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Freitag, 26. Februar 2010

Kornnattern kraulen

Zwei Wochen tobte die Hartz-4-Debatte wie ein verspäteter Wintersturm über das Land, Deutschland wälzte sich in Wohlstandskritik, Kinder mussten vor Kameras ihre leeren Stullenbüchsen zeigen und völlig verarmte Familien hielten die abgemagerte Hauskatze ins Bild. Kann es denn so weitergehen?

Auf keinen Fall, gestand der 38-jährige Timo G. jetzt in der BZ. Jung ist er, gesund, er macht einen durchaus strapazierfähigen Eindruck. Timo G. hat nur einen Schonplatz in der sozialen Hängematte ergattert: In einer Hellersdorfer Vier-Zimmer-Wohnung lebt der Arbeitslose mit Frau Yvonne (33, seit sechs Jahren im Erziehungsurlaub) und den vier Kindern, die Stütze reicht eben gerade noch so, einen Hund, drei Meerschweinchen und zwei Schlangen durchzufüttern.

Anstrengungsloser Wohlstand ist das offensichtlich nicht. Terrarien müssen gesäubert, der Hund muss Gassi geführt werden, die Kornnattern brauchen es stabil warm. Timo G. stellt klar: „Ich möchte nicht, dass Leute sagen, ich sei ein Sozialschmarotzer!“ Alles hier hat er sich hart erarbeitet: Der Fernseher hat nur 50 Euro gekostet, die Playstation ist ein Geschenk gewesen, die andere Spielekonsole haben die Großeltern mitgebracht, der DVD-Rekorder war ein Sonderangebot, den Computer wollte Yvonne so gern haben und der Heimkino-Receiver wurde nur wegen der Kinder angeschafft. "Damit sie auch was erleben können.“

Das Leben ist sonst schon hart genug inmitten spätrömischer Dekadenz.Die Wände der Wohnung sind schmutzig, die Möbel fallen auseinander. Timo G.: „Wir haben nicht einmal ein Kinderbett für unsere Zweijährige.“ Gerademal 1152,34 Euro bekommt die Familie jeden Monat, das reicht hinten und vorn nicht. Schließlich müssen auch die Tiere etwas zu essen haben! „Ich brauche ganz einfach mehr Geld vom Staat“, stellt Timo G. klar. 770 Euro mehr, das würde schon reichen. "Der Staat sollte sich einen Kopf machen, Geld ranzukriegen für Leute mit vielen Kindern.“

Seit vier Jahren wolle er eigentlich schon arbeiten. Aber niemand wolle ihm die neun Euro pro Stunde zahlen, die er als Trockenbauer, Maurer und Metalltechniker für angemessen halte. Timo G. sieht den Staat in der Pflicht, hier schnell etwas zu verändern. „Ich habe keine Motivation, arbeiten zu gehen. Warum, wenn ich zu Hause sitzen kann und das gleiche Geld vom Amt kriege? Da ist kein Anreiz." Timo G. sitzt auf der Couch, schaut Heimkino, krault die Kornnatter. Westerwelle sollte vorbeikommen und sich das anschauen. Dann würde er seine Meinung sehr schnell ändern.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Satire, die das Leben schreibt.

Christian hat gesagt…

Habt ihr den Hartz-IV-Bericht aus der Tagesschau von Stephen Hawking nachsynchornisieren lassen?

Anonym hat gesagt…

Guido for Bundeskanzlerin !

Und alle "Kornnattern" oder "Goldbrandschleichen" sollten sich am Schraubverschluss verschlucken !

Bitter für die Kinder, kein Bett aber allerlei Getier.

ppq hat gesagt…

@christian: nee, das ist die stretching-funktion des videoprogramms. ich übersah, dass da nicht nur die bilder langsam werden, hatte aber dann keine lust mehr, das zu ändern. so ist es auch schöner, fand ich

Christian hat gesagt…

Ach, so. Dann bleibt ja nur noch die Frage offen, ob Timo G. sich ernsthaft erhofft, durch so einen Bericht seine Chancen auf einen Job mit 9 Euro die Stunde zu erhöhen.

Dass manche Menschen wahrscheinlich einfach nur zu doof sind, um einen ordentlichen Job zu kriegen, erkannt man schon daran, dass sie sich die Springer-Presse oder RTL2 ins Haus holen, um über ihr Schicksal zu berichten.

Timeo Danaos et dona ferentes!

ppq hat gesagt…

ja, letzteres ist eine beobachtung, die ich auch immer wieder amche. aber ppq ist ja sowieso der ansicht, dass die rolle der dummheit in der gesellschaft fahrlässig unterschätzt wird. oder zielgerichtet, weil es ja schwer fiele, beratungsstellen aufzumachen, die durch dummheit benachteiligten helfen. das wäre ja diskriminierend, wenn auch sicher sehr lebensnah

Beobachter hat gesagt…

Guten Tag.

Das ein Arbeitsloser mit Hartz 4 in D. rumjammert ist ein Unding.

