Es war so weit. Nach nur einem halben Jahr Merz stapelten sich die Investorenanfragen im Kanzleramt. Die Stimmung war gedreht, die Wende eingeleitet. Noch kein ganzes Jahr im Amt, hatte Bundeskanzler Friedrich Merz das Kunststück geschafft, das wahre Deutschland aus dem Stein herauszumeißeln, in den es die Blicke der früheren Kanzlerin Angela Merkel verwandelt hatten.
Historischer Aufbruch
Es war ein historischer Aufbruch, vorerst nur angekündigt, aber schon greifbar nahe. In Kürze würde der große Investitionsstrom fließen wie Milch und Honig. Allzuviel wollte der Kanzler und CDU-Chef noch nicht verraten, in jenem Herbst der Reformen vor einem Jahr. Aber so viel durfte sein Volk schon wissen: Im Kanzleramt stapelten sich die Anfragen ausländischer Investoren.
Kaum war Olaf Scholz weg, diese Mensch gewordene Aktentasche, hatte sich der Wind um 360 Grad gedreht. Alle Welt sei nun wieder scharf darauf, die hervorragenden Bedingungen am Standort Deutschland endlich auch selbst nutzen zu können. Ihm selbst und seinem Team komme jetzt eine hohe Verantwortung zu, sagte Merz. Die vielen, vielen Anfragen, nicht nur von deutschen Großkonzernen, sondern auch von ausländischen! Man müsse sie nun nur noch "ordnen". Dann könne der Boom beginnen.
Des Kanzlers alte Kleider
Freilich: Das Volk, es kannte das Lied. Seit Jahren singt es die Politik in Endlosschleife. Bei Merkel war es Moll, ein "wir schaffen das", das keiner weiteren Erläuterung bedurfte. Die wussten, die Ostdeutsche aus Hamburg ist keine, die Wählerinnen und Wähler mit Einzeheiten belästigt oder ihnen Fakten präsentiert. Scholz, der Nachfolger, den Merkel noch selbst bestimmt hatte, als sie sich für Armin Laschet entschied, imitierte die Methode, ohne sie je verstanden zu haben. Mit Babysprache und Tiktok-Videos näherte er sich den angeschlagenen Volkskörper, dessen Reaktionen weder er selbst noch seine Partei trauten.
Wer hat denn die Sozialdemokraten immer wieder verraten? Unter Hitler? Später unter Kohl? Und dann am Ende der Schröder-Zeit? Es waren die Deutschen, auf die kein Verlass war, so lange sie nicht eng gecoacht wurden. Und natürlich die Konzerne, die immer alles taten, um sozialdemokratischen Regierungen die Chance zu nehmen, Gerechtigkeit, Wohlstand und Glück einzuführen.
Wunderbare Standortvorteile
Typisch, dass Scholz erst stürzen musste, wie so viele SPD-Kanzler vor seiner Zeit, ehe das Weltinvestorentum feststellte, welche wunderbaren Standortvorteile Deutschland hat. Hohe Energiepreise! Höchste Steuern! Jede Menge Bürokratie und wo die nicht hinreicht noch ein Gewimmel aus tausenden von EU-Verordnungen, -Richtlinien und -Normen, die dank einer weitsichtigen europäischen Einigung unmittelbar gelten, also ohne dass der deutsche Gesetzgeber sie wie früher noch einmal mühsam per Gesetz drastisch nachschärfen muss.
Es wird viel geschimpft im Land und gerade in der Spitzenpolitik. Nach fast 80 Jahren Aufbau ist vielen fast nichts gut genug. Die verluderte Infrastruktur. Die von der Regelungsfreude der Parteien ermordete wirtschaftliche Dynamik. Die Geburtenraten, mit denen Bürgerinnen und Bürger die Versicherungen ihrer früheren Familienministerin Ursula von der Leyen, da gebe es eine "Trendwende", ins Reich der sagen und Lügen verweisen.
Ein neuer Wind ins Gesicht
Richtig ist aber, dass mit Friedrich Merz ein neuer Wind ins Gesicht blies. Als der Hoffnungsträger so vieler Enttäuschter und Entsetzter am 3. Oktober 2025, dem Tag der Deutschen Einheit, im MDR-Studio saß, hingen die Menschen an seinen schmalen Lippen. Welchen Weg würde er weisen? Welche Signale senden? Hatte er frohe Kunde dabei und seinen Schild, der den dürren Baum grün wird ausschlagen lässt, woraufhin der Sage zufolge ein neues, goldenes Zeitalter beginnt?
