlossen, dass es nun so sei und die, die zuvor Zweifel geäußert hatten, auf immer zu schweigen hätten.

Umsturz, Aufstand, kritischer Rückblick, Fehlerdiskussion, besser machen. Nichts davon geschah. Das Katastrophenjahr 2020 entpuppte sich als kleines Karo. Die Koalition in Berlin hielt nicht nur, sie wurde endgültig zu einer ganz, ganz großen, an der alle Parteien teilnahmen, soweit sie nicht nach Urteil der Konkurrenz verfassungsfeindlich sind. Die Schicksalsfrage Klima, bis zum Eintreffen der ersten Virenträger bei einem Autozulieferer in Bayern die bedeutsamste Herausforderung seit der Entscheidung der Kreter zur Entwaldung Kretas zum Zwecke des Schiffbaus, wurde diskussionslos beiseitegelegt. Die Pleite von Wirecard, Deutschlands nahezu einzigem Beitrag zur Internetwelt, nahm man ebenso achselzuckend zur Kenntnis. wie die Mitteilung aus Berlin, dass ein neuer Öko-Soli namens CO2-Abgabe den bisherigen Soli ablösen werde. 

Keinen Millimeter dem Impfstoffnationalismus

Es ist nun eben so. Nun sind sie halt da. Hätte noch viel schlimmer kommen können. So lange man noch raus darf. Schulen sind keine hot spots. Der Nahverkehr ist kein Ansteckungsschwerpunkt.Wir schaffen das. Grenzen kann man nicht schließen. Dann ist das nicht mehr mein Deutschland. Zwei Grad sind das Ziel, besser noch einsfünfzig, man weiß ja nie. Kein Millimeter dem Impfstoffnationalismus!

Nach 2020 ist alles vorstellbar. Angela Merkel könnte weitermachen, einfach, weil sie es kann. Sie könnte auch quer werden oder Bäuerin oder Kosmonautin. Oder sich im Fernsehen impfen lassen, als letztes Opfer für das Volk, dem sie so viele Jahre wie sonst fast keiner gedient hat. Nichts würde niemanden mehr wundern. Jens Spahn wiederum könnte Verteidigungsminister im Kabinett Laschet werden und Ursula von der Leyen den Friedensnobelpreis bekommen, weil sie für Europa so sparsam Impfstoff bestellt hat, dass andere Länder nicht gegen die EU in den Krieg ziehen müssen, um die Vorräte der Wertegemeinschaft an Comirnaty zu erobern. In ihrer Dankesrede würde sich die Niedersächsin dann ausdrücklich bei unseren Menschen bedanken, deren Geduld, lieber ein wenig länger zu sterben als ein schlechtes Bild abzugeben, gar nicht hoch genug wertgeschätzt werden könne.

Die Wiederkehr des Ewiggleichen

Die Wiederkehr des Ewiggleichen in immer neuen Kostümen und Verwandlungen hatte Pause anno 2020. Diesmal kam das Immergleiche immergleich daher: Die Kunst-und Kulturschaffenden wurden auf Kurzarbeit Null gesetzt wie einst die kernigen Industriearbeiter der übernommenen DDR. Der Gemeinsinnfunk zeterte, weil man ihm seine hochverdiente Gebührenerhöhung verweigert hatte, so dass er künftig kaum noch in der Lage sein wird, alle privaten Konkurrenten beim Erwerb von Sportrechten für Bundesliga und Biathlon zu überbieten. Wer die Gefahr von Corona im März leugnete, war beim ZDF oder der ARD. Wer sie im August leugnete, ein staatsgefährdenden Querdenker. 

Alles nicht schlimm, alles das Übliche, nur überdreht ins Absurde und im schnellen Vorlauf alter Kassettenrekorder abgespielt. Ein Mann wie Karl Lauterbach sprach sogar im richtigen Talkshow-Leben mit einer gepitchten Stimme: Immer Diskant, immer Kopfstimme. Der Soundtrack zum Untergang war ein mongolischer Obertongesang, der nach Zahnschmerzen klang.

Das Jahr Lauterbach

Wäre das Jahr ein Foto, würde es diesen ausgezehrten Genossen zeigen, zerfressen vom biblischen Ehrgeiz, es doch noch ganz nach oben zu schaffen. Wäre das Jahr ein Buchstabe, wäre es das C, ein Vorderzungenvokal mit einer im Deutschen durchschnittlichen Häufigkeit von 3,06 Prozent, das entspricht einer Seuchenhäufigkeit von drei Jahren auf hundert, passt also genau.  Als Gamma bezeichnet das C in der Hochenergiephysik die Zerfallsbreite. Gamma 100, Minimum.


Wäre C in Baum, den sie damals in Kreta nicht gefällt haben, trüge er Tollkirschen als Frucht. Wäre es ein Tier, dann ein Frosch mit der Maske, der zur Computermaus wird, würfe ihn die Prinzessin gegen die Wand der Intensivstation. Und wäre es eine Fernsehsendung, dann "Monitor" mit Georg Restle, einem Eiferer vor dem Herrn, dessen ganzes Schaffen sich der Fähigkeit verdankt, die eigenen Sendungen schneller zu vergessen als sie ausgestrahlt worden sind. Das "C" in "Monitor" steht für unparteiisch und objektiv. Die Gnade der öffentlich-rechtlichen Demenz: Jeder Tag ist neu, jeder Tag bringt neue, peinigende Fragen nach Moral, Ethik und wer das alles bezahlen soll. Aber mit der Antwort, es müsse mehr Geld in den Kampf gegen Rechts, gegen fake news und für Erneuerbare fließen, liegst du nie falsch.

Die Realität selbst ist im Begriff, zynischer zu übertreiben als es jeder Apokalyptiker vermag. Sie war 2020 schwärzer, grüner und roter zugleich. Sie brachte eine Pandemie, die die Zahl der Sterbefälle in Deutschland kaum beeinflusste, dafür aber Kliniken in die Zahlungsunfähigkeit zu treiben drohte, sie ließ den Fußball fast durchweg rollen, mit Rücksicht auf das Ansteckungsrisiko aber nicht den Tennis- oder Golfball. Es war wahrlich nicht alles schlecht. Manches an diesem 2020 war auch richtig schlimm.

Die Hoffnung stirbt zuerst

Es gibt wenig Hoffnung, dass es besser werden wird. Vor der Tür stehen wie immer Wahlen, die gewonnen werden wollen. Dazu wird jedes Mittel recht sein, jede Lüge, jeder Verrat, jedes populistische Umlenken auf offener Bühne. Es wird viel von Angst die Rede sein, damit niemand auf die Idee kommt, es könne sich um Furcht handeln. Es wird zum Kampf geblasen werden, aus allen Rohren schießend werden die Demagogen aufmarschieren und sich freisprechen von jeder Verantwortung.

Das Schöne daran ist, dass für Unterhaltung gesorgt sein wird, wie sie sich kein Drehbuchschreiber ausdenken kann. 


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