Er ist der aus der Not geborene Präsidentschaftsbewerber der Herzen, ein Mann, der die Nachstellungen der Stasi als "Larve" überlebte und bald als herrlicher Schmetterling der Freiheit durch das Schloß Bellevue zu flattern gedenkt. Vorab hat Joachim Gauck jetzt schon einen Einblick in seine Pläne zur Neuordnung Deutschlands gegeben: Danach hält der rüstige 70-Jährige die Zusammenlegung von Bundesländern für "überfällig". Schon aus ökonomischen Gründen sei eine Fusion von Bundesländern erforderlich, verriet Gauck der einzigen amtlichen deutschen Nachrichtenagentur dpa. Mit Rücksicht auf die Emotionen der Deutschen angesichts der jahrzehntelangen Trennung zwischen Ost und West sei eine neue Teilung in einen Nord- und Südstaat vorstellbar. Ein großer deutscher Lebensmittelverkäufer fahre damit seit Jahren ganz prima. Zugleich ließe sich damit die umstrittene Präsidentenfrage einvernehmlich mit allen herrschenden Parteien lösen: Er selbst werde mit all seiner Erfahrung als Behördenleiter künftig als Präsident im Nordstaat amtieren, Christian Wuff hingegen könne den Südstaat repräsentieren.
Samstag, 19. Juni 2010
Einheitspräsident schlägt Teilung vor
Er ist der aus der Not geborene Präsidentschaftsbewerber der Herzen, ein Mann, der die Nachstellungen der Stasi als "Larve" überlebte und bald als herrlicher Schmetterling der Freiheit durch das Schloß Bellevue zu flattern gedenkt. Vorab hat Joachim Gauck jetzt schon einen Einblick in seine Pläne zur Neuordnung Deutschlands gegeben: Danach hält der rüstige 70-Jährige die Zusammenlegung von Bundesländern für "überfällig". Schon aus ökonomischen Gründen sei eine Fusion von Bundesländern erforderlich, verriet Gauck der einzigen amtlichen deutschen Nachrichtenagentur dpa. Mit Rücksicht auf die Emotionen der Deutschen angesichts der jahrzehntelangen Trennung zwischen Ost und West sei eine neue Teilung in einen Nord- und Südstaat vorstellbar. Ein großer deutscher Lebensmittelverkäufer fahre damit seit Jahren ganz prima. Zugleich ließe sich damit die umstrittene Präsidentenfrage einvernehmlich mit allen herrschenden Parteien lösen: Er selbst werde mit all seiner Erfahrung als Behördenleiter künftig als Präsident im Nordstaat amtieren, Christian Wuff hingegen könne den Südstaat repräsentieren.
Freitag, 18. Juni 2010
Das Lächeln der Leerverkäufer
Solche taktischen Fehler aber auch! Ist man von Bundes-Jogi Löw, der heute gleich gegen Serbien, Bosnien und Kroatien antreten musste, eigentlich nicht gewöhnt. Gegen Serbien, das nach früherer Lehrmeinung in Deutschland schon 1914 hätte "sterbien" müssen, setzte der Nationalmannschaftscoach, diesmal gehüllt in die Strickjacke der Geschichte, die Bundeskanzler Helmut Kohl anno 1990 bei seinen vielen ausgedehnten Vereinigungsspaziergängen mit dem gescheiterten Sozialismusretter Michael Gorbatschow getragen hatte, auf den staksigen Berliner Verteidiger Arne Friedrich als Mittelfeldmotor. Millionen Deutsche bemerkten es nicht einmal, das frühere Fußballnachrichtenmagazin "Der Spiegel" aber schaute zum Glück genau hin: "Arne Friedrich, Mittelfeld" bemerkt die Sportredaktion in ihrer auch im übrigen detailverliebten Einzelkritik. "Jetzt muss gegen Ghana gewonnen werden, sonst ist sogar das Erreichen des Achtelfinals in Gefahr", analysieren die Experten, die wohl miteinander gewettet hatten, ob sich in diesem Satz ein "sogar" unterbringen lassen wird.
Der Glaube draußen im Land ist noch da, denn die an der Modefan-Front kurz aufkommende Frage, ob die deutsche Elf nach dem Platzverweis für Klose "nun beim nächsten Spiel auch zu zehnt antreten" müsse, konnte mit Nein beantwortet werden. Alles ist offen, alles ist drin. Passiert ist nur, was vor Beginn der Spiele hier charttechnisch so beschrieben wurde: Spekulanten würden den Fußball, die neueste Blase am Weltmarkt für Brot und Spiele, in dieser Phase leerverkaufen, denn diese Kurse können eigentlich nur noch fallen.
Geruch wird nicht gesammelt
Auf Basis der ersten "Übersetzung", bei der die 40 Vorschriften des Nachbarschaftsgesetzes unter die Lupe genommen werden, wollen die Wissenschaftler dann generelle Regeln erarbeiten, die auch bei anderen Gesetzen angewendet werden können. Das Forschungsprojekt soll bis Jahresende laufen. Angeführt wird es vom Professor für Germanistik, Gerd Antos, der schon für die Bundesregierung am Projekt "Verständlichkeit in der Rechtssprache" gearbeitet hatte. Mit seiner Hilfe gelang es dem Bundesinnenminister, wenige Tage vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft im Bundesrat noch schnell und unauffällig die Rechtsgrundlage für die bis dahin ohne rechtliche Basis bestehende Datensammlung "Gewalttäter Sport" beschließen zu lassen.
Die auch von Sachsen-Anhalt frohgemut mitbeschlossene Rechtsverordnung glänzt mit bürgernaher Wortakrobatik wie "Für die Zentralstellenaufgaben nach § 2 Absatz 1 bis 4 des Bundeskriminalamtgesetzes wird die Befugnis zur Speicherung, Veränderung und Nutzung in § 8 des Bundeskriminalamtgesetzes konkretisiert, für Fahndungs- und Haftdateien sowie Dateien mit Daten von Vermissten, unbekannten hilflosen Personen und unbekannten Toten in § 9 des Bundeskriminalamtgesetzes. § 7 Absatz 6 des Bundeskriminalamtgesetzes ermächtigt das Bundesministerium des Innern, mit Zustimmung des Bundesrates durch Rechtsverordnung das Nähere über die Art der Daten, die nach den §§ 8 und 9 des Bundeskriminalamtgesetzes gespeichert werden dürfen, zu bestimmen."
Über 55 Seiten geht das so weiter, viel zuviel für irgendeine Art kritischer Berichterstattung in den Medien, obwohl die Behörden sich hier schon kein Türchen mehr, sondern ein ganzes Tor in den Überwachungsstaat gebaut haben. Gespeichert werden dürfen nämlich nur nicht nur Verdächtige oder Beschuldige oder auch polizeifachlichen Definitionen „Gefährder“, sondern auch „relevante Personen“, zusätzlich zur Hooligan-Datei der Fußballgewalttäter, die zehn Jahre lang illegal geführt wurde, öffnen sich für Bundeskriminalamt und Bundespolizei die Möglichkeit, eine geradezu unbegrenzte Zahl weiterer Spezial-Datensammlungen anzulegen.
