Google+ PPQ: Das gibts in keinem Russenfilm

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Das gibts in keinem Russenfilm

Je weiter sie in die Vergangenheit rutscht, desto mysteriöser wird die DDR. Zahlreiche Gerüchte umschwirren ihre Geheimnisse, viele Zeitzeugen, die sich noch selbst erinnern, glauben nach der zehnten ZDF-Erklärsendung über das, was war, dass es wohl doch anders gewesen sein muss. Vielleicht gab es sie wirklich, die "Jahresendflügelfiguren"? Vielleicht wurde tatsächlich getopft? Vielleicht verehrte wirklich ein ganzes Land insgeheim einen Bartbarden wie Wolf Biermann?

Nur dass mit der Ausländerfeindlichkeit, das wollen sich die ehemaligen Untertanen des Reichs des Bösen nicht nachsagen lassen. Hierbei handele es sich um Verleumdung, gepaart mit einem großen Maß an Ignoranz und Böswilligkeit, sagen Betroffene. Es habe in der DDR nicht nur kaum Ausländer gegeben, sondern auch keine Ausländerfeindlichkeit, nicht einmal das Wort habe existiert. Dass westliche Medien dennoch seit zwei Jahrzehnten versuchen, den gut ausgebildeten DDR-Menschen einzureden, sie hätten stets gedacht, dass Vietnamesen von den Fidschi-Inseln stammen und sie deshalb "Fidschis" genannt, ist ein klarer Beleg für die westliche Deutungshoheit über die ostdeutsche Geschichte. Denn in Wirklichkeit verhalte es sich ganz anders, wie PPQ-Leser Kurt als sachkundiger Experte beschreibt.

Der Begriff "Fidschis" müsse eigentlich "Vietschis" geschrieben werden, weil die damit bezeichnete Gruppe ja aus Vietnam kam. Historiker glauben, dass die falsche Schreibweise durch einen Hör-Schreib-Fehler eines "Spiegel"-Redakteurs in die Welt gekommen ist. Aus diesem Artikel mit dem Titel "Nahe am Pogrom", der aus dem Jahr 1990 datiert, hätten sich alle anderen Medien seitdem bedient. Hier findet der Sprachforscher die erste schriftlich niedergelegte Erwähnung des Wortes, vo hier aus nahm eines der größten Missverständnisse der deutsch-deutschen Geschichte mit einer Zwangsläufigkeit seinen Lauf, wie sie unter Ignoranten üblich ist, die voneinander gegenseitig alles Schlimme glauben.

Dabei ist die Logik, mit der DDR-Bürger ihre vietnamesischen Gäste bezeichneten, sehr leicht nachvollziehbar, denn sie hielten es mit allen ausländischen Mitbürgern so. Wo der Türke im Westen zum "Kanaken" und der Kongolese zum "Nigger" wurde, streichelte der internationalistische geschulte Ostdeutsche seine Gäste verbal mit Verniedlichungs-Is. "Ein schwarzer Gastarbeiter wurde nur dann "Kohle" genannt, wenn er aus Angola kam", erinnert sich Zeitzeuge Kurt. Böswillig sei das nicht, auch wenn hier das Kose-I ausnahmsweise nicht zur Anwendung komme: "Im Sächsischen ist phonetisch kein Unterschied zwischen g und k."

Kam der schwarze Gastarbeiter dagegen aus Mocambique, tauchte das Standard-Kose-I wieder auf: "Dann war er ein "Mosi". Kubaner hießen "Gubbis", wobei das sächsische "G" das "K" ersetzte. Außerdem habe es noch "Algis" gegeben, die "logischerweise aus Algerien kamen" und das Kose-I erhielten, obwohl sie immer Westgeld hatten und damit leichtes Spiel dabei, die nach exotischer Romantik ebenso wie nach harten Devisen ausgehungerten DDR-Mädchen in der Disko abzuschleppen. Schlägereien mit Algis waren häufig, der Grund aber waren nicht deren Herkunft, sondern ihr Erfolg bei den Frauen.

