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| Heike Anton und ihr Sohn: Wichtigster Mitarbeiter des kleinen Handwerksbetriebs ist eine Jura-KI. |
Der Monteur steht vor der Tür. Der Zählerkasten summt. Und wenn einer sich nicht scheut, das Ohr ganz fest ans Türblatt zu drücken, hört er mit Sicherheit das leise Ticken der Steueruhr von drinnen. Heike Anton kennt das.
"Diese Typen sind immer da", sagt sie mit fest zusammengepressten Lippen, "aber sie hocken hinterm Schreibtisch und lachen sich kaputt über uns." Über die doofe Handwerkerin, die draußen steht und nach ihrer Steuererstattung fragten will. Die wütend mit dem letzten Mahnbescheid des Finanzamts wedelt. Und die am Ende auch heute wieder ohne klares Signal nach Hause fährt – außerhalb der Sprechzeiten wird niemand empfangen.
Aber irgendwann sei es eben genug, sagt Heike Anton. Sie wisse schon, dass Demonstrativhandlungen gar keinen Sinn haben. Aber irgendwann könne man einfach nicht mehr die Luft anhalten. Irgendwann werde der Druck so groß, "dass ich am liebsten platzen würde, nur damit das aufhört".
Mit höchsten Erwartungen
Jetzt war es wieder so weit, als die vorab mit höchsten Erwartungen aufgeladenen Koalitionsrunde wieder im Offenen erschien und nur eine gute Nachricht zu verkünden hatte. Dass sie demnächst einen Zeitplan schmieden werde. Und dann gehe es los. "Tagesschau"-Reporter blätterten eifrig durch den Kalender. Acht Wochen bis zur Sommerpause, rechneten sie vor. Danach noch einmal acht bis zu den Landtagswahlen im Osten.
Keine vier Monate mehr, um zu vollenden, was in den ersten zwölf nicht gelungen ist. Für die 52-Jährige ein Ding der Unmöglichkeit. Heike Anton sitzt am Küchentisch, blättert mit ölverschmierten Händen in Papieren und jeder Satz ist ein Zähneknirschen. Von wegen Energiewende als Jobmotor. Von wegen Zukunft durch Wärmepumpen und Solar. Vertröstet, verunsichert, verreguliert, zischt Heike Anton. "Nichts sonst."
Kein goldener Boden mehr
Der goldene Boden, den das Elektrohandwerk einst hatte, ist zum dünnen Eis geworden über einem Bürokratie-Becken. Da sind die Großhändler und Importeure, die bei Lieferengpässen Konditionen diktieren, „an denen ein kleiner Betrieb nur kaputtgehen kann“. Da sind die ständig steigenden Preise, die man nicht eins zu eins an die Auftraggeber weitergeben kann, weil die Kunden sonst abspringen. Und da sind die immer neuen Auflagen – EU-Berichtspflichten, Nachhaltigkeitsnachweise, Lieferkettendokumentationen –, "die selbst große Hersteller kaum noch überschauen".
Heike Anton hat alles erlebt in den letzten 30 Jahren. Mahnungen vom Finanzamt, obwohl man schon zu viel gezahlt hat. Vorauszahlungen, die das Konto leer saugen, während die Erstattung monatelang auf sich warten lässt. Geänderte Förderrichtlinien für Wärmepumpen, mal wieder. Neue Geräuschgrenzwerte, neue Effizienzklassen, neue Antragsfristen. "Verrückt könnte man werden dabei, völlig verrückt."
Bis es zu Ende ist
Aber die gelernte Kauffrau, gemeinsam mit Sohn Michael eher durch Zufall tief in die Energiewende gerutscht, hat sich bis heute nicht daran gewöhnen können, "dass das so läuft". Immer nur schlucken, immer nur hinterherjagen? Bis es irgendwann zu Ende ist, weil "mehr Arbeit plus mehr Bürokratie nun mal kein Plus" ergebe, wie sie witzelt? "Ich sage ganz ehrlich, so ein Typ bin ich nicht." Heike Anton will lieber "den Mund aufmachen, als still vor mich hin zu sterben".
Das Problem, das auch das ihres Sohnes Michael ist, der 32 ist, Elektroinstallateur gelernt hat und in Mutters Firma einstieg, als Vater gestorben war. "Wir arbeiten für die Energiewende, und am Ende bleibt nichts übrig außer Aktenbergen", sagt der Junior. Früher hatte Michael Anton in guten Zeiten mehrere feste Mitarbeiter und Lehrlinge.
