Sonntag, 6. April 2025

Globalisierungskritik: Widerstand mit drei Streifen

Jette Nietzard zeigt die sich "Stern" stolz in Nike-Sneakern und Adidashose, der traditionellen Ausgehuniform der abenteuerlustigen Bürgertöchter.

Sie sehen aus wie ihre eigenen Mütter, ausgestattet aus dem Altkleidersack, die Nikes aus Bangladesch stylish abgetragen, die Jogginghose aus indonesischer Produktion noch kaum ausgeblichen und in scharfen Kontrast zum Leopardenfellmuster, das den Oberkörper schmückt und andeutet, dass hier jemand sitzt und geht, der sich seiner kolonialen Vergangenheit genau erinnert. Jette Nietzard, seit einem halben Jahr neue Co-Vorsitzende der Grünen Jugend, hat sie bewältigt und sie kann sich deshalb; heute stolz ein Stück Afrika aneignen.

Keine Frau für Kompromisse

In der Illustrierten "Stern" hat die 25-jährige Nachwuchsfunktionärin sich jetzt als "keine Frau für Kompromisse" vorgestellt. Eine "freie Radikale", deren politische Erfolge überschaubar sind. Bei zwei Wahlen ist die studierte Kapitalismuskritikerin bisher angetreten. Einmal holte sie elf, einmal knapp neun Prozent der Stimmen. Das reichte, um ihren Anspruch auf die Führung des grünen Jugendverbandes zu untermauern. Nietzard war am schrillsten, am lautesten, am umstrittensten. Niemand konnte der kleingewachsenen grünen Größe das  Widerstandswasser reichen. Sobald sie den Mund aufmachte und den Klassenfeind anpöbelte, sprangen die Leitmedien an wie Pawlows Hunde.

Nach dem Abgang der vorigen Führung haben Nietzard und in Chefkollege Jakob Blasel die jungen Grünen wieder auf Linie gebracht. Katharina Stolla und Svenja Appuhn und deren Vorgänger Sarah-Lee Heinrich und Timon Dzienus, die einen verschwunden in die Unsichtbarkeit der Gründungsvorbereitungen für eine neue, richtig sozialistische Partei, der andere dank eines guten Listenplatzes in Niedersachsen inzwischen Bundestagsabgeordneter, pflegen die Neuen den alten Stil. Je schräger die Ideen und je kruder die Thesen, desto größer die öffentliche Beachtung und je lauter der Applaus aus der eigenen Fankurve. Grün wirkte. Grün spaltete. Grün schreckte die Gegner ab. Und zwang die eigenen Truppen, sich solidarisch hinter der grünen Nachwuchsführerin zu versammeln.

Arbeit als Sexualtherapeutin

Blasel, Mitgründer von "Fridays for Future", aber rechtzeitig vor dem Zusammenbruch der Klimabewegung abgesprungen, hat sich als Kleintierkritiker einen Namen gemacht. Nietzard war zuletzt als Sexualtherapeutin unterwegs. Sie beklagte, dass Frauen bei Männern 30 Prozent weniger zum Orgasmus kommen" und sie forderte, dass Männern "Privilegien genommen werden" müssten, solange sie nicht in der Lage seien, einen "Mehrwert für Gesellschaft und Beziehungen" zu produzieren. Männerhass, selbstbewusst ausgeführt. Die Verachtung  für Ältere und Andersdenkende. Ein anmaßendes Selbstbild, das offen ausstellt, wie die Welt wäre, dürfte diese junge Frau ohne Lebenserfahrung und Berufsabschluss bestimmen. 

Ihre Missachtung für "unsere Demokratie" demonstrierte die Expertin für die "Wechselwirkung von Ökonomisierung und Professionalisierung in der frühkindlichen Bildung aus einer kapitalismuskritischen Perspektive" zuletzt durch einen Auftritt im "Schlabberlook" (Focus) im Bundestag, den sie über das chinesische Spionageportal Tiktok verbreitete. Eine neue "Era" (Nietzard) des Feminismus, der Weiblichkeit hinter einer Oma-Brille, strähnigem Haar und graugewaschenen Pullovern versteckt

Die Last der Verantwortung

Die bedrückende Botschaft dahinter fasziniert die Medien der Klickökonomie wie ein Autobahnunfall. Diese graue, von der Last der Verantwortung, die die Älteren tragen, früh niedergedrückt, glaubt an "verbotene Strophen" der Nationalhymne, daran, dass die Grünen dem "Sondervermögen "zur Sicherung der kommenden SchuKo-Jahre nicht zustimmen werden, und an die unwiderstehliche Magie von Punkte-Plänen.

