Mittwoch, 14. Oktober 2026

Von Trollen und Trotteln: Der feuchte Traum von der Bot-Fabrik

Eine der geheimen Bot-Fabriken des früher in den Niederlanden beheimateteten Yandex-Konzerns in Moskau.

Wer mit der Wahrheit lügen will, mit reinen, puren, ungeschminkten Fakten Meinung machen und dabei nicht erwischt werden, dem rät das Lehrbuch des klassischen Demagogiefaches "Lügen mit der Wahrheit" Zahlen ohne jeden Bezug zu präsentieren, den Kontext von Nachrichten wegzulassen oder in Grafiken zeichnerisch Wertungen zu setzen, die mit den abgebildeten Werten nichts zu tun haben. Oft gilt hier die alte Lehre, dass Lügen umso glaubwürdiger wirken, je fantastischer sie sind. 

Überall erfundene Realität 

Der "Genozid in Gaza", die "Abschaffung der Demokratie" in den USA, aber auch die aktuell von der SPD geführte Arme-arme-Bärbel-Bas-Kampagne zur Ablenkung von den Versäumnissen der eigenen Politik zeigen die Wirkungsmacht frei erfundener Fakten. Eine ganze Gesellschaft kann auf diese Weise hinter die sogenannte Fichte geführt werden - und dazu, sagen Medienwissenschaftler, bedarf es nicht einmal mehr einer tatsächlichen Fichte. 

Als der tschechische EU-Abgeordnete Tomáš Zdechovský sich vor einigen daranmachte, eine nebenbei im Internet aufgeschnappte Geschichte aufzupolieren, konnte er dennoch nicht ahnen, wie erfolgreich er sein würde. Zdechovský, der sich selbst im Netz als "Medienpersönlichkeit" bezeichnet, glaubte, mit einer der in ganz Europa so dringend herbeigesehnten Siegesmeldungen über Russland und die in Teilen gesichert rechtsextremistische Rechte in aller Welt ein wenig zur Verbesserung der Stimmung beizutragen. 

Ein Witz wird zur Weltmacht 

Eben erst hatten die Amerikaner begonnen, den europäischen Verbündeten beim Einkauf von fossilen Energieträgern aus Russland Konkurrenz zu machen. In Brüssel blieb den Verfechtern immer härterer Sanktionen nichts anderes mehr übrig, als nach vier Jahren Krieg zu verkünden, man bestrafe jetzt auch mehrere Tausend Personen, die eng mit Putins Rüstungsmaschine verbandelt seien. Wie immer natürlich mit den härtsten Strafmaßnahmen aller Zeiten. Wenn auch inzwischen ohne den anfangs von der Kommissionspräsidentin selbst in Aussicht gestellten in Kürze folgenden Zusammenbruch des Kreml-Imperiums. 

Zdechovský, ein Konservativer aus Hradec Králové, der früher hauptberuflich als PR-Berater tätig war, wollte aufmuntern, sich einen Spaß erlauben, den Fake News, die etwa von der bekannten Meisterwerkstatt für Mediale Manipulation (MMM), von der ARD, den "Spiegel" und den Presseabteilungen aller Konfliktparteien verbreitet werden, etwas Eigenes entgegensetzen. Der gelernte Experte für  Krisenkommunikation und politisches Krisenmanagement konnte freilich nicht ahnen, welches gewaltige Echo sein spontaner Prompt an eine KI auslösen würde. "Zeichne mir eine Grafik mit einer Kurve, die weitgehend stabil verläuft, dann aber am Ende dramatisch absinkt", hatte der 46-Jährige beauftragt. 

Grafik aus der Zukunft 

Der studierte Medienwissenschaftler bekam, was er haben wollte. Nachträglich fügte er eine sichtlich unsinnige Zeitachse hinzu, die er mit "15. Juli 2026" und "15. Oktober 2026" - einerseits ein Insiderwitz, den am Tag der Erstellung zeigte der Kalender gerade mal den 10. Oktober. Andererseits aber, Tomáš Zdechovský ist ein PR-Profi, ein Intelligenztest. 

Welcher Vollidiot würde schon eine oben mit "Tägliche Aktivität über drei Monate" beschriftete Grafikkachel verbreiten helfen, die ebenso gut Sonnenaktivität, die Anzahl der Torschüsse bei Fußballspielen weltweit oder die Frequenz der Krisenberatungen von SPD und CDU zeigen könnte? Und wer würde sich bereitfinden, darüberhinwegzusehen, dass selbst die beste KI am 10. Oktober eines noch keine Daten vom 15. Oktober visualisieren kann?

