Sonntag, 21. Dezember 2025

An und zu Weihnachten: Brutale Übersetzungen

Der Trend zum "an" ist unaufhaltsam.

Das sind so Erklärungsversuche, die fehlgehen, weil der Suchansatz nicht stimmt. Wie beim fürchterlichen "macht Sinn" folgt auch das "an Weihnachten" oder das noch schlimmer missverstandene "an Silvester" einem Vorbild aus dem Englischen. Wie "make sense" als Brutalübersetzung das früher gebräuchliche "hat Sinn" verdrängt hat, schiebt sich das halbverdaute "at christmas" seit Jahren langsam wie ein Schreitbagger über das traditionelle deutsche "zu Weihnachten". Es hat keinen Sinn. Denglischt sich aber ohne eine Silbe Englisch an die Macht.

Aus zu wird an 

Kann man noch hinnehmen, weil Amerikaner mit "at christmas" eben nicht den Weihnachtstag, sondern die Weihnachtszeit meinen. Bei Silvester wird es dann aber kompliziert, der 31. ist halt nur ein Tag und deshalb wäre "on" richtig. Deutschland aber ist das längst alles egal. Aus "zu" wird "an". Der Sprachverstand setzt aus. 

Ob Süd, Nord, Ost, West spielt dabei - subjektiv beobachtet - eher die kleinere Rolle. Mode ist ausschlaggebend: Wer "macht Sinn" sagt, sagt auch "an Weinachten", wer genau hinhört, wird drumherum übrigens jede Menge Begriffe wie "genau", "absolut" und "tatsächlich" bemerken. Ein Gebimmel an Leerformeln unterm Baum, die aus dem Englischen, das mehr oder weniger das Amerikanische ist, in die Jugendsprache sickern. Und von dort aus den Sprachgebrauch der älteren Generationen verseuchen, die es ursprünglich einmal besser gewusst haben.   

Die Tradition liegt noch vorn 

Noch liegt das althergebrachte "zu Weihnachten" knapp vorn. Doch während die europäischen Institutionen, Parteien und Regierungen sich anschicken, in einen Unabhängigkeitskrieg mit den Vereinigten Staaten zu ziehen, geht das Kräftemessen an der Sprachfront verloren. In den Metropolen staunen die Alteingesessenen mit den günstigen Mietverträgen, dass ihnen nach dem Stadtbild auch das Sprachbild verloren geht

In den Alltag außerhalb schwappen die modernistischen Sprechübungen der Fernsehansager. Was mit *innen im ersten Anlauf nicht klappen wollten, weil Sprechpausen und Fantasiesatzzeichen von zu vielen als von oben erzwungene Unterwerfungsgesten empfunden wurden, verläuft beim An-wanzen ans Amerikanische heimlich, still, leise und reibungslos.

Definitionsmacht eines Trendwortes 

Der kleine sprachliche Unterschied hat große Definitionsmacht. Zwischen "an Weihnachten" und "zu Weihnachten" verläuft ein Graben, der früher geografischer Natur war. Der Duden verortet "an Weihnachten" im Süden, "zu Weihnachten" im Norden. Beide Präpositionen zulässig, die nördliche Variante dominierte lange, ihr Übergewicht aber endet langsam. An Weihnachten ist heute nichts mehr  zu. Langsam schwingen sich die Verwendungskurven des "an" auf, die des "zu" fallen ab. 

Wer auf der Höhe der Zeit sein will, feiert an Weihnachten. Wer unterm Baum richtig zulangt, ist am späteren Heiligabend ordentlich "zu", wie die Ostdeutschen den Zustand nennen, der keine tiefsinnigen Gespräche über den Wandel der Sprache in unsicheren Zeiten mehr zulässt. Zwischen der An-Armee und der Zu-Zivilisation klafft längst auch ein Bildungsgraben: Handwerker, Angestelltinnen und Krankenschwestern tendieren zum zu. Höhergebildete, die politische Magazine schauen und den "Spiegel" lesen. Bis zum Jahr 2000 lag "zu Weihnachten" dort mit 3.800 Verwendungsfällen deutlich vor "an Weihnachten". Mittlerweile werden beide Fügungen gleich oft verwendet.