Darüber hinaus aber auch an die ungebrochene Kraft der großen Medienadressen, Menschen zu erreichen, die auf die richtige Botschaft warten. Nach dem Vorbild von Carla Reemtsma und Luisa Neubauer hat jetzt auch die Sprecherin der grünen Jugend sich teuer beleuchtet als role model für die neue Generation der Klima-Feministinnen ablichten lassen. Nietzard, ungeschminkt stets deutlich älter wirkend als es ihr Geburtsjahr vermuten lassen würde, zeigt sich cool und lässig und betont ängstlich beim Gedanken, "ob sie noch alles im Griff hat, was sie da auslöst" (Stern). 

Die Mehrheitsgesellschaft provozieren

Diese ständigen Versuche, die Mehrheitsgesellschaft zu provozieren. Die gezielten Spitzen gegen Andersdenkende, von denen sie trotz ihrer Vorliebe für ausgefallene Kleidungsstücke "in der Bahn nach ihrer Nummer gefragt" wird.

"Vielleicht ist es so, dass ich am Ende zur Spaltung der Gesellschaft beitrage", sagt sie und folgt damit der alten Strategie aller Populisten, regelmäßig selbst Sorge darüber zu äußern, was wohl passieren würde, erfüllten sich die eigenen Träume. Jette Nietzards größter wäre, dass der Kapitalismus stirbt, damit das Klima leben kann. Wenn die große Fotostrecke im "Stern" dazu beiträgt, dann soll es so sein.

Das Magazin, 1948 von einem früheren Kriegsberichterstatter in der Propagandakompanie der SS-Standarte Kurt Eggers nach dem vom NSDAP-Mitglied Kurt Zentner 1938 konzipierten Glanz- und Glamourblatt "Der Stern" gegründet, steht für geschmackvolle Unterhaltung, hier ist noch Platz für große Bilder und das "bisschen mehr knallen" (Nietzard), nach dem sich gerade viele junge Menschen in diesen Vorkriegszeiten so sehnen.

Hof halten im Bundestag

Nietzard ist "auf einer halbrunden, gepolsterten Bank auf der Fraktionsebene des Bundestags", wo sie für Lisa Becke vom Hauptstadtbüro Hof hält, Jona im Bauch des Wals, allerdings nicht auf Transportleistung erpicht, sondern unterwegs, um das Riesentier von innen aufzufressen. Wiese Nietzard das hohe Haus gewählt hat, um sich zu offenbaren, wird nicht erklärt. Nietzard beauskunftet strategisch. Jetzt ist Schluss mit dem hyperpragmatischen Realo-Kurs. Jetzt sagt sie, dass "es keine Milliardäre geben sollte". Jetzt wird von einer Welt erzählt, "in der es keine Polizei mehr braucht". Jetzt steht die Unschuldsvermutung auf dem Prüfstand.

Dass man sich dem System ganz hingeben muss, um es erfolgreich zu bekämpfen, ist ein Preis, den auch linke Politiker gern zahlen, wenn er dem eigenen Fortkommen dient. Die Familie daheim ist stolz. Die Weggefährten schauen ein wenig neidisch, aber auch bewundernd. Der politische Gegner ist düpiert. Und irgendwann hat man es geschafft: Mit sitzt auf dem Talkshow-Karussell. Man wird erkannt und angegriffen. Und kann aus allem, was einem entgegnet wird, neues Material für die Verteidigung der eigenen Positionen gewinnen.

Eine "freie Radikale"

Die "freie Radikale" ist Rebell und sie macht sich für die globalisierten Monstermarken stark. Ihr Auftritt ist fantastisch ausgeleuchteter Widerstand und er hilft ehrenamtlich mit, die internationalen Großkonzerne zu finanzieren, deren weltweites Befeuern von sportlichen Großveranstaltungen zum Klimawandel mehr beiträgt als der komplette Individualverkehr Deutschland. Wie Greta Thunberg, Reemtsma und Neubauer ist sich Nietzard keiner Schuld bewusst. Es ist nur eine Hose. Es sind nur ein paar Schuhe. Es ist nur ein T-Shirt. Und es hat Tradition. 