Alle machen mit 

Natürlich all die üblichen Verdächtigen. Dort, wo die Wahrheit nur geschätzt wird, wenn sie den eigenen Vorstellungen entspricht, ist es Konsens, dass es nicht darauf ankommt, wie die Wirklichkeit wirklich ist, sondern nur darauf, dass man sie zum eigenen Vorteil interpretieren kann. Karl Marx hatte das noch als Problem beschrieben. Die Philosophen interpretierten die Welt nur unterschiedlich, es komme doch aber doch darauf an, sie zu verändern, klagte der Philosoph und erste Marxist. Seine Erben wissen es besser: Interpretation ist Veränderung. Ausreichend oft nach eigenen Vorstellungen bemalt, wird die Welt, wie sie einem gefällt.

Dass es in Zdechovskýs Grafik um Elon Musks Kurznachrichtenplattform X geht, steht nirgendwo. Dass sie überhaupt etwas mit sozialen Medien zu tun hat, behauptet der Urheber nicht einmal. Als seriöser Politiker weiß er, dass gute Propaganda nicht mit der Tür ins Haus fallen darf. Besser als jede vorgeflunkerte Lüge wirkt eine falsche Wahrheit, von der der Empfänger meint, er habe sie selbst gefunden. Zdechovský postete also seine Grafik,  die von einem und versah sie mit dem Warnhinweis "Falls das bestätigt wird, ist das aufschlussreich: Russische Rechenzentren werden angegriffen, und die Online-Aktivität rund um die AfD fällt plötzlich ab."

 Eine Räuberpistole aus Tschechien

Der Tscheche, der politische Kommunikation an der Päpstlichen Universität der Salesianer in Rom studiert hat, hatte faktisch nichts Falsches behauptet. Doch sein dahingeraunter Verweis auf "deutschen Patriotismus" und dessen "Verbindung aus Russland", die nun "weggefallen" sei, fand rasend schnell Fans und Weiterbreiter. Im Rausch der Selbstbestätigung trat eine ganze Division alter Männer mit zum Teil bekannten Namen und einem ehemals untadeligen Ruf an, die Räuberpistole aus Tschechien weiterzuverbreiten. 

Ruprecht Polenz war natürlich unter ihnen, ein greiser CDU-Influenzer, der es mit seinen obskuren Ansichten nicht nur zu fast 100.000 Followern,  sondern zuletzt auch zu einem Bundesverdienstkreuz in der Sparte Satire gebracht hat. Verdient, wie der 80-Jährige bewies: Ungefragt und freiwillig erfand er sogar noch Beweise dafür, dass es ein geheimnes Netzwerk gibt, dass typische Merkmale künstlicher Meinungsverstärkung zeigt und AfD-Inhalte unterstützt. 

Der Urheber verzweifelt am Erfolg

Längst schwatzte ein Heer aus Namenlosen den von links und rechts geadelten Unsinn umgehend nach.  Der ursprüngliche Post des tschechischen Europaabgeordneten erreichte in Windeseile mehr als vier Millionen Views, er bekam mehr als 62.000 Likes und wurde 12.000 weitergeleitet. Neben Lauterbach und Polenz gehörten pro-ukrainische und EU-nahe Accounts zu den emsigen Trommeln. Dazu kamen zahlreiche Medienaccounts, die die These ungeprüft reposteten und sie - wie es in der Branche guter Brauch und Sitte ist - von Zdechovskýs "falls das bestätigt wird..."-Einschränkung befreite. 

Selbst der Erfinder der Fake News bekam die Pasta nicht mehr in die Tube: "Ich habe das nie als bewiesene Tatsache dargestellt", schrieb er. Doch nun war so. Die ukrainischen Angriffe auf Yandex-Rechenzentren hatten, so beschrieben es selbst die Faktenchecker vom Bayrischen Rundfunk, der "Welt" und die renommierte "Tagesschau", den "Bot-Traffic fast vollständig einbrechen" (Welt) lassen. Gemeint waren die auch als "Crawler" bekannten Such-Bots der viertgrößten Suchmaschine der Welt.

Unzählige prominente Unterstützer 

Doch wer wollte, konnte darunter verstehen, was er verstehen mochte: Die Suchbots wurden kurzerhand zu AfD-Bots, die Online-Diskussionen mit ihren automatisiert erstellten Hass- und Hetz-Botschaften vergiften. Durch die Reichweite der prominenten Teiler und deren freiwillige Helfer im 500-Follower-Bereich bekam Zdechovskýs Internetspaß eine Gesamtreichweite, die seine augenzwinkernde These in reine Wirklichkeit verwandelte. 

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj adelte die Erfindung Zdechovský, indem er berichtet, "dass soziale Netzwerke nach Kyjiws Angriffen auf Yandex-Rechenzentren weniger feindlich" seien. Bei X begannen nun erste Nutzer, das auch zu fühlen: Begeistert versicherten sie sich gegenseitig, dass  sie sehen könnten, wie stark die Anzahl an Hetzbotschaften eingebrochen sei. Das beweise, dass die "Quelle von 80 bis  90 Prozent des Online-Hasses, der täglich im Netz ausgekübelt wird, aus russischen Trollfabriken kommt", versicherte ein Nutzer, der Wolodymyr Selenskyj wegen der ukrainischen Schläge gegen Yandex für den "Friedensnobelspreis" 2027 vorschlug. Denn "das Internet war nie friedlicher in den letzten 10 Jahren als am heutigen Tag!"