Die wilden Volten der Energiepolitik
Als die Volten der Förderpolitik immer wilder wurden – mal hohe Zuschüsse für Wärmepumpen, dann plötzlich neue Lärmgrenzwerte, dann wieder geänderte Effizienzanforderungen –, hat Heike Anton keine fünf Minuten überlegt. Hier ist er, der Kampf, hier kommt die Gelegenheit! „Nichts wie hin an die Öffentlichkeit, dachte ich bloß“, erzählt sie heute, ein ganzes Jahr danach und keine Sekunde bewegungslos auf ihrem Küchenstuhl.
Im Büro der kleinen Firma in Sachsen-Anhalt läuft seit Jahren dieselbe Routine. Morgens die Aufträge jagen – Wärmepumpen einbauen, Solaranlagen montieren, Elektroarbeiten erledigen. Nachmittags und abends die "richtige Arbeit", wie Heike Anton es nennt.
Das dünne Eis der grünen Hoffnung
Der goldene Boden, den das Elektrohandwerk einst hatte, ist zum dünnen Eis geworden über einem Haifischbecken aus Bürokratie und politischer Willkür. Da sind die Importeure und Großhändler, die schon bei der Bestellung Preise diktieren, "die sich über Nacht ändern können". Da sind die Bauteile, die wochenlang nicht lieferbar sind, während Michael, ihr Sohn, draußen auf der Baustelle steht und den Kunden erklären muss, warum die Anlage noch immer nicht läuft. Und da sind die steigenden Preise für Rohstoffe und Logistik, die sie nicht an die Auftraggeber weitergeben können, "weil die Verträge unterschrieben sind und die Leute selbst kein Geld mehr haben".
Die Last der unproduktiven Arbeit
Heike Anton hat sie alle aus der Nähe miterlebt in den letzten Jahren. Die Volten der Bundespolitik, wenn es um die Förderrichtlinien für Wärmepumpen ging. "Heute hieß es so, morgen so – selbst die großen Hersteller wussten am Ende nicht mehr, welches Modell nun noch förderfähig ist und welches nicht", sagt sie. Rumtelefonieren in Ämtern, die es auch nicht wissen. Nachhaken bei Behörden. So sieht ihr Tag aus. Während Michael Anton, der 32-jährige Meister, draußen die Kabel zieht, verbringt Heike Anton ihre gesamte Arbeitszeit vor dem Bildschirm.
Die Europäische Union, deren Fan sie einst war, ist ein rotes Tuch für die burschikose Frau geworden. "Was man von Brüssel bekommt, sind giftige Geschenk", fasst sie ihre Meinung zusammen. Berichtspflichten. Nachhaltigkeitsberichte, Lieferkettensorgfalt, Entsorgungsnachweise. Heike Anton verdreht ide Augen. Sie nennt es "unproduktive Arbeit", was ihr aufgebürdet werde.
Stundenlang klickt sie sich durch Portale, sie füllt Formulare aus, die "nur dem Zweck dienen, irgendeinem Bürokraten in Brüssel zu beweisen, dass die kleine Firma Anton aus Sachsen-Anhalt die Welt rettet". Heike Antion glaubt es nicht. "Die richtige Arbeit", sagt sie und meint damit die Buchhaltung, die Kalkulation und die Planung, "die muss ich nach Feierabend machen. Nachts, wenn Michael schon schläft." Aber was solle man machen. Ihre kleine Firma könne sich "keinen zusätzlichen Esser leisten, sonst wären wir gleich pleite".
Der Kampf mit dem Fiskus und der Fachkraft
Nicht, dass es noch lange dauern wird. VieleKollegen hätten schon aufgegeben, wundgescheuert in der ewigen Mühle, aufgerieben im Kampf gegen Ämter, säumige Zahler, Anwaltsschreiben und neue und immer neue Regulierungen. Eine Ader pocht an ihrem Hals, wenn sie auf das Thema Personal zu sprechen kommt. Fachkräfte? Ein Phantom.
Michael kämpft an der Front, mit dem Altgesellen und ein paar Leuten, die sie "Jungs" nennen. "Die sind alle schon zig jHare an Bord",s agt Anton, "und wenn die mal in Rente gehen, dann ist hier sowieso Küchenschluss." Die neuen Helfer, die sie mühsam finden, werden immer teurer. "Wir müssen Löhne zahlen, die jenseits von Gut und Böse liegen, selbst für Leute, die gerade mal wissen, wie man eine Leiter hält", schimpft Heike Anton. "Das sind Hilfskräfte, die ihr Geld nicht selbst verdienen. Die erwirtschaften ihren eigenen Lohn nicht, aber wenn wir sie nicht nehmen, können wir die Aufträge gleich absagen."
