Dienstag, 19. Juli 2011

Fremde Federn: Ratingagenturen braucht man nicht

"Ein Rettungspaket ist dazu da, faktische Kreditunwürdigkeit zu kaschieren und künstlich den Zugang zur Geldleihe offenzuhalten. Wird diese Taktik durchschaut, gelingt sie nicht. Sie zu durchschauen, ist freilich leicht. Die Ratingagenturen braucht man dafür eigentlich gar nicht. Und darum wird ersatzweise auch gern auf die Spekulanten geschimpft, die sich einen Spaß daraus machen, unsere Gemeinschaftswährung zu zerschießen, den Euro, das teure Stück."

Nimm Du ihn, ich hab ihn

Unter der rot-grünen Bundesregierung wurde Deutschland zum viertgrößten Rüstungsexporteur der Welt vermeldet der "Freitag" etwas verspätet, aber aus aktuellem Anlass. Ein großer Erfolg der Regierung Schröder-Fischer, von dem heute leider niemand im grünen Lager mehr etwas wissen will. Waffen gingen damals - wie schon vorher unter Helmut Kohl - auch nach Saudi-Arabien, eine verbündete Ordnungsmacht noch vor einigen Jahren auch nach Ansicht des damaligen Außenministers Walter Steinmeier. Der spielte bei einer Serie von Auswärtsspielen der deutschen Autoren-Nationalmannschaft gegen saudi-arabische Kulturschaffende gern den Schirmherren.

"Die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Saudi-Arabien sind freundschaftlich und spannungsfrei", vermeldete das Auswärtige Amt noch vor einem Jahr voller Freude. Immerhin seien die gegenseitig engen Beziehungen schon "durch den Freundschaftsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und dem Königreich Hedjaz sowie der zugehörigen Gebiete bereits 1929 formalisiert.

Seitdem stehen beide Länder für schöne Geschäfte zum beiderseitigen Vorteil: Saudi-Arabien und der Oman geben gemessen am Bruttoinlandsprodukt weltweit das meiste Geld für Rüstungsgüter aus, im Gegensatz zu Angola, das knapp dahinter liegt, drei Viertel seines Bruttoinlandsprodukts aus Entwicklungshilfe bezieht, eben aber trotzdem für einen dreistelligen Millionenbetrag seine Marine in Deutschland neu ausrüsten lässt, kann Saudi-Arabien seine Rüstungsimporte aus Deutschland selbst bezahlen. Ähnlich sind sich die beiden Kunder der deutschen Rüstungsindustrie nur im rein rechtlichen: Homosexualität gilt hier wie dort als „Verstoß gegen die öffentliche Moral“, ist illegal und wird bestraft.

Nazialarm in der No-Go-Area

Eine unglaubliche Frechheit, die sich das angebliche ZDF-Kulturmagazin "Aspekte" da geleistet hat. Finanziert aus Gebührengeldern, reiste die Redaktion frech und unverfroren nach Berlin-Kreuzberg, um dem ehemaligen Bundesbanker Thilo Sarrazin dort eine neue Plattform für seine "kruden Thesen" (Der Spiegel) zu bieten. Die bürgerschaftlich-engagierte Nachbarschaft verhinderte das durch beherzten Einsatz, der Dreh endete mit "Hau ab!"-Rufen, eine Art Lynchmob fand sich nationenübergreifend zusammen.

Logisch, dass die einzige wahre staatliche Nachrichtenagentur dpa jetzt für das frühere Sarrazin-Vorabdruckmagazin "Spiegel" Stimmen zusammengetragen hat, die das ungeheuerliche Vorgehen des Staatssender ZDF kritisieren. Seit Uwe-Karsten Heye vor fünf Jahren öffentlich vor No-Go-Areas im Osten gewarnt habe, so der Deutsche Kulturrat, sei bekannt, dass Angehörigen von Minderheiten in bestimmten Regionen Deutschlands mit Intoleranz und offenem Hass begegnet werde. "Der provokante Dreh in dem Berliner Stadtteil, in dem viele türkischstämmige Menschen leben, entfacht die Diskussion um Sarrazin rechtspopulistische Thesen zu Einwanderung und Integration aufs Neue", analysieren die Regierungsdichter in der dpa-Redaktion.

Das aber hätte nicht sein müssen, ja, nicht sein dürfen. Es sei "wirklich mehr als peinlich, wenn "Aspekte", ein renommiertes Kulturmagazin, es offensichtlich nötig hat, einen solch vorhersehbaren Eklat zu inszenieren", assistiert der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann. "Wer Thilo Sarrazin unter sichtbarer filmischer Beobachtung durch Berlin-Kreuzberg und Neukölln schickt", der müsse mit "wütenden Reaktionen" rechnen. Das sei ganz normal.

