Posts für Suchanfrage Nietzard werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen
Posts für Suchanfrage Nietzard werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 30. Juli 2025

Abgang aus der Politpuppenstube: Rente mit 26

Jette Nietzard geht schon  mit 26 in die verdiente Politrente. Abb: Kümram, Buntstift auf Zigarettenpapier

"Es waren immer die Frauen, und vor allem die jungen, welche die fanatischsten Anhänger der Partei waren, die Parolen nachplapperten, die Amateurspione und Aufspürer von Unorthodoxien waren." George Orwell, 1984 

Sie war kaum da, unverhofft aufgestiegen aus der vierten Reihe, als die erste sich im Zorn verabschiedete. Schnell zeigte sich ihr großes Talent, sich einen Namen zu machen. Jette Nietzard gelang es wie von Zauberhand, sich im Wolfsgehege der politischen Puppenstube einen zu machen, der wie Donnerhall durch die Gazetten klang.  

Wo die studierte Erzieherin aus Leverkusen auftauchte, war roch es streng nach Skandal. Obgleich erst 26  und nur mit der entsprechend geringen Lebenserfahrung ausgestattet, strahlte sie neben den übrigen Neueinstellungen der Berliner Soap wie eine Talgkerze neben kaputten Temu-Leuchten.

Ein Jahr in der Selbstdarstellerliga 

Und nun, nach nicht einmal einem Jahr in der ersten Selbstdarstellerliga, kündigt die Frau mit der übergroßen Brille und dem übergroßen Sendungsbewusstsein an, bei den anstehenden Vorstandswahlen  bei der Grünen Jugend nicht noch einmal antreten zu wollen. Nietzard, formell ohne richtiges Amt bei den Grünen, in der grünen Fraktion oder im Parlament, gibt Privilegien auf. Reporter der Leitmedien, die wissen wollten, "wie die tickt", empfing sie im Bundestag. 

Als Chefin der angeblich 18.000 grünen Jugendlichen sprach sie im Namen aller, die unter 30 sind. Jette Nietzard ließ ihrem Hass auf die, die "den Staat am laufen halten" (Lars Klingbeil) bei jeder Gelegenheit freien Lauf. Cops waren Bastards, Reiche nur gut dazu, besteuert zu werden bis es quietscht.

Während ihr Vorstandkollege Jakob Blasel den besonnenen gab, spielte sie die Abteilung Attacke einer Vereinigung, die längst aus dem Jugendalter heraus ist. Die Grüne Jugend, 1994 gegründet als eine Art Stachel im Fleisch der sich langsam etablierenden Partei,  sind heute eine Nachwuchszuchtanstalt. Aus der Reihen der Jungen, die den linken linken Flügel der Linkspartei mit dem Sonnenblumenlogo bilden, kommen traditionell sämtliche Führungskader der Grünen. 

Schleichend an die Macht 

So "Schleichend an die Macht", wie Vize-Fraktionschef Andreas Audretsch mal ein Buch genannt hat, haben sich die Langs, Banaszaks, Marquardts und Dzienus in die Positionen manövriert, die ihnen Sitz und Stimme in allen Talkshows sichert. Selbst ohne herausragendes Amt über sie noch Einfluss aus. Der Marschallstab bliebt immer im Tornister, denn jede Blamage ist kurzfristig peinlich. Langfristig aber dient sie der eigenen influence.

Nietzard hatte das von Anfang an verstanden wie sonst vielleicht nur ihr sozialdemokratischer Kollege  Philipp Türmer, der mit ähnlichem Aplomb auftritt. Immer ganz oben, immer voll drauf, weinerlich und kampfbereit zur gleichen Zeit und von faktenbasierter Weltbetrachtung so weit weh wie Ursula von der Leyen von der Chance, mit Donald Trump auf Augenhöhe zu verhandeln.

Verhältnisse beim Tanzen 

Jette Nietzard ist nicht nur eine der, sondern sie ist die Infantile, die für eine ganze Generation an Jungpolitikern steht, die glauben, dass Wünschen die Welt verändert. Der Mühen der Arbeit sind sie abhold, der Kenntnisse weitgehend frei, mit welcher Melodie sie die Verhältnisse zum Tanze bringen können, spüren sie allerdings instinktiv. 

Ihre Sache ist nicht der Zwischenton, sich verabscheuen das lange, leise Denken. Wo Nietzard auftaucht, plautzt allenfalls ein Halbgedanke heraus. Sie zieht es zum Schrillen hin, zur Grenze des Vernünftigen, dorthin, wo das Zuhören und Hinschauen wehtut. "Ich spalte gerne die Gesellschaft", hat die grüne Hoffnungsträgerin in einer romantischen Nachstellung früheren Rebellentums geschrieben, als ihre still nach rechts schleichende Eckkneipen-Partei gerade gar nicht wollte, dass das jemand Krawall macht.

Etwas anderes aber kann die Expertin für die Professionalisierung in der frühkindlichen Bildung aus einer kapitalismuskritischen Perspektive nicht. "Der Spalt geht nur nicht zwischen Geflüchteten und Deutschen, sondern zwischen Milliardären und allen anderen."

Jette Nietzard wird von denen geliebt, denen Spektakel als Politikersatz ausreicht. Und sie störte die Kreise derjenigen, die dorthin wollen, wo die Steuerräder stehen. Jetzt ist die Skandalnudel der Grünen ihre eigene Rolle leid. Sie werde im Oktober nicht noch einmal antreten bei der Vorstandswahl, hat Nietzard in der Gewissheit verkündet, dass die Spitze der Grünen ohnehin alles getan hätte, um ihre Wiederwahl vorbeugend zu verhindern. 

Die linke Stimme der Linken 

Sie habe versucht, eine linke Hoffnung und eine linke Stimme in den Grünen zu sein, entschuldigte sie sich einem Video bei der Meta-Tochter Instagram, gekleidet in ein T-Shirt mit dem versöhnlichen Aufdruck "Mehr Liebe" . Dass aus dem Versuch, "Aufmerksamkeit auf linke Themen und auf Ungerechtigkeiten zu lenken", eigener Ruhm wurde, war nicht beabsichtigt. Voller Selbstmitleid und Selbstgerechtigkeit quengelt sie noch zum Ende hin: "Bei den Grünen sind meine Gedanken nicht immer auf Gegenliebe gestoßen". Mal sei sie "in Fraktionssitzungen ausgebuht, mal von Realo-Spitzenpersonal angeschrien oder von Ministerpräsidenten oder solchen, die es werden wollen, ihr Rücktritt gefordert" worden. 

Ungeheuerlich. Statt sie bedingungslos zu lieben, die junge Frau ohne Bildungshintergrund, haben sie sie gemobbt. Gemobbt in einer Partei, die überraschenderweise "Realo-Spitzenpersonal" hat und, ja, Nietzards böser Abschiedsgruß liest sich so, in internen Diskussionen auftritt wie eine misogyne Hooligantruppe auf Auswärtsadrenalin.  Was genau Jette Nietzard in Fraktionssitzungen getan hat, welcher Rang, welches Amt oder welche Funktion ihr die Anwesenheit in einer Runde gewählter Volksvertreter erlaubte, verrät sie nicht. Ein Funktionsgeheimnis der Grünen. Der Jugend Vertrauen und Verantwortung.

Eine bedrückende Botschaft 

Die bedrückende Botschaft hinter dem Erfolgszug der ausweislich ihrer Interneteinträge relativ wenig gebildeten jungen Vrau ohne formellen Bildungsabschluss: Ihr Pöbeln und Selbstentblößen fasziniert die Medien der Klickökonomie wie ein Autobahnunfall. Diese graue, von der Last der Verantwortung, die die Älteren tragen, früh niedergedrückte Frau ohne Berufsabschluss glaubt an "verbotene Strophen" der Nationalhymne, daran, dass die Grünen dem "Sondervermögen "zur Sicherung der kommenden SchuKo-Jahre nicht zustimmen werden, und an die unwiderstehliche Magie von Punkte-Plänen.

Darüber hinaus aber auch an die ungebrochene Kraft der großen Medienadressen, Menschen zu erreichen, die auf die richtige Botschaft warten. Nach dem Vorbild von Carla Reemtsma und Luisa Neubauer hat jetzt auch die Sprecherin der grünen Jugend sich teuer beleuchtet als role model für die neue Generation der Klima-Feministinnen ablichten lassen. Nietzard, ungeschminkt stets deutlich älter wirkend als es ihr Geburtsjahr vermuten lassen würde, zeigt sich cool und lässig und betont ängstlich beim Gedanken, "ob sie noch alles im Griff hat, was sie da auslöst" (Stern). 
Die Mehrheitsgesellschaft provozieren

Provozieren der Mehrheitsgesellschaft


Diese ständigen Versuche, die Mehrheitsgesellschaft zu provozieren. Die gezielten Spitzen gegen Andersdenkende, von denen sie trotz ihrer Vorliebe für ausgefallene Kleidungsstücke "in der Bahn nach ihrer Nummer gefragt" wird.

"Vielleicht ist es so, dass ich am Ende zur Spaltung der Gesellschaft beitrage", sagt sie dem Magazin "Stern", das ihr eine hochglanzpolierte Bilderstrecke widmete. Nietzard folgte mit ihrer Bereitschaft, sich der Illustrierten hinzugeben, der alten Strategie aller Populisten, regelmäßig selbst Sorge darüber zu äußern, was wohl passieren würde, erfüllten sich die eigenen Träume. Jette Nietzards größter wäre, dass der Kapitalismus stirbt, damit das Klima leben kann. Wenn die große Fotostrecke im "Stern" dazu beiträgt, dann soll es so sein.

Hand in Hand mit den Erben der Faschisten


Das Magazin, 1948 von einem früheren Kriegsberichterstatter in der Propagandakompanie der SS-Standarte Kurt Eggers nach dem vom NSDAP-Mitglied Kurt Zentner 1938 konzipierten Glanz- und Glamourblatt "Der Stern" gegründet, steht für geschmackvolle Unterhaltung, hier ist noch Platz für große Bilder und das "bisschen mehr knallen" (Nietzard), nach dem sich gerade viele junge Menschen in diesen Vorkriegszeiten so sehnen.