Das jemand der Arbeiten möchte und weniger verdient als ein Hartz 4 Empfänger, auch wenn er nicht der klügste ist, was nun mal im der Sache an sich liegt, ist auch ein Unding.

Somit, leicht aus dem Kontext genommen, verstehe ich diese Ausage nicht:

"Dass manche Menschen wahrscheinlich einfach nur zu doof sind, um einen ordentlichen Job zu kriegen,"

Wie schafft es denn ein Lebensmittelfachverkäufer mind 10 Euro die Stunde zu bekommen, damit es sich lohnt zu arbeiten? Indem er klüger wird? Oder soll es keine Verkäufer mehr geben? Oder sollten sie vieleicht besser bezahlt werden?

Da diese Umstände geschaffen wurden wundere ich mich nicht, das viele nur in ihrem Streichelzoo zu Hause arbeiten.

Das sie die RTL blabla ins Haus holen, liegt daran, das sie wirklich glauben, diese helfen ihnen. Sie verstehen es nicht besser. Denn, nicht alle Menschen haben den gleichen Intellekt!

Grüße vom Beobachter

ppq hat gesagt…

beobachter, das ist doch ganz einfach. wenn ni8cht soviele leute verkäufer werden wollen müssten, gäbe es weniger leute, die auf dem markt für verkäufer zu haben wären. die wären dann entsprechend teurer. aber solange mädchen nach dem abitur den wunsch bekunden, floristin zu werden statt weltraumwissenschaftler, sind genügend leute da, die florist werden wollen, auch wenn es dort nur 4 euro die stunde zu verdienen gibt. blöde sache für die, die auch gern floristieren, dafür aber 12 euro die stunde haben wollen. denen bleibt dann nur nur rtl für ihre klagen

nwr hat gesagt…

Wieso, sich die Medien ins Haus zu holen, das ist doch perfekte Lobbyarbeit?

Überhaupt ist die Zurschaustellung des eigenen Leides eine Geschäftsidee, die so neu nicht ist.

nwr hat gesagt…

Boah, jetzt sehe ich erst einmal diesen riesigen Hartz-IV-Plasmabildschirm:
http://www.bz-berlin.de/multimedia/archive/00190/hartz3_1905706.jpg

Da könnte man fast an Sozialneid ersticken oder Steuern hinterziehen.

Beobachter hat gesagt…

@ppq

Wenn das so ist, scheint mir ein Studium nichts zu Vermitteln, sonst wäre der Wunsch vorhanden mit dem erlernten Wissen auch etwas anzufangen.

Aber ich kenne hier in Berlin eine Lebenmittelkette, welche 100e angestellte hat und von denen haben vieleicht 10 studiert. Damit trifft dein Beispiel auch nicht gut zu, es sei denn die Studierten, sind die welche nun zu Hause mit dem Zoo vor dem PlasmaTV sitzen. Wobei sie dan wiederum mehr Mittel haben als die nichtstudierten Verkäufer und sich somit das Studium doch noch gelohnt hat.


Und da mittlerweile fast jeder Studiert, bin ich froh, dass nicht alle von denen den wunsch haben Weltraumpirat zu werden, dennn wo das endet sehen wir ja z.Z.. in unserer Politik.

http://en.wikipedia.org/wiki/File:IQ_curve.svg

Lässt sich nun mal nicht ändern.

Grüße vom Beobachter

ppq hat gesagt…

@nwr das ist ein rückprojektionsgerät, kriegst du im a&v für ein drittel hartzgehalt

Christian hat gesagt…

@Beobachter:
Um es nochmal klarzustellen: niemand der arbeitet, bekommt weniger als Hartz-IV. Im Gegenteil sind es immer einige hundert Euro mehr:
http://www.bildblog.de/16128/wie-sich-alle-mit-hartz-iv-verrechnen/

Beobachter hat gesagt…

Hallo Christian. Ja da bin ich wohl unwissend, habe mir deswegen die Seite durchgelesen. Als ergänzend sehe ich aber nicht ein paar 100 Euro mehr, sondern aufstocken auf Hartz 4 Niveau. Ich werde das mal denen erzählen welche nur 650 nach 160 h Monat ausgezahlt bekommen. Aber wenn die Pech haben leben sie mit jemanden zusammen der 1000 verdient und bekommen doch nichts. Aber selbst wenn man 900 bekommt als vollzeitarbeiter, ist das ein Witz, das regt mich so auf. Da hilft auch bildblog nicht weiter. ;). Grüsse

VolkerStramm hat gesagt…

„Wie schafft es denn ein Lebensmittelfachverkäufer mind 10 Euro die Stunde zu bekommen, damit es sich lohnt zu arbeiten? Indem er klüger wird? Oder soll es keine Verkäufer mehr geben? Oder sollten sie vielleicht besser bezahlt werden?“

Aber warum so kleingeistig, Beobachter?
Was ist mit den Hufschmieden, Gaslaternenbauern, Fassbindern, Fingerhutmachern, Kesselflickern, Folterknechten, Köhlern und Bürstenbinden? Den Röhrenherstellern?
Was mit den Trabi-Erbauern, den fleißigen Werktätigen vom VEB Robotron?
Interessiert Dich deren schlimmes Schicksal gar nicht?

