Sonntag, 6. September 2026

Wahl-O-Rat: Misstrauensvotum im Vorwahllokal

Experimentell, aber ohne die üblichen Begradigungen zum Ausgleich falscher Wahlabsichtserklärungen: Der Wahl-O-Mat steht vor einer großen Bewährungsprobe.

Experimentell, freiwillig und demokratisch, so beschreibt der bekannte Regressionsforscher Hans Achtelbuscher das von ihm und einem multikulturellen Team aus Psychologen, Programmieren und Politbeobachtern entwickelte Prognoseinstrument "Wahl-O-Rat". Während der von der Bundeszentrale für politische Bildung angebotene Wahl-O-Mat durch offen angebotene rechtsradikale, rechte und rechtsextreme Positionen immer wieder und immer stärker dazu beiträgt, Ansichten des linken und rechten Randes hoffähig zu machen, setzt der Wahl-O-Rat traditionell auf zivilgesellschaftliche Beteiligungsformate und die kollektive Klugheit der Crowd.

Eine erste tragfähige Prognose

Deren Abstimmungsergebnisse erlauben nicht nur eine Prognose des Ausgangs von Wahlen, sondern auch einen interessanten Einblick in die Erwartungshaltung politisch interessierter Teilnehmer. "Methodisch sieht unser Versuchsaufbau ganz anders aus als der klassischer Wahlumfragen", erläutert Hans Achtelbuscher, der am An-Institut für Angewandte Entropie der Kulturstiftung zu Fragen der Sprachregelungsmechanismen im Medienbereich und den Auswirkungen subkutaner Wünsche auf die berichterstattete Realität forscht. 

Während repräsentative Institute versuchten, die Wahlabsichten durch direkte Befragung und nachfolgende Panaschierung zu errechnen, messe das neuartige Format die Meta-Erwartung. "Der Wahl-O-Mat fragt ab, wie welche kollektive Einschätzung sich dazu gebildet hat, wie stark die einzelnen Parteien vermutlich abschneiden werden."

Achtelbuscher hält seine Methode für "weit überlegen", wie er betont. "Den Kollegen geht es darum, zu erfragen, wie der Einzelne  abstimmt", erklärt er. Der Wahl-O-Rat hingegen sei darauf ausgelegt, nicht Tausende eigener Wahlentscheidungen zu einer Prognose zu kombinieren, sondern aus einer Vielzahl individueller Beobachtungen, Gespräche und Einschätzungen eine Vorabschätzung der Ergebnisse zu liefern.

Erfolgreicher als die großen Institute 

In der Vergangenheit war das Konzept Wahl-O-Mat vielfach erfolgreicher als die großen Umfrageinstitute.  Und auch die jüngste Auswertung des experimentellen Tools liefert ein bemerkenswert klares Bild: 469 Teilnehmer haben versucht, nicht ihre Wunschvorstellung abzugeben, sondern ihre realistische Einschätzung des Wahlausgangs einfließen zu lassen. 

Mit einem Ergebnis, das sich deutlich von dem der Demoskopen abhebt: Eine Mehrheit der Wahl-O-Ratenden erwartet eine AfD über 44 Prozent, eine CDU unter 21 Prozent, eine SPD unter sechs Prozent und Grüne, BSW sowie FDP, die kollektiv an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern. Auch die Bäume der Linken, die seit der Ernennung von Heidi Reichinnek zur neuen Hoffnung der Hoffnungslosen ernannt worden ist, wachsen nicht in den Himmel. 

Bei den Umfrageinstituten steht die frühere SED auch bei knapp über elf Prozent - angesichts ihres letzten Landtagswahlergebnisses von elf Prozent kein Ausweis des vielbeschworenen Höhenfluges. Beim Wahl-O-Rat aber schneidet die ehemalige Einheitspartei noch schlechter ab. Ihr Wahlergebnis wird mehrheitlich unter den elf Prozent gesehen, die die Parteiführung selbst als großen Erfolg verkaufen will.

Für die Linke ernüchternd 

Hans Achtelbuscher kommentiert die für die Linke ernüchternde Vorhersage kühl: "Die kollektive Einschätzung der Teilnehmer ist kein Wunschdenken, sondern eine verdichtete Wahrnehmung der tatsächlichen Stimmungslage", sagt er. Das treffe alle Parteien gleichermaßen. "Wenn 58 Prozent der Abstimmenden die AfD über 44 Prozent sehen und gleichzeitig 79 Prozent die CDU unter 21 Prozent vermuten, dann liegt hier eine systematische Abweichung von den klassischen Instituten vor."

