Google+ PPQ: Hausbesuch beim Gründer der Bundesworthülsenfabrik

Freitag, 9. August 2019

Hausbesuch beim Gründer der Bundesworthülsenfabrik


Er gilt als einer der wichtigsten Strippenzieher der Republik, ist zugleich aber einer der großen Unbekannten. Rainald Schawidow, Sohn eines Bergmanns aus Ludwigslust und schon in jungen Jahren als Teilnehmer an FDJ-Poetenseminaren bekanntgeworden, begann seine berufliche Karriere als Worthülsendreher beim früheren DDR-Kombinat VEB Geschwätz, einem volkseigenen Nachfolgebetrieb des hitlerischen BWHF-Vorgängers Reichsworthülsenamt. Dort machte der junge Mann mit dem untrüglichen Gefühl für zusammengesetzte Substanztive, deren Inhaltssumme kleiner ist als eins, schnell auf sich aufmerksam.

Schawidow, der nach dem Mauerfall jahrelang mit der Treuhand kämpfte, um Verkauf und Schließung des der DDR-Landesverteidigung unterstellten VEB Geschwätz zu verhindern, überzeugte den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl, an der Zentralbehörde für die Herstellung politischer Kampfbegriffe festzuhalten. Der Wortschmied, zu DDR-Zeiten schon für Erich Honecker und Kurt Hager gearbeitet hatte, wurde zum ersten und bis heute einzigen CEO der bundesweit kaum bekannten Behörde, die bei der Umgestaltung des Berliner Regierungsviertel unterhalb der Kanzlerwaschmaschine in den märkischen Restsand gegossenen worden war.

17 Stockwerke tief liegt die Anstalt öffentlichen Rechts,  aus der in den vergangenen Jahren demokratiebelebende Begriffe wie "Protestterroristinnen", "Rettungsschirm", "Energiewende",  "Schulden-" und "Mietpreisbremse", "Stromautobahnen" oder "Wachstumspakt" kamen, die zum Teil monatelang die Debatte prägten. Wer aber ist der Mann, den seine Kolleginnen und Kollegen einen "Wortakrobaten" nennen? Wie lebt Rainald Schawidow, wenn er keine Worthülsen dreht? Wie macht er Feierabend, wo trinkt er sein Bier oder auch mal ein gutes Glas Rotwein? Hat er Kinder? Wie war er selbst als Kind? Offizielle Anfragen beantwortet die Pressestelle der BWHF mit dröhnendem Schweigen und der Bitte, die Privatsphäre Schawidows zu achten. Der BWHF-Chef selbst lächelt alle Fragen weg, er möchte nicht im Mittelpunkt stehen, sagen die, die ihn gut kennen, selbst aber auch keine Auskunft geben wollen oder dürfen.

PPQ ist auf Spurensuche gegangen und hat einen Zeitzeugen gefunden, der Rainald Schawidow noch aus Tagen kennt, als er daheim in Ludwigslust als kleiner Schwerenöter galt, den alle "Raini" nannten. Der quicke Junge mit den leuchtend roten Haaren galt als Hansdampf in allen Gassen, vom Schicksal mit Sport- und Poesiegenen gleichermaßen reichhaltig ausgestattet und von einem Ego beseelt, dass ihn schon in der 1. Klasse der POS "Adolf Hennecke" zum Gruppenratsvorsitzenden und Milchgeldkassierer werden ließ. Über die Jahre sei Schawidow immer beliebter geworden, erinnert sich sein Schulkamerad, den die Streiche des frechen Lehrerlieblings heute noch amüsieren. "Einmal hat er die Kreide versteckte, so dass der Russischunterricht nicht pünktlich beginnen konnte."

Geschadet hat das Rainald Schawidow nicht. Er durfte Abitur machen und mehrfach zu FDJ-Poetenseminaren reisen, einmal sogar ins sozialistische Ausland. Die Karriere des jungen Mannes, der Klavier und im Sturm bei Traktor spielte, war vorgezeichnet. "Den Kappetalismus in sein Lauf hält nur noch unser Raini auf", spaßten wir in den späten Achtzigern", erinnert sich der Zeitzeuge an den Tag, als Rainald Schawidow nach einem abgeschlossenen Studium der Germanistik und der revolutionären Reimkunde zum VEB Geschwätz nach Berlin wechselte.


Der Nachfolgebetrieb des im Dritten Reich von Joseph Goebbels gegründeten Reichsworthülsenamtes war damals gerade - nach Jahren der Agonie - von der SED-Führung wiederentdeckt worden. "Honecker und Hager erhofften sich von einer planmäßigen personellen Stärkung des Betriebes ein wirksame Aufmunitionierung im ideologischen Kampf mit dem Klassenfeind", hat Rainald Schawidow später selbst  in seinen - noch unveröffentlichten - Memoiren geschildert.

