Sonntag, 22. März 2026

Jetzt, sofort ist das, unverzüglich: Erneuerbare Illusionen

Ewiggestrige mögen keine Windkraftanlagen in Waldgebieten. Um den Energieausstieg zu beschleunigen, darf es jedoch keine Tabus geben.

Sie sind überall in diesen Tagen der sich fortlaufend verschärfenden Energiekrise. Wo immer diskutiert wird, was der Staat gegen die von ihm federführend herbeiregierten Preise tun sollte, könnte oder dürfte, melden sich aus der zweiten Reihe die Verfechter einer großen Lösung.

Steuersenkung hin, CO2-Abgabe her, Übergewinnsteuer, alles zu wenig, zu falsch, ruft eine ganze Armee auf allen Kanälen. Es gehe um durchgreifende Veränderungen mit einer umfassenden Transformation wie sie Robert Habeck schon immer empfohlen habe. Billige Elektroautos. Massenhafte Batteriespeicher. Ausgebaute Netze. Dämmung. Ausbau des ÖPNV. Da hätte schon viel mehr passieren müssen, heißt es aus der Chefetage der Grünen, die sich mittlerweile glaubhaft vom übereilten Atomausstieg distanzieren, den die CDU unter Angela Merkel nach Fukushima durchgesetzt hatte.

Schräge Argumente für mehr Eile 

Vergossene Milch. Eine Rückkehr zur Kernkraft sei jedenfalls keine Lösung, so argumentiert eine virtuelle Bürgerbewegung, die in vielen Details an die großen Tage des letzten Bundestagswahlkampfes erinnert. Damals war es von der grünen Wahlkampfzentrale mit zentralen Losungen aufmunitionierten Botarmee beinahe gelungen, den "Bündniskanzler" Robert Habeck zum Regierungschef zu wünschen. Heute dient das Vorgehen dazu, die Misere der deutschen Energieversorgung  als Waffe gegen den politischen Gegner einzusetzen.

Benzinpreise explodieren demnach nicht wegen eines geringeren Ölangebots wegen des Iran-Kriegs, sondern weil die EU das Verbrennerverbot aufgehoben habe und die Union weiter auf Fossile setze. und . Ab Gas fehle es nicht, weil ein Großteil davon seit der Abschaltung der Kernkraftwerke verstromt werden muss, sondern weil Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche eine fossile Lobbyistin ist, die Robert Habeck Pläne zum Bau von Gaskraftwerken völlig falsch umsetze. 

Wäre nur Robert Habeck Kanzler 

Der Strompreis ist diesem Erklärmuster zufolge hoch, weil die Solarindustrie unter CDU-Regierungen abgewürgt wurde. Er ist gleichzeitig aber auch voll günstig verglichen mit Gas, so dass sich jede Wärmepumpe lohne. Er werde nach einer Vervierzigfachung seit Anfang der 80er Jahre jetzt zweifellos auch für immer stabil bleiben. Und wäre Robert Habeck Kanzler geworden, hätte alles sogar noch schneller und billiger geklappt. 

Keine Fake News ist zu falsch, um sie nicht in die Runde zu werden. Die Netzentgelte stiegen letztlich nur wegen des verschleppten Ausbaus unter Merkel und Altmaier. Die Industrieabwanderung sei keine Folge hoher Preise, sondern der anhaltenden fossilen Subventionen. Die Autoindustrie sterbe wegen fehlender staatlicher Anweisungen und weil China nur noch elektrisch fahre. Und sowieso: ohne ideologische Blockade wären längst 80 Prozent Erneuerbare im Energiemix erreicht. Rein rechnerisch wäre das, dazugesagt wird das niemals, eine Vervierfachung dessen, was heute tatsächlich an Windkraft- und Solaranagen in Deutschland existiert. 

Vorfahrtsregeln gegen die Realität 

Die Lehre für alle liegt auf der Hand: Gebraucht werde eine sofortige und aufs höchste Tempo beschleunigte Energiewende. Mit Vorfahrtsregeln für den Ausbau erneuerbarer Energieträger. Netzausbau ohne ideologische Scheuklappen. Solarturbo. Windwende. Jetzt muss das, sofort und unverzüglich, predigen die Anhänger der These, dass es allein eines Wollen bedarf, um zu können, was man sich so sehnlichst wünscht. 