Schon der kubanische Revolutionsführer Fidel Castro, ein brutaler Diktator, der zehntausende Menschen für die gute Sache opferte und Hunderttausende aus ihrer Heimat vertrieb, bekannte sich zur Mode aus Herzogenaurach. Ihm eiferten die G20-Protestler von Hamburg nach und später die Widerständler von Lützerath. Immer schon trug die Klimabewegung am liebsten Adidas, die Antiglobalisierungsproteste fanden in Kostümen statt, die vom globalisierten deutschen Sportmodekonzern geliefert wurden. 

Eine lange Tradition 

Adidas, der Großkonzern mit Fabriken bis ins unterbezahlte Asien, der über Jahrzehnte deutsche Nationalmannschaften ausstattete,  gilt auch in Kreisen des zivilgesellschaftlichen Widerstandes als erste Wahl bei der Uniformmarke. Wo immer Revolution oder Transmission ausgerufen werden, sind Adidas-Produkte Pflicht. Vom Anti-Globalisierungswiderstand bis zur Letzten Generation: Adidas-Sneaker aus Qualanbau in der Dritten Welt sind die Berufsbekleidung der unangepassten Klimakämpfer.

Sanft schmiegten sich die Mikrofasern aus Nylon, Polypropylen und Elastan an die Schenkel der Letzte-Generation-Anführerin Carla Hinrichs. Stolz wippten die Füße von Joschka Fischer und Luisa Neubauer  in den Turnschuhen Marke "Superstar Cloud White", hergestellt überwiegend aus Polyurethan, einem unter hohem Energieeinsatz mittels Polyadditionsreaktion von Polyisocyanaten mit mehrwertigen Polyolen produzierten Schaumstoff, der entsteht, wenn das Klimagift Kohlenstoffdioxid die Reaktionsmasse aufschäumt. 

Der Energieaufwand für die Herstellung liegt bei mehr als 30 kWh pro Kilogramm, die Umweltwirkungen sind dafür aber langanhaltend: Ein Paar Turnschuhe kann als Schwemmmüll in den Weltmeeren heute schon mehrere tausend weggeworfene verbotene Plastiktrinkhalme ersetzen. Mehr als 90 Prozent der Produkte des Traditionsunternehmens werden von nach europäischen Maßstäben äußerst zurückhaltend entlohnten Arbeiterinnen und Arbeitern in Indonesien, Thailand, Pakistan und China hergestellt - Grund genug für Aktivisten schon beim G7-Gipfel in Kühlungsborn und Heiligendamm vor fast 20 Jahren, ihren Protest in ihren Schuhen auf die Straße - und das im Gegensatz zum Deutschen Fußballbund, der für sowas ganz globalistisch Geld nimmt, auch noch völlig ehrenamtlich und kostenfrei. 

Erinnerungen an die Panzerfrau

Ob die berühmte Panzerfrau mit der roten Hose 2017  seinerzeit  für ihren Auftritt in Adidas-Sneakern bezahlt worden war, konnte nie nachgewiesen werden. Doch der Hersteller aus der Nähe von Nürnberg war in der Vergangenheit häufig in finstere Geschäfte mit fragwürdigen Funktionären verstrickt, dass ausgerechnet Globalisierungskritiker, Freunde der sozialistischen Produktionsweise und Gegner der marktwirtschaftlichen Ordnung sich für seine fast fashion begeistern, erscheint rätselhaft. Aber es ist so - Adidas ist, wie Jette Nietzard zeigt, die Ausgehuniform der abenteuerlustigen Bürgertöchter. 

Drei Streifen sind Pflicht, darunter machen sie es nicht.


1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Wie man seiner eigenen Partei maximal schaden kann? Indem man wie Jette Nietzard, Sprecherin der Grünen Jugend, einfach mal ein Grundprinzip des Rechtsstaats in Zweifel zieht.
(Alice Weidel)
nee halt ää
(Julian Reichelt)
was nein also:
(Eva Hermann)
stop das wird ja immer schlimmer
also: Mareen Linnartz von der Süddeutschen