Auch der renommierte "Türkische Bund Berlin-Brandenburg" bezeichnete den Kreuzberg-Besuch Sarrazins als "Provokation". "Wenn so einer samt
Fernsehteam jetzt plötzlich nach Kreuzberg kommt, um angeblich einen kulturellen Dialog zu führen, dann will er wahrscheinlich bald ein neues Buch veröffentlichen", erklärte TBB-Sprecher Hilmi Kaya Turan. Das dürfe man nicht zulassen.

Dem stimmt der Berliner Grünen-Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele vollinhaltlich zu. Ströbele zeigt Verständnis für die Wut der Sarrazin-Gegner und deren Unwillen, mit dem umstrittenen Autor zu diskutieren. "Herr Sarrazin hat auch mir gegenüber schon eine Diskussion seiner diskriminierenden und beleidigenden Thesen verweigert und zeigt sich völlig uneinsichtig", sagte Ströbele. Deshalb müsse man Gleiches mit Gleichem vergelten und Gespräche natürlich verweigern.

Sarrazin könne ja noch von Glück sagen, dass ihn niemand nach Nazibrauch zusammengeschlagen und getreten habe, wie das an der berühmten Straße der Gewalt üblich sei. Dennoch plant der Berliner Senat jetzt, auswärtige Provokateure an den Grenzen der integrierten Hauptstadt-Bezirke mit einer Beschilderung vor dem Betreten bestimmter Kieze zu warnen. Entsprechende Schilder mit dem Aufdruck "Sperrgebiet - Unbefugten ist das Betreten verboten" fänden sich noch in ausreichender Zahl im Archiv der Straßenbauamtes.

Abriss-Exkursionen: Ende der Ewigkeit

Am Ende ging alles ganz schnell. Jahrelang hatten Stadt und Land und Universität darum gestritten, wo ein neues geisteswissenschaftliche Zentrum seinen Standort finden solle. Weit draußen am Stadtrand? Oder am Marktplatz, wo ein gewaltiges klaffendes Loch von der Unfähigkeit der Stadtoberen kündet, auch nur die Ortsmitte besiedelt zu halten?

Die Wahl fiel folglich auf das Gelände der traditionsreichen landwirtschaftlichen Fakultät der Martin-Luther-Universität, gelegen im Hinterhof des halbzentralen Steintor-Platzes. Im April 1863 hatte Julius Kühn hier begonnen, einen Lehrstuhl für Landwirtschaft zu errichten, geisteswissenschaftlich insofern, als er das unter der Oberhoheit der Philosophischen Fakultät tat. Kühn kaufte Land, entwarf und verwirklichte eine universitätseigene Feldversuchsstation und startete den Dauerversuch "Ewiger Roggenbau".

Der Campus der landwirtschaftlichen Sparte der Uni, die kurz nach Hitlers Machtergreifung den Ehrennamen Martin-Luther-Universität verliehen bekommen hatte, ist heute ein verwirrendes Labyrinth von Ställen, Baracken, Laboren und verwinkelten Bürogebäuden. Es riecht nach Dung und Mist, in dunklen Kellern lagert Fachliteratur über Kartoffelzucht, die noch aus DDR-Zeiten stammt, daneben trocknen seit Jahren Maiskolben im Wind, die inzwischen völlig mumifiziert sind.

Vor allem die Luft im Hauptgebäude schmeckt nach menschenverachtenden Experimenten. Stapel vermoderter Fachzeitschriften, ein Dutzend Computerbildschirme und Giftgasschutzduschen - ein Hauch von Area 51 weht durch die seit langem verlassenen Säle, die Sprayern als Atelier dienen. Denkmalgeschützt sind die Gebäude, aber abgerissen werden die meisten nun dennoch, denn das Geld für den geplanten Neubau eines Campuskomplexes für fast alle Geistes- und Sozialwissenschaften der Uni Halle reicht hinten und vor nicht und schon gar nicht für aufwendige Sanierungen.

Dafür warnt der Studentenrat schon, dass "die entstehenden Gebäude in jeder Hinsicht zu klein" sein werden. Es gebe kaum Seminarräume, zu wenig Büros, keine Aufenthaltsorte und die Bibliothek werde "so klein, dass viele Bücher weggeworfen werden müssen".

Ein großer Schritt für das abgelegene Stadtviertel, ein kleiner für ehrwürdige Uni. "Trotz erheblicher Investitionssummen wird der geplante Bau keinem der anvisierten Zwecke gerecht", orakeln Kritiker angesichts des 52 Millionen Euro teuren Bauvorhabens, an dessen Ende eine "prekäre Situation" zu stehen verspricht.

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Montag, 18. Juli 2011

Gemeiner Angriff auf Fetischfreunde

Gigantischer neuer Datenskandal auf dem größten Tatort der Welt! Nach Angriffen auf das Pentagon, den deutschen Zoll und das BKA haben Hacker jetzt die Tier- und Fußballbildersammelbörse der Discountkette Rewe ins Visiser genommen. Wie ein Konzernsprecher gestand, haben Computerdiebe sensible Geheimdaten wie Namen, Passwörter und E-Mail-Adressen von Freunden der hochwertigen Bildchen abgeschaut. Die Zahl der Betroffenen, die jetzt fürchten müssen, dass Fremde um ihre verstörend wirkende Sammelleidenschaft wissen, liege im "mittleren Zehntausender-Bereich".