Wer gibt uns das Recht den Mark mit Digicams zu überschwemmen? Denkt keiner an das Schicksal der verdienstvollen Emulsionäre?

Was mit den fleißigen Stasi-Spitzeln, hast Du mit denen kein Mitleid?

Und interessiert Dich das Schicksal der Obskuranten ... ach ne, die haben ja das Mittelalter überlebt.

Aber warum wurde die Zonenrandförderung einfach gestrichen? Warum schon 1995? Sind die Zonenrandbewohner etwa an der Wiedervereinigung schuld?

Und überhaupt, warum sind die Affen von den Bäumen gestiegen?

Beobachter hat gesagt…

Danke für die Aufmunterung Herr Stramm,

den ersten Teil nehm ich mit Philosophie, den zweiten mit Humor.

"Und überhaupt, warum sind die Affen von den Bäumen gestiegen?"

Das das "Ganze" an sich nicht verständlich ist und wohl im "Nichts" verschwinden wird in ein paar Milliarden Jahren ist nicht meine Schuld.

:D

Grüße

ppq hat gesagt…

Was wir brauchen , sind entschiedene reformen hin zum besseren, würde ich sagen. Das muss alles vom Kopf auf die Füße gestellt werden, für mehr Gerechtigkeit! Das wäre meine Grundforderung.

ppq hat gesagt…

Ich sprach übrigens gestern mit einem, der für 140 Stunden Arbeit im Monat sagenhafte 280 Euro kassiert. Beim AA haben sie ihn dann gefragt, warum er das macht. Er hat ihnen gesagt, dass er immerhin 2 Euro die Stunde bekommen, wohingegen das AA ja Leute als 1-Euro-Jobber vermittle, also für das halbe Gehalt. Daraufhin, sagt er, waren die da stille.

Er verriet mir dann noch, dass er nur offiziell 140 Stunden geht, in Wirklichkeit aber nur 70, die restliche Zeit pfuscht er auf eigene Kappe, steuerfrei. Macht dann 4 Euro/h als Grundsicherung, aufgestockt mit Hartz4, den Capuccinoschaum obendrauf verdient man sich anderswie dazu.

Meiner Ansicht nach ist das die Welt, wie sie da unten wirklich ist.

derherold hat gesagt…

"Da diese Umstände geschaffen wurden..."

Die wurden nicht "geschaffen", sondern sind einfache Mathematik: Nachdem gleichzeitig der Einstiegstarif im Öffentl. Dienst (bei Beamten: einfacher Dienst) ausgelöscht wurde und via (Armuts-)Masseneinwanderung un-, an- und gering-gelernte Arbeitskraft geradezu "endlos vermehrbar" wurde, war doch klar, daß Lohndruck "unten" ausgeübt wird.

Der "Gering-Verdiener-Sektor" hat nur ein Ziel: zu verhindern, daß "Fürsorge-Karrieren und -Lebensläufe" entstehen, in denen "morgens aufstehen, arbeiten gehen, abends über den Chef klagen" unbekannt sind.
D.h., man versucht zu improvisieren, um die totale soziale Verwahrlosung zu verhindern.

Christian hat gesagt…

@PPQ:
Interessantes Beispiel. Meines Erachtens macht es der Mannn richtig. Von 359 Euro pro Monat (abzüglich Strom) kann man sich auf Dauer keine Lebensmittel, Klamotten und Inneneinrichtung leisten. Da muss man ja schwarz arbeiten. - Dummerweise profitieren davon aber vor allem die Betriebe, die dadurch keine normalen Stellen schaffen müssen.

Ich kenne allerdings viele Leute, die psychisch krank sind und deshalb gar nicht arbeiten können. Die leben schon seit Jahren von Hartz-IV und werden es auch noch jahre- oder ein Leben lang tun.
Die werden zusätzlich zur psychischen Behinderung noch in absoluter Armut gehalten. Hilfreich für die Heilung ist das nicht. Aber immerhin zahlt die teuren Antidepressiva noch die Krankenkasse.

Das System muss in der Tat grundlegend verändert werden. Die gesamte Arbeitsmarktpolitik ist total reformbedürftig.

Fraggel hat gesagt…

"Dummerweise profitieren davon aber vor allem die Betriebe, die dadurch keine normalen Stellen schaffen müssen."

Die Betriebe profitieren nicht von Scharzarbeit oder besetzten Stellen sondern von ihrer Gewinnspanne. Also Einnahmen-Ausgaben.
Schwarzarbeiter bezahlen keine Steuern und SV und machen die Preise kaputt.
Daher ist die Aussage nahe an der Grenze zur Debilität.