Tatsächlich zeigen die letzten Umfragen von Forschungsgruppe Wahlen, Infratest dimap und INSA die AfD zwar im Bereich von 40 bis 43 Prozent und die CDU bei 22 bis 23 Prozent. Doch die Differenz ist augenfällig. Achtelbuscher sieht darin jedoch ein bekanntes Muster. Umfrageinstitute aus dem Westen unterschätzten die AfD in Ostdeutschland seit Jahren dramatisch und systematisch. 

Das Phänomen der schweigenden Mehrheit 

Obwohl sie zuletzt versucht hätten, das Phänomen der schweigenden Mehrheit, die über ihre Wahlabsichten keine Auskunft gibt, durch neue Berechnungsmethoden auszugleichen, sei es ihnen womöglich nicht gelungen, bei der Entwicklung neuer Algorithmen mit dem Tempo der politischen Entwicklung Schritt zu halten. "Wir erleben ja jeden Tag ist, dass Wähler, die der AfD zuneigen, keineswegs mehr ein Hehl daraus machen, dass sie die Partei für die letzte Möglichkeit halten, dieses Land noch einmal in Bewegung zu bringen." 

Verweigerten die Betreffenden früher in Telefon- oder Panelbefragungen offene Angaben über ihre Präferenzen, gingen sie heute offen damit um. "Viele werben ja im Bekanntenkreis für den sogenannten Neuanfang."

Der Wahl-O-Rat spiegelt tiefe gesellschaftliche Wandlung eines Tabus, dessen demonstrativer Bruch heute vielerorts als Notwehrmaßnahme gegen einen übergriffigen, gierigen und anmaßenden Staat für selbstverständlich gehalten wird. "Wir sehen eine deutliche Frontstellung zwischen AfD und den bislang durchweg regierenden Parteien", beschreibt Achtelbuscher. 

Auffällige Abweichungen 

Daraus speisten sich auch die auffälligen Abweichungen im linken Mitte-Spektrum, also bei allen Parteien rechts von den gesichert Rechtsextremen. Während die Institute die SPD noch bei 7 bis 9 Prozent und die Grünen bei 5 bis 6 Prozent sehen, gehen die Wahl-O-Rat-Teilnehmer bereits von Werten unterhalb der relevanten Schwellen aus. "Hier zeigt sich die selektive Wahrnehmung der klassischen Demoskopie", so Achtelbuscher.

Die etablierten Institute hätten ein strukturelles Interesse daran, die alten Parteien nicht zu früh abzuschreiben. Hier gelte der Wunsch als Vater des Gedanken. "Umfragen sollen motivieren und gerade in wichtigen Bereichen wie denen direkt an der Fünf-Prozent-Hürde anspornen, mit seiner Stimme dort den Ausschlag zu geben." 

Die Selbstselektion der Wahl-O-Rat-Teilnehmenden hingegen scheint die AfD-Ergebnisse zu überzeichnen, allerdings in einer Richtung, die konsistent mit den historischen Überraschungen in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen wirkt. "Wir müssen in Anrechnung bringen, dass die Abstimmenden mit ihren Angaben ein großes Misstrauen gegenüber den etablierten Meinungsforschungsinstituten ausdrücken wollen, deren Prognosen sie aufgrund früherer Erfahrungen keinen Glauben schenken."

Verdopplung im langfristigen Trend 

Der langfristige Trend seit der Landtagswahl 2021 bestätigt diese Lesart. Damals lag die CDU bei 37,1 Prozent, die AfD bei 20,8 Prozent. Innerhalb von fünf Jahren hat sich das Kräfteverhältnis nahezu umgekehrt: Die AfD hat sich verdoppelt, die CDU fast halbiert. Die SPD stagniert auf historisch niedrigem Niveau, sie kann sich auf Beamte, Lehrer und Pensionäre verlassen, die ihr stabil zu etwa 100.000 Stimmen verhelfen. Die Grünen pendeln dank des studentischen Publikums, der Mitarbeiter*innen von Solar- und Windkraftunternehmen und der verbliebenen Transformationsromantiker um die Fünf-Prozent-Marke.

Achtelbuscher formuliert den Trend unmissverständlich: "Der Wahl-O-Rat zeigt uns vermutlich, wie die Wahl ausginge, wenn nicht ein Drittel der Menschen per Briefwahl abstimmen würde." Damit solle keine Unsicherheit geschürt werden, denn wissenschaftlich betrachtet sei es die AfD, die vom Vorababstimmen per Brief am meisten profitiere. 

Der klare Kompass der Zahlen 

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. 2016 lag die Briefwählerquote in Sachsen-Anhalt noch bei nur 13,7 Prozent. Damals musste sich die Rechtsaußenpartei noch mit knapp über 24 Prozent der Stimmen zufriedengeben. "Jetzt wird erwartet, dass jeder Dritte per Brief abstimmt", sagt Achtelbuscher, "und wir sehen die AfD bei allen Umfragen oberhalb der 40 Prozent."  