Nobelpreis für Fake News

Das war selbstverständlich viel zu schön, um wahr zu sein. Die Ukraine zerstört Rechenzentren eines so großen Internet-Unternehmens, wie es Europa nur besaß, als der russische Internetriese Yandex seinen Sitz offiziell noch in den Niederlanden hatte. Und daraufhin zeigt ein starker Einbruch der "täglichen Aktivität" (Tomáš Zdechovský) prompt, dass "ein großer Teil der AfD-bezogenen Online-Aktivität von russischen Bots bzw. aus russischen Rechenzentren gesteuert". Besser geht es nicht, denn so lassen sich die Erfolge rechter Politiker auf Ursachen zurückführen, die nichts mit dem Versagen der politischen Mitte, mit verratenem Vertrauen und übergriffiger Bevormundung zu tun haben.

Das Muster erinnert an die märchenhaften Erzählungen, mit denen deutsche Medien sich vor zehn Jahren den für sie vollkommen überraschenden ersten Wahlsieg Donald Trumps erklärt hatten. Eine Botfabrik in Mazedonien sei schuld daran gewesen, denn dort hätten junge Leute gegen Bezahlung für Trump getrommelt. Große Zeitungshäuser wie die "Welt", die Süddeutsche Zeitung und der "Spiegel", aber auch internationale Medien wie die NZZ, die Financial Times und die BBC veröffentlichten ähnliche Befunde. Der "Zeit"-Reporter Ulrich Ladurner besuchte die "Stadt der Lügner" (Zeit) sogar persönlich und entdeckte im beschaulichen Provinzstädtchen Veles Dutzende junger Leute, die mit Falschnachrichten nicht nur die Wahlen in Amerika entschieden, sondern auch viel Geld verdient hätten. 

Vorbild Matroschka-Kampagne 

Nichts davon stimmte. Die "obskuren Trump-Seiten" (The Guardian) hatten eine ähnlich überschaubare Reichweite wie die von deutschen Geheimdiensten,. Politikern und Medien immer mal wieder als Bedrohung ausgerufenen gefälschten Zeitungshomepages der angeblichen russischen "Matroschka"-Kampagne. Die nach Angaben des MDR auch als "Operation Overload" oder "Storm-1679" bekannte Desinformationsaktion aus Russland verbreitete nach Angaben des Verfassungsschutzes zuletzt im Vorfeld der Landtagswahlen "verstärkt Falschbehauptungen über Politikerinnen und Politiker", um "eine Spaltung zwischen Ost und West voranzutreiben" (MDR).

Mit durchschlagendem Erfolg: Der Hashtag von den russischen Auftraggebern ausgegebene Hastag #TimeToDivideGermany war kaum irgendwo zu sehen. Die im Zuge der Kampagne verbreiteten Videos und Berichte  mit Logos von FAZ, DW, ARD, ZDF, Spiegel, Bild - etwa 350 wurden von NewsGuard und der ukrainischen Spezialfirma Antibot4Navalny gefunden - bekamen überwiegend nicht mehr als 20 echte Likes. Ein leichter Anstieg war erst zu verzeichnen, als die den ersten Pressemeldungen Nutzer neugierig auf die vermeintlich weit verbreiteten "Fake-Videos mit einem offiziellen MDR-Logo" machten.

Ein Sieg für die Fantasie 

Eine sich selbst verwirklichende Fantasie wie jetzt auch die von Angriffen auf Yandex, die nicht nur  die Aktivität der russischen Suchmaschinen-Bots, sondern auch die digitalen Einflussagenten des Kreml zum Verstummen gebracht habe. Die ironische Theorie eines PR-Beraters ist durch die Zustimmung begeisterter Anhänger des Abwehrkampfes der Ukraine zu einer unbestreitbaren Tatsache geworden. Tausende versichern sich inzwischen gegenseitig, dass sie selbst deutlich spüren können, wie die Unterstützung für AfD, Le Pen und Trump eingebrochen sei.  Die Aktivisten mit der größten Fantasie schwören einander sogar, "ich sehe überhaupt keine Schwachsinnsposts von AfD-Dullis mehr".

Als das deutsche Forschungsinstitut Cemas, spezialisiert auf Desinformationserkundung, das Hasso-Plattner-Institut und der Thinktank Polisphere offiziell widersprachen, blieb es dabei. Einige der Verbreiter der Falschnachricht entschuldigten sich. Die meisten nicht.


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