Zwar besagt § 8 Abs. 5 des bisher geltenden BKA-Gesetzen, dass das BKA "personenbezogene Daten sonstiger Personen" nur speichern darf, wenn "bestimmte Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass die Betroffenen Straftaten von erheblicher Bedeutung begehen werden". Doch die ministerielle Verordnung öffnet neue Perspektiven: "Für Zwecke der Verhütung von Straftaten kann das Bundeskriminalamt" nun nämlich auch "solche Daten von Personen speichern, die noch nicht konkret einer Straftat beschuldigt oder verdächtig werden."
Das, so heißt es, ergebe sich aus § 8 Absatz 5 des Bundeskriminalamtgesetzes, wo eigentlich das Gegenteil steht. Die Verordnung setzt das Gesetz somit außer Kraft und macht aus der Möglichkeit, verdachtsabhängiger Speicherung von Daten eine völlig verdachtsunabhängige.
Neben den bisher 11.000 Personen, die als Fußball-Rowdies erfasst sind, gibt es nun auch grünes Licht für die Einrichtung von zentralen Personenlisten für die "Erfassung politisch links motivierter Straftaten", die "Erfassung rechtsorientiert politisch motivierter Straftäter" und "Straftäter politisch motivierter Ausländerkriminalität". Von Betroffenen werden 38 Personenmerkmale vom Namen über Beruf bis zu Religion, Sprachkenntnisse, Gewicht, Lichtbilder, Hautleistenbilder und Grundmuster, Stimm- und Sprachmerkmale und DNA-Identifizierungsmuster und dazu noch bekannte Querverbindungen zu anderen Zeugen, Beteiligten oder mutmaßlichen Tätern gespeichert. "Der Name der Haustiere fehlt zu meiner Überraschung", schreibt Udo Vetter im Lawblog.
Doch auch auf die Sammlung von Geruchsproben, wie sie Stasi-Chef Erich Mielke einst zur vorbeugenden Erkennung von Staatsfeinden und Volksverrätern angeordnet hatte, verzichtet die Verordnung. Vermutlich sei das dem segensreichen Wirken der Landwirtschaftsministerin und ehrenamtlichen Datenschützerin Ilse Aigner zu verdanken, mutmaßt das politische Berlin. Die wackere Streiterin gegen übermäßige Datensammlungen bei Facebook und Google Street View habe es wohl für ausreichend gehalten, wenn der Staat alles über alle wisse. Den Geruch brauche das BKA dann nicht mehr zwingend.
Überblick: Wie deutsche Medien nichtüber das Thema berichtet haben.
Donnerstag, 17. Juni 2010
Die Stasi bläst zur Stasijagd
Oskar Lafontaine ist totkrank, aber kampfeslustig wie in seinen besten Tagen als gerade zurückgetretener Finanzminister. Im Osten, den er seinerzeit nie anschließen wollte ans prosperierende Westdeutschland, hat er erlauscht, seien "die Stimmen nicht zu überhören, die darauf hinweisen, dass auch Gauck sich wie andere evangelische Pfarrer mit dem DDR-System arrangiert hatte".Stimmen, die etwa von Artur Amthor kommen, ehemals Oberst beim MfS und heute eine Art Kronzeuge gegen den SPD-Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten. Gauck sei vom Organ überwacht worden, verriet Amthor dem ehemaligen FDJ-Blatt "Junge Welt", weil er "öffentlich so feindselig über die DDR hergezogen", dass "gegen ihn wegen des Verdachts der staatsfeindlichen Hetze und der staatsfeindlichen Gruppenbildung ermittelt wurde". Später aber habe das MfS versucht, den Pfarrer, gegen den unter dem Decknamen "Larve" ermittelt wurde, anders zu neutralisieren: "Er kam Genuß zahlreicher Sondererlaubnisse, die kaum einem anderen DDR-Bürger gewährt wurden", versichert der Oberst, der Gauck selbst erst nach dem Mauerfall kennenlernte. So habe das MfS zum Beispiel Gaucks Söhne in die BRD übersiedeln lassen, und "sie konnten auch jederzeit zu Besuchen wieder in die DDR einreisen".
Auch der Staatsfeind selbst durfte, was unzuverlässigen DDR-Bürgern eigentlich nie gestattet wurde: "Aus Anlaß dieser Übersiedlung durfte Gauck per Sondergenehmigung sogar mit in den Westen fahren" (Amthor). Auch der Wunsch, "für seine privaten Zwecke den Import eines VW-Transporters zu ermöglichen" wurde von der Staatssicherheit erfüllt.
Auch eine zweite Stimme, die Gauck in die Nähe der Stasi rückt, weiß, wovon sie spricht: Klaus Huhn, ehemals Sportchef beim SED-Zentralorgan "Neues Deutschland, stand als IM "Heinz Mohr“ drei Jahrzehnte lang im Dienst von Erich Mielke. Mit "Der Inquisitor kandidiert" liefert der einstige Spitzen-IM und heutige Mitarbeiter der "Jungen Welt" passend zum Präsidentenwahlkampf das Buch zum Kandidaten.
Der hat sich zwar auch nach Aussagen von Stasi-Oberst Amthor stets geweigert, Informeller Mitarbeiter des MfS zu werden. "Er ist immer ein erbitterter Gegner des Sozialismus geblieben", ist Amthor traurig. Doch zumindest für die "Junge Welt", die der einst unter dem Decknamen „André Holzer“ in Stasi-Diensten stehende Chefredakteur Arnold Schölzel führt, reicht die Geschichte aus, Lafontaine ein Stichwort zum Sticheln zu liefern. Der von der Stasi verwöhnte Bürgerrechtspfarrer spielt die moralische Anstalt, die Stasi bläst zur Stasijagd und Oskar Lafontaine, der 1987 noch leutselig zu Protokoll gab, es sei "niemals seine Absicht gewesen, die Politik Honeckers zu diskreditieren", gibt den ehrenwerten Exekutor. Schmutz als Waschmittel, Mitverantwortung als moralische Instanz, Frechheit als Maßstab für Verurteilungen: Es war nicht alles gut in der DDR, aber das war genauso.
Dresden: Aufschwung ohne Welterbe
Wie schön hätte das doch werden können, wenn die Volksmassen sich an das gehalten hätten, was Medienarbeiter und Politiker in Monaten nimmermüder Apokalypsebeschwörung an die Wand gemalt hatten. Wenn Dresden sich dem Willen der Unesco nicht beugt, und aufhört, eine Brücke über die Elbe zu bauen, verliert es zuerst seinen Welterbe-Titel. Und gleich anschließend die Touristen, von denen die Elbemetropole lebt.Im Juni vor einem Jahr war es so weit, die Brücke wurde störrisch weitergebaut, das Welterbekomittee schlug zurück und nahm Dresden den Titel der Unesco-Welterbestätte. Nur Wochen später schwor ein wackerer Streiter gegen die Elbequerung,nebenbei Museumschef in Dresden, in allen deutschen Qualitätszeitungen, dass er einen spürbaren Rückgang der Touristenzahlen bemerke.