Der Medienwissenschaftler beobachtet eine strukturelle Verschiebung. "Die CDU verliert nicht punktuell, sondern kontinuierlich", sagt er, "und die AfD gewinnt nicht konjunkturell, sondern strukturell". Schreibe man den Anstieg der AfD von gut vier Prozentpunkten pro Jahr linear fort, liege die Marke von 50 Prozent der Stimmen bereits knapp jenseits des Jahres 2030. "Die SPD und die Grünen befinden sich bereits seit einiger Zeit in der kritischen Zone", analysiert Achtelbuscher. "Ein Abrutschen unter fünf Prozent ist bei anhaltender Erosion keine spekulative, sondern eine wahrscheinliche Entwicklung."

Ergebnis ohne "Divan-Demokraten" 

Bei den Zahlen, die der Wahl-O-Rat ausgeworfen habe, handele es sich damit im Grunde genommen um ein Wahlergebnis ohne die "Divan-Demokraten" (Achtelbuscher), "die immer öfter von daheim aus abstimmen, bevor die letzten Botschaften im Wahlkampf an den Mann und die Frau gebracht wurden". Dieser Trend konterkariere das Prinzip nicht der freien und geheimen, aber das der gleichen Wahl. "Etwa ein Drittel der Wählerinnen und Wähler stimmt auf der Basis von Informationen ab, die nicht denen entsprechen, über die die anderen 70 Prozent verfügen, die am Wahltag persönlich am Hochamt unserer Demokratie teilnehmen."

Die Vorhersage des Wahl-O-Rat entspreche damit aller Wahrscheinlichkeit eher den ersten Prognosen um kurz nach 18 Uhr am Wahltag als dem späteren amtlichen Endergebnis. "Wir wissen aus unseren Untersuchungen, dass zuerst die Stimmen aus den Wahllokalen ausgezählt werden und dann später die Briefwählerstimmen." Das habe in den USA zur berühmten Sichelkurve geführt, die Donald Trump 2020 die Wiederwahl kostete.

Heilfroh, das Hochamt hinter sich zu haben

Achtelbuscher schildert auch eine tieferliegende Dimension hinter diesem gesellschaftlichen Phänomen. Der eher progressiv geneigte Wähler sei heilfroh, wenn er seine Stimme möglichst früh losgeworden sei. "Er weiß dann, dass er durch neue Informationen nicht mehr in Versuchung geführt werden kann, eventuell doch etwas Falsches zu wählen." Der Anhänger ihr regressiv-rechter Parteien hingegen sei von Stolz erfüllt, an einem Werk des großen Wandels mitarbeiten zu dürfen. "Viele sind deshalb bereit, Gesicht zu zeigen und persönlich im Wahlbüro zu erscheinen."

Das sei diesen Leuten unglaublich wichtig, gerade draußen in den obszön abgehängten ländlichen Weiten Sachsen-Anhalts. Drei Viertel der Einheimischen leben hier, dennoch schicken die Parteien bis zu mehr als einem Drittel Kandidaten ins Rennen, die in den drei größeren Städten des Landes wohnen. "Das land ist im Grunde nicht gespalten, sondern vielfach geteilt wie eine bereits geschnittene Schichttorte", findet der Regressionsforscher ein prägnantes Bild. 

Folge der Bauweise des Parlamentarismus 

Bedingt durch die Bauweise des aus der alten Bundesrepublik übernommenen Parlamentarismus fehle es "mehr an Repräsentanz, je größer eine gesellschaftliche Gruppe ist", sagt er. Abgeordnete seien zumeist nicht die, die große gesellschaftliche Gruppen vertreten, sondern die, die bereit seien, den langen Weg in den Politikerberuf zu gehen. "Der einzige Weg in ein deutsches Parlament führt heute über die Karriere in einer Partei", beschreibt Hans Achtelbuscher. Wer ihn gehen wolle, brauche weniger Talent, Durchsetzungsvermögen und ein scharfen Verstand, sondern vor allem unendlich viel Geduld, sich in seiner Partei hochzuarbeiten.

Achtelbuscher warnt abschließend allerdings auch vor der Verlockung einer Fehlinterpretation: "Der Wahl-O-Rat ist kein Orakel", sagt er. Er messe die kollektive Einschätzung einer kleinen Gruppe, die weniger so antworte wie es sozial erwünscht ist, sondern eher "als Korrektiv funktioniere, das das Fühlen einer schweigenden Mehrheit formuliert". Die Frage sei nur, "wie laut sie am am Ende des heutigen Tages zu uns sprechen wird."


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