Erstaunlicherweise habe es keine "Bulgis", "Romis", "Tscheskis", "Polskis" oder "Wessis" gegeben, meint Kurt. Letztere waren allerdings ja schon "Bundis", wobei das Kose-I hier nicht aus Sympathie, sondern aus Gründen der ostdeutschen Ordnungsliebe vergeben worden sein dürfte.

Daneben habe es eigentlich nur noch "Ruskis" gegegeben, die kamen seien öffentlich nur als Fahrer von Ogneopasno-Lastern vorgekommen oder am "Tag der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft" in Form des "Russenfilms". Jener prägte den Sprachgebrauch einer ganzen Ost-Generation, wie der Experte erinnert. Der "Russenfilm" sei ein vaterländischer Kriegsfilm aus den Mosfilmstudios gewesen, dessen Handlung wie in einem "Spiegel"-Artikel um der propagandistischen Wirkung willen derart haarsträubend war, dass daraus der Ausdruck "Das gibts in keinem Russenfilm" entsprang, mit dem eine völlig absurde Begebenheit kommentiert wurde.

Hier setzt auch die Theorie des DDR-Spezialisten an, die die überdurchschnittlich hohe Ausländerfeindlichkeit erklärt, die seit der Übergabe der 14 Bezirke an die Verwaltung durch Niedersachsen, Bayern und Schwaben entstand. "Die schulklassenweise Zwangsvorführung von solchen antifaschistischen Heldenepen hat wahrscheinlich zu einer Überreaktion geführt und die Jugend dem deutschen Faschismus in die Arme getrieben."

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Natürlich wurde die "GubbIs" vergessen, die Kubaner. sie waren in Buna tätig und wohnte in der Weschbremmer Straße in Halle

Anonym hat gesagt…

Auch gab es die Össis, beliebtes Heiratsobjekt ostdeutscher Frauen!

Anonym hat gesagt…

Bei Mosfilm rannten die Deutschen immer aufrecht stehend ins russische MG Feuer.
Dank der terrestrische Ausstrahlung der russische Fernsehens konnte man 4 Mal die Woche den Sieg über die Deutschen sehen, einmal die Woche wurde Napoleon besiegt!

Anonym hat gesagt…

Oder Ösis mit langem ö.
»Das gibt's in keinem MOSFILM« (nach einer bekannten sowjetischen Filmproduktionsfirma) war eine beliebte Variante.
Schön, dass diese Dinge wenigstens auf diesem Blog mal klargestellt wurden. Mir ging es immer auf den Keks, dass die Medien die authentischen Bezeichnungen aus Inkompetenz und Faulheit korrumpierten und erstmal aus Zonies (Eigenbezeichnung, vgl. Sowjetzone, SBZ) und Bundies plötzlich Ossis und Wessis machten.
Die Vietschis würde ich übrigens Vitschis schreiben, da das E in Viet ja mitgesprochen wird. Das nur als Hinweis, falls einer von der Dudenredaktion mitliest und über eine Aufnahme nachdenkt.

Tausend Meter im Quadrat, Minenfeld und Stacheldraht, weißt Du wo ich wohne? Ich wohne in der Zone (ah hahaaa ahaahaa...)
Einmal ist es andersrum, da rotzen wir die Bullen um, weißt Du wo ich wohne? Ich wohne in der Zone (ah hahaaa ahaahaa...)...
Zu singen zur Melodie »Lady in Black« von Uriah Heep.