Passiert ist passiert. Niemand kann etwas dafür. Als George Orwell, nach seiner Rückkehr aus dem Spanischen Bürgerkrieg immer noch ein Ultralinker, sich unter dem Eindruck des Hitler-Stalin-Paktes  zur Mitte bewegte, fielen ihm Gestalten wie Nietzard erstmals ins Auge. Diese "Intelligenzija", Orwell benutzte den in Russland gebräuchlichen Begriff, habe sich von der gemeinsamen Kultur der Nation getrennt. "Sie nehmen ihre Küche aus Paris und ihre Ansichten aus Moskau. In dem allgemeinen Patriotismus des Landes bilden sie eine Art von Insel abweichenden Denkens", schrieb er in "The Lion and the Unicorn" über "Intellektuelle, die sich ihrer Nationalität schämen". 

Die Scham der Intelligenzija 

Sein Testat, das man "in Linkskreisen glaubt, dass es ein wenig schandbar ist, Engländer zu sein, und dass es eine Pflicht ist, sich über jede englische Institution lustig zu machen, vom Pferderennen bis zum Nierenpudding", lässt sich umstandslos auf die Nietzards übertragen: "Es ist eine merkwürdige Sache, aber es ist zweifellos wahr, dass fast jeder englische Intellektuelle sich mehr schämen würde, bei , God Save the King'aufzustehen, als etwas aus der Armenkollekte zu stehlen." 

Mit seinem Satz über "gerade dieses Mädchen", das ihm den Eindruck vermittelte, "noch gefährlicher zu sein als die meisten", könnte Jette Nietzard gemeint sein, die eine "Atmosphäre von Hockeyfeldern und kalten Bädern und Gemeinschaftswanderungen und allgemeiner Sauberkeit" mit sich "herumzutragen wusste".

Ideologie ersetzt Denken 

Ideologie ersetzt eigenes Denken, immer diese "fanatischsten Anhänger der Partei, die Parolen nachplapperten", in Orwells Nähe kamen, spürte er "ein mit Angst als auch Feindseligkeit gemischtes seltsames Unbehagen in sich". Eine Aura, die Nietzard selbst in der Fernwirkung umgibt, gemischt aus Selbstgerechtigkeit, Halbbildung und dem Bemühen, um jeden Preis aufzufallen. Verachtung für Andersdenkende ist inklusive.

Bis zuletzt hat Jette Nietzard festgehalten an dieser schrillen Strategie, die Demokratie als etwas zu verstehen, das ihr allein gehört, anderen aber nicht. Gefangen in einer Blase aus Fehlwahrnehmungen ist sie in großer Sorge darüber, dass Demokratie auch dann noch als funktionierend verstanden werden könnte, wenn ihr das Ergebnis einer Wahl nicht gefällt. "Wie vorbereitet ist unsere Zivilgesellschaft, wie vorbereitet sind unsere Parteien darauf, dass 2029 eine gesichert rechtsextreme Partei in Deutschland regieren könnte?", hat sie zum Abschied in einem Audio-Podcast der ARD gesagt. "Wir" müssten doch heute schon darüber nachdenken, wie Widerstand in so einem Fall aussehen kann: "Wäre der nur intellektuell? Oder müssten wir auch zu den Waffen greifen?"

Freitag, 30. Mai 2025

Jagdszenen in Mediendeutschland: Jette und der Mob

Die personifizierte Mischung aus Selbstverliebtheit und Selbstbewusstsein: Jette Nietzard.

Natürlich hatte sie es darauf angelegt. Es gehört zum politischen Wirkkonzept der Jette Nietzard, die dröge, gedankenfaule Mehrheitsgesellschaft zu provozieren, ihr den Spiegel vorzuhalten oder auch den "Stern". Seit die 25-Jährige sich an die Spitze der grünen Nachwuchsbewegung hat wählen lassen, ist wieder Betrieb in der Provokationsfabrik. Binnen weniger Monate hat die kapitalismuskritische Rheinländerin ihre Vorstandsvorgänger*innen vergessen lassen.  

Für eine "klassenorientierte Politik"

Wo die mit plumper Kommunismuspropaganda den Kampf für eine "klassenorientierte Politik" hatte führen wollen, setzt Nietzard als Gesicht des neuen zweiköpfigen Jugendvorstandes - neben ihr agiert der unauffällige Jakob Blase - ganz auf Personality. Geschult am Vorbild von erfolgreiche  Medienmarken wie Greta Thunberg, Luisa Neubauer und Carla Reemtsma, etablierte sich die studierte Erzieherin in kürzester Zeit als neues Aufregungsangebot. 

Nietzard trat als "freie Radikale" (Stern) auf, sie forderte Orgasmen und Sondervermögen zu Lasten der Jüngeren, sie fantasierte öffentlich über vermeintliche Teilverbote der Nationalhymne und sie wünschte böllernden  Männern, dass ihnen die Hände abfallen mögen. "Dann können zumindest keine Frauen mehr schlagen."

Ein kluger Kopf mit Karriereplan

Hinter der großen, klugen Brille, die die Mittzwanzigerin in Kombination mit einer Art Räuberzivil aus Adidashosen, Schlabberpullovern und Sportschuhen oft wie zehn Jahre ältere Frau aussehen lässt, die sich bemüht, jung auszusehen, steckt ein kluger Kopf mit einem großen Karriereplan. Nietzard weiß, dass sich nur Bekanntheit in Macht übersetzen lässt. Wer die Follower hat, der hat nicht nur Fame, er kann auch Ansprüche anmelden. 

Timon Dzienus, nur drei Jahre älter und Nietzards Vor-Vorgänger in der Chefetage der grünen Kaderschmiede, hat es vorgemacht: Der kindlich wirkende und kindlich auftretende Junge aus Norddeutschland sitzt heute sicher und warm im Bundestag, genauso wie Ricarda Lang und Felix Banaszak, noch etwas älter, aber auf derselben Karriereleiter aufgestiegen.

Unglaublich begeisterte Kämpferin  

Nietzard bekam viel Zuspruch für ihre Provokationen, die Selbstverliebtheit, Selbstbewusstsein und eine umfassende Unkenntnis der Geschichte so geschickt kombinierten, dass immer neue Empörungswellen schwappten, wo die feministische Flüchtlingsrechtlerin sich im Kampf mit den Verhältnissen zeigte. 

Dass die "unglaublich begeisterte Kämpferin für soziale Gerechtigkeit", wie Dzienus seine Nachfolgerin genannt hat, eines Tages zu weit gehen könnte, damit war nie zu rechnen - bis es geschah: Ausgerechnet ein eher lauer und mauer Auftritt mit einem AliExpress-Käppchen und einem auf "ACAB" gefälschten  Adidas-Pullover sorgte dafür, dass Jette Nietzard sich unversehens einer wahren Hetzjagd ausgesetzt sah.

Auf einmal ein Geschäftsmodell 

Auf einmal verhöhnten eigentlich solidarische Medienhäuser sie als "Krawallgurke", ihre Geschäftsmodell wurde abfällig als "Geschäftsmodell Provokation" geschmäht und ihre Auftritte als "Show" gegeißelt. Nietzard konnte schlagartig auch nicht mehr auf Solidarität der Parteialtvorderen rechnen. Als sei die Nietzard-Methode jetzt erst aufgefallen, galt die Aktivistin nur noch als unglaublich begeisterte Kämpferin für sich selbst, schädlich für die Partei, die sie nach Meinung des grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretzschmann möglichst schnell verlassen solle.

"Wir sind nicht die richtige Adresse für die Art von Gesinnung, die ihr habt", kachelte der 77-Jährige. Grünen-Chef Felix Banaszak nannte Nietzards Beurteilung der Polizei "inakzeptabel", Cem Özdemir, der Kretschmann als baden-württembergischer Ministerpräsident nachfolgen will, schimpfte, bei den Grünen sei falsch, wer nicht kapiere, "dass die Polizei auch Grünen-Werte verteidige".

Jette Nietzard, die so lange dafür gefeiert worden, die Spaltung der Gesellschaft zu vertiefen und Gräben aufzureißen,  steht auf einmal fast ganz allein in einem Mediensturm, der ihren Fall aufwändiger abhandelte als Israel, Rezession und Friedrich Merz. Ungerecht, aber erhellend: Der gesamtgesellschaftliche Rechtsruck hat die Linke erfasst, die Grünen wenden sich aus Angst vor einem schlechten Wahlergebnis in Baden-Württemberg von den eigenen Leuten ab.

Sonntag, 6. April 2025

Globalisierungskritik: Widerstand mit drei Streifen

Jette Nietzard zeigt die sich "Stern" stolz in Nike-Sneakern und Adidashose, der traditionellen Ausgehuniform der abenteuerlustigen Bürgertöchter.

Sie sehen aus wie ihre eigenen Mütter, ausgestattet aus dem Altkleidersack, die Nikes aus Bangladesch stylish abgetragen, die Jogginghose aus indonesischer Produktion noch kaum ausgeblichen und in scharfen Kontrast zum Leopardenfellmuster, das den Oberkörper schmückt und andeutet, dass hier jemand sitzt und geht, der sich seiner kolonialen Vergangenheit genau erinnert. Jette Nietzard, seit einem halben Jahr neue Co-Vorsitzende der Grünen Jugend, hat sie bewältigt und sie kann sich deshalb; heute stolz ein Stück Afrika aneignen.

Keine Frau für Kompromisse

In der Illustrierten "Stern" hat die 25-jährige Nachwuchsfunktionärin sich jetzt als "keine Frau für Kompromisse" vorgestellt. Eine "freie Radikale", deren politische Erfolge überschaubar sind. Bei zwei Wahlen ist die studierte Kapitalismuskritikerin bisher angetreten. Einmal holte sie elf, einmal knapp neun Prozent der Stimmen. Das reichte, um ihren Anspruch auf die Führung des grünen Jugendverbandes zu untermauern. Nietzard war am schrillsten, am lautesten, am umstrittensten. Niemand konnte der kleingewachsenen grünen Größe das  Widerstandswasser reichen. Sobald sie den Mund aufmachte und den Klassenfeind anpöbelte, sprangen die Leitmedien an wie Pawlows Hunde.