Eine letzte Beschwörung, die - nunmehr jedoch schon völlig ohne Kenntnisnahme der überregionalen Medien - wenig zum Guten wenden konnte. Glaubte mancher, die Aberkennung des Unesco-Titels werde Dresden vielleicht gerade so überleben, sieht die Sache nach genau einem Jahr ganz anders aus. Als hätten die Touristen in aller Welt nur darauf gewartet, einem titellosen Dresden einen Besuch abstatten zu dürfen, sind die Touristenzahlen seit dem Tag der Welterbeaberkennung förmlich explodiert: Statt 100000 Gäste wie im April letzten Jahres begrüsste Elbflorenz in diesem April schon 116000, statt 12000 Ausländer kamen 17000, alle zusammen verbrachten sie nicht 216000 Nächte in der Stadt, sondern 240000.
Auf Teneriffa, zuletzt vom Rückgang der Touristenzahlen geplagt, will man das Dresdner Erfolgskonzept nun nachmachen: Der historische Palast in der Altstadt von La Laguna, erbaut im 17. Jahrhundert und seit 1999 Weltkulturerbe, wurde bereits 2006 niedergebrannt und komplett zerstört, seitdem hofft die Insel, die Unesco möge den Trümmern den Welterbestatus aberkennen und damit den Weg frei zu einem Aufschwung im Tourismus machen.
Mittwoch, 16. Juni 2010
Gipfeltreffen der Abwehrkünstler
Szenen, die prototypisch für eine Weltmeisterschaft stehen, der drei Tage nach der ersten verheerenden PPQ-Analyse nun auch die ersten Leitmedien bescheinigen, allenfalls Spaß zu machen wie die WM im Hofkehren. Elfenbeinküste gegen Portugal, Holland gegen Dänemark - nur aus den Ansetzungen weht noch ein Hauch Fußballanarchie, eine Ahnung der rassigen Rasenschlachten vergangener Zeiten. Damals liefen Mannschaften mit zwei oder sogar drei Stürmern auf, das Mittelfeld war offensiv orientiert, Spiele gingen 3:1, 5:1 oder 4:2 aus.
In den südafrikanischen Stadien aber dröhnt heute nur noch die Langeweile: Die schwächeren Teams haben dank ihrer aus Serbien importierten oder wie im Fall Mordkorea mit Hilfe deutscher Riesenrammler selbst gezüchteten Trainerexperten gelernt, hinten diszipliniert zu stehen wie die stärkeren Landesvertretungen. Die stärkeren wiederum sind nun nicht mehr stark genug, den stahlbetonierten Verteidigungsreihen die taktische Disziplin auszutreiben.
Und alle sind topfit, zumindest bis zur 70. Minute, alle haben einen Psychologen dabei und ein Höhenluftzelt, alle tragen außerhalb der Stadien dieselben Anzüge, alle gleichen in den Pressekonferenzen den Abziehbildern auf den Sammelkarten, mit denen Panini seit Jahrzehnten versucht, junge Elternpaare wahnsinnig zu machen. Und alle suchen ihr Heil im alleinseligmachenden Konterfußball, alle spielen mehr Fehlpässe als Pässe, gleichen das aber nach hinten mit großer Laufbereitschaft aus. Alle sparen sich überdies überflüssige Torschüsse, solange der gegnerische Keeper keine Bereitschaft zum Fehlgriff andeutet. Ist es der Ball? Ist es das Tröten der heimischen Blasrohre? Ist es die Kälte? Sind es die rätselhafterweise trotz 97 Prozent verkaufter Karten häufig nur dreiviertelvollen Stadien? Noch sind die Stimmen leise, die solche Fragen stellen, noch sind es wenige Kommentatoren, die nach den Ursachen der regenbogenbunt bemalten Turniertristesse gehen.
Doch wenn der täglich über acht, neun Fernsehstunden bejubelte Jammer so weiter geht, wird es dabei nicht bleiben. Zu verheerend ist die Bilanz: Nach knapp einer Woche und insgesamt 14 Spielen verzeichnet das Gipfeltreffen der weltbesten Kicker mit dem deutschen Sieg gegen Australien ein Fußballspiel mit annähernder Weltklasse, mit dem Sieg der Argentinier gegen Nigeria ein weiteres Länderspiel auf Standardniveau und ein Dutzend Aufeinandertreffen mit dem Unterhaltungswert einer Beratungssendung für Stützstrumpfträger. Ballgeschiebe. Stolperei. Rasentreten. Noch sitzen die Millionen, vorgewärmt von einem Mediengewitter ohne historisches Vorbild, vor der Röhre, die ein 50-Zoll-Bildschirm ist, schon aber fragen sich die ersten: "Wofür steht das "Tod" in Todesgruppe? Für die Gefahr, an Überlangweilung zu sterben?"
Acht mal stand es in 14 Spielen zur Halbzeit 0:0, nur zwei Spiele hatten mehr als zwei Tore. Technokraten kämpfen sich über den Rasen, rational und effizient, ein einsamer Stürmer steht meist weitab vom Ball, selbst die einst genialen Brasilianer sind mit ihrem Latein am Ende, wenn sich der mordkoreanische Monsterriegel vor das Tor schiebt. "Das Spiel ist so spannend wie Briefmarkensammeln", berichtet ein Zuschauer, "ich schalte zum großen Zapfenstreich mit Hotte Köhler rüber, da ist die Musik besser."Tore fallen weder hier noch da und schon gar nicht in Südafrika. War die Ausweitung der WM auf 24 Mannschaften anfangs noch Auslöser einer Zunahme an Unterhaltung, haben die Kleinen, die auf die große Fußballbühne eigentlich nicht gehören, inzwischen gelernt, nicht mehr ins offene Messer zu laufen. Sie treten seitdem nicht mehr an, um zu siegen, sondern um in Würde zu verlieren.
Das Ergebnis ist Zweckfußball, gegen den die Beobachtung des Wachstums von Zimmerpflanzen fast schon nervenaufreibend wirkt. Ein Trend, der sich schon bei der letzten EM andeutete, als die Diktaturen den Demokratien zeigten, wie ein Tor verteidigt wird. Diesmal ist es noch auffälliger: Die deutschen Treffer, erstmals seit 1990 erzielt ohne einen Teilnehmer aus den damals angeschlossenen Ostgebieten, und drei eklatante Torwartfehler herausgerechnet, gibt es bei der ersten Winter-Weltmeisterschaft knapp ein Tor pro Spiel, zieht man Tore nach Standardsituationen ab, bleibt eine Quote von unter einem Treffer pro Begegnung - nie zuvor gab es ein internationales Turnier, in dem weniger getroffen wurde.