Rewe hatte nach einer Mitteilung der amtlichen deutschen Alarm-Agentur dpa am Sonntagabend bekanntgegeben, dass die geheimen Sammelbild-Daten einsehbar gewesen seien. Da war die pikante Sicherheitslücke bereits wieder geschlossen worden. Alle Fußballsammelbilderfetischfreunde wurden dennoch aufgefordert, ihre Passworte, Namen und E-Mailadressen zu ändern, um zu verhindern, dass die Hacker an ihre Fußballsammelbildersammlung herankommen.

Hacker gegen Menschheitsfeinde: Webseite von Lady Gaga geknackt, Fan-Namen gestohlen!

Abfuhr für den Aufwiegler

"Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht", legte Bert Brecht dereinst in Auswertung der Vorgänge im III. Reich fest - und im Unterschied zu seiner Wahlheimat DDR handeln die Menschen inzwischen nach seiner Maxime. Das durfte jetzt auch Thilo Sarrazin, vor einem Jahr Erfinder "kruder Thesen" (Der Spiegel) zur Einwanderung, bei einem Besuch im hauptstädtischen In-Viertel Kreuzberg erfahren. Hier, wo immer noch zahlreiche Leser seines Buches "Deutschland schafft sich ab" leben, hatte der ehemalige Finanzsenator das einjährige Jubiläum seiner Karriere als Gründer und Galionsfigur der AG Hetzer in der SPD feiern wollen.

Doch bei den Einheimischen biss Sarrazin da auf Granit. Statt Applaus zu spenden, weil Sarrazin den Grundwertekatalog der deutschen Sozialdemokratie um einige spannende Aspekte erweitert hat, und seine Ansichten inzwischen Verteidiger auch im Bundeskabinett finden, schlugen dem Vordenker einer Integration, an der sich die zu Integrierenden auch selbst ein bisschen beteiligen, Wut, Zorn und Ablehnung entgegen. "Die einen zogen sich zurück und wollten gar nichts sagen", berichtet Sarrazin selbst in der "Morgenpost". Anderen hätten "aufgedreht", sie hätten "die Arbeitsleistung der Türken in Deutschland gepriesen" und sie "klagten mich an, Vorurteile zu wecken".

Am Ende stand ein klarer Sieg deutscher Diskussionskultur, wie sie die Sarrazin-Debatte von Anfang an bestimmte. "Versuche zum sachlichen Diskurs blieben weitgehend wirkungslos", konstatiert der vom Schriftsteller Thomas Lehr längst als "bösartiger Wahrheitsverdreher" enttarnte Autor, dessen Leserschaft sich in ihrer Altersstruktur nach Recherchen der SZ "deutlich von der Gesamtbevölkerung" unterscheidet.

Wie auch das Publikum, das Sarrazin in Kreuzberg empfängt. Szenen von bizarrer Authentizität schildert der Ex-Banker, Szenen, die haarscharf an denen von einem bürgerschaftlich-engagierten Lynchmob vorbeischrammen. Deutschland, 2011, international befreite Zonen, verteidigt von einem Heimatschutz, mit dem Sarrazin wohl nicht gerechnet hat, wie seine Erzählungen aus der Kampfzone belegen:

"Beim Aussteigen sah mich ein junges, gut gekleidetes Paar offenbar türkischer Abstammung. Der Mann trug eine Sonnenbrille. Die Frau war sehr schlank und auf etwas anämische Weise intellektuell wirkend. Es entspann sich folgender Dialog, vom Mann mit höchster Lautstärke gebrüllt:

Mann: Das ist ja der Sarrazin. Dieser Mann hat die Menschen beleidigt. Sarrazin raus aus Kreuzberg.

Frau: Sie sind ein Rassist.

Ich glaube, Sie beleidigen mich gerade.

Mann: Sie haben die Leute beleidigt und jetzt laufen Sie hier. Das ist unglaublich. Sarrazin raus aus Kreuzberg!

Frau: Sie haben hier nichts zu suchen.

Eine vernünftige Diskussion war nicht möglich. Wir gingen schließlich Richtung Restaurant. Das junge Paar verfolgte uns, der Mann dabei brüllend „Da kommt Sarrazin, der Rassist“. Als wir das Restaurant betraten, flippte er fast aus vor Empörung. Die Frau rief laut ins Lokal: „Ich als Kreuzbergerin möchte nicht mehr in diesem Laden essen gehen, da er so verpestet ist nach dem Besuch von Sarrazin mit seinen Thesen. Ich werde Freunde anrufen.“ Ein Kellner antwortete auf Türkisch, er habe vom Chef Anweisung, mich zu bedienen, und könne nichts dafür.