Anonym hat gesagt…

Das sowjetische Fernsehen wurde nicht terrestrisch ausgestrahlt, aber bedeutende Werke der sowjetischen Filmkunst wurden wöchentlich in der Reihe „Für Freunde der russischen Sprache“ auf DDR 2 mit deutschen Untertiteln ausgestrahlt.
Hauptthema war in der Tat война (Krieg) gegen die Faschisten und, selbstredend, победа (Sieg) über selbige.

ppq hat gesagt…

dank eurer kundigen kommentare dürfte das thema in ein paar tagen gegessen sein. mit dem "fidschis" kommen medienschaffende dann noch allenfalls so kompetent rüber wie der ACAB-typ aus nürnberg.

der hinweis mit dem weglassen des "e" leuchtet mir ein, ich lasse es aber erstmal trotzdem so stehen. vielleicht kann man in ein paar jahren dann eine berichtigung bringen, die auf den kommentareintrag verweist

ppq hat gesagt…

übrigens ist die formulierung "rannten aufrecht stehend" überaus brillant. so würde ich die verteidigungsttätigkeit von wulff beschreiben

ppq hat gesagt…

so, gubbis ist ergänzt

Le Penseur hat gesagt…

Also, die Theorie mit den Auswirkungen zwangsvorgeführter Antifanten-Epen halte ich für nicht unnachvollziehbar ...

Volker hat gesagt…

Weiß das schon der Pfeiffer, das mit den Epen und Schulklassen?

ppq hat gesagt…

es widerspricht der erwartungshaltung der pfeiffffers, deshalb hat es keine chance, als erklärung überhaupt nur in betracht gezogen zu werden

derherold hat gesagt…

Alles falsch !

Es herrschte Völkerfreundschaft und nach der Wiedervereinigung kam der schwu... äh... böse Michael Kühnen und hat mit seinen Homo- *räusper* und hat mit seinen braunen Freunden die orientierungslosen Ostdeutschen zu Nazis gemacht.
Zumindest in Thüringen.
Sagt der Bodo Ramelow.

Und da der Journalist der *jungenwelt* sich für einen Journalisten hält, sollte die Kritik an Herrn Pfeiffer etwas kommoder ausfallen. Beide tuen nur ihre Pflicht.

Kurt hat gesagt…

Russkis wurde dann aber auch verdrängt durch die offizielle Wortwahl "die Freunde". Je nach ironischer Intonierung konnte der Zuhörende die Distanz des Sprechenden heraushören. Ja, ich weiß: Obwohl das Volk der Sowjetunion unser Brudervolk war, wurde doch von den "Freunden" geredet. Sogar offiziell von SED-Hauptamtlichen. Das bezog sich dann wohl eher auf die hier lebenden Angehörigen der Westgruppe der Roten Armee und ihre Familien. Die "unverbrüchliche Bruderschaft" (oder so) bezog sich dann wohl eher auf nicht hier lebende Sowjetbürger. In Bezug auf verordnete Völkerfreundschaft gab es auch noch diese Scherzfrage: "Was ist der Unterschied zwischen Brüdern und Freunden? Freunde kann man sich aussuchen."

Eine Fachsimpelei letztens am Stammtisch zur Handlung von sowjetischen Kriegsfilmen brachte die Erkenntnis, daß der Schluß immer ähnlich war. Die Saitäterin/Funkerin Gallja/Alljona/Katja hält ihre große Liebe, den Soldaten Kolja/Iwan/Ruslan für tot. Die Gram darüber vervielfachte ihre Kampfkraft. Am Ende vom Film schweigen die Waffen. Alljona und Kolja sehen sich überraschend wieder. Vorzugsweise auf einer blühenden Wiese. Beide sind glücklich. Beide rennen aufeinander zu. In Zeitlupe! Multi-angle-shots! Nichts als leises Vogelzwitschern und die Rufe des Namen des anderen. Kurz bevor sie sich in die Arme fallen, wahlweise beim ersten Kuß, fällt dröhnend ein letzter Schuß. Ein böser SSler/Waffen-SSler/Wermachtssoldat erschießt in aller Ruhe aus dem Wald heraus eine Hälfte des russischen Liebespaares. In Zeitlupe! Dann erst wird er von den anderen Rotarmisten über den Haufen geschossen/gefangengenomen. Konez Filma! Und fragt mich bitte nicht, wo der Wald, die blühende Wiese, Kolja oder der Faschist plötzlich herkamen. Sowas geht nur im Russenfilm.