Das ZDF hat unterdessen reagiert: Ins Logo integriert wurde ein sich langsam, sehr langsam drehender Fußball aus den 60er Jahren, als das Spiel noch Spiel war und nicht taktisches Schach mit elf Mannschaftsspielern. Man erhoffe sich, erfuhr PPQ aus dem Sender, dass sich der Zuschauer von der sich buddhistisch um sich selber drehenden Kugel einfangen und langsam hypnotisieren lasse. Dann, das hätten Untersuchungen von Fußballpsychologen im Vorfeld ergeben, könne auch ein Spiel ohne jeden Höhepunkt eine Art Genuß bringen, die sonst nur altgediente Zuschauer in der vierten Liga zu empfinden in der Lage seien.
Nachholende Vorausahnungen

Die Experten wussten alle Bescheid. Kommentatoren und Korrespondenten konnten es dem Bundespräsidenten an der Nase ansehen: Als Horst Köhler "wegen des Klimawandels zu einem grundlegend anderen Lebensstil" aufrief, ahnte es die "tagesschau", als er "die Ernennung des neuen Bundeskabinetts für einige mahnende Worte an die schwarz-gelbe Regierung" nutzte, war für den "Spiegel" alles klar: Der Bundespräsident war absolut unübersehbar völlig total amtsmüde.
Allerdings blieb die sichere Kenntnis streng geheim. Kein Wort, nirgends, in keiner deutschen Zeitung, auf keiner Webseite, nicht einmal in einem das Gras wachsen hörenden Blog. Wenn in deutschen Qualitätsmedien von Amtsmüdigkeit im Zusammenhang mit Horst Köhler die Rede war, dann nach den unbestechlichen Google-Archiven (Bild oben) nur im Zusammenhang mit anderen Politikern - Michel Glos etwa, der vor Köhler das Handtuch geworfen hatte und von Köhler entlassen worden war.
Die Welle der Vorausahnungen, die sich seit dem Rücktritt des Präsidenten auf Google-News zu 630 rückwärtsprophetischen Beiträgen über Horst Köhlers Amtsmüdigkeit aufgeschaukelt hat, entstand erst im Nachhinein. Quasi im selben Moment, in dem der Bundespräsident ohne Absprache mit den Leitmedien vor die Presse und zurück trat, konnte im Kaffeesatz von heute die Vergangenheit als Zukunft gelesen werden.
Dann aber hatten es alle schon immer gewusst. Der "Südkurier" verabschiedet ein "amtsmüdes Staatsoberhaupt in den Vorruhestand", die "Welt" diagnostiziert einen "klassischen Fall von Amtsmüdigkeit", die "Rheinische Post" erinnert sich sogar genau, gehört zu haben, wie die ehemalige Klimakanzlerin Angela Merkel den "amtsmüden" Amtsinhaber warnte: "Die Menschen, die die Debatte um die Äußerungen zum Afghanistan-Einsatz nicht in allen Details mitbekommen haben, werden Sie nicht verstehen".
Köhlers Antwort ist nicht überliefert, bei Bedarf aber wird sie später natürlich auch von Anfang an gewusst worden sein. Plusquamperfekt oder Futur II, Knochenschau und Vogelflug, Wissen ist Macht, nichts wissen macht nichts, das aber lieber spät als nie.
Dienstag, 15. Juni 2010
Kommunikative Radikalisierung
verharmlos, vertuscht und mit gefälschten Statistiken gearbeitet, aufrechte Kämpfer für mehr Wahrheit, Klarheit und die radikale Ausmerzung von fremdenfeindlichem Gedankengut und brauner Pest wurden strafversetzt oder befördert. Jetzt endlich regt sich auch öffentlich erster Widerstand gegen die Polizei in Sachsen-Anhalt, die nicht nur nach Ansicht fördermittelbetriebener Vereine wie Miteinander ein Problem mit zahllosen Beamten hat, die Rechtsextremität in all ihren Erscheinungsformen verharmlosen.
Mit der Magdeburger Theaterintendantin Karen Stone hat aber nun eine führende Kulturschaffende des westlichsten der östlichen Bundesländer Klartext gesprochen und von kumulativer auf kommunikative Radikalisierung umgeschaltet: Nachdem ein Polizeibeamter sich weigerte, das SEK zu rufen, nachdem der Hund der gebürtigen Britin nächtens von marodierenden Jugendbanden bedroht worden war. Stattdessen alarmierte der Beamte seine Vorgesetzten, die sofort ins Revier eilten. Trotz der Übermacht kuschte die 57-Jährige jedoch nicht, wie das in Deutschland lebende AusländerInnen sonst oft glauben tun zu müssen. Nein, sie machte aus ihrem Herzen keine Mördergrube und gab zu Protokoll: "Fuck you! Du bist ein Nazi! Du Faschist. Du und ihr von der Polizei, ihr seid alle nichts. Ich bin Engländerin. Ich stehe über allem. Ich bin Intendantin und du bist nichts!"
Der diensthabende Polizeihauptmeister, als "Nazi" und "Faschist" enttarnt, erstattete Strafanzeige, die auf dem rechten Auge traditionell blinde Justiz ermittelt nun wegen Beleidigung gegen die Künstlerin, die nach einer Premierenfeier zum Stück "Evita" leicht angetrunken gewesen war. Stone hatte ihrerseits angedroht, "die dämliche Inkompetenz" der Magdeburger Polizei beim Magdeburger Oberbürgermeister Lutz Trümper anzuzeigen.
Hinter den Kulissen, berichtet die Magdeburger Volksstimmme, gebe es in der Polizeidirektion gegenwärtig Versuche, "die Sache ohne größeren Schaden für Stone zu regeln". Um das durch die umstrittene Frage der Finanzmarkttransaktionssteuer auf Riester-Fonds und Sparpläne und das absehbare WM-Achtelfinale zwischen Deutschland und England ohnehin gespannte Verhältnis zu Großbritannien nicht noch mehr zu belasten, solle Karen Stone sich entschuldigen, dann werde der Polizist auch seine Anzeige zurücknehmen. Allerdings sträubt sich der beleidigte Beamte hartnäckig, um den guten Ruf der Landespolizei als im Kampf gegen rechts "noch nicht überm Berg" (Der Spiegel) zu schützen. Brot und Arbeit für viele, viele Berater.
Keine Zahlung unter dieser Nummer
Da kannte der damals noch als Finanzminister amtierende Arbeiterführer Peer Steinbrück nix. Kaum hatte der finnische Handy-Bauer Nokia verkündet, nach seinem mit Hilfe deutscher Fördermittel bewirkten Umzug von Finnland nach Deutschland nun wegen der höheren Fördermittel von Deutschland nach Rumänien ziehen zu wollen, reihte sich der SPD-Mann ein in eine unübersehbare Schar von empörten Kämpfern für mehr deutsche Produkte im deutschen Einkaufswagen. Gemeinsam mit Horst Seehofer, Jürgen Rüttgers (oben im Bild mit Ersatztelefon), Heiner Geißler und Peter Struck erklärte Steinbrück öffentlich, künftig kein Finnen-Handy mehr zu wollen. Umstimmen könne ihn nur die Entscheidung von Nokia, doch weiter Handys in Bochum zu bauen. Die bessere Entscheidung wäre das, empfahl auch der rechtskundige Ministerpräsident Rüttgers, bestärkt wurde er durch die gesamte Führungsriege der damaligen Großen Koalition. Ziehe Nokia nach Rumänien um, müsse der Konzern in Deutschland erhaltene Fördermittel zurückzahlen, weil er vertraglich zugesicherte Leistungen nicht erbracht habe, da waren sich Politiker aller Parteien in einer Art übergreifendem Populismus einig.
