Dienstag, 16. Juni 2026

Im nationalen Rausch: Heimattreue deutsche Linke

Die Linkspartei, gerade noch eine konsequent internationalistische Kraft, möchte den Rechten jetzt den Begriff "Heimat" entreißen.  

Der große Aufschwung, er ist schon seit Monaten wieder vorüber. Was mit dem famosen Auftritt der Merseburger Influencerin Heidi Reichinnek begann, die den Hitleristen der Welt wie ein moderner Otto Wels das Nein der Antifaschisten zu Friedrich Merz' Ermächtigungsgesetz entgegen schmetterte, endete in den Mühen der üblichen Ebenen. 

Vom Totenbett gesprungen und mit 8,8  Prozent zur eigenen Überraschung doch wieder in den Bundestag eingezogen, liegt die Linkspartei seit Monaten wie festgeschnallt bei Umfragewerten um die elf Prozent.  

Trend zur Agonie 

Der Aufschwung ist vorbei. Der Trend geht zur Agonie. Besorgniserregend für die vom BSW abgespaltene frühere SED, dass selbst in den einstigen Hochburgen keine Wechselstimmung zu spüren ist. Die Linke, in der deutschen Geschichte die Partei, die unter den meisten verschiedenen Namen bei überregionalen Wahlen angetreten ist, kämpft gegen die Rückkehr des Bedeutungsschwundes, den sie mit Hilfe von Reichinneks Wutrede gegen den Faschismus so glücklich überwunden hatte. 

Die Partei steht in Umfragen heute ein Prozent schlechter da als im revolutionären März vor einem Jahr, als die Angst vor einer neuen Machtergreifung der Nazis mit Hilfe von Friedrich Merz zu den größten Massendemonstrationen der Nachkriegszeit geführt hatte. In den Schicksalsgebieten im Osten, in denen in wenigen Wochen gewählt werden wird, sind die Werte nicht besser als 2023. 

Und deutlich schlechter als noch vor fünf Jahren. Über der Partei, die sich nach dem Abgang der glücklosen Führung aus Janine Wissler und Martin Schirdewan eine Wende zu Klassenkampf und Reichenhass verordnet hatte, schwebte wieder der Schatten des drohenden Untergangs

 Der Nimbus der "Kümmererpartei"

Doch wenn es sein muss, ist die deutsche Linke natürlich bereit, ihre Grundüberzeugungen jederzeit hinter sich zu lassen. Damals, noch als "Partei des Demokratischen Sozialismus", hatte die Organisation sich nach dem Ende der von ihr in den Abgrund geführten DDR den Nimbus einer "Kümmererpartei" (Der Spiegel) erschlichen. Die Schuld an allem Elend, an Armut und Benachteiligung, das 40 Jahre SED-Herrschaft verursacht hatten, schoben lustige Ost-Funktionäre wie Gregor Gysi und gelenkige West-Importe wie Bodo Ramelow dem Klassenfeind in die Schuhe. 

Auf den Kapitalismus antworteten die Funktionäre mit Internationalismus, Sozialismus und Paternalismus. Der Name war immer mal neu, doch das Versprechen blieb. Wer sich der Linkspartei anvertraute, nach dem Zusammenschluss mit der von Oskar Lafontaine gegründeten "Wahlalternative" für Deutschland die vorerst letzte Häutung der SED, muss sich selbst nicht mehr kümmern. Die Partei wird ihn füttern und anleiten, ihm Fürsorge zukommen lassen und das eigene Denken und Entscheiden abnehmen.

Probleme mit der Zeitenwende 

Das Problem ist die Zeitenwende, die sich nach den zwei bleiernen Jahrzehnten unter Merkel und Scholz in einer Sehnsucht nach weniger Staat, weniger Bevormundung und mehr Freiheit äußert. Um die besten Plätze hinter der Ladentheke ist ein heftiges Gerangel ausgebrochen.

Die Union beruft sich plötzlich wieder auf ihren eigentlich verfemten Ex-Vorsitzenden Helmut Kohl und dessen Grundsatzprogramms "Freiheit in Verantwortung" und sehnt sich nach einem Europa, das ein "Raum der Freiheit sein" müsse. 