Ökonomische und physikalische Fakten spielen dabei keine Rolle. Die politischen Hebel, die zur Umsetzung der Vision von der klimaneutralen Nation in Bewegung gesetzt werden sollten, sind auf einmal auch nicht mehr Bestandteil des Konzepts. Gerade noch galten hohe Preise für fossile Energie als überzeugendstes Argument, um Menschen für den Weg zur Klimaneutralität zu begeistern. 

Die Geister, die sie riefen 

Jetzt treten ausgerechnet die Politiker, für die immer weiter kletternde Kosten für Pendler, Urlauber, Mieter und Industrie zum festen Fahrplan Programm der kommenden Jahre gehörten, im Kostüm weitsichtiger Mahner auf. Genau vor diesen steigenden Preisen, die man selbst durch politische Weichenstellungen herbeigezaubert hat, habe man doch immer gewarnt. Automatisch folgt darauf meist die Forderung, Jetzt müsse es deshalb umso schneller gehen. Jetzt sei die Zeit gekommen, mit einer maximal beschleunigten Energiewende aufzuholen. 

Niemand vermag zu sagen, ob die Propagandisten der eigentlich ganz einfach möglichen Beschleunigung der Energiewende sich jemals mit Daten, Fakten und Kosten ihres Vorhabens  beschäftigt haben, das große Wendemanöver auf mindestens das drei-, besser noch das vierfache Tempo zu beschleunigen. Die Umstände sprechen gegen die erneurbare Illusion, die sich die Energeiwende wie einen Knopf vorstellt, auf den nur der Richtige drücken muss und schon sind Physik und Ökonomie kein Thema mehr. 

Langsam, gemächlich, unendlich zäh 

Selbst das noch von Robert Habeck persönlich entworfene Rückgrat der künftigen Energieversorgung, bestehend aus 30 bis 50 erdgasgetriebenen Kraftwerken, ist nach fünf Jahren noch nicht über das Stadium der Entwurfsplanung hinausgekommen. Im Moment rechnet das Wirtschaftsministerium immerhin mit der Möglichkeit, im Sommer mit der ersten Ausschreibung beginnen zu können. was danach kommt, ist nur allzu bekannt: Unendlich langsame Entscheidungs- und Genehmigungsverfahren. Klagen von unterlegenen Konkurrenten. Klagen von Bürgerinitiativen, Klagen von NGOs, die von solchen Prozessen leben. 

Alles dauert immer so lange, wie es dauert. Nach diesem Grundprinzip funktioniert die große Energiewende seit einem Vierteljahrhundert. In diesen 25 Jahren hat sie immerhin eine Vervierfachung der produzierten Menge von erneuerbarem Strom bewirkt. Doch selbst den Bedarf an Elektroenergie können Sonne, Wind und Biomasse bisher nicht annähernd decken. Gemessen am gesamten Energiebedarf liegt die Versorgung aus erneuerbaren Quellen unter 30 Prozent. 

Es dauert wenigstens 100 Jahre 

Diesen Erfolg hochgerechnet, würde wenigstens 100 Jahre brauchen, bis "Erneuerbare" (Ricarda Lang) auch nur eine annähernde Bedarfsdeckung garantieren könnten. Nicht berücksichtigt ist dabei ein steigender Bedarf, wie er sich durch die großen KI-Fabriken angekündigt, die die EU-Kommission nach langem Zögern und hinhaltendem Widerstand gegen künstliche Intelligenz nun doch erlauben will.

Gezielt nicht einberechnet werden zudem auch die 2,2 Millionen Tonnen Bitumen und die 35 Millionen Tonnen Zement, die in Deutschland Jahr für Jahr gebraucht werden. Es gibt nicht einmal einen groben Plan oder eine ungefähre Vision, wie sich diese Menge durch CO2-freie Baumaterialien ersetzen lassen könnte.  Hin und wieder heißt es, der Holzweg führe in die richtige Richtung: Bambus oder schnell wachsende Pappeln seien als Bauholz zumindest für Baracken durchaus tauglich. 

