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| Die neue Bundesbaugesellschaft soll den Namen "Bundesgesellschaft für bezahlbaren Wohnungsbau" tragen und als großer Kombinatsbetrieb mit regionalen Billigbaubetrieben organisiert sein. |
Sie hatten das Klo auf halber Treppe, teilten die Küche mit einem Untermieter, rückten zusammen in einem kalten Krieg, sehnten sich aber nicht weniger als die sowjetischen Genossen nach einem Auszug aus der Kommunalka und einem Einzug in eigene vier Wände. Die Führer des sozialistischen Aufbaus hofften lange auf Einsicht der Untertanen. Die Errichtung des Kommunismus war weit wichtiger als die augenblicklichen Wohnverhältnisse der Arbeitskräfte.
Keine fabelhafte Zukunft
Doch die fabelhafte Zukunft stellte sich nicht ein. Und das Versprechen, dass man bald so leben werde, wie man heute arbeite, zog nicht mehr. Die Menschen begannen zu arbeiten, als wünschten sie, bald gar nicht mehr zu leben. Erich Honecker, in seiner Jugend Dachdecker und auch im höheren Alter ein Mann mit festen sozialen Grundsätzen, ahnte mehr als dass er wusste, dass er und seine Partei den Untertanen möglichst bald mehr bieten mussten als Armut und Mühe und Durchhalteparolen.
Nur wenige Tage nach der Machtergreifung Honeckers im Juli 1971 beschloss der VIII. Parteitag der SED deshaln ein umfangreiches sozialpolitisches Programm. Inmitten von allerlei Erleichterungen: Ein Wohnungsbauprogramm, das "die Wohnungsfrage als soziales Problem" bis zum Jahr 1990 lösen sollte.
Lösen statt beantworten
Die Sprachregelung stammte hörbar aus dem VEB Geschwätz, Vorgänger der heutigen Bundesworthülsenfabrik (BWHF). Im normalen Sprachgebrauch werden Fragen beantwortet, nicht "gelöst". Doch der Coup gelang: Aus dem "bisherigen Aufbauwerk nach dem Krieg", in dem der SED zufolge "große Leistungen erbracht" worden waren, wurde eine Erweiterung, die für die kleine DDR etwas ähnliches war wie der Bau der Pyramiden für das Pharaonenreich.
Bis 1990 waren nur zwei Jahrzehnte Zeit. Doch das ist eine Zeitspanne, an der sich später auch andere große Zukunftsgestalter einer Beispiel nehmen würden. Der deutsche Energieausstieg etwa startete mit der Ratifizierung der Klimaverträge von Paris im Jahr 2019 in seine heiße Phase, auch er ist mit dem Zieldatum 2040 auf eine Laufzeit von zwei Jahrzehnten ausgelegt.
Ein Zeitziel für die Untertanen
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| Auch Umsiedlungen kommen infrage. |
Ähnlich engagiert wie die deutsche Poltik heute gingen die Revolutionsführer des kleineren Deutschland an ihre Aufgaben. Das bisherige Tempo habe nicht ausgereicht, hatte man sich zuvor ins Stammbuch geschrieben. Jetzt müsse man der Gesamtbevölkerung "ein Zeitziel bieten, an dem für alle bessere Wohnverhältnisse geschaffen sein würden".
Nötig war dazu eine gewaltige Transformation: Um Wohnungen mit "industrielle Technologien" (SED) in "Plattenbauweise" bauen zu können, brauchte es mehr Kiesgruben, Zementwerke, Plattenfabriken, Lastkraftwagen, Bagger, Krane, Architekten, Ingenieure und Bauarbeiter als es in der DDR gab. Vor dem Bau von Wohnungen stand also der Bau von Produktionsanlagen, die eine viel höhere Bauleistung erlauben würden.
Mehr als alle Sondervermögen
Aber gesagt ist gesagt und versprochen ist versprochen. Das Ziel war gigantisch und der Einsatz, da waren die Genossen sicher, würde sich lohnen. Die SED-Führung wollte die Wohnverhältnisse von mehr als der Hälfte ihrer Bürger verbessern und dazu drei Millionen Wohnungen neu bauen. Verglichen mit heutigen Investitionen erscheinen die 200 Milliarden Mark der DDR, die dafür aufgewandt werden sollten, recht bescheiden. Umgerechnet zu DDR-Preisen aber waren das vier Billionen Brötchen. Heute gäbe es für alle versammelten Sondervermögen nur knappe drei Billionen.
Eine titanische Aufgabae mit astronomischen Ausgaben also für ein Land, das allein von der wagen Hoffnung lebte, eines Tages müsse alles beser werden, weil ja nun alles so lange mehr recht als schlecht gelaufen sei. Und wie gut würde es werden!