Der Mann brüllte ununterbrochen weiter, zog sein iPhone hervor und sprach in den Brüllpausen ins Telefon. Das Gebrüll, das er durch das offene Fenster in das Lokal hinein fortsetzte, zog allmählich einen Menschenauflauf zusammen."

Der Rest vom Integrationstest

Sonntag, 17. Juli 2011

Durchgriff bis Deutschland

Mit einem Machtwort in der "Rheinischen Post" hat der ehemalige SPD-Kanzlerkandidat Walter Steinmeier sich im Rennen um die nächste Kanzlerkandidatur zurückgemeldet. Als Konsequenz aus der Euro-Krise fordere er jetzt mal "die Schaffung eines europäischen Finanzministers", sagte Steinmeier. Pünktlich drei Jahre nach seiner Forderung, die deutsche Automobilindustrie brauche wegen Opel eine europäische Lösung schloss sich Steinmeier damit den Stimmen an, die den Ausweg aus der Krise in einer verstärkten Verschränkung der Einzelstaaten der EU sehen.

"Wir brauchen nicht nur eine bessere Koordinierung, wir brauchen auch Institutionen, die solche Krisen in den Griff bekommen können", glaubt Steinmeier. Er denke an einen "europäischen Finanzminister, der auch Durchgriffsmöglichkeiten" auf die Staatsausgaben aller EU-Länder haben müsse und in einem Fall wie dem Griechenlands dann direkt deutsche Steuereinnahmen nach Athen umlenken könne.

Dass die Väter des Grundgesetzes die Grundgesetz die Finanzhoheit beim Bundestag ansiedelten, sei ein "durchaus schnell korrigierbarer Fehler", hieß es in Berlin. Zwei, drei Lesungen, wenn die Öffentlichkeit gerade über was anderes diskutiert, schon könne das erledigt sein. und nach einer solchen kurzen, knappen und im Nachhinein auch keineswegs mehr grundgesetzwidrigen Grundgesetzänderung könne auch Deutschland dann direkt von Brüssel aus regiert werden.

Zusätzliche Einnahmen, um noch drastischer als bisher sparen zu können, verspricht sich die im Nebenberuf als Luftballonverkäufer Carl Fredricksen auch in Hollywood erfolgreiche (Bild oben) frühere Schneeeule der deutschen Sozialdemokratie von einer neuen Steuer auf "Finanzmärkte". Keiner wisse, um wen oder was es sich dabei genau handele, so dass jeder bereit sein werde, einer solchen neuen Steuer begeistert zuzustimmen. Letztes Jahr sei er zwar noch der Meinung gewesen, dass "wir glauben, dass eine Finanzmarkt-Transaktionssteuer eine der Möglichkeiten ist, den Risikohunger der internationalen Spekulanten zu hemmen". Dieses Jahr aber habe er eine neue Begründung gefunden: "Die Finanztransaktionssteuer ist nötig, um Einnahmen zu erzielen, aus denen Investitionspakete für Länder in Notlagen gestrickt werden", erläuterte Steinmeier.

Wofür wir gern werben: Lücke oder Implantat?

Schon lange gab es den Verdacht, dass der Internetsuchriese Google seine Ergebnislisten nach einem bestimmten Algorhythmus manipuliert. Nun endlich konnte "Welt"-Qualitätsautorin Ileana Grabitz auch Belege dafür liefern. In ihrem epochalen Text "Verleger blasen zum Angriff" prangert die Expertin die "Schieflage im hiesigen Mediensystem an". Der US-Konzern agiere nach dem Motto "Google first", zitiert Grabitz den Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Zeitungsverleger Dietmar Wolff.

Jeder könne das mit einem einfachen Test nachvollziehen: Auf entsprechende Anfragen leite Google Internetnutzer direkt zu "konzerneigenen Seiten wie Google Earth oder Google Books" (Wolff), statt auf die entsprechenden Angebote der einheimischen Zeitungshäuser "Verleger Earth" und "Verleger Books". Der Konzern agiere damit als ein "Quasi-Monopolist", prangert "Welt"-Fachautorin Ileana Grabitz an, nach deren Analyse es sich bei "Google Earth" nicht um eine Software, sondern um eine Internetseite handelt. Hier lägen die "Defizite der in Folge der Digitalisierung gewaltig veränderten Medienordnung", durch die "Werbung zulasten der Verlage abgezogen" werde, was natürlich "wettbewerbswidrig" sei.

Verziert ist der "Welt"-Beitrag im Verlegernetz selbstverständlich mit einer wettbewerbswidrigen Google-Anzeige für "Lücke oder Implantat? - TÜV geprüfte Qualität - Note gut!"