Nach dem Abgang der vorigen Führung haben Nietzard und in Chefkollege Jakob Blasel die jungen Grünen wieder auf Linie gebracht. Katharina Stolla und Svenja Appuhn und deren Vorgänger Sarah-Lee Heinrich und Timon Dzienus, die einen verschwunden in die Unsichtbarkeit der Gründungsvorbereitungen für eine neue, richtig sozialistische Partei, der andere dank eines guten Listenplatzes in Niedersachsen inzwischen Bundestagsabgeordneter, pflegen die Neuen den alten Stil. Je schräger die Ideen und je kruder die Thesen, desto größer die öffentliche Beachtung und je lauter der Applaus aus der eigenen Fankurve. Grün wirkte. Grün spaltete. Grün schreckte die Gegner ab. Und zwang die eigenen Truppen, sich solidarisch hinter der grünen Nachwuchsführerin zu versammeln.

Arbeit als Sexualtherapeutin

Blasel, Mitgründer von "Fridays for Future", aber rechtzeitig vor dem Zusammenbruch der Klimabewegung abgesprungen, hat sich als Kleintierkritiker einen Namen gemacht. Nietzard war zuletzt als Sexualtherapeutin unterwegs. Sie beklagte, dass Frauen bei Männern 30 Prozent weniger zum Orgasmus kommen" und sie forderte, dass Männern "Privilegien genommen werden" müssten, solange sie nicht in der Lage seien, einen "Mehrwert für Gesellschaft und Beziehungen" zu produzieren. Männerhass, selbstbewusst ausgeführt. Die Verachtung  für Ältere und Andersdenkende. Ein anmaßendes Selbstbild, das offen ausstellt, wie die Welt wäre, dürfte diese junge Frau ohne Lebenserfahrung und Berufsabschluss bestimmen. 

Ihre Missachtung für "unsere Demokratie" demonstrierte die Expertin für die "Wechselwirkung von Ökonomisierung und Professionalisierung in der frühkindlichen Bildung aus einer kapitalismuskritischen Perspektive" zuletzt durch einen Auftritt im "Schlabberlook" (Focus) im Bundestag, den sie über das chinesische Spionageportal Tiktok verbreitete. Eine neue "Era" (Nietzard) des Feminismus, der Weiblichkeit hinter einer Oma-Brille, strähnigem Haar und graugewaschenen Pullovern versteckt

Die Last der Verantwortung

Die bedrückende Botschaft dahinter fasziniert die Medien der Klickökonomie wie ein Autobahnunfall. Diese graue, von der Last der Verantwortung, die die Älteren tragen, früh niedergedrückt, glaubt an "verbotene Strophen" der Nationalhymne, daran, dass die Grünen dem "Sondervermögen "zur Sicherung der kommenden SchuKo-Jahre nicht zustimmen werden, und an die unwiderstehliche Magie von Punkte-Plänen.

Darüber hinaus aber auch an die ungebrochene Kraft der großen Medienadressen, Menschen zu erreichen, die auf die richtige Botschaft warten. Nach dem Vorbild von Carla Reemtsma und Luisa Neubauer hat jetzt auch die Sprecherin der grünen Jugend sich teuer beleuchtet als role model für die neue Generation der Klima-Feministinnen ablichten lassen. Nietzard, ungeschminkt stets deutlich älter wirkend als es ihr Geburtsjahr vermuten lassen würde, zeigt sich cool und lässig und betont ängstlich beim Gedanken, "ob sie noch alles im Griff hat, was sie da auslöst" (Stern). 

Die Mehrheitsgesellschaft provozieren

Diese ständigen Versuche, die Mehrheitsgesellschaft zu provozieren. Die gezielten Spitzen gegen Andersdenkende, von denen sie trotz ihrer Vorliebe für ausgefallene Kleidungsstücke "in der Bahn nach ihrer Nummer gefragt" wird.

"Vielleicht ist es so, dass ich am Ende zur Spaltung der Gesellschaft beitrage", sagt sie und folgt damit der alten Strategie aller Populisten, regelmäßig selbst Sorge darüber zu äußern, was wohl passieren würde, erfüllten sich die eigenen Träume. Jette Nietzards größter wäre, dass der Kapitalismus stirbt, damit das Klima leben kann. Wenn die große Fotostrecke im "Stern" dazu beiträgt, dann soll es so sein.

Das Magazin, 1948 von einem früheren Kriegsberichterstatter in der Propagandakompanie der SS-Standarte Kurt Eggers nach dem vom NSDAP-Mitglied Kurt Zentner 1938 konzipierten Glanz- und Glamourblatt "Der Stern" gegründet, steht für geschmackvolle Unterhaltung, hier ist noch Platz für große Bilder und das "bisschen mehr knallen" (Nietzard), nach dem sich gerade viele junge Menschen in diesen Vorkriegszeiten so sehnen.

Hof halten im Bundestag

Nietzard ist "auf einer halbrunden, gepolsterten Bank auf der Fraktionsebene des Bundestags", wo sie für Lisa Becke vom Hauptstadtbüro Hof hält, Jona im Bauch des Wals, allerdings nicht auf Transportleistung erpicht, sondern unterwegs, um das Riesentier von innen aufzufressen. Wiese Nietzard das hohe Haus gewählt hat, um sich zu offenbaren, wird nicht erklärt. Nietzard beauskunftet strategisch. Jetzt ist Schluss mit dem hyperpragmatischen Realo-Kurs. Jetzt sagt sie, dass "es keine Milliardäre geben sollte". Jetzt wird von einer Welt erzählt, "in der es keine Polizei mehr braucht". Jetzt steht die Unschuldsvermutung auf dem Prüfstand.

Dass man sich dem System ganz hingeben muss, um es erfolgreich zu bekämpfen, ist ein Preis, den auch linke Politiker gern zahlen, wenn er dem eigenen Fortkommen dient. Die Familie daheim ist stolz. Die Weggefährten schauen ein wenig neidisch, aber auch bewundernd. Der politische Gegner ist düpiert. Und irgendwann hat man es geschafft: Mit sitzt auf dem Talkshow-Karussell. Man wird erkannt und angegriffen. Und kann aus allem, was einem entgegnet wird, neues Material für die Verteidigung der eigenen Positionen gewinnen.

Eine "freie Radikale"

Die "freie Radikale" ist Rebell und sie macht sich für die globalisierten Monstermarken stark. Ihr Auftritt ist fantastisch ausgeleuchteter Widerstand und er hilft ehrenamtlich mit, die internationalen Großkonzerne zu finanzieren, deren weltweites Befeuern von sportlichen Großveranstaltungen zum Klimawandel mehr beiträgt als der komplette Individualverkehr Deutschland. Wie Greta Thunberg, Reemtsma und Neubauer ist sich Nietzard keiner Schuld bewusst. Es ist nur eine Hose. Es sind nur ein paar Schuhe. Es ist nur ein T-Shirt. Und es hat Tradition. 

Schon der kubanische Revolutionsführer Fidel Castro, ein brutaler Diktator, der zehntausende Menschen für die gute Sache opferte und Hunderttausende aus ihrer Heimat vertrieb, bekannte sich zur Mode aus Herzogenaurach. Ihm eiferten die G20-Protestler von Hamburg nach und später die Widerständler von Lützerath. Immer schon trug die Klimabewegung am liebsten Adidas, die Antiglobalisierungsproteste fanden in Kostümen statt, die vom globalisierten deutschen Sportmodekonzern geliefert wurden. 

Eine lange Tradition 

Adidas, der Großkonzern mit Fabriken bis ins unterbezahlte Asien, der über Jahrzehnte deutsche Nationalmannschaften ausstattete,  gilt auch in Kreisen des zivilgesellschaftlichen Widerstandes als erste Wahl bei der Uniformmarke. Wo immer Revolution oder Transmission ausgerufen werden, sind Adidas-Produkte Pflicht. Vom Anti-Globalisierungswiderstand bis zur Letzten Generation: Adidas-Sneaker aus Qualanbau in der Dritten Welt sind die Berufsbekleidung der unangepassten Klimakämpfer.

Sanft schmiegten sich die Mikrofasern aus Nylon, Polypropylen und Elastan an die Schenkel der Letzte-Generation-Anführerin Carla Hinrichs. Stolz wippten die Füße von Joschka Fischer und Luisa Neubauer  in den Turnschuhen Marke "Superstar Cloud White", hergestellt überwiegend aus Polyurethan, einem unter hohem Energieeinsatz mittels Polyadditionsreaktion von Polyisocyanaten mit mehrwertigen Polyolen produzierten Schaumstoff, der entsteht, wenn das Klimagift Kohlenstoffdioxid die Reaktionsmasse aufschäumt. 

Der Energieaufwand für die Herstellung liegt bei mehr als 30 kWh pro Kilogramm, die Umweltwirkungen sind dafür aber langanhaltend: Ein Paar Turnschuhe kann als Schwemmmüll in den Weltmeeren heute schon mehrere tausend weggeworfene verbotene Plastiktrinkhalme ersetzen. Mehr als 90 Prozent der Produkte des Traditionsunternehmens werden von nach europäischen Maßstäben äußerst zurückhaltend entlohnten Arbeiterinnen und Arbeitern in Indonesien, Thailand, Pakistan und China hergestellt - Grund genug für Aktivisten schon beim G7-Gipfel in Kühlungsborn und Heiligendamm vor fast 20 Jahren, ihren Protest in ihren Schuhen auf die Straße - und das im Gegensatz zum Deutschen Fußballbund, der für sowas ganz globalistisch Geld nimmt, auch noch völlig ehrenamtlich und kostenfrei. 

Erinnerungen an die Panzerfrau

Ob die berühmte Panzerfrau mit der roten Hose 2017  seinerzeit  für ihren Auftritt in Adidas-Sneakern bezahlt worden war, konnte nie nachgewiesen werden. Doch der Hersteller aus der Nähe von Nürnberg war in der Vergangenheit häufig in finstere Geschäfte mit fragwürdigen Funktionären verstrickt, dass ausgerechnet Globalisierungskritiker, Freunde der sozialistischen Produktionsweise und Gegner der marktwirtschaftlichen Ordnung sich für seine fast fashion begeistern, erscheint rätselhaft. Aber es ist so - Adidas ist, wie Jette Nietzard zeigt, die Ausgehuniform der abenteuerlustigen Bürgertöchter. 