Die deutsche Sozialdemokratie, ein Verband, der seit 1933 vor allem von einem tiefen Misstrauen allen gewöhnlichen Leuten gegenüber zusammengehalten wird, sorgt sich vor "Eingriffen in die Freiheit". Und die Grünen arbeiten hart daran, Freiheit so zu interpretieren, dass auch die von ihnen präferierte Art Unfreiheit darunterfällt.

Enge auf der linken Seite 

Es wird eng auf der linken Seite. Für die Linke ist das nur ein Jahr nach der unerwarteten Rettung vor dem Verschwinden in der Bedeutungslosigkeit eine bedrohliche Situation. In welcher Nische kann eine Partei Wähler finden, wenn auch alle anderen Parteien aufgeregt mit dem Liberalismus flirten? 

Wenn der aus historischer Erfahrung heraus präferierte Kollektivismus auf deutlich weniger Menschen anziehend wird? Und es an Reichen und Überreichen ist genügender Anzahl fehlt, um glaubhaft versprechen zu können, dass noch mehr Umverteilung schließlich doch zu umfassender Gerechtigkeit führen wird? Der Reichenhass und die Zusicherung, der nächste Sozialismus werde der richtige sein, 

Die Linkspartei in Sachsen-Anhalt, die angesichts der desaströsen Umfragewerte von CDU, SPD und Grünen vor einer Rückkehr zu ihrer früheren Funktion als alles entscheidendes Schräubchen im Machtgetriebe steht, hat sich entschieden. Statt grüner und weltoffener sein zu wollen als die Grünen, sozialer und gerechter als die SPD, antikapitalistischer und pazifistischer als die AfD und beim Thema innere Sicherheit noch vielversprechender als die CDU, setzt die linke Fraktionsvorsitzende Eva von Angern auf einen Appell an dumpfe, atavistische Urgefühle. 

Schlüsselbegriff der Wahlkampagne 

"Heimat" haben die Wahlkampfplaner der gelernten Rechtsanwältin als Schlüsselbegriff  in die Kampagne geschrieben, die der Spitzenkandidatin eine Fortsetzung ihrer seit 2002 währenden Parlamentskarriere ermöglichen soll. Ausgerechnet "Heimat". Dabei ist das "Schlagwort einer Internationale der Engstirnigen und Vorurteilsbeladenen", so hatte der aus Ostdeutschland stammende  geurteilt, ist "kein politisch unschuldiger Begriff".

"Heimat", das "sind nicht nur die Städte und Dörfer", wie es in einem in der DDR-Diktatur vielgesungenen Kinderlied heißt. "Heimat", das ist auch der Missbrauch durch den "rechten Rand" (Schreiber). Das ist "der zentrale begriffliche Baustein der nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Ideologie". "Heimat", das ist ein Wort mit bedrohlichem Klang, denn es schließt andere aus. 

Angst und Furcht 

"Heimat", so war es über Jahre gesellschaftlicher Konsens, macht Angst, es verbreitet Furcht. Wird das Wort ausgesprochen, provoziert es Abwehrreaktionen. In ist, wer drin ist. Alle anderen bekommen Gänsehaut bis Schüttelfrost. Brechreiz und Fluchtreflexe stellen sich ein, wenn die sechs Buchstaben in dieser Reihenfolge miteinander kombiniert wurden. "Heimat" war der fürchterlichste, weil verharmloste Faschismus. Eine besonders brutale, hinterlistige Form von Gewalt. Nicht von ungefähr beginnt das Wort mit H wie Hitler, Himmler und Heydrich. 

Die Analyse zeigt: "Heimat" ist ein deutscher und ein nur deutscher Begriff. Im Englischen, einer globalen Sprache, gibt es nur "home" und "homeland", das Heim und das - korrekt übersetzt - Land des Heims. Das Japanische kennt "Futusato", den Heimatort. Das Niederländische berichtet vom "Thuisland", das "Zu-Hause-Land" heißt. Im Rumänischen ist es das "Tară de origine", der Platz der Herkunft, und im Finnischen ist es der Kotikaupunki, der Heimort. 