Mehr aus der buchhalterischen PPQ-Serie "Wofür wir gern werben"
Schlimme Szenen aus Belgien: Google beklaut Verleger nicht mehr

Samstag, 16. Juli 2011

Trinkmilch aus Kimmelquell

Die Zeit, sie rennt, die Stunden rasen, keine Schlagzeile hält länger als ein ausgestreckter Arm und noch jeder Weltuntergang musste sich am Morgen danach darüber belehren lassen, dass neue, akute Gefahren ihn auf die hinteren Seiten der Gazetten befördert haben. Eben noch Atomtod, nun schon Krebsgefahr aus dem Ozonloch, das sich dem rekordkalten Winter verdankt, der Folge der Erderwärmung ist.

Mitte März meldete die ideologisch unverdächtige Rote Fahne exklusiv, dass der Ozontod kommt. Nicht mal einen Monat später wussten es schon alle Blätter, alle Sender: "Forscher warnen vor wachsender Sonnenbrandgefahr in Europa".

Was ist dagegen die wachsende Gefahr, bei zunehmender Informationsverdünnung immer dümmer zu werden? So lange es geht, geht es gut, so lange die Mehrheit der wahlberechtigten Bevölkerung von der Minderheit ausgehalten wird, gilt es für jede politische Partei, im Trüben der gesellschaftlichen Teilhabe am Fleiß der Minderheit zu fischen. Logischerweise wetteifern nun schon fünf sozialdemokratische Parteien um die Gunst der weniger Begüterten, zu denen unterdessen alle zählen, die weniger haben als irgendwer.

Die Grünen sind dabei die "neue FDP", die alte FDP schmückt sich mit einem neuen, im grünen Stil für nachhaltige Mildtätigkeit eintretenden Vorsitzenden. Die neue Linke holt ihren alten sozialdemokratischen Vorsitzenden aus dem Ruhestand, das sozialdemokratische Original verschwindet fast vor der von der Christdemokratie gespielten Kopie aus Haushaltsaufblähung, Wohlfahrtspflege auf dem Wege des Gnadenerlasses und einheitsstaatlicher Europapolitik. Der Euro, das Symbol des Traumes vom Ende der europäischen Geschichte in einem satten Superstaat, wird seit einem Kurs von 1,19 zum Dollar gerettet.

Er steht unterdessen bei 1,41 und muss immer weiter gerettet werden - wohl bis er bei vier Dollar steht. Damit würde wenigstens das Benzin auch für die Ärmsten der Armen wieder bezahlbar. Und die Retter-Posten müssten nicht abgeschafft werden.

Die Umwälzungmaschine, die in Gang gehalten werden muss, gleicht dem Anfang der 70er Jahre von Ephraim Kishon in seinem Grundsatzwerk "Der Fuchs im Hühnerstall" beschriebenen Milchverteilungsmechanismus im Örtchen Kimmelquell: Um das Volk milde zu stimmen für seine Regierung, beschließt der Ortschaftsrat eine kostenlose Trinkmilchversorgung für alle Kinder im Dorf. Zur Finanzierung werden alle Bauern herangezogen, die Kinder haben - jeder muss, so heißt es zuerst, jeden Tag eine Tasse Milch im Gemeindebüro abgeben, auf dass der Gemeindediener es als soziale Leistung der Regierung wieder austrage zu jedem Kind.

Die Realität erfordert jedoch, dass die Pläne noch ein wenig begradigt werden: Wegen unvermeidbarer Verschüttverluste legt der Rat letztlich fest, dass jeder Bauer zwei Tässchen Milch abzugeben hat. So reicht die Milch dann auch genau, jedem Kind ein Tässchen kostenlos zu geben. Und die Welt, die die seltsamerweise französische Band Iris Corporation in ihrem operettenhaften Stück "Highest Love" besingt, das unser eilig dahinflatterndes Timelapse-Video oben unterlegt, ist ein Stückchen besser geworden.

Freitag, 15. Juli 2011

NDR-Werbepause

Werbepause beim Norddeutschen Rundfunk. Nachdem das TV-Aufsichtsblog ppq über ein Werbebanner des NPDlers Sven Krüger auf der Internetseite des dritten ARD-Programms aus dem Norden berichtet hatte, wurde die Krüger-Werbung jetzt abgeschaltet.

Wie aus gut informierten Fernsehanstaltskreisen verlautete, habe man nach mehrstündigen Gesprächen mit der Anzeigenleitung beschlossen, nicht weiter für das Abriß-Unternehmen des geständigen Hehlers zu werben. Grundsätzlich sei egal, woher das Geld für den Sender komme. Hauptsache, es sei genug, so der NDR. Bei den jährlichen Gebühren-Einnahmen von 974.763.069,32 Euro (2008), könne man in diesem einen Ausnahmefall auf die Braunkohle verzichten.

Wer hat es gesagt?