Nur die Gerichte spielten nicht mit bei der Initiative "Deutsche kaufen nur bei Deutschen". Zwei Jahre nach dem medienwirksam über Monate gefeierten Boykott der Spitzenpolitikerriege hat das Verwaltungsgericht Köln jetzt ohne große öffentliche Anteilnahme geurteilt, dass Nokia wegen der Schließung des Bochumer Standorts keine Fördermitteln an den Bund zurückzahlen muss. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hatte rund 1,3 Millionen Euro von Nokia gefordert, ohne Rechtsgrundlage, wie das Gericht nun feststellte. Der finnische Konzern habe die erhaltenen Mittel nicht, wie vom Ministerium behauptet, zweckwidrig verwendet, indem er sein Forschungszentrum verlagerte, so die Richter. Vielmehr habe im Förderbescheid aus dem Jahr 2004 überhaupt nie eine Verpflichtung gestanden, ein solches Zentrum über den Sommer 2008 hinaus am Standort Bochum zu erhalten. Steinbrück, Seehofer, Rüttgers, Geißler und Struck konnten sich zur überraschenden neuen Sachlage offenbar nicht äußern, weil die Nachrichtenagenturen sie telefonisch nicht erreichten.
Montag, 14. Juni 2010
Panta Rhei
Damit der Nachbarort Leipzig wenigstens einigermaßen zu ertragen ist, kachelt der Kachelmann auch hier. Das körnige Beweisfoto wurde uns aus gut unterrichteten Kreisen der angeblichen Messestadt zugespielt, der Fundort soll sich zwischen Hauptbahnhof und Nikolaikirche befinden. Ob es sich um ein Original des halleschen Kachel Gott handelt, wird derzeit von der Fliesen-Polizei untersucht.
Eigene Funde können wie stets direkt an politplatschquatsch@gmail.com geleitet werden, jeder Fund wird von uns auf Wunsch mit einem mundnachgemalten Kunstdruck der inzwischen von Kachel-Gegnern vernichteten Ur-Fliese prämiert.
Abriss-Exkursionen: RAW Ernst Thälmann
Tja Leute,
da hat mir doch gestern Youtube einen Strich durch die Rechnung gemacht und mein Video wegen fehlender Musikrechte einfach geblockt. Ihr werdet es bemerkt haben.
Ok, jetzt ist das Video neu abgemischt und die "Musikfarbe" leicht von "traurig" auf "melancholisch" gewechselt (habe das Material genommen, was definitiv frei von Sony-Ansprüchen war und schnell erreichbar auf meiner Festplatte herum lag).
Die Musik muss schon ziemlich dramatisch sein, um diesen Reichsbahn-Bunker gerecht zu würdigen. Wie auch immer - in 5-10 Jahren wird von dieser einstigen Druckluft- und Nassdampfhölle wohl nichts mehr stehen. Insofern hat dieses Video seine Berechtigung als Erinnerungswerk. Jetzt noch der original Teaser-Text zum neuen Video.
Manchmal gibt es diese Tage, da will man einfach sehen, was aus Orten wurde, die einst im Leben irgendeine Rolle spielten. Der Zufall war gnädig und öffnete Türen, die im Falle des altehrwürdigen Reichsbahnausbesserungswerkes "Ernst Thälmann" in Halle/Saale sonst sehr gut verschlossen und durch eine Leipziger Wachschutzfirma verbissen gesichert werden.
Egal, getrieben von Neugier und verpflichtet den alten Jungs jener legendären Tfz-Schlosser-Abi-Klasse M 62 (gut, die Jungs aus der M 61 seien auch mitbedacht) wurde ein investigativer Besuch jener alten kaiserlichen und später sozialistischen Lokomotivaufarbeitungs- und Schlosserabwrackhölle abgestattet.
Ich habe die traurigste Musik daruntergelegt, die ich auf meinem Rechner finden konnte. Der alte Laden hat es verdient - summen doch die Erinnerungen dreier meiner besten Lebensjahre in den feuchten und gammligen Nischen dieser einstigen Festung sozialistischer Planwirtschaft.
Meine Herren, Helm ab zum Gebet! In Memoriam M62 und M61.
Mehr Abriss-Exkursionen
da hat mir doch gestern Youtube einen Strich durch die Rechnung gemacht und mein Video wegen fehlender Musikrechte einfach geblockt. Ihr werdet es bemerkt haben.
Ok, jetzt ist das Video neu abgemischt und die "Musikfarbe" leicht von "traurig" auf "melancholisch" gewechselt (habe das Material genommen, was definitiv frei von Sony-Ansprüchen war und schnell erreichbar auf meiner Festplatte herum lag).
Die Musik muss schon ziemlich dramatisch sein, um diesen Reichsbahn-Bunker gerecht zu würdigen. Wie auch immer - in 5-10 Jahren wird von dieser einstigen Druckluft- und Nassdampfhölle wohl nichts mehr stehen. Insofern hat dieses Video seine Berechtigung als Erinnerungswerk. Jetzt noch der original Teaser-Text zum neuen Video.
Manchmal gibt es diese Tage, da will man einfach sehen, was aus Orten wurde, die einst im Leben irgendeine Rolle spielten. Der Zufall war gnädig und öffnete Türen, die im Falle des altehrwürdigen Reichsbahnausbesserungswerkes "Ernst Thälmann" in Halle/Saale sonst sehr gut verschlossen und durch eine Leipziger Wachschutzfirma verbissen gesichert werden.
Egal, getrieben von Neugier und verpflichtet den alten Jungs jener legendären Tfz-Schlosser-Abi-Klasse M 62 (gut, die Jungs aus der M 61 seien auch mitbedacht) wurde ein investigativer Besuch jener alten kaiserlichen und später sozialistischen Lokomotivaufarbeitungs- und Schlosserabwrackhölle abgestattet.
Ich habe die traurigste Musik daruntergelegt, die ich auf meinem Rechner finden konnte. Der alte Laden hat es verdient - summen doch die Erinnerungen dreier meiner besten Lebensjahre in den feuchten und gammligen Nischen dieser einstigen Festung sozialistischer Planwirtschaft.
Meine Herren, Helm ab zum Gebet! In Memoriam M62 und M61.
Mehr Abriss-Exkursionen
Reichsparteitag: Entsetzen in Echtzeit
Noch nie war es so leicht wie heute, Empörung und Entsetzen herbeizuheucheln. Die Fernsehkommentatorin bedient sich, wie das zuvor ein Grünen-Politiker und sogar der Chef der deutschen Sozialdemokratie gelegentlich taten, im Wörterbuch des Unmenschen! Was in den guten alten Tagen mühselig hätte aufgeblasen werden müssen, indem der Zentralrat der Juden, die Verfolgten des Naziregimes und die Urenkel von Victor Klemperer befragt worden wären, lässt sich heute in Echtzeit und ohne große Mühe skandalisieren.