Drei Streifen sind Pflicht, darunter machen sie es nicht.

Montag, 26. Mai 2025

Die Infantilen: Kinder an der Macht

ACAB-Pullover und Eat-the-Rich-Cap von AliExpress für 5,59 Euro.
ACAB-Pullover und Eat-the-Rich-Cap von AliExpress für 5,59 Euro.

In den ersten Momenten nach der Bundestagswahl waren die Fehlstellen groß. So viele waren nicht  mehr da, die in den zurückliegenden Jahren als Quell steter Freude zuverlässig geliefert hatten, was draußen im Land so sehr ersehnt wurde. Humorvolle Auftritte, zugespitzte Aussagen, schonungslose Ansichten - die Jahre der Merkel-Regierungen, mehr aber noch die Ära des darauffolgenden Ampel-Kabinetts waren eine Zeit allerbester Unterhaltung.  

Die verschwundenen Gesichter

Dafür sorgten so bunte Charaktere wie Peter Altmaier und Karl Lauterbach, Ricarda Lang und Robert Habeck, Saskia Esken, Kevin Kühnert und Hubertus Heil, aber auch ihre Gegenspieler Christian Lindner, Alice Weidel und all die anderen großen und kleinen Darsteller aus dem politischen Berlin. Sie waren - neben einer Kompanie von höchstens 30 anderen Frauen und Männern - das Gesicht der Berliner Republik. Ihre Auftritte bewegten die Massen, ihre Ansagen spalteten, ihre gegenseitigen Beschimpfungen und Unterstellungen sorgten für allerbeste Unterhaltung.

Der Bruch war heftig, die Aussichten waren traurig. So viele große Namen fehlten plötzlich. So viele neue Gesichter waren zu lernen, Funktionen zu begreifen, und Positionen zu verstehen. Von früheren Medienaktivisten wie Lang, Kühnert, Merkel und Maas und ihren Zeitgenossen wusste jeder, was von wem zu halten war. Auch die neue Mannschaft im Hauptstadtviertel setzt zwar auf bewährte Kader, gewaschen mit allen Talkshowwassern. 

Doch dazu stießen viele unbekannte Namen, die bis dahin nur Spezialisten bekannt waren. 230 Abgeordnete im Bundestag sind neu, kein tabula rasa, aber auch kein stabiles Weiterso. Für die Neuen steht als erste Aufgabe, sich als Figuren in die tägliche Politsoap einzuführen, um die möglichst schnell kein Weg mehr herumführt.

Von der Schulbank ins Hohe Haus

Timon Dzienus, einem blutjungen Grünen, der direkt von der Schulbank ins Hohe Haus eingezogen war, gelang es als Erstem, sich zu etablieren: Der Junge aus Nordhorn zog eine Antifa-Flagge schwenkend zu seiner ersten Parlamentssitzung, er kampierte anschließend im Sitzungssaal und leistete schon bei der ersten Gelegenheit antifaschistischen Widerstand, indem er eine Entspannungspause in der Kantine machte statt den Ausführungen eines Politikers einer anderen Oppositionspartei zuzuhören. selbst der Linken-Politiker Luke Hoß blieb da nur der Weg zum "Focus", um frischen Wind in den Bundestag zu bringen.

Für eine Hauptdarstellerin wie Jette Nietzard, die Fernsehteams zwar im Bundestag empfängt, als Chefin der Grünen Jugend aber keinen Sitz im Parlament hat, ist es unter diesen Bedingungen eine Herausforderung, auf sich aufmerksam zu machen. Natürlich, wer sich ganz am Rand platziert, hat immer gute Aussichten, Aufmerksamkeit zu erregen. Ältere erinnern sich an Medienschaffende wie Martin Schulz, Karl Lauterbach und Sahra Wagenknecht, vor allem aber an Greta Thunberg, Luisa Neubauer und Martin Sellner, die es sogar ohne Abgeordnetensitz schafften, für die öffentlich geführte Mediendebatte als relevant zu gelten.

Rebellin in Adidas-Uniform

Wie Timon Dzienus ist Jette Nietzard ist die Erbin dieser Pioniere des politischen Influencertums.
Die blasse Blonde, nach dem kollektiven Rückzug des früheren Vorstandes der grünen Nachwuchsorganisation  im Herbst vergangenen Jahres nach oben aufgerutscht, war schon im April beim "Stern" gewesen, um sich gut ausgeleuchtet als Stimme einer neuen, radikalen Generation inszenieren zu lassen. Die Rebellin trug dabei demonstrativ das Kostüm einer deutschen, aber globalen Weltmarke. Sie forderte die Abschaffung von Milliardären. Und eine "Welt, in der es keine Polizei mehr braucht".

Ein Aufschlag, der der 26-Jährigen, die eigenen Angaben "seit 2024 im Deutschen Kinderhilfswerk unter anderem zu den Themen Beteiligung und Geflüchtete" arbeitet, den Ruf einer Rebellin verschaffte. Und ihr wohl auch einen Hausausweis für den Bundestag beschwerte. Nietzard, diesen Anschein erweckt ihr Schaffen, ist seit der Bundestagswahl öfter im Reichstag gewesen als 99,9 Prozent der Bevölkerung im ganzen Leben. 

"Ich persönlich bin kein großer Fan der Kantine im Bundestag", hat die Jungpolitikerin mittlerweile bekannt. Für Millionen ein Trost: Wenn das Sprachrohr der der Infantilen, die getreu der alten Grönemeyer-Forderung "gebt den Kindern das Kommando" auftreten, keinen Geschmack am Kollektivessen der Volksvertreter findet, dann haben die Massen dort wohl nichts verpasst.

Mit dem Cap von AliExpress

Und nur einen Monat nach der Audienz für den "Stern" gewährt damals "auf einer halbrunden, gepolsterten Bank auf der Fraktionsebene des Bundestags", war die Sprecherin der AG Kinder, Jugend und Familie der Grünen Berlin jetzt schon wieder "auf dem Weg in den Bundestag", in welcher Funktion und zu welchem Zweck auch immer. Aus gegebenem Anlass hatte sich Nietzard fein gemacht. Demonstrativ zeigte sie sich ihren fast 22.000 Followern bei Instagram in einem Pullover mit All Cops Are Bastards-T-Shirt und kommunismuskonformem Baseball-Cap mit "Eat the rich"-Stickung, hergestellt in China, bei AliExpress für 5,59 Euro zu haben.

Der Plan ging auf, die anvisierte Aufregung schwappte umgehend hoch. Vertreter der bürgerlichen Parteien gaben sich empört, Polizeivertreter beleidigt. Selbst die Grünen sahen sich genötigt, ihren inzwischen staatstragenden Grundcharakter mit einer Verurteilung des Auftritts der Genossin als "nicht Position unserer Partei" zu bekritteln. Das bringt Fame, das spaltet und "ich spalte gerne die Gesellschaft" (Nietzard), wenn auch gezielt "nur nicht zwischen Geflüchteten und Deutschen sondern zwischen Milliardären und allen anderen" (im Original), hat Nietzard bekanntgegeben.

Das kann etwas werden, etwas ganz Großes. Wer so startet, der hat die besten Jahre noch vor sich.

Montag, 21. Oktober 2024

Grüne Jugend: Hoffnung für den Haustierausstieg

Von wegen niedlich: Hunde produzieren jährlich etwa 700 Millionen Tonnen des Klimagiftes CO₂.

Nach dem Rechtsruck an der Parteispitze, betrieben von Klimawirtschaftsminister Robert Habeck, hatte die Vorstandsetage der Grünen Jugend die Waffen gestreckt. Diese Grünen, das sei nicht mehr ihre Partei, teilte zahlreiche Funktionäre des Nachwuchsverbandes mit, der als Kaderschmiede für künftige Abgeordnete und Ministeriumsbeamte gilt.  

Während die Svenja Appuhn, schon im jungen Alter Trägerin der Verdienstmedaille des Bundesverdienstkreuzes, und die studierte Meteorologin Katharina Stolla den Kampf für eine "klassenorientierte Politik" in einer weiteren neuen Partei mit klar linkem Profil weiterführen wollen, hatte die Grüne Jugend (GJ) keine Probleme, Nachfolger zu finden. 

Sprung an die Spitze

Zwar gibt es aufgrund der abbröckelnden Umfragewerte der Mutterpartei keinen Automatismus mehr, der Nachwuchsfunktionären der GJ automatisch ein Auskommen im Bundestag sichert. Doch für die neuen Vereinsvorstände Jette Nietzard und Jakob Blasel bedeutet der Sprung an die Spitze des offiziell um die 16.000 Mitglieder zählenden Vereins die Chance, eigene scharfe Forderungen an die eigene Partei und die Mehrheitsgesellschaft zu richten. Die Verantwortung dafür tragen, so weit das über die vom grünen Familienministerium finanziert verbandseigene Homepage geschieht, weiterhin die bereits vor einem Jahr abgetretenen GJ-Chefs Sarah-Lee Heinrich und Timon Dzienus.

Nicht alles muss immer neu. Aber mit dem dritten neuen Vorstand im laufenden Jahr weht ein frischer linker Wind durch die "junggrüne Politik" (GJ). Nietzard etwa steht für eine großzügigere Asylpolitik und die Beendigung der Kinderarmut. Blasel, wie seine Kollegin Mitte 20, startete seine politische Laufbahn mit 19 bei der damals angesagten Bewegung "Fridays for Future", avancierte zum deutschen Adjutanten der Gründerin Greta Thunberg und absolvierte inzwischen auch das vorgeschriebene Praktikum im Büro einer Bundestagesabgeordneten seiner Partei. Er deckt die Klimaflanke ab, predigt das 1,5-Grad-Ziel als Hauptaufgabe der Boomergeneration und würde, wenn er könnte, heute schon ohne Kohlekraftwerke leben.