Verfolgte Unschuld
Und dann ist da das Finanzamt. Das Amt, das wie ein unersättliches Raubtier über ihren Konten schwebt. "Die verlangen Vorauszahlungen auf Gewinne, die wir noch gar nicht gemacht haben", sagt sie. Ein gutes Jahr bedeute fürchterliche Lasten im nächsten. "Die verstehen nicht, dass wir manchmal einen Großauftrag abrechnen, den wir im Jahr darauf nicht haben." Es brauche Papierkram und Monate, Überzahlungen aufheben zu lassen.
"Und wenn dann kar ist, dass wir zuviel gezahlt haben und eine Erstattung ansteht, dann haben sie Zeit. Dann ist die Sachbearbeiterin krank oder das System umgestellt." Von Digitalisierung sei nichts zu bemerken. "Und wenn man dann wütend hinstiefelt, lassen sie einen abblitztn, weil kein Sprechtag ist." Es ist ein Kampf David gegen Goliath, nur dass David hier nicht einmal eine Steinschleuder hat, sondern nur einen Stapel Mahnungen.
Die Ignoranz der Mächtigen
Nein, Heike Anton hat nicht geschwiegen. Sie hat geschrieben. Inständige Bittbriefe an die Großen in Berlin. An Olaf Scholz, an Christian Lindner, an Jan van Aken und zuletzt an Friedrich Merz. Sie hat ihnen die Lage geschildert, hat vorgerechnet, warum ein Handwerksbetrieb unter dieser Last zusammenbrechen muss. Antwort? Keine. "Nicht einmal ein Standardbrief aus dem Vorzimmer", sagt sie. Zwei scharfe Falten fallen ihr von den Mundwinkeln zum Kinn. ""ir dachten, wenn wir das erklären, versteht das jeder. Aber denen ist das egal. Die sehen uns gar nicht, weil die Briefe bestimmt nicht einmal in ihre Nähe gelangen."
Dabei ist sie nicht allein. Hans Willing aus Pirna, der seine Trockenbaufirma kaum noch über Wasser hält, und Angelika Müller aus Schwerin, deren Klempnerbetrieb an den Materialpreisen verzweifelt – sie alle erleben dasselbe. "Jeder denkt für sich, jeder leidet allein", sagt Heike Anton, die genau weiß, dass "Handwerker keine Arbeiterklasse sind, die eine Gewerkschaft hat, die ihnen den Streik bezahlt". Andererseits: "Aber wenn man mit Kollegen telefoniert, merkt man: Es brennt überall."
Anwälte und KI: Die neuen Bauhelfer
Auf der Startseite ihres Büro-PCs leuchtet das Icon einer "Jura-KI". Es ist ihr wichtigster Mitarbeiter geworden. "Ohne die künstliche Intelligenz und unsere Firmenanwalt könnten wir gar nicht mehr arbeiten“, sagt sie Anton bitter. Die KI, im Büro "Juri" genannt, sei längst der wichtigste Bauhelfer. Sie prüfe Verträge, wehre unberechtigte Forderungen ab und kümmere sich um die Beziehungen zum Finanzamt an. "Früher reichte ein Handschlag und ein Fachmann, heute brauchst du einen Juristen, um eine Steckdose anzuschließen."
Irgendwann müsse man platzen, hatte sie gesagt. Doch noch sitzt sie da, in der Küche, zwischen Steuerbescheiden und Lieferantenumlagen. Die Fingerknöchel beißen wieder weiß durch die Haut. "Zehntausende Mittelständler, die jährlich aufgeben, wären stark genug, denen da oben richtig Druck zu machen", sagt Heike Anton. Wenn sie sich nur einig wären. Seien sie aber nicht. "Deshalb weiß ich auch nicht, was hier noch werden soll."
Draußen klappt eine Tür. Das Licht im Flur erlischt. Michael ist von der Baustelle gekommen. Er sieht müde aus und hat einen Stapel Stundenzettel dabei. Heike Anton schaltet den PC wieder ein. Die Nachtschicht für die "richtige Arbeit" beginnt jetzt.


2 Kommentare:
Wie heißt das Werkzeug auf dem Tisch, das mit den drei rot ummantelten Hebeln? Das möchte ich auch haben.
das ist eine Bange. funktioniert ähnlich wie eine Zange, nur andersherum und mit mehr grip
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