Der Sozialismus baut einfach
Junge Eheleute würden endlich zusammenziehen können und dem Staat unweigerlich viele stramme Rekruten schenken. Wildfremde müssten nicht mehr zusammen in Teilwohnungen mit gemeinsmem Klo hausen. Sogar Geschiedene könnten einander wirklich verlassen. Wie würde das die stimmung heben und wie viel frische Zuversicht würde plötzlich aufkommen, weil jeder sehen konnte: Der Kapitalismus konnte diese Wohnungen nicht bauen. Aber der Sozialismus, der baut sie einfach.
Das schließlich 1973 beschlossene Wohnungsbauprogramm mag Vorbild gewesen sein für Lars Klingbeils aktuelle Idee, eine "Bundesgesellschaft für bezahlbaren Wohnungsbau" (BBBW) zu gründen. Seit den Tagen der letzten, damals noch großen Großen Koalition schon hinkt jeder Bundesregierung ihren selbstgesteckten Zielen beim Bau hinterher.
Versagen von epischer Peinlichkeit
Die Namen der Bundesbauministerinnen sind Legion, ihre Absichten waren stets edel, ihr Versagen von epischer Peinlichkeit. Bis zum Jahr 2021 hatten Union und SPD bis zu "vier Milliarden Euro zusätzlich in die Hand nehmen, um mehr billigen Wohnraum schaffen zu lassen", wie es 2018 hieß. Aus den peinlichen 275.000 ferriggestellten Wohungen des Jahres 2016 wurden dennoch nur knapp über 300.000 . Und von da an gings bergab, wie die große Hildegard Knef lange vorher geahnt hatte.
Die akute Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen heißt Verena Hubertz, sie ist Sozialdemokratin, doch der SPD-Vorsitzende traut ihr nicht. Ein konkretes Neubauziel hat die frühere Entwicklerin einer Koch-App nie nennen wollen. Ihr "Bau-Turbo" (BWHF) hat bisher nichts erreicht: Den 2024 fertiggestellten 251.000 Wohnungen standen 2025 nur noch 238.500 erteilte Baugenehmigungen gegenüber.
Die ersten Zahlen von 2026 sehen besser aus, aber nicht gut. Der Januar brachte 8,4 Prozent mehr Anträge. Übers Jahr gerechnet käme am Ende das Ergebnis des Jammerjahres 2016 heraus, geplante Kostensenkungen, Verdichtungen und die Rückkehr zur seriellen Plattenbauweise hin oder her.
Klingbeil im Überlebenskampf
Wohnungsbau wird also Chefsache. Lars Klingbeil, mangels personeller Alternativen in seiner Partei zwar auch nach den letzten krachenden Wahlniederlagen nur ganz kurz unter Druck, braucht dringend eine Erfolgserlebnis. Die bundeseigene Wohnungsbaugesellschaft soll keine richtige Baugesellschaft werden, mit Baggern, Bauarbeitern und Bauleitern. Sondern eine neue Verwaltungsebene, die keine Behörde ist, aber wie eine Behörde mit "schlanker Organisationsstruktur" (Klingbeil) Wohnungsbauprojekte entwickelt, öffentlich ausschreibt und mit preiswerten Krediten - mumaßlich ausgereicht von der Kreditanstalt für Immerwiederaufbau - finanziert.
"Die beauftragten Baufirmen liefern die Wohnungen", so heißt es in einem Papier aus dem Finanziministerium, das die obere Verwaltungsebene für das neue Wohnungsbauprogramm skizziert. Die reinen Baukosten sollen nach Klingbeils Vorstellungen auf unter 3.000 Euro je Quadratmeter gedrückt werden, welche Vorstellungen das genau sind, hat der Minister noch nicht verraten. Allerdings kollidiert die Klingbeil-Vorgabe mit dem Hubertz-Versprechen, der Bau-Turbo werde sozialverträgliche Mieten von höchstens 15 Euro ermöglichen.
Die Rechnung geht nicht auf
Bei einem Zinssatz von vier Prozent, zwei Prozent pro Jahr - also 50 Jahre Tilgungszeitraum und 2,50 für Nebenkosten des Vermieters wie Verwaltung, Instandhaltungsrücklage und Versicherung geht diese Klingbeil-Rechnung nicht auf. Doch der Mann ist ja auch nur Finanzminister. Vom Wohnungsbau versteht er nicht mehr als Erich Honecker: Würde es endlich genügend Wohnungen für alle geben, wäre das eine bessere Brandmauer als jeder Blutschwur, man werde niemals nie kein Wort mit den Feinden von allem wechseln.