Schweigen über Zement und Bitumen 

Meist aber beschweigen die Prediger der beschleunigten Klimawende diesen Bereich einfach stur.  In ihrer Märchenwelt reicht es vollkommen, sämtliche 27 Millionen Gebäude in Deutschland mit einer Dämmschicht aus Polystyrol zu bekleben,  um einen großen Schritt nach vorn zu machen. Woher dieses Polystyrol kommen soll und woraus es hergestellt werden müsste, wenn Öl nicht mehr in Frage kommt, auch das ist ein blinder Fleck im großen Plan.

Fakt ist: Die Umsetzung aller Visionen wird viel teurer werden und viel, viel länger dauern als selbst die größten Pessimisten heute fürchten. Ob das Unternehmen überhaupt gelingt,  steht längst auch noch nicht fest. Denn so sehr sich die demokratischen Parteien der Mitte, die großen Medienhäuser und in der Folge auch eine deutliche Mehrheit der Bürger davon überzeugt zeigt, dass etwas getan werden muss - was genau, weiß niemand. Und noch viel weniger, wer es bezahlen soll.

Keiner kann das bezahlen 

Der Staat hat trotz rekordhoher Einnahmen jedenfalls kein Geld, mittlerweile ja nicht einmal mehr für seine früheren Kernaufgaben. Er trifft unglücklicherweise auf eine Bevölkerung, deren Vermögen zwar deutlich gewachsen sind. Deren Kaufkraft aber nahezu im selben Maße schrumpfte. Hinzu tritt der vielbeklagte demografische Faktor: Millionen von Eigenheimbesitzern könnten sich den Umstieg auf das große Klimapaket aus Dämmung, Wärmepumpe, Fußbodenheizung, Solaranlage und E-Auto durchaus leisten. Doch abgezinst auf ihre Restlebenszeit würde sie das viel mehr Geld kosten, als sie selbst optimistischsten Fall sparen würden. 

Fördermittel hin, Fördermittel her: Ein Ehepaar Ende 60, das unverzagt noch einmal einen Kredit in Höhe von 150.000 Euro aufnimmt, gesetzt den Fall, es findet sich eine Bank, die das mitmacht, müsste schon über seine durchschnittlich zu erwartende Lebenszeit hinaus gesund und kregel bleibe, um unterm Strich wenigstens noch ein paar Cent plus zu machen. 

Eiferer des eiligen Wandels


Was die Verfechter eines möglichst eiligen Wandels übersehen, ist ein wenig beachtetes Deatil. Steigen die Gaspreise, können private Betreiber einer Gasheizung einfach weniger heizen. Sie könnten das Heizen sogar vollkommen einstellen und notfalls bitterlich frieren, wenn das Geld nicht mehr reicht. Doch wer einmal auf Wärmepumpe und den gesamten Rest umgestiegen ist, der ist ausgeliefert. Egal, wie viel oder wenig er heizt, die Bank fordert immer ihre Raten.

Auch die Hoffnung, dass dieser letzte investive Kraftakt des Lebens wenigstens Werte für die Erben schafft, dürften vielen Regionen Deutschlands enttäuscht werden. In vielen ländlichen und ostdeutschen Regionen werden die Immobilienpreise in den kommenden Jahren mangels Nachfrage sinken. Hohe  Investitionen in Sanierung und Modernisierung erhöhen den Wertes eines Hauses damit nur vorübergehend. Und selbst wenn Herr und Frau Müller wirklich die 85, 86 oder 88 Jahre Lebensalter erreichen, wird ihre 150.000-Euro-Investition in klimaneutrales Wohnen am Tag ihres Ablebens so lange her sein, dass die nächste Sanierung ansteht. 

Ohne Fossile kein Deutschland 

Bei allen Rufe nach Eile und Beschleunigung ist klar: Für eine unabsehbar lange Übergangszeit ist hierzulande weiter ein Energiemix unabdingbar. Ohne Erdgas, Öl, Kohle und Atomkraft lässt sich Deutschland nicht betreiben, ganz gleich, ob die Preise für die "Fossilen" (Ricarda lang) gerade steil klettern, langsam sinken, hoch bleiben oder allmählich steigen. 

Der beeindruckende Erfolg, den Lieferanteil der Erneuerbare von sechs Prozent des Bruttostromverbrauchs im Jahr 2000 auf 56 Prozent im Jahr 2025 geschraubt zu haben, hat mehrere hundert Milliarden Euro gekostet. Und er wird sich weder wiederholen noch gar "beschleunigen" lassen. 