Keine Sprache besitzt etwas Vergleichbares wie die deutsche "Heimat", dieses trutzige, garstige Wort, das dem Germanischen "Hämatli" entwuchs. Dessen Wurzel wurde aus dem Indogermanischen "kei" für "Liegen" importiert, das vor langer Zeit eine Ehe mit dem germanischen "ôþala" für "Erbbesitz" schloss. 

Wohnrecht mit Schlafstelle 

Das Wohnrecht mit Schlafstelle in einem Haus und das darin Liegendürfen wurden ein romantisches Paar. Allerdings eins in Stiefeln, so hieß es über Jahre. "Heimat" durften die nutzten, die nach einer neuen suchten. Die eine hatten, wurden von der Bundeskanzlerin Angela Merkel hingegen zu Menschen erklärt, "die schon länger hier leben". 

Den Betroffenen war es erlaubt, Europa zur eigenen Heimat zu erklären. Deutschland als Heimat aber war etwas für Hütchenträger aus Sachsen, für fahnenschwenkende Fußballfans und vertierte Fremdenfeinde. Angela Merkel war erfolgreich, obwohl sie die nationalen Symbole unauffällig immer weiter an den Rand schob. Ihr gelang das Kunststück, sich als Kanzlerin einer Nation beliebt zu machen, die keine mehr sein wollte.

Verdächtige Wortwahl

Wer das Wort in den Mund nahm, war verdächtig. Wer es mit Inbrunst aussprach, musste sich mit der Frage auseinandersetzen, was dahitlersteckt. Unsere Demokratie hatte sich von der von den Vätern geprägten Definition von Heimat abgewandt, das 99 Prozent der Weltbevölkerung für heimatlos erklärte. "Hämatli", das Anrecht auf Teilhabe am Gemeinschaftseigentum, sollte jeder haben, schon lange hier oder eben hereingeschneit. Wurzeln zu haben, Nationalfarben und -hymnen, Staatsbürgerschaften und Personalausweise, das war gut. So lange es nicht bäckermützenweiße Patrioten mit nur einem einzigen deutschen Pass betraf. 

Eine neue Heimat

Die Linke in Sachsen-Anhalt will damit nun Schluss machen. Die Partei, die gute Aussichten hat, ab Herbst auf eine verschwiemelte, halboffizielle Art wieder Teil einer Landesregierung in Magdeburg  zu werden, zieht mit "Heimat" auf der roten Fahne in den Wahlkampf. 

Angelehnt an einen Werbespruch des Mikrowellenimperiums Frosta heißt der Slogan, der den "roten Faden" (Tagesspiegel) der Kampagne bilden soll, "Heimat ist für alle da". Man wolle, so hat Eva von Angern die Abkehr vom Internationalismus und den Rückfall in eine regressive "Eigene-Scholle"-Ideologie begründet, den Begriff Heimat keiner "rechtsextremen Partei" überlassen.

Die Aneignung der Heimat 

Es ist eine taktische Entscheidung, keine Schlussfolgerung aus einer Abrechnung mit der eigenen Ideologie. Die Linke reagiert mit dem Versuch der Aneignung der Heimat, die sie nach dem Ende der DDR zugunsten eines Traums von einer globalen Menschengemeinschaft aufgegeben hatte, auf die Erfolge, die die in Teilen immer noch als "gesichert rechtsextremistisch" eingestufte AfD mit ihrer ausgestellten Heimatliebe feiert. 

Wenn Höcke Schwalbe fährt, ist das eigentlich ein Fall dreister kultureller Aneignung - doch die Fankurve liebt es. Wenn AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund in der Heimat Hof hält, fliegen ihm die Herzen seiner Fankurve zu. Die Rechte will sich das "Land zurückholen". Die Linke schickt sich an, die Heimat zurückzuerobern. Die Strategie ist angelehnt an die am anderen Ende des politischen Spektrums. Dort war das von innerer Überzeugung getriebene Bekenntnis zur Heimat, zum Volk und zum Vaterland – drei Begriffen aus dem Giftschrank - Basis der Beteuerung, man lasse sich nicht verbieten, was man noch sagen dürfe.

