Dienstag, 30. Juni 2026

Merkel in der Ahnengalerie: Ein Bild von einer Frau

Monatelang saß Angela Merkel dem jungen Künstler Kümram für ihr offizielle Kanzlerinnenporträt Model. Es wird jetzt in der Ahninnengalerie im Bundeskanzler*innenamt aufgehängt.

Endlich ist es so weit. Fünf lange Jahre musste Angela Merkel warten, bis sie endlich ihren wohlverdienten Platz in der Ahnengalerie im Bundeskanzleramt findet. Der bisher nur Insidern bekannte junge Künstler Kümram hat die nach dem Dafürhalten von Millionen auch heute noch beste Kanzlerin, die das beste Deutschland, in dem wir gern lebten, jemals hatte, in Kreide, Öl und Wasserfarbe porträtiert.

Ein künstlerisches Bekenntnis 

Unzählige Stunden stand die frühere CDU-Vorsitzende dem talentierten Meisterschüler von Walter Janus dafür Modell. Trotz ihrer nachwirkenden Verfassungsstellung und vieler Termine - die offizielle Webseite listet allein für den Juni fünf auf - nahm die ehemals mächtigste Frau der Welt sich alle Zeit, eine gute Figur zu machen. Kümram, dessen spektakuläre Merkel-Ikonen ihn Mitte der Zehnerjahre  und inmitten des großen Zustroms zum enfant terrible der internationalen Kunstwelt hatten werden lassen, war der Wunschmaler der heute 71-Jährigen.

Sein fast schon sprichwörtliches Vermögen, "klare Linien zu ziehen, die fast schon verspielt die tiefe Sympathie des Künstlers für sein Werk" zeigen, gilt als unübertroffen. Sein Pinselschwung ist leidenschaftlich, aber kontrolliert. Kunstkenner vermögen im Schaffen des als Severin Jagenberg geborenen gelernten Illustratoren aus dem Sauerland Parallelen zur Amtsführung Merkels sehen: Er grundiere langsam, halte oft nachdenklich inne, wechsle Farben und Seiten und erschaffe doch stets Dinge, die nachfolgend von der Kritik gelobt werden.

Eingelöste Vorschusslorbeeren 

Mit seinem Merkel-Porträt löst der Künstler die Vorschusslorbeeren ein. Kümram zeigt die aus Hamburg stammende Ostdeutsche nicht etwa in ihrer typischen Pose, mit Pokemon-Jacke, Rautengeste und betonierter Staatsmänninnenfrisur. Sondern zurückgelehnt in einem Liegestuhl, sichtlich gelassen dem Lauf der Dinge von der Seitenlinie aus folgend. Merkel schmunzelt, wie nur Merkel schmunzeln kann. Leise. Entspannt. 

Auf einem Beistelltischchen der Frau, die Griechenland, den Euro und die EU rettete, ist ihr Buch "Freiheit" prominent zu sehen. Dem fundamentalen Werk räumen Insider gute Chancen ein, wie einst Winston S. Churchills "Der Zweite Weltkrieg" mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet zu werden. 

Fünf Jahre nur brauchte es von den ersten Vorstudien bis zum fertigen Bild. Das ist neuer deutscher Rekord. Der Malerfürst Jörg Immendorff brauchte noch sieben Jahre, um das berühmte goldene Porträt von Merkels Vorgänger Gerhard Schröder zu malen, das sich so radikal von den realistischen Gemälden aller früheren deutschen Regierungschef unterscheidet. Weitere drei vergingen mit Verhandlungen darum, wo Schröder hängen sollte, wie er beleuchtet werden würde und wie der Akt der Einweihung zu vollziehen sei. 

Ein Zeichen aus dem Ruhestand 

Zu lange, befanden Merkel und Kümram, die auch ein Zeichen setzen wollten: Deutschland kann es, wenn die richtigen Leute die Dinge in die Hand nehmen. Kein Bahnhofsbau muss 25 Jahre dauern, keine Autobahn benötigt wirklich vier Jahrzehnte Zeit, bis der erste Wagen sie befahren kann. In Kanzlergemälde - großformatig und in vier Grundfarben, die unübersehbar auf Merkels großes Vorbild Barack Obama anspielen - in nur fünf Jahren erschaffen zu lassen, ist typisch "Mutti", wie Merkel sich früher gern nennen ließ. 