Der Süden gewinnt 

Der Tod der Feierlichkeiten zu Weihnachten ist nahe. Ein Gemeinplätzchen, das auf dem bunten Teller  liegt, zwischen Lebkuchen und der alten Weisheit "Ostern und Pfingsten sind die Geschenke am geringsten." Der Sprachsüden hat sich mit dem Drang der Deutschen zur globalen Verbrüderung verbündet und gemeinsam verhöhnen sie die letzten Sprachsensiblen, die ihr gewohntes "zu" kaum noch gegen das trendige "an" verteidigen können. 

Lange wird der Jubel über den Sieg nicht währen. Aktuelle Präpositionsbewegungen deuten auf eine salomonische Lösung. Weder "zu" noch "an" haben noch eine große Zukunft, selbst wenn  Weihnachten als eines der großen Winterfeste überleben sollte. Im Zuge des allgemeinen Kulturverfalls sagen die einen "an Weihnachten bin ich zu Hause". Die anderen greifen zum doppelten zu. Immer mehr Menschen aber lassen die zum Verständnis der Kernbotschaft letztlich überflüssige Präposition einfach weg: Es heißt dann schlicht: "Weihnachten bin isch Mama" und "Silvester von isch Neuköln".


9 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ergänzend: Der jebüldte Mensch von Welt setzt vor eine Jahreszahl ein "in" bzw. "In".
Nicht ganz so schlimm: Vor ein auslautendes "s" gehört ein Apostroph - und zwar generell, nicht nur beim engeländischen Genetiv.

Anonym hat gesagt…

'An Weihnachten' ist eine übliche regionale Form. Da's Apostroph gab es in meiner Bibliothek belegt schon 1912, ist aber sicher älter.

Die Korrektheit von 'macht Sinn' gegenüber 'hat Sinn' ist auch seit bald 30 Jahren belegt, seit es dieser Sprachdepp vom Spiegel mal zum Thema machte. Es gibt keine Erscheinung der Welt, die aus sich heraus Sinn 'hat'. Den Sinn muss man machen.

Anonym hat gesagt…

Deppenapostroph, oder "Packet", oder "Thür", oder "Brod" war im 19. Jahrhundert durchaus üblich. Eingeräumt. Aber weiter? Jeden Sch...tt als Offenbarung hinnehmen? Wir sind ja so modern und weltoffen ...

Anonym hat gesagt…

@Anmerkung, zu Hülf'!

Anonym hat gesagt…

Ich sag nur. Die Aufregung macht Spaß, aber man sollte den Überblick behalten. Wenn Goethe schrieb 'als wie zuvor' dann war es zwar Goethe, aber trotzdem sprachlicher Unfug.

Anonym hat gesagt…

" Höhergebildete, die politische Magazine schauen und den "Spiegel" lesen", ist immer wieder witzig. Und das Lustigste daran ist, sie glauben es wirklich.

Die Anmerkung hat gesagt…

Wobei und behufs welchen Zweckes?

A Jubelficht macht keinen Sinn, hat keinen und stiftet auch keinen. Der Mond hat keinen Sinn, macht auch keinen. Der Mond ist.

Das Weihnachtsfest sinvoll gestalten ergibt keinen Sinn.

Ich kenne nur Verben (Tuwörter), denen sinnvoll als Adjektiv beigefügt wird, weil nur das Sinn macht. Alles andere eben nicht.

Fromme Lieder unterm Tannenbaum singen kann sinnvoll sein. Kaffee mit Geschmack trinken, halte ich für sehr sinnvoll.

Sinngebung kann nur dem Tun zugesprochen werden, womöglich nur dem menschlichen. Daß der Orang sich einen kleinen Zweig zum Stock umfunktioniert, um die Weintrauben aus dem Kasten mit Leckerlies zu haschen, ist sinnvoll. Das ist die große Frage, ob Orangs darüber sinnieren, was in ihrem Tun sinnvoll ist, oder ob es sich um rein zweckorientiertes Handeln handelt.

https://die-anmerkung.blogspot.com/2025/04/selina-hampf.html

Anonym hat gesagt…

Politische Magazine zu schauen bzw den Sudel zu lesen, und eigentliche Bildung, schließen einander völlig aus.

ppq hat gesagt…

@alswie: metrisch braucht goethe aber eben noch eine silbe. und spaß gemacht hat es ihm bestimmt auch, denn inhaltlich ist es in dieser verwendung ja nicht mal falsch, weil er ja meinte "als wäre alles wie zuvor"