Merz, für so manchen im Land in der Tat ein modernder Barbarossa, der in Zeiten der Not gekommen ist, um das Reich zu einen und für dauerhaften Frieden zu sorgen, hatte keinen Schild, aber Zuversicht dabei. Den aufmerksam lauschenden MDR-Stichwortgebern warf er die Sensation wie einen fetten Knochen hin. Im Kanzleramt stapelten sich die Investitionsangebote, sagte Merz. Und sie kämen nicht nur aus dem Inland, sondern vor allem aus dem Ausland. "Wir werden das jetzt ordnen", verkündete er. Denn Fakt ist doch auch, dass nicht jeder Investor berücksichtigt werden kann. So viel Platz hat Deutschland nicht.
Deutschlands Chef-Investment-Offizier
Doch mit Martin Blessing, dem früheren Chef der von einer früheren Bundesregierung mit Milliarden Steuergeld geretteten Commerzbank, immerhin einen "Chief Investment Officer". Der höchste Investitionsbeamte der Republik war von Friedrich Merz eigens zum Ordnen der Stapel von Investitionsangeboten eingestellt worden.
Als Ex-Blackrock-Banker bringt Merz die Instinkte mit, die ihm frühverrieten: Vor Trumps Regime, das einerseits die Demokratie abbbaut (Vorwärts), andererseits aber auch das Investitionsklima in den USA zerstört (Institut der Deutschen Wirtschaft), werden viele Firmen fliehen wollen wie zuvor schon so viele Künstler, Wissenschaftler und Angehörige verfolgter Minderheiten.
Wir haben Platz
Im politischen Berlin machten sie Deutschland aufnahmebereit. Wir haben Platz, hieß es. Was wir brauchen, ist mehr europäische Resilienz durch digitale Eigenständigkeit! Was wir brauchen, sind Standorte mit großen Chip-Design-Unternehmen und Auftragsfertiger und KI-Fabriken. was wird brauchen ist Weltraumfahrt und Luftverkehr, Pharmaforschung und -Produktion, eigene Rüstungsgiganten und deutsche Cloud-Hyperscaler.
So sprach nicht nur Merz, so sprachen auch seine Minister, ehe sie sich einen Kanal beim US-Riesen Youtube zulegten, um nicht mehr nur beim chinesischen Tiktok tanzen zu müssen. In Sachsen-Anhalt reagierten die Wahlkämpfer mit konkreten Maßnahmen. Die Landesregierung würzte ihren Wahlkampf mit der Ernennung eines "direkten Ansprechpartners" (Sven Schulze) für Pharmafirmen, die richtig Bock hatten, "Investitionsvorhaben in Deutschland zu redimensionieren" (NZZ).
Ein vielversprechender Anfang
Ein vielversprechendr Anfang war er, jener 3. Oktober vergangenen Jahres. Sobald das Ordnen der Stapel vollzogen sein würde, daran ließ der Kanzler keinen Zweifel, würde zu den Milliarden und Abermilliarden, die von der "Made for Germany"-Initiative der früheren Deutschland AG versprochen waren, weitere Milliarden und Abermilliarden in deutsche Scholle und deutsche Schaffenskraft fließen. Die neuen Fabriken würden dann grünen Stahl schmelzen, riesige Wasserstofffabriken errichten und beweisen, dass der teuerste Strom der Welt ideal geeignet ist, den Energiehunger gewaltiger neuer KI-Megagigadenkmaschinen zu stillen.
Aus der "größten Investitionsoffensive seit Jahrzehnten", wie Friedrich Merz schon die von ihm selbst zusammengetriebene Truppe der deutschnationalen Konzerne um die "Made for Germany"-Allianz genannt hatte, würde durch ausländisches Geld eine noch größere werden. Was für Ritterschlag für den schlechtgeredeten Standort! Und was für ein ungeheurer Vertrauensbeweis für einen Kanzler ohne jede Regierungserfahrung, dem die kühlen Rechner in den Großkonzernen mehr zutrauen als die nörgelnden Menschen im Land.
Die still verstorbene "Made for Germany"-Allianz
Merz selbst hat die Anstrengungen der Kolleginnen und Kollegen aus den deutschen Konzernzentralen später noch einmal erwähnt. Zehn Monate nach dem großen Aufschlag beim Investitionsgipfel, als die Wirtschaftskapitäne dem Wirtschaftskanzler 800 Milliarden Euro für den nächsten Aufschwung versprochen hatten, war es soweit.
Bei einem Messebesuch in Hannover erinnerte sich Merz an die schönen Schlagzeilen, die die "Made for Germany"-Initiative gebracht hatte. Noch einmal würdigte er die wegweisende Allianz als tolle Sache. Merz gab den Konzernbossen überdies den Tipp, "dass künstliche Intelligenz industrielle Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Deutschland schaffen" könne. Von "Stapeln", die "jetzt geordnet" würden oder geordnet worden seien, war allerdings nicht mehr die Rede, nicht an diesem Tag und auch an keinem anderen.