Der Tabubrecher

Bekannt allerdings wurde der Student aus Kiel durch den Bruch eines Tabus, das in den politischen Parteien weit über den demokratischen Block hinaus als heilig gilt. So gut erforscht die klimazerstörende Wirkung der Haustierhaltung ist, so furchtsam gehen nicht nur CDU/CSU, SPD, FDP, Grüne und die beiden ganz linken Parteien, sondern auch die in Teilen gesichert rechtsextreme AfD mit dem Fakt um, dass aus reiner Bequemlichkeit gehaltene Haustiere ohne Ernährungs- oder sonstigen Nutzen Deutschlands Klimabilanz Jahr für Jahr mit fast 18 Millionen Tonnen CO2 belasten. Eine Menge, die exakt der von den Klimaplänen abweichenden Überlast entspricht, die die Ampel trotz industriellem Rückbau nicht in den Griff bekommt.

Jakob Blasel hält davon nichts. In offenem Widerspruch zu Greta Thunberg, die sich immer wieder gern in Begleitung sogenannter Klimahunde fotografieren lässt, kündigte der 25-Jährige schon vor Jahren einen harten Kurs gegen Haustiere an. "Das ist ein ziemlicher Umwelt- und CO2-Luxus, den wir uns da leisten", analysiert er mit Blick auf falsche Vorbilder, die vor allem die klimaschädliche Hundehaltung verherrlichen. Blasel will dieses Feld beackern: "Wir brauchen sie eigentlich nicht. Deshalb sollte es verboten werden, Tiere unnötig zu züchten".

Verherrlichte Hunde

Blaser plattiert die Grüne Jugend damit geschickt in einer Vertretungslücke, in die sich bisher nicht einmal die Wagenknecht-Bewegung gewagt hat.  Obwohl die Angst vor Hunden gesellschaftlich hohe Akzeptanz genießt, so durfte sich etwas die frühere Bundeskanzlerin der einer breiten Solidarität gewiss sein, als Putin bei einem Besuch in Moskau versuchte, sie mit einem Hund zu verunsichern, gilt die Verehrung der als "älteste Begleiters des Menschen" verherrlichten Zuchttiere im politischen Meinungskampf als sakrosankt. Hundehasser müssen ihre Gefühle verbergen, denn der Staat füllt sich mit Hundesteuern die Taschen, während die klimatischen Folgen der privaten Vorlieben für Hunde - wie auch für Katzen - vergesellschaftet werden.

Trotz Fachkräftemangel in der Medizin werden Ärzte und medizinisches Personal für die "Lieblinge" der Haustierhalter vorgehalten. Trotz Nahrungsmangels und Hungers in der Welt produziert eine ganze Industrie spezielle Lebensmittel für Hasso und Bello. Unternehmen, die Zubehör für die private Haustierhaltung herstellen, freuen sich Jahr für Jahr über Milliardenumsätze.

Weg was nicht nützlich ist

Jakob Blasel ist die erste wichtige politische Stimme, die dieses Problem entschlossen adressiert und seinem Verband damit einen Alleinvertretungsanspruch sichert.  Mit dem klaren Bekenntnis, dass die Grüne Jugend keine "gottlosen Kompromisse" mit ihrer Partei machen werde an. Ähnlich wie Nietzard, die in ihrer Bewerbungsrede das Ende aller Abschiebungen und noch freieren Zuzug für Geflüchtete gefordert hatte, ist der Student der Rechts- und Umweltwissenschaften der Ausreden müde, die einem Haustierausstieg im Wege stehen. 

Blasel weiß: Nur radikale Lösungen haben eine Chance, gehört zu werden. Nur radikale Lösungen können im Angesicht der Klimakrise eine neue Dynamik in die erlahmte Diskussion um Verbote und Einschränkungen bringen. Alle Menschen sollten ohne Sorgen in die Zukunft blicken können – Hunde und Katzen nannte er ausdrücklich nicht.

Montag, 13. Oktober 2025

Grüne Jugend: Scharflinks zur Klassenfrage

Grüne Jugend: Scharflinks zur Klassenfrage
Henriette Held und Luis Bobga: Das Powerduo wird die Grüne Jugend im Tandem in die Zukunft führen.  


 "Höre, Rübezahl, laß dir sagen, Volk und Heimat sind nimmermehr frei. Schwing die Keule wie in alten Tagen, Schlage Hader und Zwietracht entzwei." 

"Hohe Tannen weisen die Sterne", Lied der Grünen Jugend, 1923 anonym in der Zeitschrift "Jugendland" der deutschen Ringpfadfinder veröffentlicht.

 

Sie sind die Neuen, zwei Newcomer für den Neustart der Grünen Jugend, einem Jugendverband, dem es in den zurückliegenden Jahren gelungen war, die Nachwuchsorganisationen der anderen Parteien in der Öffentlichkeitswirkung deutlich zu übertreffen. Viele Mitglieder hat der Verband nicht. Viele aktive schon gar nicht. Doch interne Machtkämpfe, demonstrative Austritte einer ganzen Vorstandsmannschaft und die folgende Neubesetzung mit einer menschgewordenen Lautsprecherin und einem linkischen Robin-Hood-Darsteller aus Kiel machten aus der Grünen Jugend ein gesamtgesellschaftlichen Unterhaltungsangebot, das immer gern genommen wurde.

Machtmissbrauch und Mobbing 

Bis zum letzten Tag  lieferte vor allem die scheidende Jette Nietzard frischen Stoff für Verschwörungstheoretiker. Machtmissbrauch, Mobbing und politischer Kampf im Gossenjargon waren das Markenzeichen der 26-Jährigen, die Journalisten im Bundestag empfing, als habe sie nicht nur bei der Bundestagswahl kandidiert, sondern ein Mandat errungen. In die Blöcke diktierte die TikTok-Prinzessin der Grünen den Reportern am liebsten Klassenkampfparolen. Als gefühlte "freie Radikale" galten für sie keine Regeln. Nietzard lebte ihren Traum und sie wusste: Je schräger die Ideen und je kruder die Thesen, desto größer die öffentliche Beachtung und je lauter der Applaus aus der eigenen Fankurve.

Ihr Sprecherkollege Blasel versuchte vergebens, mit eigenen schrillen Forderungen mitzuhalten. Der junge Mann aus Kiel, ohne Beruf, ohne Abschluss und auch mit 24 noch ohne Erwerbsbiografie, schlug vor, deutsche Kommunen zu enteignen, Haustiere zu verbieten und das Waffenhandwerk zu einer linken Herzenssache zu machen. Ihm blieb trotzdem nur der Platz im schwarzen Schlagschatten Nietzards. Ohne den er aber auch nicht leben wollte: Nachdem die ein Jahr ältere Sprecherin sich dem Druck der grünen Parteiführung gebeugt und eine erneute Kandidatur als Nachwuchschefin ausgeschlossen hatte, erklärte auch der Student aus Kiel seinen Verzicht auf die Fortsetzung einer Sprecherlaufbahn.

Ostdeutsch und scharflinks 

Wenigstens aber mangelt es der Pionierorganisation der Grünen nicht an Anwärtern für die zum dritten Mal in zwei Jahren vakanten Führungspositionen. Mit Henriette Held fand sich eine verbürgerlichte Version Nietzards, ostdeutsch, aber links. Und mit Luis Bobga ein Blasel-Ersatz, der dem Vorurteil, der grünen Jugend mangele es schlimmer noch als anderen an Vielfalt und Diversität, schon optisch wirksam entgegentritt. Die beiden Nachrücker entstammen derselben Generation wie ihre Vorgänger. Sind aber genauso fest verhaftet in einem aktivistischen Milieu, das weiter nicht weg sein könnte vom normalen Leben der Menschen, für die sie sich einsetzen wollen.

Auch die beiden Neuen haben den Schuss selbstverständlich nicht gehört. Unzufrieden damit, dass die aktuelle Parteiführung die Grünen in die Mitte zu rücken versucht, um die Hälfte ihrer früheren Wähler wiederzugewinnen, die sie im Zuge ihrer konsequenten Klimapolitik verloren haben, wollen Held und Bobga die verlorenen Prozente lieber bei der Linkspartei holen. Held bekam 93,6 Prozent der abgegebenen Stimmen, Bobga, von vielen Delegierten abgelehnt, weil er als Nietzard-Mann gilt, 76,2 Prozent.

Schulter an Schulter gegen Unterdrückung 

Beide stehen Schulter an Schulter für die Rückkehr zum Klassismus, eine Fokussierung auf die Einteilung von Menschen in Gruppen, die unterschiedliche Formen von Diskriminierung und Benachteiligung aufgrund ihrer sozialen Herkunft oder ökonomischen Position erleben. Doch egal, was es ist, stets ähnelt es Rassismus und Sexismus und immer brauchen die Leute jemanden, der ausgerechnet ihre soziale Klassen entschlossen gegen Vorurteile, Stereotypen und Ausgrenzung verteidigt. 

Held und Bogba sind zwei Experten dafür. Die beiden Neuen an der Spitze der grünen Jugend erkennen  Menschen aus sogenannten niedrigeren Schichten, zu denen etwa Arbeiterfamilien und Armutsbetroffene gezählt werden, schon auf den ersten Blick. Umgehend werden sie sich dann für die Benachteiligen in die Bresche. Und sie sorgen für ihre Teilhabe an Bildung, Beruf und Kultur, während sie zugleich alles tun, um Privilegierten ihre Vorteile zu nehmen.

Marx statt Marktwirtschaft 

Klassenkampf statt Realpolitik, Marx statt Marktwirtschaft und Klimarettung statt Wohlstandsbewahrung - die beiden Anführer der 16.000 eingetragenen Mitglieder des grünen Nachwuchses haben ihre Politisierung in den Reihen der kurzzeitig medienwirksamen Klimabewegung "Fridays for Future" erlebt. Diese Lehrjahre im Gefühl, Schulkinder seien berufen, die Welt zu verändern, prägen. Aus der Enttäuschung, sich von den Medien etwas vormachen lassen zu haben, als die jeden Tag schrieben, Klima sei die Schicksalsfrage der Menschheit, ist der Glaube erwachsen, die Dinge noch viel grundsätzlicher verändern zu müssen.