Kombinat Neue Heimat
Das "Kombinat Neue Heimat", wie spitze Zungen im politischen Berlin den kommenden Wohnungsbaugiganten in Anspielung auf die legendäre Gemeinnützige Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft des Deutschen Gewerkschaftsbunden nennen, wird in großem Umfang neue Wohnhäuser entstehen lassen. Wie von Zauberhand werden sie in schneller Plattenbauweise, in Großstadtbrachen, vielleicht auch wieder auf Supermarktdächer aus dem Boden wachsen.
Eine alte Idee zwar, an der schon Klara Geywitz gescheitert war. Aber Verena Hubertz hat auch sie jüngst belebt. Geht es nach den Plänen, die der Finanzminister auf bewährte Weise an Medien durchstechen ließ, wird das VEB Kombinat Neue Heimat planen und finanzieren, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben hingegen soll die zur Errichtung neuer Plattenbau-Siedlungen benötigten öffentlichen Grundstücke "bereitstellen" (Spiegel).
Randlage mit fließend warmem Wasser
Die so entstehenden Wohnungen am Rand der bestehenden Städte waren in der DDR mangels Alternative sehr begehrt. Anders als in den überwiegend unsanierten Altbauten gab es hier ein Bad, fließend warmes Wasser und eine Fernheizung. Die Küchen waren klein, aber dafür so geschnitten, dass Herd und Spüle jeweils an identischer Stelle neben der praktischen Durchreiche aufgestellt werden konnten.
Hier kommt Hubertz' Bau-Turbo segensreich ins Spiel. Dank des im Oktober vom Bundestag verabschiedeten Gesetzes gelten eine ganze Reihe von gesetzlichen Vorschriften befristet bis 2030 nicht mehr. Kommunen können Wohnungsbauvorhaben genehmigen, auch wenn sie nicht den bestehenden Bebauungsplänen entsprechen. Abstände zwischen bestehenden Häusern müssen nicht mehr beachtet werden. Wo es freie Flächen gibt, darf zwischen zwei Häuser ein weiteres gequetscht werden.
Attraktiv für Junge und sozial Schwache
Gedacht ist an standardisierte Bauten aus vorgefertigten Teilen, aus denen auch die zu den neuen Siedlungen gehörenden Kinderkrippen und Kindergärten, Spielplätze, Supermärkte und Problemjugendtreffs errichtet werden sollen. Das werde die neuen Wohnungen besonders attraktiv für junge Familien machen, die gerade in den Metropolen oft unter der ungerechten Verteilung von Wohnraum leiden.
Die alten Villen und großen Innenstadtwohnungen mit den günstigen Mieten werden von Älteren aus der Boomer-Generation blockiert. Nachwachsende müssen in WGs genannten Teilwohnungen vegetieren und auf eine biologische Lösung der Wohnungsfrage als soziales Problem warten. Mit der BBBW geht Lars Klingbeil diese zentrale Gerechtigkeitsfrage an: Die neuen Klingbeil-Wohnungen werden nicht nur vielen ein Dach über dem Kopf bieten, sondern der Gesellschaft auch bei der Verwirklichung der Gleichheit aller Menschen helfen.
Ein missglücktes Experiment
Im ersten Anlauf, damals in der DDR, war das nicht geglückt. Als es zu Ende ging mit dem größten Sozialismusexperiment auf deutschem Boden hatte die DDR-Planwirtschaft zwar wirklich zweieinhalb Millionen Plattenbauwohnungen aus dem Boden gestampft. Trotzdem fehlte es an Wohnraum und junge Leute, die zu Hause ausziehen wollten, mussten illegal in halbzerfallene Ruinen einziehen. Kurz vor dem Zieldatum der "Lösung der sozialen frage" wurden immer noch zwei Drittel der Wohnungen in der DDR mit mit Kohleöfen beheizt. Ein Viertel hatte keine Innentoilette. 18 Prozent hatten kein Bad.
Die zentrale Planung und Leitung hatte auf allen Ebenen versagt. Erst private Investitionen retteten den verbliebenen Bestand und sorgten - gemeinsam mit der enormen Abwanderung - für ein Ende der Wohnungsnot im Osten. Mit dem Ausbau von Bürokratie und Vorschriftenwesen, immer mehr Bau-, Sicherheits- und Klimaauflagen und mit steigenden Zinsen rechnete sich das Bauen dann nicht mehr. Kaum ein Mieter kann Neubaumieten von 15, 18 oder 25 Euro pro Quadratmeter bezahlen.
Statt dort anzusetzen, will Lars Klingbeil versuchen, billiger zu bauen.



1 Kommentar:
Ich bin vor allem von den Entwicklern der Worthülse 'Gamechanger' beeindruckt. Die kam irgendwann über den Antlantik und hat es aus der Kosmetikwerbung nun in die Bundespolitik geschafft.
Vielleicht kein Jahressieger, aber sicher Top 5 in der Worthülsenwertung.
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