Es ist eine deutsche Eigentümlichkeit, welche in dem chronischen Regiertwerden ihren Grund haben mag, dass wir uns so schwer zu einer Tat entschließen, weil wir, indem wir uns alle Konsequenzen derselben austüfteln, irgendeine entfernte Wirkung für bedenklich halten; so bleiben wir gewöhnlich bei den Übelständen stehen, die uns drücken und quälen, weil sich ja aus einer Abhülfe irgendein ungeahntes oder wahrscheinliches Übel später ergeben könnte. Gewiss, Übelstände werden sich überall wieder ergeben, außer den erwarteten auch unerwartete; das scheint das Los der Dinge an sich, oder unseres Urteils über dieselben zu sein; deshalb aber darf man auch nicht glauben, Übelständen überhaupt entgehen zu können.

Deine Fliese ins Waffenverzeichnis

Nicht heißer Sommer und nicht kühler Landregen, nicht die Ignorarnz von Unesco und Kunstfreunden und nicht der Vernichtungsfeldzug anatolischer Haussanierer können den Kachelmann von Halle davon abhalten, seine große Vision einer komplett neuverkachelten Altstadt zu verfolgen. Auch wenn der nach neuen Erkenntnissen der Kacheologie von ihm verwendete Fliesenkleber Ceresit in den zurückliegenden kalten Sommerwochen schon beim Einstreichen der kunstsinnigen Kleinwerke zu trocknen begann, hat der von Freunden und Verehrern nur ehrfürchtig "Kachel Gott" genannte Genius konsequent weitergearbeitet an seinem großen Werk.

In seiner "Mutter Courage"-Serie kommentiert der Kultkünstler, den PPQ
im großen Kachelverzeichnis ein Denkmal gesetzt hat, seit Jahren die zunehmende Armut in Deutschland, ein Phänomen, das für den normalsichtigen außerhalb des politischen Berlinkkaum wahrzunehmen ist. Hier aber springt dem Kunstfreund das Elend der Kindern ins Auge, die ohne Frühstücksbrot in die Schule müssen, der Kummer der Mütter wird gezeigt, die keine Kinder mehr bekommen wollen, und die Väter werden vorgestellt, bei denen das Geld oft nicht reicht, um Haus und Hof beim staatlichen Lotto zu verspielen. Der Atem der Geschichte, gebrannt in kalten Stein. Eine Fliese fürs Waffenverzeichnis.


Das große PPQ-Kachelwatchblog
Kachelisation
Kanonen auf Kacheln
Kachelland ist abgebrannt
Das einzige Kleben
Vernichtungsschlag gegen Fliesenprojekt
Nichts gilt der Fliesenleger im eigenen Land
Niedergang der Fliesenkultur

Donnerstag, 14. Juli 2011

Wofür wir (oder andere) gerne werben: Abriß Krüger

Er heißt Sven Krüger, ist Abriss-Unternehmer, ehemaliger NPD-Abgeordneter im Kreistag von Nordwestmecklenburg, und hat jetzt vor dem Schweriner Landgericht ein Geständnis abgelegt, schreibt der Norddeutsche Rundfunk. Der 36-jährige Abrissunternehmer aus Jamel (Kreis Nordwestmecklenburg) habe zugegeben, dass er gewusst habe, dass die hochwertigen Werkzeuge und Baumaschinen, die er teils selbst nutzte, teils weiterverkaufte, aus Straftaten stammten.

Er habe zum Teil schon Schadenswiedergutmachung geleistet und Zahlungen an Geschädigte überwiesen. Nach dem Verlesen der Anklageschrift habe Krüger dem Gericht zunächst noch erklärt, sich zu den Vorwürfen nicht äußern zu wollen.

Damit aber sein Geschäft weiter laufe, habe er überall im Land Anzeigen geschaltet. Und so prangt sein Logo auch am Rande der Berichterstattung des NDR. Nun ist auch klar, wie sich das kleine dritte Programm der ARD einen Gerichtsreporter vor Ort leisten konnte.

Klampfen ohne Kühlschrankkette


Leiser kann niemand laut sein als Kevin Devine, dessen epochales Talent hier schon beinahe traditionell gewürdigt wird. Vergebens, selbstverständlich, und das macht einen großen Teil des Reizes aus. Während Lady Gaga mit Billigpop zu 99 Cent ganze Serverfarmen zum Zusammenbrechen bringen kann und Dieter Bohlen gleich gar nicht mehr selbst singen muss, weil es reicht, dass er es nicht tut, fabriziert Devine ganz allein unsagbar einfache und unsagbar schöne Stücke wie "She Stayed as Steam".