Die große alte Dame der Ära, die Nach-Nachfolger Friedrich Merz eben erst "die besten Jahre unseres Landes" nannte, auf die nun allenfalls noch "sehr gute Jahre" folgen könnten, gefällt sich einmal mehr in der hohen Kunst des diplomatischen Stichelns. Ihr Bild, offiziell unbeschädigt und strahlend wie das des Einheitskanzlers Helmut Kohl bis zu seiner Exkommunizierung durch Partei und Staatsorgane, erscheint hier als Verheißung einer Vergangenheit, nach der sich Sozial- wie Christdemokraten förmlich verzehren.

Grund zur Freude 

Merkel hat allen Grund, sich zu freuen. Seit die aus Hamburg stammende Ostdeutsche ihr Kanzleramt dem selbst am meisten überraschten Sozialdemokraten Olaf Scholz überließ, hat sie jeden Tag bestätigt bekommen, wie richtig es war, zur rechten Zeit zu gehen. Deutschlands Abstieg hatte mit ihr begonnen, nahm aber erst Fahrt auf, als die Frau, die alles vom Ende her dachte, nicht mehr auf der Brücke stand. Weitsichtig hatte Merkel den passenden Augenblick abgepasst, das leckgeschlagene, sichtlich fahruntüchtige Schiff zu verlassen, ehe ihr die Verantwortung für unterlassene Reparaturen und Modernisierungsarbeiten angelastet werden konnte. 

Der wackere Scholz, eine menschgewordene Aktentasche, handelte mit denselben Illusionen wie sie, schaffte es aber nie, Bürgerinnen und Bürgern gleichermaßen erfolgreich  mit Sprüchen wie "Wir schaffen das" oder "Sie kennen mich" hinter die Fichte zu führen. Die "Wirklichkeit, die uns umzingelt", wie Dr. Robert Habeck das eigene Erwachen in der Realität nannte, blieb Scholz fremd. Mit "Wumms" und "Doppelwumms" regierte ums eigene Überleben, nicht wie Merkel um den Nachruhm in den Geschichtsbüchern.

Aller Lasten ledig 

Die sichtlich gut gelaunte, aller Lasten ledige Ex-Kanzlerin, die ihr eigenes Porträt einem Bericht der Hamburger Wochenschrift "Die Zeit" zufolge heute mit einem Häppchenessen im Berliner Bode-Mu-seum vorstellen wird, ist für Nachfolger und Nach-Nachfolger nichts weniger als ein gelinder Affront. Nur anderthalb Kilometer vom Kanzleramt entfernt die Spree entlang im früheren  Kaiser-Friedrich-Museum drohen wie auf Merkels Lesetour mit "Freiheit" Aufläufe von Bewunderern und lange Schlange von Merkelianern, denen aktuell die ganze Richtung keiner der demokratischen Volksparteien so nicht passt. 

Merz kommt noch auf ganz 22 Prozent, gemeinsam mit der CSU. Die SPD nähert sich der schicksalsschweren Schwelle zwischen zwei- und einstelligen Resultaten. Selbst mit Hilfe der Grünen kommt Umfragen zufolge in der Mitte nur noch eine dünne Mehrheit zustande. Geht die Entwicklung weiter den Gang, den sie vor zehn Jahren eingeschlagen hat, wird es diesseits der Brandmauer nach der nächsten Bundestagswahl nur noch gemeinsam mit den Radikalinskis und Antisemiten von der Linkspartei zur Regierungsbildung reichen.

Ungeschickt genug 

Angela Merkel hat die Voraussetzungen geschaffen, dass es so kommen konnte. Und sie fand in Friedrich Merz einen Erben, der ungeschickt genug agiert, alle Schuld auf sich zu nehmen. Der Mann, wie Kümram mit tiefen Wurzeln im Sauerland, war von Merkel vor Jahrzehnten aussortiert worden. Er könne "es" nicht, hatte die ihrer uneingeschränkten Macht über die Partei damals noch längst nicht sichere Physikerin zur Begründung verkündet. Jetzt kommt er ihr gerade recht, einzustehen für Versäumnisse und Fehlentscheidungen, die Merkel einst als "alternativlos" jeder öffentlichen Debatte entzogen hatte.

