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Montag, 22. Juni 2009

Canaletto-Blick mit Betoneinfassung

Es ist ein gar seltsames Ding um den grandiosen Blick auf das Elbtal, den die Unesco-Weltkulturerbekommission vor einigen Jahren in den Rang eines zu erhaltenden Erbstücks der Menschheit erhob.

Und das Seltsame ist nicht etwa die Tatsache, dass das natürlich entstandene Tal als menschliches Kulturerbe gilt, nicht aber aber das Grüne Gewölbe, der Zwinger und der Rest der kulturträchtigen sächsischen Metropole. Nein, verwunderlich ist, dass das, was da "Welterbe" genannt wird, genaugenommen nur in der Vorstellung der Welterbekommission existiert.

Der unverstellte Blick das Elbtal entlang ist nämlich eine reine Vorstellung, die sich in der Praxis seit jeher genausowenig verwirklichen läßt wie ein freier Blick den kompletten Grand Canyon in Nevada entlang. An der Stelle, an der die Brückenfeinde monatelang protestierten, wird die Dissonanz zwischen vermeintlich vor der Zerstörung stehendem Weltkulturerbe und der Realität schnell erkennbar: Das Hochufer, von dem aus der Blick die klassischen Flußbiegungen entlangschweifen sollte, ist bis auf 15 Meter Höhe mit Bäumen und Gebüsch zugewachsen. Auch von der erhöhten Terasse der Waldschlösschen-Brauerei geht der Blick nur ins Blattwerk. Man muss schon einen Kran besteigen, den man extra mitgebracht hat (Bild oben), um das Welterbe erahnen zu können.

Und sieht dann vor allem einen wuchtigen Brückenbau aus DDR-Zeiten, den der "Tagesspiegel" jetzt auch zum ersten Mal entdeckte. Was den Autoren des Hauptstadtblattes zehn Jahre nach Beginn des Brückenstreits zur Frage veranlasste, was hier eigentlich womit noch zerstört werden könne, wo doch die Silhouette aus Blickrichtung Waldschlösschen ohnehin von häßlichen DDR-Hochhäusern bestimmt sei. Weltkulturerbe. Canaletto-Blick mit Betoneinfassung.

Diese Frage aber wird sonst sowenig gestellt wie überhaupt nach dem Blick gesucht wird, der angeblich durch den Brückenbau zur Vernichtung freigegeben wurde. Seit Jahr und Tag diskutiert Deutschland aufgeregt, wie sehr Dresden der Verlust des Titels schaden könne, von dem höchstwahrscheinlich 97 Prozent der Weltbevölkerung gar nicht wissen, dass es ihn überhaupt trägt. Oder wussten Sie, dass die Unesco einem Antilopen-Schutzgebietes im Oman, das 1994 in die Liste aufgenommen worden war, den Titel vor zwei Jahren wieder aberkannte?

Wir hier beim Welterbeschutz-Blog sind natürlich nur deshalb nicht in den Oman gefahren. In Dresden tun es uns schon zehn Prozent der Touristen nach, behauptet ein leitender Brückenfeind und Museumschef in Dresden - allein wegen des Streits kommen sie nicht mehr. Wirtschaftskrise? Nie gehört! Einbrechende Touristenzahlen von Warnemünde bis Heidelberg? Kann nicht sein. Auch die jüngste Gewinnwarnung der Lufthansa hat ihre Ursache mit Sicherheit im Brückenstreit.

Die finden aber sicher schnell neue Ziele. Ganze 35 neue "Weltkulturerbestätten" will die Unesco den bisher geadelten 878 in 145 Staaten auf der Welterbeliste hinzufügen, zu denen unter anderem die welterbegerecht langsam wegfaulende Altstadt von Havanna gehört. Neu hinzukommen jetzt die Ruinen von Loropéni in Bukina Faso, die Altstadt der ehemaligen Hauptstadt Ribeira Grande auf Cap Verde und der heilige Berg Sulaiman in Kirgistan.

Kommentare:

Sax hat gesagt…

100 (110?) Prozent Zustimmung von einem Dresdner. Wir sollten aber über die UNESCO-Welterbekommission nichts Schlechtes sagen, immerhin bekommt die Dresdner Oberbürgermeisterin auf der aktuellen Tagung in Sevilla 2 (in Worten ZWEI) Minuten Redezeit. Da kann sie ausführlich darlegen, warum in einer sich entwickelnden Kulturlandschaft auch mal eine Brücke gebaut werden muß und was so alles in den Antragsunterlagen gestanden hat.

ppq hat gesagt…

so lange havanna verfallen darf, ohne seinen titel zu riskieren, ist doch alles gut. stralsund durfte auch eine brücke bauen, ohne dass es jemand gemerkt hat. und auch zwei minuten sind völlig ausreichend, wenn das ergebnis vorher schon feststeht