Die Einstellung des sportlichen jungen Mannes, der um sich selbst nie ein großes Aufheben gemacht hat, war nach Angaben von Nachbarn und Jugendfreunden stets klar. Wer an der Zuspitzung der politischen Auseinandersetzung teilnehmen wolle, was durchaus im Rahmen der Gesetze zulässig sei, habe "Raini" oft am Biertisch gesagt, der benötige ausreichende und gute Munition dazu. Die Notwendigkeit, dass sich die DDR-Regierungspartei SED mit dem VEB Geschwätz eine entsprechende volkseigene Produktionsstätte hielt, die ihre Produkte auch den anderen verbündeten Blockparteien anbot, sah Schawidow ein.

Wenn jeder jederzeit die rechtsstaatliche Garantie in Anspruch nehmen könne, dass ihm der VEB Geschwätz die nötigten Vokabeln liefere, die eigenen Positionen auch scharf und zitierfähig in die Öffentlichkeit zu transportieren, sei allen gedient, meinte er damals schon. Daran änderte sich auch später nichts, als Schawidow zur Bundesworthülsenfabrik wechselte und Bundesbeamter wurde. Niemand dürfe  der Dienste von privaten Magazinen oder von verurteilten Betrügern und Dokumentenfälscher bedürfen, so seine Ansicht. Sprache sei Grundbedürfnis in der Politik und wichtige Sprachregelungen müssten deshalb vom Staat angeboten werden.

Ausdrücklich wies Rainer Schawidow Freunde und Familienmitglieder immer wieder in die Schranken, wenn sie mit falschen Begriffen Zweifel, Wut oder Scham ausdrückten oder auf eigene Faust versucht hatte, als Sprachschöpfer tätig zu werden. Der höchste deutsche Wortwächter alarmierte einmal sogar die Staatsanwaltschaf, die aber nach mehrmonatigen Ermittlungen keinen Anfangsverdacht für eine Meinungsstraftat sah. Doch Rainer Schawidow fühlte sich bestätigt, dass eine strenge Regulierung mit harten Bandagen not tue, um Wildwuchs wie er etwa von Helmut Schmidt ("Wenn das so weitergeht, gibt´s Mord und Totschlag", Frankfurter Rundschau v. 28.11.94) präferiert worden war, einzudämmen.

Nicht umsonst gebe es Garantien und Regularien des Rechtsstaates, die auch in scharfen politischen Auseinandersetzungen gelten müssten. Für die Versorgung mit politischen Kampfbegriffen sei hierzulande traditionell die Bundesworthülsenfabrik zuständig, die diese wichtige gesellschaftliche Aufgabe bislang auch "brillant" gelöst habe.  Der späte Schawidow erinnert Bekannte bis heute gern an Geniestreiche wie "Rettungspaket", "Konjunkturspritze", "Abwrackprämie", "Schuldenbremse" und "Rettungsschirm", mit denen die vierhundert Vollzeitbeschäftigten in den Jahren seit der Übernahme des volkseigenen Betriebes VEB Geschwätz durch den Bund mehr glaubwürdige Als-Ob-Worte geliefert hatten als der seinerzeit noch direkt von SED-Politbüromitglied Kurt Hager geleitete Vorgängerbetrieb.

Und da ist noch lange nicht Schluss, da ist sich der "Raini" wie ihn Freunde bis heute nennen dpürfen, sehr sicher. Schawidow ist nicht nur Verwaltungschef der BWHF, sondern auch Visionär und einer der Starschreiber der Behörde. Beinahe jeden Tag stünden neue Herausforderungen an, kämen aus der Bundes- und Landespolitik dringende Forderungen nach neuen Begrifflichkeiten, die jeweils möglichst ungreifbare Inhalte transportieren sollen. „Unsere Aufgabe sehen wir darin, Vokabeln für das Unsagbare zu liefern, bei deren Benutzung alles wirklich Wichtige unausgesprochen bleibt.“

Als beispielhaft nennt der erfahrene Hülsendreher das Wort „Rettungsschirm“, das eine kleine Sondereinheit von BWHF-Geschwätzdesignern unter seiner Leitung aus Resten der altbekannten Vokabel „Rettungsring“ und einem benutzten „Fallschirm“ zusammenlötete. Zuvor hatte das Kanzleramt nach einem neuen Fachbegriff verlangt, mit dem sich die Finanzkrise optimistisch umschreiben lassen sollte. „Wir wussten sofort, Rettungsring geht nicht, weil das nach Absaufen klingt“, sagt S., „und Fallschirm war ebenso unmöglich, weil fallen immer Absturz signalisiert.“
 
