Montag, 17. August 2026

Sven Schulze: Der bedauernswerteste Mann Deutschlands

Selbst Parteifreunde möchten nicht tauschen: CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze kämpft in Sachsen-Anhalt mit wachsender Verzweiflung gegen die Abwahl.

Er macht alles richtig. Und alles ist immer falsch. Er geht gezielt dorthin, wo es nicht wehtut. Er spricht über Dinge, die niemanden interessieren. Er legt sich mit seinem Chef an. Er blinkt scharf rechts und ruft dabei laut "zu weit rechts ist der Graben!" Er eröffnet Lagerhallen und er besucht Forschungseinrichtungen, die er selbst bezahlt. Er will das Land "nicht schlechtreden lasse", findet aber selbst auch vieles nicht gut.

Ein schreiendes Notfall-Orange 

Das mit der Migration, das soll enden. Mit den Energiepreisen. Mit dem Gerede von der Rentenkürzung für Ostdeutsche. Sven Schulze hat den Bundeskanzler aus seinem Wahlkampf ausgeladen. Er hat das offizielle blasse CDU-Blau gegen ein schreiendes Notfall-Orange getauscht. Und er trägt mittlerweile auch dieselbe Schlipsfarbe wie sein Gegner Ulrich Siegmund. Aber ausweislich der Umfragen nützt nicht einmal das mehr etwas.

Sven Schulze, Spitzenkandidat der einstigen Volkspartei CDU in Sachsen-Anhalt, kämpft in vorderster Front. Aber auf verlorenem Posten. Der 47-Jährige hat alle Register gezogen. Wie sein SPD-Mitbewerber Armin Wer? Hat er Experimenten eine Absage erteilt. Den alten DDR-Nostalgikern hat er mit dem Satz "besonders seit der Wiedervereinigung ist unser Land Schritt für Schritt vorangekommen" den Bauch gepinselt. 

Schulze hat "offen über den Wahlkampf 2026" gesprochen. Er hat die AfD rechts überholt, als er seine große Remigrationsfantasie öffentlich machte: "Wir dürfen nicht zulassen, dass hier Menschen leben, die unsere Kultur nicht akzeptieren". Mit dem Satz, er wolle "solche Mneschen hier nicht in Deutschland leben haben", ließ Sven Schulze keine Zweifel daran, dass er Populismus im Hauptfach belegt hatte. Gezielt hat er sich sogar Konten bei Instagram, dem chinesischen Spionageportal Tiktok und bei Facebook zugelegt. Doch er kommt dort zusammen nicht einmal auf 20.000 Follower. Bei Ulrich Siegmund ist es eine runde Million. 

Ein schöner Kleinstadtbürgermeister 

Man kann sich Sven Schulze hervorragend als Kleinstadtbürgermeister vorstellen, wenn er mit aufgekrempelten Hemdärmeln Tatkraft signalisiert. Er schmunzelt, tätschelt Schultern, kann sich kernigen Feuerwehrmännern kumpelhaft anverwandeln, aber auch Grußworte bei Forschenden sprechen.  Manchmal trägt er ein Fahrradtrikot, das etwas spannt. Manchmal ein weißes Hemd ohne Binder. Manchmal hilft ihm der Kabarettist Dieter Hallervorden, eine Halle halbwegs zu füllen. 

Schulze hat sogar begonnen, das Wort "Brandmauer" wegzuwischen. Obwohl er seinem Vorgänger Reiner Haseloff vor einem Jahr noch versprechen musste, sie bis zum letzten Wähler zu verteidigen. Schulze, leicht korpulent, aber von der kräftigen Art, ist gelenkig. Er duckt sich vor Kritik aus Berlin weg, teilt aber selbst aus sicherer Deckung aus. Hilfe hat er sich zuletzt von seinen ostdeutschen Kollegen Michael Kretschmer und Marie Voigt geholt, kurz bevor letzterer erneut beginnen musste, ums eigene Überleben zu schweigen.

Kein Segen auf dem Wahlkampfführer 

Nein, es liegt kein Segen auf dem Versuch des CDU-Vorsitzenden, ins Wahlkampfspiel zu finden. Seine schönsten Plakate werden verhöhnt, er selbst als "Wunderheiler" verspottet. Nur sechs Wochen nach seinem Lob für die Rentenreformpläne von Bundeskanzler Friedrich Merz und SPD-Chef Lars Klingbeil, die er "unterstützte" und "schnell umsetzen" wollte, hatte er es sich anders überlegt. 

Mit Blick auf die Umfrageergebnisse, die sich seit dem Start seiner großen Aufholjagd noch einmal katastrophal verschlechtert haben, betonte er nun, warum eine abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren besonders für Ostdeutschland wichtig sei. Irritiert schauten sie in Berlin. Irritiert waren sie sogar in Magdeburg. Aber nein, betonte Sven Schulze, seine Meinung habe er nicht geändert.