Lyricfluten wie beim jungen Dylan, Gitarrengehacke auf drei Saiten. Gäbe es noch die guten alten Zeiten, als Musik erst in zweiter Linie die Kunst war, Bilder von sich zu produzieren und einen Vertrag mit einer großen Kühlschrankhandelskette zu unterschreiben, wäre Kevin Devine wohl sogar ein bisschen berühmt.

all that music in your mouth
rivers rushing to your teeth
surging streams through wading valleys
flooded language tributaries
connect and cover over me
tensing jaw & cork screw eyelids
as if you couldn't bare to see
all that water roaring from you
collecting clouds inside the ballroom
over people who don't know you
but darling i do

you trance yourself back towards the city
blood not moving to your feet
automatic listless shuffle
your foot falls tentative and muffled
your sidewalk scatter brain, cry uncle
you settle back into your corner
and look for her on your tv
it's friday night and i am hungry
for a hand, a mouth, a body
a love i wouldn't have to carry

some stitch in my mouth
and i'm untying now
a concrete canal
in a bomb border town
an echo in the rafters
reminding you there was a sound
but you killed her in waves
she stayed a steam to hiss at you now

cause he killed her in waves
but that's not today
so you breathe through your mouth
you calm yourself down
and hold what you found
so sweet and profound

she can hover and hurt or dissolve to dirt
some prayer in you mouth
or she might stay a steam
soak into the beams
let you figure her out

Sätze für die Ewigkeit IV

Ein deutscher Rapper, auf Twitter:

Wenn Fahrradfahrer rechts abbiegen wollen sieht das aus wie ein Hitlergruss
.

Zur PPQ-Serie Sätze für die Ewigkeit

Mittwoch, 13. Juli 2011

Milliardär aus eigenem Anbau

Fünfzehn Mann auf des reichen Mannes Kiste - und das Komische an der Liste der größten Geldsäcke der Welt ist, dass sie fast alle mal ganz arm angefangen haben. Ganz im Gegensatz zum gefühlten Wissen, dass die Welt seit alters her beherrscht wird von Menschen, die reich geboren, mit dem goldenen Löffel im Mund aufgezogen und später vom Papa an die Spitze ein geldspeienden Firmenuniversums gesetzt werden, zeigt die Hitparade der Weltwohlhabensten
ein ganz anderes Bild.

Es sind die selbstgemachten Milliardäre, die die größten Geldhalden gesammelt haben. Bill Gates, Warren Buffet, der Mexikaner Carlos Slim Helú, der schwedische Ikea-Gründer Ingvar Kamprad, Stahlgigant Lakshmi Mittal - die fünf Geldgiganten schlechthin waren sehr normale vermögende Männer, als sie begannen, auf eigenen Beinen zu stehen. Gates war zwar Sohn eines Rechtsanwalts, aber eher wohlhabend als reich, Buffett entstammt der Familie eines Brokers, verdankt seinen Reichtum aber nicht dem Erbe des Vaters, sondern dem eigenen Ehr- und Geiz. Helu ist der Sohn eines Libanon-Flüchtlings, der in Mexiko ein kleines Vermögen anhäufte. Groß machte es der Sohn, der zur richtigen Zeit in die richtigen Geschäfte investierte. Wie Ingvar Kamprad, der Sohn einer Thüringer Bauernfamilie, dessen Billigmöbel die Welt eroberten und ihren Erfinder reich machten.

Nein, es ist kaum altes Geld in diesen Charts. Sheldon Adelson wurde als Sohn jüdischer Einwanderer in Boston geboren und verdiente sein erstes Geld wie Buffett mit Zeitungsaustragen. Amancio Ortegas Laufbahn begann mit 14 Jahren als Handlanger in einem Bekleidungsgeschäft in La Coruña. Li Ka-shing aus Hongkong flüchtete als Jugendlicher vor den japanischen Besetzern aus Südchina. Seine erste Firma gründete er mit 19, er verkaufte künstliche Blumen aus Plastik und investierte die Gewinne vor allem in Häfen und Immobilien, aber auch in die deutsche Drogeriekette Rossmann, die ihm heute fast zur Hälfte gehört.

Immerhin steht auf Nummer 10 ein reicher Erbe: David Thomson übernahme die Thomson Corporation von seinem Vater, war also von Hause aus reich. Ganz im Gegensatz zu seinem Milliardärskollegen Larry Ellison, der unehelich geboren wurde und bei einer Tante aufwuchs, weil seine minderjährige Mutter ihn nicht ernähren konnte. Ellison verließ die Uni ohne Abschluß, gründete Oracle und wurde reich - im Gegensatz zu Liliane Bettencourt, die den Kosmetikkonzern L’Oréal erbte und damit die zweite Vertreterin von altem Geld in der Hitparade der Reichsten ist.

Viel mehr werden es aber auch nicht. al-Walid ibn Talal Al Saud aus Saudi-Arabien begann mit lächerlichen 15.000 Dollar und einer Villa im Wert von 1,5 Millionen Dollar, die ihm sein Vater als Startkapital spendierte. Die restlichen 20,28 Milliarden, die Al Saud heute zum 13-reichsten Menschen der Welt machen, spekulierte er sich selbst zusammen. Auch der Inder Mukesh Ambani übernahm die heutige Milliardenfirma Reliance von seinem Vater, baute sie allerdings selbst erst zum Weltkonzern aus.