Es wird nicht einmal mehr ein gratismutiger Leitartikelkomponist benötigt, der Trauer, Wut und eingebildete Scham über das ungeheuerliche Versagen von Erziehung, gesellschaftlicher Kontrolle und Staat in eigenem Namen anprangert. Nein, inzwischen darf jedwede Kritik sich direkt auf das Volk berufen, zu dessen Meinung man das erklärt, was man sich an passenden Satzfetzen aus dem allgegenwärtigen Buchstabenrauschen bei Twitter und Facebook gefiltert.
Das beschleunigt den Ablauf eines sogenannten Medienskandals sichtlich auf die doppelte Geschwindigkeit: Wo die Welle der Kritik früher am Tag nach dem ungeheuerlichen Ausfall losgebrandet wäre, angetrieben von notorisch hellwachen Protagonisten wie Stephan Kramer, Claudia Roth oder der "Spiegel"-Redaktion, ebbt sie heute mit Anbruch des Tages danach schon wieder ab. Die "gewerblichen Wortzuchtmeister und Nazi-Experten" (Eckhard Henscheid) können bei Dienstantritt nicht mehr das Eisen schmieden, das schon eiskalt über die Agenturen läuft.
Also zieht die Empörungskarawane einen Haltestelle weiter: Weil die Angriffe aus dem Off herbeizitiert wurden, stehen dieselben Akteure nun allerdings parat, Mäßigung zu erflehen. Der Zentralrat der Juden, im November 2008 noch unterwegs, die Verwendung des Wortes "reinrassig" unter Entgleisungsstrafe zu stellen, stellt sich vor die Moderatorin. Zwar sei der Ausdruck unglücklich gewählt, doch habe "keine böse Absicht" bestanden, hat ein offensichtlich schnell zusammengerufenes Sprachgericht entschieden. Zudem habe sich Müller-Hohenstein bereits entschuldigt, teilte Vizepräsident Dieter Graumann mit, ohne zu sagen, bei wem sie sich in diesem Fall zu entschuldigen hatte. Etwa bei Daniel Andersson aus Borås in Schweden? Dem Inhaber von Reichsparteitag.de?
Es wird nicht einmal mehr ein gratismutiger Leitartikelkomponist benötigt, der Trauer, Wut und eingebildete Scham über das ungeheuerliche Versagen von Erziehung, gesellschaftlicher Kontrolle und Staat in eigenem Namen anprangert. Nein, inzwischen darf jedwede Kritik sich direkt auf das Volk berufen, zu dessen Meinung man das erklärt, was man sich an passenden Satzfetzen aus dem allgegenwärtigen Buchstabenrauschen bei Twitter und Facebook gefiltert.
Das beschleunigt den Ablauf eines sogenannten Medienskandals sichtlich auf die doppelte Geschwindigkeit: Wo die Welle der Kritik früher am Tag nach dem ungeheuerlichen Ausfall losgebrandet wäre, angetrieben von notorisch hellwachen Protagonisten wie Stephan Kramer, Claudia Roth oder der "Spiegel"-Redaktion, ebbt sie heute mit Anbruch des Tages danach schon wieder ab. Die "gewerblichen Wortzuchtmeister und Nazi-Experten" (Eckhard Henscheid) können bei Dienstantritt nicht mehr das Eisen schmieden, das schon eiskalt über die Agenturen läuft.
Also zieht die Empörungskarawane einen Haltestelle weiter: Weil die Angriffe aus dem Off herbeizitiert wurden, stehen dieselben Akteure nun allerdings parat, Mäßigung zu erflehen. Der Zentralrat der Juden, im November 2008 noch unterwegs, die Verwendung des Wortes "reinrassig" unter Entgleisungsstrafe zu stellen, stellt sich vor die Moderatorin. Zwar sei der Ausdruck unglücklich gewählt, doch habe "keine böse Absicht" bestanden, hat ein offensichtlich schnell zusammengerufenes Sprachgericht entschieden. Zudem habe sich Müller-Hohenstein bereits entschuldigt, teilte Vizepräsident Dieter Graumann mit, ohne zu sagen, bei wem sie sich in diesem Fall zu entschuldigen hatte. Etwa bei Daniel Andersson aus Borås in Schweden? Dem Inhaber von Reichsparteitag.de?
Abriss-Exkursionen: RAW Ernst Thälmann
Manchmal gibt es diese Tage, da will man einfach sehen, was aus Orten wurde, die einst im Leben irgendeine Rolle spielten. Der Zufall war gnädig und öffnete Türen, die im Falle des altehrwürdigen Reichsbahnausbesserungswerkes "Ernst Thälmann" in Halle/Saale sonst sehr gut verschlossen und durch eine Leipziger Wachschutzfirma verbissen gesichert werden.
Egal, getrieben von Neugier und verpflichtet den alten Jungs jener legendären Tfz-Schlosser-Abi-Klasse M 62 (gut, die Jungs aus der M 61 seien auch mitbedacht) wurde ein investigativer Besuch jener alten kaiserlichen und später sozialistischen Lokomotivaufarbeitungs- und Schlosserabwrackhölle abgestattet.
Ich habe die traurigste Musik daruntergelegt, die ich auf meinem Rechner finden konnte. Der alte Laden hat es verdient - summen doch die Erinnerungen dreier meiner besten Lebensjahre in den feuchten und gammligen Nischen dieser einstigen Festung sozialistischer Planwirtschaft.
Meine Herren, Helm ab zum Gebet! In Memoriam M62 und M61.
Egal, getrieben von Neugier und verpflichtet den alten Jungs jener legendären Tfz-Schlosser-Abi-Klasse M 62 (gut, die Jungs aus der M 61 seien auch mitbedacht) wurde ein investigativer Besuch jener alten kaiserlichen und später sozialistischen Lokomotivaufarbeitungs- und Schlosserabwrackhölle abgestattet.
Ich habe die traurigste Musik daruntergelegt, die ich auf meinem Rechner finden konnte. Der alte Laden hat es verdient - summen doch die Erinnerungen dreier meiner besten Lebensjahre in den feuchten und gammligen Nischen dieser einstigen Festung sozialistischer Planwirtschaft.
Meine Herren, Helm ab zum Gebet! In Memoriam M62 und M61.
Sonntag, 13. Juni 2010
Wir sind wieder. Aber wer?
Müller-Hohenstein: "Das muss für Miroslav Klose ein innerer Reichsparteitag gewesen sein."
Wenn da draußen an den Rundfunkgeräten jetzt wirklich jemand hingehört hat, ist die Müller-Hohenstein ab Morgen nicht mehr mit Kahn im Studio. Fällig, die Frau. Fällig.
Aber klar. Die ganze Welt reagiert sofort. "Reichsparteitage beziehen sich auf die Veranstaltungen, bei denen Adolf Hitlers NSDAP besonders ab 1933 ihre verhängnisvolle, menschenverachtende Propaganda im großen Stil ausbreitete", wikipediat der nachtdiensthabende Praktikant.