 Wer das vielfältige und breite und stets amtlich abgenommene Angebot der  Worthülsenfabrik nutze, laufe nicht Gefahr, in seiner Wortwahl rechtliche Regeln mit Erwartungen zu überziehen würden, die eigentlich politische Antworten erforderten. Die Diskussion über Migration und Flüchtlinge wirkte auf ihn "teilweise ziemlich schrill" und "der Komplexität der Situation nicht angemessen", weil jedermann glaube, er könne die aufgrund fundierter Analysen von Fachleuten  und ausgewiesenen Hülsendrehern geschaffene Spezialbegriffe, wie von der BWHF sie in der Debatte um soziale Gerechtigkeit mit „Verteilungsgerechtigkeit“ und „Chancengerechtigkeit“ zur Verfügung gestellt worden seien, durch voluntaristische Eigenerfindungen ersetzen.

Diese aber ersetzten nunmal nicht die nach nüchterner Bedarfsanalyse durch "eine rationale Entscheidungsfindung" geschaffenen und in ausgiebigen Test geprüften zulässigen Vokabeln.

"Raini war im VEB jedenfalls ganz groß im Kommen damals", sagt sein alter Freund, dessen Weg in den Nachbarkreis führte, wo er als Lehrer seinen Beitrag zur Stärkung des Sozialismus leistete. Ich traf Raini noch einmal in echt, weil er zu der Zeit schon Chef der Patenbrigade meiner Klasse war". Charismatisch und wortgewandt, so hat der Nachbarsjunge den Schawidow jener Tage in Erinnerung. "Wir wussten nicht, dass er sich Begriffe wie "Sozialismus in den Farben der DDR" und den populären NVA-Slogan Für den Frieden/länger dienen ausgedacht hatte." Doch dass Schawidow "ein steigender Stern am Hülsenhimmel" war, wie sein Wegbegleiter sagt, "das war in ganz Ludwigslust Tagesgespräch".

Dann fiel die Mauer, auch die großartige Verbalabwehr der Worthülsendreher konnte den Zusammenbruch des DDR-Sozialismus nicht aufhalten. "Aber wir waren alle einig: Wäre Raini zehn Jahre älter - die Mauer stände noch heute". Das habe ihm später auch sein früherer Mitschüler Olli bestätigt, der selbst in der Matrizenproduktion der Worthülsenfabrik eine Lehre zum Satzschmied machte und Schawidow mehrfach in Aktion erlebte.  "Mich wundert es nicht, dass die Kanzlerin und alle anderen Parteien auf seine Expertise zurückgreifen", schildert er, "und ihm selbst war schon immer egal, für wen er arbeitet. Hauptsache, Raini könne "ganz in seinem Metier aufgehen", bei uns "oder eben beim Klassenfeind".

Kommentare:

Florida Ralf hat gesagt…

der meister. ganz einfach. deeeeer. (pause...) meister.

wenn kohlio von der "gnade der spaeten geburt" erzaehlte, sprach er unwissentlich aus der west-perspektive ueber raini. dass dieser, waere er rechtzeitig im taefelholzzimmer von geschwaetz angekommen, das ruder haette rumreissen koennen, oder der ddr wenigstens eine zweite chance geben koennen, das glauben hier im nordwest-osten die meisten ehemaligen kinder. "wenn es jemand haette wuppen koennen", raunense, "dann er".

der meister.

und nun hat er nach 30 jahren im dienste des klassenfeindes die "gechichte" auf den kopf zu stellen massgeblich mitgeholfen. ein schelm im bilderberg-bademantel. aber das is ne andere gechichte...

ppq hat gesagt…

der war nur für dich. deine idee schließlich. danke!

Anonym hat gesagt…

Meine Lieblingsworthülse bleibt: " ... könnte (sic) anschlussfähig an rechtes Gedankengut sein ..." ---

Anonym hat gesagt…

Der Kohloß von Oggersheim sagte auch bei Gelegenheit: "Ich danke Ihnen für den Weg, den wir gehen dürfen ..." - Weiß kein Aas mehr. Oder?

Anonym hat gesagt…

Oder auch: "Niemals! Dann bomben sie uns wieder!" Wußte er mehr, als das profanum vulgus?

Der lachende Mann hat gesagt…

Das zu wissen ist kein Kunststück. Es ist eher bemerkenswert, es nicht zu wissen oder jedenfalls so zu tun, etwa in einem Gewerbe, in dem Lügen oder Vertuschen essentiell sind.