Ähnlich wie die Letzten in der Liste, die allerdings doch noch etwas etwas mehr Arbeit hatten. Karl und Theo Albrecht wuchsen in bescheidenen Verhältnissen im Haushalt eines Bäckers auf, der als Bergmann arbeiten musste, ehe er sich 1913 als Brothändler in Essen selbstständig machteKolonialwaren. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges übernahmen die beiden Brüder 1946 das elterliche Lebensmittelgeschäft und bauten es bis 1950 zu einer Kette mit 13 Geschäften aus. 1960 hatten sie dann schon 300 Aldi-Märkte, 2010 schon 20 Milliarden Privatvermögen. Damit steht es dann 13 zu 2 von neuem Geld gegen altes - ein Verhältnis, das mehr als deutlich gegen die These spricht, das kapitalistische System sei auf seine Art eine Kastengesellschaft, die nach oben wenig durchlässig ist.

Über die gegenwärtigen Schurken

Wollen Sie damit sagen, ich dürfte die Regierung nicht kritisieren? Auch wenn sie einen Fehler gemacht haben? Wenn ich weiß, dass sie einen Fehler gemacht haben?"

Natürlich dürfen Sie. Stechende Viehbremsen sind notwendig. Aber man tut gut daran, sich die neuen Schurken anzusehen, bevor man die gegenwärtigen Schurken hinauswirft. Demokratie ist ein armseliges System. Das Einzige, was man zu seinen Gunsten anführen kann, ist, dass es achtmal so gut ist wie jede andere Methode. Sein schlimmster Fehler ist, dass seine Führer das Niveau ihrer Wähler besitzen. Das ist ein niedriges Niveau, aber was kann man anderes erwarten? Deshalb sehen Sie sich den Präsidenten an und überlegen Sie, dass er in seiner Unwissenheit, Dummheit und Selbstsucht seinen Mitmenschen ähnelt, doch einen oder zwei Punkte über dem Durchschnitt steht. Dann sehen Sie sich den Mann an, der ihn ersetzen wird, wenn die Regierung stürzt.

Man hat da keine Wahl.

Man hat immer eine Wahl! Diese besteht zwischen "schlecht" und "schlimmer" - und die ist viel einschneidender als die zwischen "gut" und "besser".

Sie bringen mich zum Erbrechen!

Bitte nicht ins Gras. Benutzen Sie ihren Hut.

Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf

EU-Justizkommissarin Viviane Reding hat die Ratingagenturen scharf kritisiert und gesagt, es dürfe nicht sein, «dass ein Kartell dreier US-Unternehmen» über das Schicksal von Volkswirtschaften entscheide. Vielmehr müsse das dem Kartell der EU-Bürokraten vorbehalten bleiben.

Dienstag, 12. Juli 2011

Gesänge fremder Völkerschaften: Grunzrock von der Unstrut


Wo man singt, da lass Dich ruhig nieder, doch wo man grunzt, da schweigen alle Lieder. Das ist dann das letzte Kapitel, das aufgeschlagen wird, wenn gar nichts mehr geht und auch die sprichwörtliche "Straße der Gewalt" nur noch aus Schlaglöchern besteht. Nehmen wir die doch als Partitur, dachten sich die wackeren Mannen der aus dem nordthüringen Süd-Sachsen-Anhalt stammenden Kapelle Last Chapter, deren röhrender Betonmischersound ältere Musikliebhaber unwillkürlich an die legendäre Rumpeltruppe MCB Meter erinnert, die den ausgedürsteten Motörhead-Fans des Ostens in grauer Vorzeit eine Ahnung von Heavy Metal kredenzte.

Last Chapter sind schon die übernächste Generation, Musikanten, aufgewachsen in einer Ära, in der Finanzminister sich zum Lemmy Kilmister-Fantum bekennen und Beamte mit ihrem Motorrad zum Motörhead-Konzert fahren. Dort ist es dann immer noch laut, nicht annähernd so stimmungsvoll aber wie bei Last Chapter-Auftritten. Bei denen sammeln sich Fahranfänger und Friseusinnenfreunde, Body-Builder und Berufsschüler, um zu unterirdischen Tönen gemeinsam in die Luft zu springen. So äußert sich Gemeinsinn in den mental ausgetrockneten Gebieten längs von Saale, Pleiße und Mulde, so singt der Ostdeutsche, so er denn kein Sachse ist. Erstmals dokumentiert wird das hier in unserer grenzkulturkritischen Reihe "Gesänge fremder Völkerschaften", ein Stückchen Weltkulturerbe, das es an emotionaler Kraft leicht mit den zerstörten Buddha-Statuen von Bamian aufnehmen kann. Spielen sie erstmal, dann hört man nicht mehr viel. Sonst hätte einem jemand sagen können: Wenn der Tod einen Klingelton hat, dann geht er so ähnlich.

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Hiphop in Halle
Tennessee auf Tschechisch
Singende Singles