Fliegen, Heizen, Essen, Tempolimit - was gestern noch bedeutsam schien, ist für Held, in Berlin geboren und zum Studium in den Osten gezogen, nicht mehr ausreichend radikal.  "Kriege, Inflation, Faschismus und soziale Spaltung - wir dürfen nicht vergessen, dass all diese Krisen miteinander verknüpft sind", hat die 24-Jährige in ihrer Bewerbungsrede ausgerufen, ohne das Klima überhaupt zu erwähnen. Alle diese Probleme seien Ausdruck eines Systems, das Menschen und Ressourcen ausbeute. "Die Klimakrise ist kein Naturereignis, sondern eine Klassenfrage und eine Frage sozialer Gerechtigkeit.

Malen nach Zahlen 

Vulgärmarxismus, nach Zahlen als Ausmalfarbe gepinselt in ein mechanistischen Gesellschaftsbild, in dem Menschen wie Schachfiguren funktionieren.  Held studiert Rechtswissenschaft mit dem Schwerpunkt auf Umwelt- und Klimarecht und wie die Dinge laufen, könnte sie ihren Abschluss in der Tasche haben, wenn der Gesetzgeber das Prinzip des "Bau-Turbo" auch in allen anderen Bereiche anwendet. Weil es zu viele Vorschriften gibt, die sich nicht ändern lassen, werden Vorschriften beschlossen, nach denen die Vorschriften nicht gelten.

Henriette Held stand beim Bundeskongress der Grünen Jugend hinter dem Rednerpult und sie schon bei ihrem ersten Auftritt auf der großen Bühne gebärdete wie eine Alte. Die berühmte Fingerfigur des sogenannten "Fliegers" wurde gezeigt, auch die der "Brandmauer", es folgt wie immer der "Goldene Reiter". anschließend der Doppelaufrüttler und schließlich die unerlässliche "Arbeiterfaust" samt der "Grünen Glucke". Inhaltlich legte Held sich fest: "Wir brauchen eine Grüne Jugend, die kämpft, die sich organisiert und niemanden zurücklässt", rief sie den Delegiert*innen zu, "eine Jugend, die für unsere Zukunft streitet: für eine Zukunft, vor der wir keine Angst haben müssen, sondern auf die wir uns freuen können."

In ihrer eigenen Welt 

Wer jenes Wir ist, wer sie weiß, was es braucht, und wieso sie sicher ist, es beschaffen zu können, verriet Henriette Held nicht. Dafür aber gestattete sie einen tiefen Einblick in ihre eigene kleine Welt und den schweren Weg, den sie gegangen ist, "weil ich einen Ort gesucht habe, an dem sich zwischen all dem Weltschmerz wieder Hoffnung finden lässt". Die Grüne Jugend war dieser Ort. Und "ich will, dass noch viele weitere Menschen hier einen solchen Ort finden."

Das Angebot steht und so schlecht die Zahlen der Grünen im Moment auch sind, Held und Bobga werden deshalb nicht einknicken und beginnen, nun auch noch Politik für die hart arbeitende Mitte anzukündigen. Ihnen geht es um die eigene Blase, die Bubble, die in den Bionadevierteln der universitären Großstädte lebt und es gern sehen würde, dass  die Restgesellschaft ihre Bedürfnisse für wichtiger hält als alles andere. Im Mittelpunkt des "Wir", von dem Henriette Held predigt, steht das Ich einer selbstverliebten Generation, die ein Übermaß an Selbstsicherheit aus der Überzeugung zieht, dass das ganze Leben eine Fortschreibung ihrer behüteten Kindheit als Helikopterkind sein wird.

Eine Welt ohne Probleme 

Held kommt aus dieser Welt, die eine ernsthaften Probleme kennt. In ihrer Bewerbungsrede hat sie weder über Wirtschaft noch über Industrie, nicht über Steuern, Abgaben oder innere und äußere Sicherheit gesprochen. Eines ihrer Themen war der "Kulturpass", eine Ampel-Erfindung, die Corona-geschädigten Jugendlichen dazu bringen sollte, Konzerte, Theatervorstellungen und Museen zu besuchen. Genutzt hat die Zielgruppe die gute Gabe der früheren Kulturministerin Claudia Roth nie. Immer blieben Millionen übrig. 

Ideen, den Rohrkrepierer auf Steuerzahlerkosten abzuschaffen, erteilte Henriette Held eine Abfuhr: "Kultur ist kein Luxus und kein bloßes Nice to have – sie ist ein Fundament unserer Gesellschaft." Alte weiße Männer sollten "uns" (Held) nicht vorschreiben, "was Kultur ist und was nicht." Wenn Jugendliche das Angebot nutzen, um Comics zu kaufen und ins Kino zu gehen, dann sei das ihr gutes Recht. Denn "gehört zu werden, ist ebenfalls Teilhabe. Unsere Generation muss immer Teil der Debatte sein, und wir können nicht über einen Wehrdienst sprechen, ohne diejenigen einzubeziehen, die ihn am Ende leisten sollen."

Hoffnung organisieren 

Sollten die, "die den Wehrdienst am Ende leisten sollen", sich am Ende gegen seine Einführung entscheiden, dann wäre das eben so. Zusammengenommen ergibt das alles irgendeinen Sinn. "Im vergangenen Jahr hat die Grüne Jugend dafür gekämpft, ein lauter, linker Verband und politisches Zuhause zu bleiben", hat Henriette Held von der Leipziger Bühne gerufen. Jetzt seien "die Grünen in der Opposition – das eröffnet neue Spielräume." Mit der ganzen Erfahrung ihrer Jahre in der Politik wies sie dann darauf hin, dass "wir niemals vergessen dürfen, für wen wir Politik machen sollten." Sie  kandidiere deshalb, "weil ich Hoffnung organisieren will". 

Dienstag, 23. Dezember 2025

Das Jahr ohne Sommer: Mai der Sehnsucht

Friedrich Merz Kanzler Schwarz-Rote Koalition Rechtsruck Deutschland Klimageld Abschaffung Migration Grenzkontrollen Jugend Rechtsruck TikTok Lars Klingbeil Reformen

In diesem Mai blüht Deutschland auf. Bis zum Sommer, verspricht der neue Kanzler, werde ein Stimmungsumschwung das Land wie neu machen.

You've got troubles on your own, no need to face them all alone
We can all swing together, my oh my
 
James Lea und Neville Holder, 1983

Es war ein Jahr zum Vergessen und vielen gelang das außerordentlich gut. Der neue Kanzler wusste schon nach Wochen nicht mehr, was er versprochen hatte. Seine Hilfstruppen von der SPD hatten verdrängt, dass sie wiedermal eine Wahl verloren hatten. In der Welt draußen wendete sich einiges zum Besseren. Deutschland aber blieb mit klarem Kompass auf Kurs. 

Der Rückblick auf 2025 zeigt zwölf Monate, die es in sich hatten. Nie mehr wird es so sein wie vorher.

Der Wonnemonat. Das erste Aufblühen. Die Befreiung nach zwei dumpfen Jahrzehnten Bräsigkeit und Kleinmut. Kaum ist der sechste Monat nach dem Zerbrechen der Ampelkoalition angebrochen, stellt sich Deutschland völlig neu auf. Mit Friedrich Merz und Lars Klingbeil schwören zwei Macher den Amtseid, die sich als Retter sehen. Wie hat alles nur so weit kommen können? Wer ist verantwortlich dafür, dass ein ehemals blühendes Land verluderte und vergammelte?

Frische Männer braucht das Land 

Auch die beiden frischen Männer in Kanzleramt und Finanzministerium wissen es nicht zu sagen. Es ist auch vergossene Milch. Merz und Klingbeil, Wadephul, Pistorius und Bas, sie alle sind angetreten, es endlich besser zu machen. Alles bleibt, wie es war. Niemandem wird es schlechter gehen, vielen aber wieder besser. Bei den traditionellen Maikundgebungen in Berlin, zu denen der DGB wie gewohnt die Reste der revolutionären Arbeiterbewegung karrt, offenbart SPD-Chef Lars Klingbeil seine Vision für die hart arbeitende Mitte. 

Keine Beitragserhöhungen, keine Kürzungen, einfach ein Land, das funktioniert. Der "Hüne mit Rocksänger-Vergangenheit", wie ihn eine Illustrierte nennt, distanziert sich vom Kurs seiner Partei und auch er verspricht Reformen, diesmal welche, die selbst die Mathematik überlisten werden.

Begehrlichkeiten durch frische Billionen


Immer mehr rein in die Steuerkasse, aber immer noch mehr raus. Wie jeder Familienvater, der die Begehrlichkeiten seiner Schutzbefohlenen im Zaum zu halten hat, muss auch die neue Koalition bremsen. Die gewaltigen Sondervermögen, Geld ohne Aggregatzustand, geborgt von Generationen, die noch nicht einmal auf der Welt sind, wecken Begehrlichkeiten. Und sie bremsen jeden Reformeifer. 

Mit dem Handelsstreit, den US-Präsident Donald Trump losgetreten hat, findet sich ein neues Argument, warum vieles gerade jetzt nicht geht. Die Lage ist gespannt, einmal mehr steckt Deutschland in der schwierigsten Situation seit dem Mauerbau. Deren Abriss war nur vorübergehend. An die Stelle des Ulbricht-Bauwerks ist eine sinnbildliche Mentalmauer getreten. Hinter der steckt ein Viertel der Bevölkerung fest, Ewiggestrige, die eben noch gegen die Impfpflicht waren und nun die russische Gefahr verharmlosen. 

Verrat der Jugend 

Ausgerechnet die Jugend und ausgerechnet die weibliche enttäuschen ihre Eltern, lehrer und die Macher von KiKa und Maus. In Sachsen explodiert der "Ostmulle"-Trend auf TikTok. Im Fahrwasser der linken Influencerin Heidi Reichinnek lypsincen junge ostdeutsche Frauen zu Hardtekk und Rechtsrock, umrahmt von Pegida-Flaggen und Lorbeer-Tattoos. Es fallen alle Schamgrenzen. Große Medienhäuser  wie "Die Zeit" feiern den Aufstand der in der Genderdebatte Vergessenen als den von "tribalen Underdogs", die einzig von der Sehnsucht beseelt seien, gesehen zu werden.