Der Countdown bis zur Entschuldigung läuft. Unerbittlich, quasi.
Es ist abzusehen. Es wird vor Sendeende soweit sein, sie muss das zurücknehmen. Vollständig. Die Vreme muss in die Tube! Als Entschuldigung kommt "Euphorie" infrage, auch "Gefühle" und möglicherweise "Irritationen" sind möglich. Sie wusste nicht, was sie sagt. Wird spannend.
Oha, das Weltnetz bebt: Reichsparteitag im ZDF
Kein Wort. Nirgends. Müller-Hohenstein will nun auch noch die kulturelle Identität Afrikas nicht gelten lassen. Sie nennt Vuvuzela-Musik abfällig "Krach".
Unverbesserlich. Ist sie schlimmer als Eva Hermann? Der Countdown steht auf zehn Minuten. Wenn sie nicht Abbitte leistet, hat sichs erledigt.
Nichts. Kein Wort. Kein Kniefall. Aus. Vorbei. Sieg für Deutschland, Niederlage für den Gebührenfunk. Das ist wirklich die schlimmste Entgleisung, seit sich der damalige SPD-Chef Franz Müntefering im Wörterbuch des Unmenschen bediente und das "Ausmerzen des Piratentums" forderte und der grüne Europaabgeordnete Jo Leinen einen Reichsparteitag für Oskar Lafontaine ausrichtete.
Diesmal zittert "Spiegel" vor Zorn. Auf "Facebook", der Sammelstelle von Freizeitüberversorgten, gründen junge, engagierte Menschen engagierte Protestgruppen. Müller-Hohenstein hat sich bislang trotzdem nicht entschuldigt. Sowenig wie Grünen-Führer Jürgen Trittin für seinen von Hitlers Panzergeneral Guderian inspirierten Vorschlag zur deutschen Afghanistan-Strategie: Man möge "Klotzen, nicht kleckern", hatte der grüne Truppenführer im ZDF empfohlen. Beobachtern überall auf der Welt stockt der Atem. Ist es schon wieder soweit? Kriecht aus dem Schoß, was fruchtbar noch ist? Warum lässt sich der Trittin-Beitrag im ZDF nicht anschauen? Gab es einen geheimen Proteststurm?
Seit Freitag 16 Uhr wird zurückgeschossen. Au. To. Bahn."Schäm dich, ZDF!", nigelt die einst als antiautoritäre Stimme gegründete Taz, "das haben unsere Multi-Kulti-Zauber-Jungs nicht verdient!"
Die Welt zu Gast bei Nervensägen
Die Taktik ist beinahe immer ein 4-5-1, die Stürmer sind einsame Alleinunterhalter, die Mittelfelder kompakt, der Kampf dominiert das Spiel. Alle Mannschaften, die ihren ersten Auftritt hinter sich gebracht haben, sind bis hierher automatisch aus dem Kreis der großen Favoriten ausgeschieden: England (Foto oben) nach dem zusammengekrampften 1:1 gegen die USA, Argentinien nach dem wenig imposanten 1:0 gegen Nigeria, alle anderen sowieso. Verlierer sind nur die Verlierer, abgesehen vom Zuschauer, der nicht nur das stimmungstötende Tröten der fröhlichen Vuvuzela-Bläser, sondern auch noch Spiele voller Doppelriegel, verstärkt von Doppel-Sechsern und verziert mit taktischen Fouls ertragen muss.
Die Welt zu Gast bei Nervensägen, für das einzige bisschen Farbe im Spiel müssen die Schuhe sorgen, die am liebsten in Orange und Flieder getragen werden. Bei Klassikern wie Algerien gegen Slowenien erzählen Kommentatoren notgedrungen viel über die Giraffenpopulation in der Umgebung des Stadions, in den Halbzeitpausen analysieren Experten wie Günter Netzer, bei der letzten WM noch als "Andrea Pirlo" für Italien aktiv, Parallelen der seltenen Torraumszene zu Eishockey und Handball.
Auch in der zweiten Halbzeit ist die Angst vorm Verlieren dann wieder allemal größer als der Wille zu gewinnen, "das Spiel steht nicht nur 0:0, es ist auch ziemlich schlecht", offenbart Thomas Wark im ZDF, das bei seinen Fußballübertragungen einen angemessen langsam um sich selbst kreiselnden Ball aus den 50er Jahren ins Senderlogo integriert hat. Wohl damit auch die, die nicht so oft Fußball schauen, die Sportart erkennen können im Dauerdröhnen und dem bewegten Stillstand auf dem Platz. Nach sechs Begegnungen liegt die Torquote bei 1,3 - nach 2,4 bei der WM 2006, damals bereits ein Beinahe-Negativrekord. Nur bei der Endrunde 1990 in Italien, die mit dem dritten deutschen Titelgewinn endete, wurde mit 2,21 ein schlechterer Durchschnitt erzielt - bei der WM 1954 in der Schweiz waren noch 5,38 Treffer pro Partie gefallen.
Fluch der guten Tat
Wie mir MDR Info berichtete, trafen sich am Sonnabend diverse Gebäudereiniger in Halle, um auf die unbenommen desaströsen Arbeitsbedingungen in der Branche aufmerksam zu machen. Die Zeit ist knapp, der Lohn sowieso: Das "Facility Management" ist nicht direkt die erste Wahl für Schulabgänger. Dagegen muss man protestieren - ist klar. Nur die Begründung, warum der Druck auf Putzfrauen und Putzmänner immer mehr zunimmt, war nicht unbedingt kompatibel zu SPON, SZ und Co. Als Hauptfeind ward eine der Lieblingsideen der Gewerkschaften und anderer Bemühter auserkoren: der Mindestlohn. Denn justament mit dessen Einführung mussten die Arbeitgeber neu kalkulieren. Und das taten sie wie immer "auf dem Rücken der arbeitenden Bevölkerung" (dpa, SED). 8,40 Euro pro Stunde müssen sich amortisieren. Und im Zweifelsfall sagt der Chef dann einfach: Putz schneller!
Samstag, 12. Juni 2010
Von Tuten und Blasen: Tröten, die töten
Es ist ein ohrenbetäubender Orkan aus Tuten und Blasen, ein Tinnitusgeräusch aus trötenden Tieffrequenzen, die Lebenslust Afrikas als Dauerton aus zehn-, zwanzig- oder fünfzigtausend Nebelhörnern. Die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika droht, an Nebengeräuschen zu ersticken: Kommentatoren klagen, dass sie nichts und niemand sie versteht, Fans stehen mit Gehörschutz im Stadion, Fernsehzuschauer diskutieren nicht Finten, Tricks und tolle Tore, sondern beinahe ausschließlich den lähmenden Lärm der im Ausrichterland der WM zur "Fankultur" erklärten "Vuvuzela"-Trompeten. "Wo die Fahne weht, verschwindet der Geist in der Trompete", weiß ein Sprichwort aus Osteuropa, wo es auf Fußballrängen traditionell auch nicht leise zugeht. Doch gegen die Hummelschwärme des südafrikanischen Vuvuzela-Trötens ist ein Düsentriebwerk eine stille Mönchszelle. Spätestens seit dem letzten Afrika-Cup wusste die Welt, wie auf dem schwarzen Kontinent Lebensfreude und Fußballbegeisterung simuliert wird: Rasseln, Trommeln, Tuten, am liebsten ohne jeden Zusammenhang mit dem jeweiligen Spielgeschehen. Rasseln und Trommeln ist jetzt weggefallen, weil im Dauerorgeln der Plastikposaunen von Johannesburg nicht einmal mehr zu erahnen. Geblieben ist das ohne Einatmungspause tosende Tröten, ein wie maschinell erzeugtes Kollektiv-Tuten, das alles erstickt, was am Fußball sonst die Atmosphäre macht.