Die "Trümmerfrau" (PPQ, 1.7.2015, "Spiegel", 4.7. 2015) hat gut Schmunzeln. Die Last ihres Erbes aus vier Amtszeiten, in denen eine Vielzahl an fatalen Fehleinschätzungen zu Entscheidungen führte, türmt drückt heute Nachfolger platt zu Boden, die geglaubt hatten, sie könnten mit ein paar Ruderschlägen wieder in tiefes Wasser paddeln. Kaum an Bord geklettert, mussten sie feststellen, dass der Kahn nicht nur leckt, die Paddel aus Luft bestehen und die Mannschaft aus schlechtgelaunten Matrosen. Sondern das ganze Schiff schon auf Tauchgang ist.

Stimmungswende und Zuversicht 

Friedrich Merz, dessen Kanzlerportät nach heutigen Berechnungen womöglich noch vor dem Jahr aufgehängt werden wird, in dem Hamburg als erste Großstadt weltweit klimaneutral wird, hat es nach dem ersten Erschrecken mit dem üblichen Anblasen versucht. Getreu dem Habeck-Satz, dass "der Anspruch auf Führen aus der Realität erwächst", verzichtete der zehnte Bundeskanzler darauf, das Wirken des achten als Entschuldigung dafür heranzuziehen, dass die frühere Wirtschaftslokomotive zum letzten Hänger im EU-Zug geworden ist. 

"Stimmungswende" und "Zuversicht", letzteres eine Parole, die auch Merkel alle Jahre wieder genutzt hatte, sollten das lahme Pferd vom Schwanz aufzäumen. Mit "Reformen, Gipfeln und Kommissionen" nahm der vom Desaster sichtlich überraschte CDU-Vorsitzende sogar Zuflucht zu Zauberworten, die von Merkel aussortiert und umgewidmet worden waren.  Nach einem Jahr steht in der Bilanz eine Beschleunigung des Niederhangs, wie er im letzten Bundestagswahlkampf nicht einmal von den düstersten Propheten des "strukturellen Staatsversagens" (Der Spiegel) vorhergesagt worden war.

Das Kümram-Gemälde, gehalten in Blau, Rot, sanftem Olivton und einem Ocker, das symbolisch für Erdverbundenheit, Vitalität, Wärme und Beständigkeit stehen soll, erweist den Mühen des neuen Mannes im Kanzleramt nicht einmal in Andeutungen Respekt: Merkel sitzt allein da, eine Hand im Schoß, eine lässig auf der Lehne. "Freiheit" ist ausgelesen.

Mit sich selbst im Reinen 

Da schaut eine sichtlich zufrieden und mit sich selbst im Reinen zurück auf ein erfülltes Leben. Merkel ist es gelungen, das Land grundlegend zu verändern, in das sie erst mit Mitte 30 migriert war. Mehr noch als Adenauers Wirtschaftsreformen, Brandts Ostpolitik, Kohls Griff nach dem Mantel der Geschichte und Schröders Agenda 2010 hat die Frau im Liegestuhl den Lauf der Geschichte nach eigenem Gutdünken neu geschrieben. Ihr verdanken Millionen den Atomausstieg, sie gab anderen Millionen eine neue Heimat, in ihrer nahezu endlos scheinenden Amtszeit gelang es, die meisten wichtigen Entscheidungsbefugnisse über die Ausrichtung der deutschen Politik nach Brüssel zu verlagern. 

Als Merkel ihr Amt antrat, kostete dieses Outsourcing der Demokratie auf eine multinationale, vom einzelnen Bürger kaum mehr überschaubare Ebene mit 200 verschiedenen nationalen Parteien, 26 Amtssprachen zusammen, acht Fraktionen, einer Kommission und einem Rat etwa 17,6 Milliarden Euro. 

Heute ist der Luxus, selbst nur noch durchwinken zu dürfen, was andere beschlossen haben, deren Namen niemand kennt, mit 30 Milliarden Euro pro Jahr doppelt so teuer. Aber letztlich unbezahlbar. 


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