So macht das die moderne Rechte. So unterläuft die gefürchtete AfD-Propaganda die Demokratiefilter der großen Rundfunkanstalten. Es mangelt aber auch auf der anderen Seite des Spektrums an Respekt vor den Institutionen des demokratischen Rechtsstaates. Jette Nietzard, eine erst seit kurzem amtierende  Vorsitzende des grünen Nachwuchsverbandes, löst mit einem Pullover, der zum Hass auf die Polizei auffordert, eine Medienhysterie aus, die der um die Syltsänger ein Jahr zuvor kaum nachsteht.

Eine Feier der ostdeutschen Ignoranz der westdeutsch dominierten Meinungslandschaft. "Zeit"-Reporter reisen ins tiefste Hinterland der ostdeutschen Ödnis und notieren Beobachtungen über Nasenringe und Bionade. Winfried Kretschmann, der große, stille alte Mann der Grünen, warnt mit Blick auf die Affäre Schmidt: "Der Rechtsruck bedroht uns."

Staatsbegräbnis für das Klimageld 

Merz macht es den erklärten Feinden der in der Verfassung festgeschriebenen vertrauenwürdigen Parteien der Mitte aber auch leicht. Das Klimageld, die über Jahre immer wieder vorgezeigte Wurst für alle, die fleißig CO₂ sparen, muss zugunsten anderer wichtiger staatlicher Investitionen gestrichen werden. 18,5 Milliarden Euro aus dem Verkauf von sogenannten Emissionsrechten an die Bürgerinnen und Bürger, sollen nun Brücken sanieren und Wohnungen bauen. Lisa Badum, auch sie eine junge, engagierte Grüne wie Nietzard, lobt: "Der Staat investiert besser als der Bürger – aber für Krieg?" dahitler steht natürlich die Befürchtung, dass Putin kommt, wenn alles fertig ist. 

Trump tweetet: "EU pays for green dreams!". Wieder lügt der Präsident. Denn es sind die EU-Bürger, die bezahlen. Merz ist zu Besuch bei den hochgerüsteten Nordeuropäern, die so kleine Armeen haben, dass die Hamburger Bereitschaftspolizei Putin mehr Angst einjagt. Anlassangepasst spricht der neue Kanzler in Vilnius über seinen "Traum vom Frieden", der wahrt werden könne, weil er "uneingeschränkte Taurus-Lieferungen an die Ukraine, ohne Reichweitenbeschränkung" erlauben werde, um Russland zu brechen. 

Der Außenkanzler läuft sich warm 

Mit dem Koalitionsvertrag und dem Amtseid sind die Dinge daheim fürs Erste geordnet. Friedrich Merz macht sich auf, seine eigentliche Rolle zu füllen. Der Mann aus dem Münsterland ist ein Außenstürmer, er jettet um die Welt, sucht den Schulterschluss mit Macron, Tusk und Starmer; Meloni und Frederiksen. Migrationskontrolle ruft er aus und sein Innenminister Alexander Dobrindt macht Ernst. Die vorübergehenden Grenzkontrollen, die seit 2015 durchgeführt werden, verwandelt er in permante. Die Hauptfahrbahn der Autobahn nach Polen wird gesperrt. Autofahrer müssen abfahren, vorbei an drei Bundespolizisten mit schweren Waffen der leichten Bauart. Blick ins Fahrzeug. Kalte Schweißausbrüche im Fahrerraum. "Danke, Sie können weiterfahren." 

Ein freies Land, das abschiebt, wie es Olaf Scholz angedroht hatte. Dem Ex-Kanzler, der seine Partei nahezu halbiert hat, spendiert ein Parteigericht in Hamburg einen Freispruch. Ein Steuerschlupfloch zu verteidigen, das die linksliberale "Zeit" als "Alternative Altersvorsorge" und "breite Spielwiese für Anleger" angepriesen hat, kann doch keine Sünde sein! Und eine Volkspartei herunterzuwirtschaften erst recht nicht. Oder ist die SPD nicht wieder in der Regierung? Und dort fast mächtiger als in der letzten? 

Weniger gut kommt Altkanzler Helmut Schmidt weg. Dessen Positionen ordnet ein Geheimgutachten von Forschenden aus Frankfurt an der Oder ganz am Rand an: Gemessen an den Kriterien des Verfassungsschutz-Gutachtens, das die AfD als "gesichert rechtsextremistisch" einstuft, habe es sich beim fünften Bundeskanzler der Republik um einen nachweislich "weit rechts im rechtsextremistischen Spektrum" stehenden Politiker, heißt es in dem Schriftsatz.

Der stellt Schmidts Aussage  "Es war sicher ein Fehler, so viele Ausländer ins Land zu lassen" auf eine Stufe mit Parolen, die beim "Flügel" der AfD oder der Identitären Bewegung gängig sind. Wie die AfD aber kann auch Schmidt nicht mehr verboten werden: Bei den Rechtsextremisten liegt es am Fehlen des Bemühens, "planvoll das Funktionieren der freiheitlichen demokratischen Grundordnung zu beseitigen" und das auf "aktiv-kämpferische, aggressive Weise" zu tun. Bei Schmidt an seinem Tod zehn Jahre zuvor.

Grober Keil im Pullover 

Es bewegt sich etwas, überall, wo es um nichts geht. Jette Nietzard legt unter den groben Keil ihres Pullovers einen groben Klotz. Die "freie Radikale" fordert, die reichen aufzuessen. "Krawallgurke" nennt sie die Süddeutsche und der "Spiegel" analysiert ihr "Geschäftsmodell Provokation"als "Gefährdung der Wahlkampfstrategie der Partei im Südwesten". Hoffnung bringt Christine Lagarde aus Straßburg: Es ist beschlossene Sache, dass der Euro die neuen Weltleitwährung wird.   Es seit Zeit für ein "global euro moment", wie es die gelernte Juristin nennt. 

Ein "tieferer, liquiderer Kapitalmarkt", die "größere militärische Stärke" und die Sicherheit einer Region, die ihre Sicherheit "mit harter Macht bewahren" kann, würden Anleger aus aller Herren Länder in die Gemeinschaftswährung locken. Jetzt schon, erklärt die vorbestrafte Französin, sei die "Rolle des Dollar" so rückläufig, dass der Greenback mittlerweile "nur noch 58 Prozent der internationalen Reserven" ausmache. Der niedrigste Stand seit Jahrzehnten, aber der Anteil des Euro liege schon bei 20 Prozent - nach mehr als 25 Prozent vor 15 Jahren.

Auf dem Verschiebebahnhof der Verantwortung 

Die Koalition als Kabarett, in dem sich die Verantwortung wie auf einem computergesteuerten Verschiebebahnhof hin- und herbewegt. Es gibt auch im Inland keine Reichweitenbegrenzung mehr für  politische Symbolhandlungen. Als Deutschland den "Tag des Herrenmenschen" feiert, sind die langen Linien zu sehen, die das Land über Jahrzehnte zu einem Musterbeispiel für ein gut organisiertes Gemeinwesen gemacht hatten. Die Leitkultur wurzelt in christlicher Mythologie, der Erzählung von Jesu' Himmelfahrt und dem Fleiß der Einwanderer, die das Wirtschaftswunder möglich machten. Ohne Zweistaatenlösung im Nahen Osten aber, auch hier setzt die neue Koalition die kluge Politik der alten fort, sind diese Errungenschaften gefährdet. 

Kaum gewonnen, schon zerronnen. Der kluge Politiker*in sorgt für den Fall aller Fälle immer vor. Er notiert seine Versprechungen auch in kein privates Tagebuch und lässt, um den Steuerzahlenden Mehrbelastungen zu ersparen, seinen Handyspeicher regelmäßig automatisiert löschen. Ursula von der Leyen lebt in Brüssel vor, wie rückstandsfrei regiert wird. Am Ende einer langen Jagd auf die verlorengegangenen Inhalte ist die größte Staatengemeinschaft der Weltgeschichte dem Kern der Dinge etwas nähergekommen: Es sei erwiesen, dass es Nachrichten gegeben habe. Es stehe fest, dass sie niemals hätten gelöscht werden dürfen. Der Rechtsstaat siegt nach drei langen Jahren aufwendiger Ermittlungen gegen seine mächtige Verächterin.

Ursula von der Leyens Strafe, festgeschrieben unter Aktenzeichen T-36/23: Keine.

Kurz vor knapp wird alles abgesagt: 





Dienstag, 15. Juli 2025

Enteignung der Kommunen: Angriff aufs Eingemachte

Jakob Blasel will Kommunen enteignen
Jakob Blasel ist noch neu im politischen Schaustellergeschäft. Er weiß oft nicht, wem gehört, was er enteignen will.

So viele fehlen so sehr. Mit der Ampel endete eine Ära, die dereinst vielleicht als die wirkliche Phase der Spaßpolitik in den Geschichtsbüchern auftauchen wird. Nie zuvor hatte sich im politischen Berlin eine solche Ballung von bizarren Gestalten mit schrägen Ideen zusammengefunden wie in jenen drei Jahren der rot-grün-gelben Bundesregierung. Die schaffte es mit ihrer neoliberalen Politik in die Geldbeutel der hart arbeitenden Mitte zu schneiden wie keine vor ihr. Und damit noch Applaus zu ernten, weil das Klima und der Krieg nichts anderen erlaubten.

Ein Heer an Kleindarstellern 

Für die lustige Verpackung sorgten ein Heer an Kleindarstellern, bunte "Vögel", wie der Berliner sie anerkennend nennt, die Baerbock, Habeck, Lauterbach und Scholz hießen, im Hintergrund aber von  einer Vielzahl an Tiktoktänzern, Parlamentspoeten und Kauderwelschern unterstützt wurden. Politik war ein Spiel, Berlin eine Bühne, auf der Emilia Fester, Sarah-Lee HeinrichSawsan Chebli und Franziska Brandmann Kunststückchen vorführten. Die hatten, das war zu sehen, Lust darauf, sich sehen zu lassen. Die wollten, daran bestand kein Zweifel, für immer bleiben und eines Tages etwas werden.