PS: Erst in den neuziger Jahren habe ich erfahren, daß der wahre Kampfruf von Rotarmisten beim Sturmangriff nicht "Gurraaaaahhh - Gurraaaahh" war, sondern "Sa Rodinu - Sa Stalina". Das haben die alles wegsynchronisiert. So wurden wir belochen und betrochen.

Oels hat gesagt…

Scheint sich um ein regionales Phänomen zu handeln. Im mittleren Mitteldeutschland hieß es schlicht Russe, Chilene oder Kubaner.
Bei Fidschis bin ich mir nicht sicher. Meine aber das sich die Bezeichnung erst mit dem Zigarettenhandel in der Nachwendezeit durchgesetzt hat.

Carl Gustav hat gesagt…

"Fidschi" war nur ein Tarnname (ähnlich wie "Charlie" durch die Amis (sic!))..
So schöpfte der Zoll Anfang Anfang der 90er Jahre noch keinen Verdacht, als man sich die Stange Zigaretten beim "Fidschi" besorgte..

@ Kurt: Das war aber nicht nur in den Russenfilmen so: ich erinnere mich da nur lebhaft an "Ich war neunzehn"..mit Jäcki Schwarz in der Paraderolle..

Anonym hat gesagt…

Kleine Korrektur.
Das sowjetische "Satelittenfernsehen
2 wurde für die Merseburger Kaserne, terrestrisch ausgestrahlt.
Ich schwöre es!
Das die Deutsche auf DDR 2 für Freunde der russische Sprache auch aufrecht stehend ins Feuer liefen,
stimmt natürlich.
mit Untertiteln
Urräää wurde nicht übersetzt! ;-)

ppq hat gesagt…

aber schön waren sie, die russischen märchenfilme

Anonym hat gesagt…

Sind immernoch schön.
Die schöne Aljonuschka.

Kurt hat gesagt…

"Alljonutschkaaaaaaaaaaaaaaaa!"
"Wa-a-a-asja!"

http://www.icestorm.de/marchenwelt/feuer-wasser-und-posaunen.html

Anonym hat gesagt…

Eines Spruches kann ich mich noch entsinnen: Sie luden, und schossen. Sie luden, und schossen. Dann schossen sie nur noch... - Das wurde dann aber bei Rambo II mehrfach übertrumpft.
-Hildesvin-

Anonym hat gesagt…

rannten aufrecht stehend - ist das nicht ein alter Schlager ?

http://www.youtube.com/watch?v=pEwc1Rhcbug

bis zum Weltuntergang spielen wir Tanzmsik .

Uhrenvergleich : ich hab ne Glashütte und du nur ne Plastuhr aus Asien .

VRIL

Die Anmerkung hat gesagt…

Wenn ich was zu zensieren hätte, würde ich solche Gruselvideos wie vom Vorschreiber zensieren. Übel. Hab ich aber nicht.

Ich fand ja im Film jene Szene am beeindruckendsten, als Wasja dem Rat der Alten und Weisen Anfang und Ende eines Stockes erklärt und, erst jetzt kommts, wie er dafür eine Huldigungsorgie einheimsen dufte.

Damals hielt ich das für eine sehr erstrebenswerte Lebensperspektive.

Sowas gabs eben nur im Russenfilm.

Die Anmerkung hat gesagt…

Ich habe sogar zwei Glashütte, wollte ich noch sagen, ein Erbstück und eine Lange & Söhne, diese allerdings beim mobilen Uhrenhändler stark runter gehandelt.

Anonym hat gesagt…

zwei GlasHÜTTEn musssesss heisen

VRIL

ppq hat gesagt…

zwei glashütten gabs nur am russenarm