Der arme Hund 

Wenn Ulrich Siegmund der "gefährlichste Mann Deutschlands" (Spiegel) ist, dann ist sein Gegenspieler Sven Schulze der bedauernswerteste. Kein Reporterteam des "Spiegel" begleitet ihn. Nicht einmal der "Stern", der schon noch viel unbekanntere "AfD-Besieger" auf seinem Titel präsentierte, war bereit, dem Mann aus Quedlinburg ein Cover zu widmen. Schulze ist abgehängt, er kann machen, was er will, die Herzen fliegen ihm nicht zu. 

Wie Egon Krenz, der sich jahrelang nicht traute, Erich Honecker zu stürzen, zögerte der frühere EU-Abgeordnete nach seiner Rückkehr nach Magdeburg ewig, er seinen Ziehvater schließlich im Januar beiseiteschob. Seitdem ist es ihm gelungen, von den 26 Prozent der Stimmen, die seiner Partei damals noch zugesprochen wurden, 23 zu machen. Der Zuspruch zur AfD wuchs zugleich von 39 auf 42 bis 43 Prozent.

Eine bittere Bilanz 

Eine bittere Bilanz. Sven Schulze sah sich durch sie veranlasst, sich zunehmend zu radikalisieren. Die Remigrationsfantasien und die gezielten Sticheleien gegen den unbeliebten Kanzler sind das eine. Das andere ist die obskure Überhöhung der eigenen Person: "Nur mit mir" werde Sachsen-Anhalt stärker, behauptet er. Und statt über die Themen zu sprechen, die die Menschen bewegen, redet er lieber von seiner "Wut", er betont seinen "klarem Regierungsanspruch" und versichert, "wir wollen Erster werden bei der Wahl". 

Das "Wir" hat den Klang  eines Pluralis Majestatis. Warum auch nicht. Nach eigenem Bekunden verbindet Sven Schulze schließlich "Erfahrung, Wirtschaftskompetenz und Verantwortung für die Menschen in Sachsen-Anhalt". Er sei ein "Landeskind mit Handschlagqualität". Er sei "jemand, der das Land kennt".

Sven schon, denn schon

Argumente, mit denen selbst im dünnbesiedelten Sachsen-Anhalt Zehntausende Anspruch auf den Sessel des Ministerpräsidenten anmelden könnten. Aber Sven schon, denn schon. Mangels anderer Trümpfe, die die seit Jahrzehnten regierende CDU für Schulze ins Feld führen könnte, hat die beauftragte Werbeagentur alles ganz auf Schulze zugeschnitten. 

Der ärmste Hund im weiten Rund gehört aber leider seit Jahrzehnten zum festen Inventar der Demokratie in Sachsen-Anhalt. Die Schnittchenjahre haben angesetzt. Die hektischen Bemühungen, die Dinge im Griff zu halten und die Leute bei der Stange, hinterließen Spuren. Sven Schulze ist nur ein Jahrzehnt älter als sein Herausforderer Siegmund. Doch neben dem "gefährlichsten Mann Deutschlands" wirkt er wie ein Rudiment aus einer Ära, in der alte weiße Männer in schwarzen Anzügen das Schicksal ganzer Kontinent bestimmten.

Schwer verkäufliche Ware 

Schulze ist schwer absetzbare Ware. Es bereitet selbst Profis größte Mühe, dieses alte Möbelstück jetzt als neuen Besen zu verkaufen. Fortwährend lassen sie ihren Ministerpräsidenten als Anführer der Opposition ankündigen, was bald alles anders werde. Jede Menge Reformen hat Schulze vor, sagt er. Ämter sollen abgeschafft, die Bürokratie wie immer abgebaut und die Wirtschaft gefördert werden. Immer wenn Schulze gefragt wird, warum er damit bisher noch nicht angefangen hat, sagt er auswendig gelernte Sätze darüber auf, dass die CDU jetzt aber bald wirklich ihr "wirtschaftsliberales und wertekonservatives Profil schärfen" werde.

Großartige Verzweiflung 

Der Medienforscher Hans Achtelbuscher hat diese Strategie "beinahe großartig in ihrer Verzweiflung" genannt. Man habe den Kandidaten so weit von der Partei isoliert, dass er wie ein unabhängiger Lokalpolitiker wirke. Allerdings lasse der Erfolg der Bürgermeister-Kampagne auf sich warten. "Der Versuch, unter dem Radar der Bundespolitik durchzukommen und zugleich zu behaupten, dass man bisher nie mit etwas zu tun hatte, was man getan hat, könnte nur funktionieren, wenn die Menschen genauso dumm wären, wie man sie hält". 

Die CDU regiert Sachsen-Anhalt seit 2002 ununterbrochen. Immer wieder haben die Wählerinnen und Wähler ihr notgedrungen die Verantwortung übertragen, weil kein anderer da war. Mal komplettierten sie die Regierungsmannschaft mit der FDP, mal mit der SPD, mal mit SPD und Grünen, derzeit mit SPD und FDP. Immer blieb das Wachstum im Land stabil unter dem in ganz Deutschland. Statt aufzuholen, fiel Sachsen-Anhalt immer weiter zurück. 2002 steuerte das "kleinste Bundesland", wie es die "Zeit"-Expertin Anne Hähnig aus nur ihr selbst bekannten Gründen nennt, 2,02 Prozent zum deutschen Bruttoinlandsprodukt bei. Heute sind es nur noch traurige 1,94 Prozent.