Seit Merz den Deutschen aller Staatsangehörigkeiten die schöne Geschichte erzählte, dass ausländische Konzerne, die in Deutschland investieren wollen, zuallererst Briefe ins Kanzleramt schicken, haben zwar etliche Unternehmen ihre Zukunftspläne zusammengestrichen. Eine der ersehnten und herbeigeredeten Großinvestitionen aber konnte Friedrich Merz nicht verkünden. Nicht von seinen 61 deutschen Kumpelkonzernen. Aber auch nicht von den vielen, vielen ausländischen Investitionsinteressenten, deren Bittschreiben um Bauplätze in Deutschland am 3. Oktober nur noch hatten "geordnet" weren müssen.
Verschwundene Stapel
Zwölf Monate später hat der Chief Investment Offiver Blessing offenbar nichts mehr zu stapeln und kein Papier zu ordnen. Alle Anfragen scheinen wie von Geisterhand verschwunden. Selbst der Chief Investment Officer lässt kaum mehr von sich hören. Taucht der Mann, der die große Welle ausländischer Milliardeninvestitionen managen sollte, gelegentlich doch noch einmal in den Medien auf, singt er Klagelieder. "Das Geld ist da, es fehlen die Projekte", hat Martin Blessing die Lage sichtlich ernüchtert beschrieben. Und eindringlich gewarnt: Deutschland bleibe "bei den Investoren unter den Erwartungen". Was auch immer das bedeuten könnte.
Niemand fragt nach den Stapeln
Glück für die beiden Männer, dass niemand fragt, wo die versprochenen neuen, großen und bahnbrechenden Ansiedlungen in KI, Halbleiter oder Zukunftstechnologien denn nun bleiben. Merz' Märchen mit den Stapeln ist in den Redaktionen direkt nach den Feiern zum Republikgeburtstag schleunigst vergessen worden. Zu groß wäre der Schaden, würde man die das Geplapper eines sichtlich verzweifelten Kanzlers mit der Realität abgleichen.
Das Ergebnis könnte weite Teile der Bevölkerung beunruhigen. Nicht nur, dass es über ein Jahr lang keine der großen Investitionen vom Stapel aus dem Kanzleramt gab. Ganz im Gegenteil, die ausländischen Direktinvestitionen waren zuletzt noch deutlicher rückläufig als seit 2020 ohnehin schon. Das Investitionsvolumen ausländischer Firmen sank um sagenhafte 49,1 Prozent auf nur noch 11,8 Milliarden Euro. 2020 waren es noch 176 Milliarden gewesen.
Deutsches Geld fließt woanders hin
Merz' Problem, das leider Deutschlands Problem ist, ist größer als es aussieht. Während Merz von "Stapeln" flunkert, fließt nicht nur kaum mehr ausländisches Kapital nach Deutschland. Es fließt auch jede Menge Geld aus Deutschland ab. Nicht nur deutsche Firmen ziehen es vor, neue Fabriken im Ausland zu bauen. Auch deutsche Kleinsparer bevorzugen es, sich von früheren Volksaktien wie VW, Deutsche Telekom oder SAP fernzuhalten. Sie gehen lieber dorthin, wo Gewinne locken, weil ausgewiesene Technologieführer unbehelligt von deutscher und europäischer Regelwut an der Zukunft bauen.
Der schleichende Flucht der Anleger
Allein über ihre ETFs und direkte Aktieninvestitionen haben deutsche Privatanleger und institutionelle Investoren in den letzten fünf Jahren Hunderte Milliarden in US-Tech-Konzerne wie Nvidia, OpenAI-Partner, Microsoft, Google und Tesla geschoben.
Die deutsche Antwort besteht aus dem Ruf des Finanzministers nach einer "Kapitalmarktunion". Lars Klingbeil geht davon aus, dass der Mittelabfluss in ausländische Zukunftstechnologien endet, sobald Europa immer noch keine heimische KI- und Halbleiterbranche hat, aber den festen Willen, dieselbe Art von "Kraftzentrum" für die Welt zu werden, als das der Mann mit der Maultrommel das deutsche Armenhaus Sachsen-Anhalt bei seinem Besuch zur Tag der Deutschen Einheit im vergangenen Jahr verhöhnt hatte.
Neue Mechanismen, neue Pakte, neue Kommissionen. Sie sollen das scheue Reh Kapital im Lande halten, das derzeit dorthin flieht, wo es schnell, unkompliziert und renditestark eingesetzt werden kann. Die Chronik des Scheiterns leerer Worte an der brutalen Realität einer aus Papiergerascheln und Parolen bestehenden Politik wird auch der nächste "Investitionsgipfel" nicht als Stunde des Aufbruchs verkaufen können.


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