Trend zu Schwarz-Rot-Gold

Schon im Wahlkampf vor der letzten Bundestagswahl war der Trend zur Rückkehr von Schwarz, Rot und Gold nicht zu übersehen. Von SPD über CDU bis zu den Grünen und der AfD kam kein Wahlkämpfer ohne Bilder aus, die ihn vor den Nationalfarben zeigten. Zur Heim-EM der Fußballspieler startete nicht einmal mehr die Linksjugend einen Wettbewerb darum, wer die meisten Autofähnchen abreißt.  

Schleichend war im Land, das sich an der Frage spaltet, ob es zu viele oder noch lange nicht genug Fremde aufgenommen hat, das Bekenntnis zur Vielfalt in die unwillkürliche Sehnsucht nach etwas Eigenem umgeschlagen. Menschen verlangten nach einer "Heimat", die nicht nur aus einer Nationalmannschaft in den Farben Preußens besteht.

Vergeschwendete Millionen 

Vergebens waren Millionen Euro ausgegeben worden, die helfen sollten, dem Volk zu erklären, dass erst der Wegfall des Vaterlandes für Wohlstand und Frieden sorgen kann. Vergebens verpulvert waren alle Anstrengungen, das blaue EU-Europa als Ersatz in die Herzen zu pflanzen.  

Die Linke hat das lange ignoriert und - neben den Grünen - festgehalten am "Nie wieder Deutschland!". Erst jetzt schaltet auch sie auf völkisch um - aufgeschreckt vom Erfolg der jüngsten Bundestagspartei.  Das Sprechen über Heimat erklärt sie jetzt zum Symptom für kollektive Entwurzelungsgefühle, nicht für kollektive Entwurzelung. Es gehe nur um den vermeintlichen Verlust kultureller und regionaler Identitäten, einen Irrtum, der nun nicht mehr als Fantom wegerklärt, sondern mit Nachsicht behandelt werden soll.

Alles soll allen gehören 

Eva von Angern verzichtet bei ihrer Rückkehr zum Nationalismus auf  die Nationalfarben. Rot ersetzt alle drei. Der Slogan "Heimat ist für alle" wird zur Parole, die die zersplitterte Großmacht Deutschland nach außen hin wieder zu einem Land macht, das jemandem gehört. Die Nation aber zugleich nicht nur für Franken, Bajuwaren, Sachsen, Preußen und Schwaben öffnet, sondern für die ganze Welt. 

Das antimoderne Wort "Heimat" verliert so seinen rechtsextremen Gehalt. Es wird vom Begriff für einen Ort der rückwärtsgewandten Sehnsucht" zu einem harmlosen weltuzugewandten Code wie das Luxemburgische "doheem", das Rumänische "Acasa", das Kroatische "Dom" oder das Hawaiianische "i ka hale". Es ist auf von Angens Plakaten unverdächtig, denn es hat Auschwitz und Hitler und den 2. noch den 1. Weltkrieg ausgeschwitzt und in ein ungiftiges Wort verwandelt wie das nie verpönt gewesene "Bevölkerung" und den "Verfassungspatriotismus". 

Heute hier, morgen dort 

"Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort", hat der kommunistische Liedermacher Hannes Wader einst das Loblied auf die Tumbleweed-Welt der Entwurzelten besungen. Der Wind weht, der Mensch kommt und geht, er hat "keine Heimat" (Annette Humpe) außer der, wo sein Herz ist.


1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Wenn die Leute aus der Geschichte lernen würden, könnten sie an den Jahren Ramelows als Ministerpräsident sehen, dass es keine Unterschied zu irgendeiner anderen Altpartei gibt und bloß der gleiche Beschiss, den alle machen, in ein paar Klassenkämpferphrasen verpackt wird.