Hoffnung auf Vergessen

Die verzweifelte Hoffnung der Schulze-Kampagne ruhte anfangs darauf, dass mancher das nicht mehr wissen wollen wird. Andere haben es nie gewusst oder bewusst vergessen. Und überhaupt: Was bleibt den Leuten denn anderes übrig, als die Partei zu wählen, die sie immer gewählt haben, wenn sie wollen, dass es endlich besser wird? Sieben Wochen vor der Wahl liegt die CDU 15 Punkte hinter der AfD. Zugleich muss sie darum bangen, dass noch desolaterer Koalitionspartner SPD es überhaupt zurück ins Parlament schafft

Der Wahlkampfkalender der CDU aber liest sich wie ein Urlaubsplan mit eingebautem Schlendrian. Für diese Woche sieht der offizielle Fahrplan auf der CDU-Seite exakt vor: Nichts. Leere. Heiße Phase. Tatsächlich ist Schulze mit einem "Infotruck" im ländlichen Barleben unterwegs, wer hart recherchiert, kann es herausfinden. 

Er führt zudem eine "wirtschaftspolitische Diskussion" bei der Industrie- und Handelskammer. Er wird beim Richtfest eines Kinderheims dabei sein und ein Unternehmen in Hettstedt besuchen. Er hat Termine in Querfurt und Eisleben, in Zorbau und sie erwarten ihn natürlich auch beim großen Sommerfest der CDU Sachsen-Anhalt in Bitterfeld. Zudem stehen Wahlforen an: Eins beim Landeszentrums Freie Theater, eins, das die Berliner Online-Zeitung Taz organisiert hat, in Magdeburg. Als Stargäste stoßen Michael Kretschmer, Markus Söder und Philipp Amthor gelegentlich dazu.

In Duldungsstarre vor dem Ende 

Nicht einmal bei der CDU glaubt noch irgendjemand, dass das Blatt damit noch zu wenden ist. Gleichsam in Duldungsstarre erwartet die "Sachsen-Anhalt-Partei" (CDU) ihr Todesurteil. Man hat sich  entschieden, nicht zu kämpfen, sondern das eigene Schicksal gottergeben anzunehmen. Als Ben "Unscribted" Berndt Sven Schulze jetzt in seinen Podcast einlud, wägte die Wahlkampfzentrale lange Für und Wider. Und sagte dann ab. Ulrich Siegmund ging hin und erreichte drei Millionen Zuhörer. Ein Publikum, für das Sven Schulze mit seinem "Infotruck" die nächsten 18 Jahre von Richtfest zu Wahlforum, von Sommerfest zu IHK-Diskussion tingeln müsste.

Aber Sven Schulze, der ausweislich seiner Facebook-Seite bis heute im Europäischen Parlament sitzt,  hat es lieber klein, aufwendig und ineffizient. Je unauffälliger der Wahlkampf, so geht die neue Rechnung der CDU-Zentrale, desto größer das Mitleid mit dem Spitzenkandidaten. Die Zuversicht, mit der der CDU-Spitzenkandidat verkündet, er werde keine AfD-Regierung zulassen, speist sich allein noch aus dem Glauben, die von auswärtigen Initiativen propagierte Kampagne "Taktisch wählen" werde vielleicht doch einen Schwung an Mitleidsstimmen aktivieren und irgendeine Mehrheit jenseits der Siegmunds möglich machen. 

Gelingt das, mit SPD und Grünen, FDP oder Linkspartei, ganz egal und ganz egal wie dünn, wird der  Prügelknabe Sven Schulze am 6. September nach 18 Uhr der große Sieger sein.

 


5 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Vor den Wahlen im Osten läßt die Bundesregierung also Flüge auf die Sychellen üben. Da kann man es natürlich aushalten, wenn die Kohle stimmt.

Anonym hat gesagt…

besonders seit der Wiedervereinigung ist unser Land Schritt für Schritt vorangekommen

Besonders weil es 'unser Land' erst erst seit der Wiedervereinigung wieder gibt. Das ist nur ganz knapp Merkelniveau.

Anonym hat gesagt…

>Flüge auf die Sychellen üben

Der Legende nach brauchen die B52-Bomber der Amis immer ausgerechnet im spanischen Stützpunkt Morón extra Tage für dringende Wartung. Die Besatzung hat sich den Ölwechsel vielleicht für den Stop auf den Seychellen aufgespart, und bis Amazon das Öl dahin liefert, das dauert halt.

Anonym hat gesagt…

Mit Blick auf seine Biographie kann man bei Sven Schulze etwas respektlos auch von einem Martin Schulz für Arme sprechen.

Anonym hat gesagt…

Er kann ja nach der Wahl vielleicht Bürgermeister von Egeln werden. Zur CDU, wie runtergekommen ist den eine Partei wenn jemand wie Philipp Amthor irgendeinen, mehr oder weniger wichtigen Posten kriegt.