Fifa-Chef Sepp Blatter selbst machte sich dennoch stark für die südafrikanische Art, den Marsch zu blasen: Die Vuvuzela zu spielen sei landestypische Fußball-Kultur, sie zu unterdrückten und die üblichen Schlacht- und Fangesänge auf den Rängen damit wieder hörbar zu machen, sei ein westlicher Angriff auf afrikanische Errungenschaften, der kein Verständnis für die Eigenarten und Besonderheiten der südafrikanischen Kultur zeige. Man müsse die Andersartigkeit afrikanischer Fans würdigen und dem endlosen, nervtötenden Fäpen einfach mal bereitwillig sein Ohr leihen, hieß es bei WM-Veranstalter.
Doch Europa kommt nicht auf den Geschmack, das intolerante Deutschland verweigert sich der multikulturellen Geste. Zwei Tage kollektives Leiden am WM-Lärm haben gereicht, Südafrikas Ruf als nette Gastgebernation zu ruinieren, obwohl quäckenden Plastikröhren gar nicht südafrikanischen Ursprungs sind, sondern aus China kommen. "Jetzt ist völlig klar, warum die Kriminalitätsrate in Südafrika so hoch ist", mutmaßt ein Foreneintrag, "wer das 90 Minuten lang ertragen hat, muss einfach zum Mörder werden."
Oder sich wehren: Durchs Netz fegt ein Proteststurm, ARD und ZDF werden mit empörten Zuschauermails bombardiert, hier und da denken Fans sogar schon über einen nach. Die zentrale Protestseite ist vuvuzela.org inzwischen permanent überlastet. Auch unter Antivuvuzela.org wird versucht, mit Hilfe einer Fan-Petition für ein Ende des infernalischen Getutes zu sorgen.
Da sind dann nach Meinung der Fankulturfachzeitschrift Spiegel Rassisten und Fremdenfeinde unter sich: "Der weiße mann fühlt sich gestört", plädiert das multikulturelle Leitmagazin für eine radikale Lösung des Plastikposaunen-Problems: "Wahrscheinlich hilft da nur eins: Man kauft sich selber so ein Ding und trötet mit. Denn Krach, den man selber macht, ist bekanntlich nur halb so schlimm."
Poesie zum apokalyptischen Posaunenklang
Torärmste WM aller Zeiten: Die Welt zu Gast bei Nervensägen
Millionär mit 43 Euro
Da die Zahl der deutschen Dollarmillionäre durch den Kursrutsch der Einheitswährung im nächsten Berichtszeitraum aber geradezu dramatisch einbrechen dürfte, bietet sich zur Schlagzeilenproduktion im kommenden Jahr eine Umstellung der Millionärsabrechnung auf alternative Währungen an. In afghanischen Afghanis gerechnet, reicht derzeit etwa schon ein Vermögen von 18.000 Euro, um stolz den Millionärstitel führen zu können. Wer das nicht zusammen bekommt, setzt auf den simbabwischen Dollar, der schon jeden Besitzer von 2300 Euro zum Millionär macht. Sollte das nicht reichen, weil viele Ärmste der Armen danach immer noch nicht zur exklusiven Kaste der Superreichen gehören, bietet sich ein Umstieg auf den vietnamesischen Dong an: 43 Euro genügen dann, um sich Millionär nennen zu dürfen.
Einkaufen im Wert von einer Million kann man mit diesen virtuellen Millionen dann im Inland natürlich nicht. Aber das können die Inhaber des Titels "Dollar-Millionär" ja auch nicht.
Gericht erlaubt Stacheldraht im Harnkanal
"Und die Vögel singen nicht mehr", gröhlt die Rockformation Rammstein in einem der Lieder (Video unten) ihres Schallwerkes "Reise, Reise" - und wirklich, nachdem ein deutsches Gericht entschieden hat, dass das letzte Rammwerk "Liebe ist für alle da" entgegen den bislang geltenden bindenden Weisungen der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien frei verkauft werden darf, haben die Vögel wirklich aufgehört zu singen. Was für ein Rückschlag im schon 51 Jahre währenden Kampf der Bundesregierung gegen Schund und Schmutz im Netz und in der echten Welt, was für eine Watschn auch und gerade für die ehemalige Bundesfamilienministerin und Beinahe-Bundespräsidentin Ursula von der Leyen (Bild oben, Bildmitte). Die ehemals beliebteste CDU-Politikerin hatte die Platte im November im Rahmen der bürgerschaftlich-engagierten PPQ-Aktion "Verbot der Woche" auf den Index setzen lassen, weil das Lied "Ich tu dir weh" Gewalt verherrliche und zu ungeschütztem Sex animiere. Das gefalle ihr nicht und sei Kindern deshalb nicht zumutbar, teilte von der Leyen seinerzeit mit. Die Rammstein-Schallplatte musste aus den Regalen der Tonträgerläden entfernt werden, sie war jedoch für alle, die sich ordnungsgemäß ausweisen konnten, weiter völlig frei unter dem Ladentisch erhältlich.
Das Kölner Verwaltungsgericht stellte sich jetzt gegen die mutige Entscheidung der engagierten Fast-Mutter der Nation und hob die Entscheidung der Bundeszensurbehörde vorläufig auf. Das Verbot sei "offensichtlich rechtswidrig" gewesen, das Lied enthalte nämlich "gerade keine detaillierte Darstellung von wirklichkeitsnahen Gewaltexzessen."
Das Familienministerium, das Ursula von der Leyen bereits zuvor verlassen hatte, erwägt nun nach PPQ-Informationen, das Gerichtsurteil verbieten zu lassen. Das sei offenkundig gewaltverherrlichend und fordere Menschen auf, in den Baumarkt zu gehen, sich Stacheldraht zu kaufen und den in fremde Harnkanäle einzuführen. Das sei mit dem Verbraucherschutz nicht vereinbar. Kritisiert wurde auch, dass Rammstein-Hörer gezwungen würden, ungeschützten Geschlechtsverkehr zu haben. Vor dem Hintergrund explodierender Gesundheitskosten müssten sich die Richter fragen lassen, wie ernst sie ihre gesellschaftliche Verantwortung als dritte Gewalt überhaupt noch nähmen.
Abonnieren
Posts (Atom)