Hioerzulande stoßen Großprojekte an natürliche Grenzen. Planungs- und Genehmigungsverfahren dauern im Schnitt fünf bis sieben Jahre – von Raumordnung über Immissionsschutz bis zu Klagen. Bauzeiten für Infrastruktur mit obligatorischer Bürgerbeteiligung liegen bei mindestens zehn bis zwölf Jahren, inklusive Trassensicherung, Umweltprüfungen und Rechtsstreitigkeiten. Bis zur Inbetriebnahme vergehen weitere drei bis fünf Jahre Bau plus Inbetriebnahme. Selbst ein politisch priorisiertes Projekt, das heute startet, wird nicht ziemlicher Sicherheit vor dem Jahr 2035 fertig.

Sieben Billionen in 20 Jahren 

Und teuer sowieso. Aktuelle Studien beziffern die Gesamtsystemkosten einer Umstellung des gesamten Landes - ohne Bitumen- und Betonersatz - auf Klimaneutralität selbst mit einem Zeithorizont bis 2049 auf 3,4 bis 5,4 Billionen Euro (Aurora Energy Research, DIHK/Frontier Economics). Durch die Kreditkosten kämen noch einiges obendrauf, so dass in den nächsten 20 Jahren je nach Tilgungsmodell und Zinsentwicklung mit  4,5 bis 7 Billionen zu rechnen wäre. Das wäre das Dreifache dessen, was Deutschland an Verbindlichkeiten in den zurückliegenden 75 Jahren aufgetürmt hat.  

Eine schon aus Sicht der eingegangenen völkerrechtlichen Verträge unmögliche Last.Die einzige Alternative wäre eine Finanzierung aus dem Steueraufkommen. Ohne zusätzliche Schulden müsste der Staat die jährlichen Mehrinvestitionen von um die 150 bis 200 Milliarden Euro direkt aus seinen Einnahmen stemmen. Die liegen derzeit bei einer runden Billion Euro, müssten also um etwa 20 Prozent erhöht werden – quer durch Einkommen-, Umsatz-, Energie- und Unternehmenssteuern. 

Das entspräche einer Mehrbelastung von durchschnittlich 3.000 bis 4.000 Euro pro Haushalt und Jahr. Politisch kann das keine Partei durchsetzen. Volkswirtschaftlich wäre es der Todesstoß für den Binnenkonsum. Auch das wird also nicht passieren. Nicht langsam. Und schnell schon gar nicht.


5 Kommentare:

Die Anmerkung hat gesagt…

Der Beschützer - Wissen, das tötet
D 2025 Thriller

Nach einem Mord an einem Startup-Gründer soll ein BKA-Personenschützer dessen Bruder und Familie beschützen. Ihre revolutionäre Wasserstofftechnologie ist das Ziel ausländischer Agenten.

Ein brutaler Mord in einem Hamburger Energie-Startup setzt eine Kette von Ereignissen in Gang, die nicht nur Leben kosten kann – sondern auch globale Folgen haben könnte.

Anonym hat gesagt…

„… Der Strompreis ist diesem Erklärmuster zufolge hoch, weil die Solarindustrie unter CDU-Regierungen abgewürgt wurde. Er ist gleichzeitig aber auch voll günstig verglichen mit Gas, …“
Ich glaube man nennt das Schrödingers Strompreis. Er ist in einem Überlagerungszustand von steigend und fallend bis jemand guckt.

ppq hat gesagt…

ja, diese verfluchten preise. zum glück bleibt der günstigste strom dauerhaft billig

ppq hat gesagt…

klingt nach großer literatur

Die Anmerkung hat gesagt…

Nö, das war der Teasertext zum gestrigen Abendprogramm der ARD.

Wasserstoff als billigste Lösung aller Energieprobleme.

"Vor den Augen seines Bruders wird der Unternehmer Julian Raabe von einem Killerkommando erschossen. Der Grund ist brisant: Geheime Forschungsergebnisse, die Wasserstoff als Energieträger revolutionieren könnten. Ein Durchbruch, der nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch enorme Sprengkraft besitzt."