Für die meisten zerschlug sich der Traum mit dem Wahltag. Aus ehemals jüngsten Abgeordneten wurde jüngste Parlamentsrentner. Aus großen Träumen eine allumfassende Stille nach dem Schluss. Von Habeck  bis Baerbock, von "Milla" Fester bis Sarah-Lee Heinrich verstummten die sozialen Netzwerkanschlüsse. Die Kraft, sie reichte bei manchem nicht einmal mehr, einen Abschiedsgruß an die Wählerinnen und Wähler zu formulieren  oder den auf der eigenen Homepage verbreiteten Link zu einem Parodieaccount zu korrigieren.

Hoffnung auf gute Unterhaltung 

Hoffnung auf gute Unterhaltung blieb wenig. Die Ministernden der neuen Bundesregierung gefallen sich in gesichtsloser Knorrigkeit, als wäre es genug, das Land nur zu regieren. Behäbig wie Peter Altmaier verzichten sie auf Visionen, wie das Land in zehn, 50 und hundert Jahren aussehen soll. Und langweilig wie Rudolf Seiters, scheinen sie so viel zu arbeiten zu haben, dass kaum Zeit bleibt, über jedes Stöckchen zu springen. Das Kabinett des Friedrich Merz ist besetzt mit Langweilern. Fast wirken die neuen Minister wie Erwachsene, gemessen an den Massstäben, die ihre regenbogenbunten Vorgänger aus der Scholz'schen Ampel-Koalition aufgestellt haben.

Die neuen Spitzen der neuen Opposition hingegen sind bemüht, fehlendes Charisma durch alltäglichen Alarmismus zu überschminken. This years model of Lauterbach, Baerbock und Franziska Giffey steht morgens mit dem Plan auf, einen Grund für die Klage darüber zu finden, dass die Mitte untergeht, oder Europa oder die ganze Klimawelt. 

Die große Soap "Berliner Bühne" 

Nichts davon passiert jemals, aber die allzeit Aufgeregten wären sowieso schon weitergeeilt, geschähe es doch. Jeder aufmerksame Zuschauer der großen Soap "Berliner Bühne" könnte mit dem Aufbrechen jedes Konflikts das Drehbuch für die folgenden drei, vier oder höchstens fünf Tage schreiben. Wer sagt was. Wer kritisiert wen? Wie endet es als Hornberger Schießen, nur mit dem lautlosen Knall einer feuchten Platzpatrone?

Wenige bewegliche Teile hat dieser endfeste Betrieb aus politischem Stahlbeton noch. Philipp Türmer ist so einer, bis ins Mark von sich selbst begeistert und bereit, den Studienabschluss für die historische Mission  auch noch ein Jahr zu verschieben. Die Grüne Jette Nietzard agierte ähnlich beseelt, aber allzu entgrenzt für eine Partei, die von links so sehr bedrängt wird, dass sie kurz vor der Flucht in die Mitte steht. Heidi Reichinnek von der Linken ist natürlich da, der schneidige neue SPD-General Tim Klüssendorf und Philipp Amthor, der in der Union schon seit mehreren Jahrzehnten den Vorzeigejugendlichen gibt.

Ein akuter Mangel 

Dahinter wird es dünn und trübe. Es herrscht ein dramatischer Mangel an humoristisch begabten Darstellern. Der neue Grüne-Jugend-Chef Jakob Blasel kommt in dieser Situation wie ein Retter in allerhöchster Not. Dass der 24-Jährige "Großkonzerne für den Klimaschutz enteignen" würde, kommt nicht überraschend. Der Ruf nach Enteignung gehört wie der nach höheren Steuern, strengeren Regeln und einem weiteren Ausbau der Zuständigkeiten des Staates zur Grundmelodie, die jeder Funktionär mit seinen Überzeugungen aus tiefster innerer Überzeugung singt. 

Bekannt durchs Haustierverbot 

Bekannt allerdings wurde der Student aus Kiel durch den Bruch eines Tabus, das in den politischen Parteien weit über den demokratischen Block hinaus als heilig gilt. So gut erforscht die klimazerstörende Wirkung der Haustierhaltung ist, so furchtsam gehen nicht nur CDU/CSU, SPD, FDP, Grüne und die beiden ganz linken Parteien, sondern auch die in Teilen gesichert rechtsextreme AfD mit dem Fakt um, dass aus reiner Bequemlichkeit gehaltene Haustiere ohne Ernährungs- oder sonstigen Nutzen Deutschlands Klimabilanz Jahr für Jahr mit fast 18 Millionen Tonnen CO2 belasten. Eine Menge, die exakt der von den Klimaplänen abweichenden Überlast entspricht, die die Ampel trotz industriellem Rückbau nicht in den Griff bekommt.

Jakob Blasel hält davon nichts. In offenem Widerspruch zu Greta Thunberg, die sich immer wieder gern in Begleitung sogenannter Klimahunde fotografieren lässt, kündigte der 25-Jährige schon vor Jahren einen harten Kurs gegen Haustiere an. "Das ist ein ziemlicher Umwelt- und CO2-Luxus, den wir uns da leisten", analysiert er mit Blick auf falsche Vorbilder, die vor allem die klimaschädliche Hundehaltung verherrlichen. Blasel will dieses Feld beackern: "Wir brauchen sie eigentlich nicht. Deshalb sollte es verboten werden, Tiere unnötig zu züchten". 

Bürgersohn aus Norddeutschland 

Doch Blasel, ein Bürgersohn aus Norddeutschland, der an der Seite der schrillen Jette Nietzard den halbbürgerlichen Klimabeamten gibt, fiel tatsächlich noch etwas Neues ein. Richteten sich Enteignungsforderungen von Grün und Rot bisher immer zuallererst gegen die bundeseigene Deutsche Bahn. Von einer Verstaatlichung der Staatsbahn versprechen sich die Verfechter der Idee pünktliche Züge, eine Enteignung kommunaler Wohnungsunternehmen soll die Mieten senken und am Ende aller volkseigenen Träume steht immer der Sozialismus, diesmal aber wirklich.

Enteignung der Krisenkonzerne 

Blasel, ein Kind der kurzlebigen Klimabewegung, in der er als karrierebewusster 18-Jähriger zu den Älteren gehörte, schlägt nun aber die Enteignung der Energiekonzerne RWE und Leag und von Deutschlands größtem Stahlhersteller Thyssenkrupp vor. Diese "drei klimaschädlichsten Konzerne" müssten zum "Schutz des Klimas vergesellschaftet" werden. Eine Idee, die die Linkspartei bereits vor einem Jahr vorgeschlagen hatte, um "die Zukunft des Unternehmens sowie die Arbeitsplätze der Beschäftigten zu sichern". 

Enteignet werden müssten dazu neben der gemeinnützigen Krupp-Stiftung der norwegische Staatsfonds und die schwedische Investmentgesellschaft Cevian Capital, darüberhinaus aber auch eine Reihe von Publikumsfonds der Gesellschaften UBS, Amundi und Societe Generale. Diplomatisch heikel, träfe das doch auch Tausende von Kleinanlegern. Richtig schwierig aber wird es bei RWE, einem der anderen beiden Unternehmen, die sich Blasel zufolge "nur an kurzfristigen Profit- und Börsenlogiken orientieren".

Angriff auf Katar 

RWE, ehemals Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG, gehört dem seit Robert Habecks Zeiten eng mit Deutschland verbündeten Erdgas-Scheichtum Katar, das dem früheren Klimawirtschaftsminister auf dem Höhepunkt der Energiekrise geschworen, Deutschland mit Frackinggas aus Texas zu beliefern. Wie die Blutprinzen am Golf auf eine Enteignung ihres knapp zehnprozentigen Anteils am 1898 gegründeten Traditionsunternehmen reagieren würden, ist unklar. Schlimmer aber noch mit Blackrock und Amundi würden zwei Anbieter von Publikumsfonds getroffen - einer im benachbarten EU-Partnerland Frankreich, einer in den Vereinigten Staaten, deren Präsident nur auf einen Anlass wartet, die sozialistischen Europäer abzustrafen.

"Wenn sie aber in der Hand der Verbraucherinnen und Arbeiter sind, steigt der Anreiz zum nachhaltigen Wirtschaften", vermutet Blasel, der offenbar nicht weiß, dass sich fast fünf Prozent der RWE-Anteile im Eigentum der Stadt Dortmund befinden. Die kassiert dank des rigiden Sparkurses des Konzerns, der trotz sinkender Umsätze, sinkender Gewinne und einer schrumpfenden Bilanzsumme zuletzt höhere Dividenden ausschüttete, Jahr für Jahr Millionen, die fest eingeplant sind, um die Defizite des ÖPNV in Dortmund ausgleichen zu können.  

Angst im Rathaus 

Auch andere Städte und Gemeinden wüssten kaum mehr weiter, würde Jakob Blasels Vorschlag umgesetzt. Etwa 130 Kommunen, Zweckverbände und kommunale Unternehmen halten zusammen einen Anteil von fast einem Viertel an RWE. Sie sind auf die Millionen aus dem fossilen Geschäft angewiesen. Kommt das Geld aus Essen nicht, geht bei den Kämmerern die blanke Angst um. Ihr Verband der kommunalen RWE-Aktionäre GmbH (VKA) kommt auf 24 Prozent, gemeinsam mit dem Großanleger Dortmund gehört damit fast ein Dritteln des fossilen Giganten dem Staat, zu dessen Gunsten Blasel "vergesellschaften" möchte.

Verbalradikal und kenntnisfrei, das ist die Mischung, aus der gute politische Unterhaltung besteht. Jakob Blasel, bisher nur einmal aufgefallen, als der sich mit der mächtigen und parteiübergreifenden Haustierlobby im Bundestag anlegte und ein Verbot der Hundehaltung forderte, zeigt sich als würdiger Erbe von früheren Fantasten in politischen Ämtern.

Nicht wissen, was sie reden 

Im Gespräch mit dem ehemaligen Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" fiel es Blasel natürlich leicht, seinen Vorschlag als "außerhalb dessen liegend, was gerade politisch diskutiert werde" zu entschuldigen, ohne gefragt zu werden, wen er da eigentlich zu wessen Gunsten enteignen wolle und welche Panik das in den betroffenen Kommunen auslösen werde. Über die Besitzverhältnisse beim Essener Energiekonzern wissen sie in Hamburg auch nichts, woher denn auch.