Montag, 26. Dezember 2022

Vegetarische Weihnacht: Überholen, ohne Fleisch zu holen

Vegetarische weihnacht
Mit kreativer Grafikkosmetik gelang es dem ZDF, Deutschland vorfristig das erste vegetarische Weihnachtsfest zu bescheren.
 

In der stillen Zeit, mitten zwischen den Jahren, nichts passiert, abgesehen vom Bundespräsidierenden sind alle Verantwortlichen auf Heimaturlaub. Abgetaucht die Klimabewegung, kaum Neuigkeiten von der Energiefront. Hier und da nur erzählt "Onkel Otto Quatsch", jenseits der Stille aber wächst schon das Gefühl für etwas Großes, das da kommen wird. Der Preis wird heiß, aber wenn erst alle Entlastungspläne umgesetzt sind, dann sind alle gemeinsam durch "diese Zeit" (Walter Steinmeier) gekommen. Schlanker, frischer und mit sauberem Hauttonus, denn der große Umbau zur Zukunftsgesellschaft, er hat eben erst begonnen. Mit der Deutschland-Diät, den neuen LNG-Terminals, dem Wiederaufbau der Bahn und dem Deutschland-Ticket schickt sich das nationale an, sich mit dem Klima zu versöhnen.

Weiter als angenommen

Das Land ist dabei nun schon aber offenbar schon viel weiter als bisher angenommen worden war. Während Bundesernährungsberater Cem Özdemir noch darum kämpft, die Bürgerinnen und Bürger zum Fleischverzicht zu bewegen, gehen die Menschen bundesweit bereits voran. Wie eine Umfrage des ZDF nach den Speisezetteln der Deutschen zum Weihnachtsfest zeigt, haben die ehemals traditionellen Gerichte, die zwischen Nordsee und Alpen, Ostsee und Erzgebirge über Jahrzehnte rund um das Weihnachsfest verzehrt wurden, längst ihre Dominaz in deutschen Küchen verloren. Staat Gans, Karpfen, Wienerwurst, Ente und Schnitzel stehen inzwischen in den meisten Familien vegetarische Speisen auf dem Tisch.

Eine Überraschung für Traditionalisten, kaum gedämpft von der Tatsache, dass die Faktenfinder des ZDF keine genauen Daten zu ihrer Instagramumfrage angab. Dass die meisten Teilnehmer der Erhebung "vegetarisch essen wollen" (ZDF) belegte ein Balken, der den von "Kartoffelsalat und Wurst" knapp, aber deutlich überragt - dass Kartoffelsalat aber selbst ein vom Bundesernährungsministerium genehmigtes vegetarisches Gericht ist, blieb unerwähnt. Der Abstand zwischen "vegetarisch" auf Platz eins und "Kartoffelsalat mit Wurst" auf Platz zwei wäre bei einer seriösen Aufschlüsselung folglich noch viel deutlicher ausgefallen. 

Nur ein Fehler und nicht einmal der schlimmste. denn weitere Beilagen wie Klöße, Kartoffeln, Käse, Rotkohl, Sauerkraut, Grünkohl und Rohkostsalat eingerechnet, hätte die Umfrage sogar zweifelsfrei ergeben müssen, dass die Deutschen sich mittlerweile durchweg und so gut wie ausschließlich vegetarisch ernähren. Für die angestrebte vegane Zukunft reicht das freilich noch nicht. Die Erziehungsfortschritte, die gerade in den zurückliegenden 13 Monaten auch in der Breite gemacht werden konnte, sind aber unübersehbar.

Überholen, ohne Fleisch zu holen

Überholen, ohne Fleisch zu holen - auch wenn der letzte Schritt hin zum Nahrungsersatz noch fehlt, ist das in den meisten Millionen Familien längst Alltag. Die letztem Rückzugsgebiete der Schnitzelfraktion, sie schrumpfen schon deutlich, noch ehe neue Nationalen Ernährungsstrategie (NES)in Kraft tritt und Gemeinschaftsküchen, Kantinen und Bringedienste ab kommendem Jahr zu Kochschulen der Nation werden. Wie in den Eckpunkten der NES festgeschrieben und mit dem GAP-Stategieplan der EU zur Biodiversität abgestimmt, rückt eine "stärker pflanzenbetonte Ernährung" (Özdemir) überall akut in den Mittelpunkt. 

Fettige Currywurst, saftiges Steak, knusprige Gans, Entesüßsauer und schmieriges Raclette haben überall Platz gemacht für Blattsalat, Veggie-Burger und Tofu-Wurst. Ein Sieg der Verantwortung der heute Lebenden vor der Zukunft, ein Schritt in die richtige Richtung, verdeutlicht durch die bundesweit trotz harter Konkurrenz als führend geltende ZDF-Abteilung für sogenannte Grafikkosmetik, die das "reichste Land der Welt" (ZDF) seit Jahren zuverlässig mit der Botschaft versorgt, dass die Darstellung der Wirklichkeit in Form von Torten, Linien und Balken nicht an Daten, Fakten und tatsächliche Sachverhalte gebunden ist.

Der Wunsch als Vater des Gedankens reicht, um Nachrichten von hohem Beachtungswert herzustellen, die dem Betrachter ein positives visuelles Erleben ermöglichen. Mit den bewährten Mitteln der kreativen Grafikkosmetik gelang es dem ZDF so, Deutschland vorfristig sein erstes vegetarisches Weihnachtsfest zu bescheren. Blieben auch die Aufschreie der Meckerer, Kritikaster und Salatleugner nicht aus, so bleibt doch der Eindruck, dass die Möglichkeiten, die die Absurdität als Basis der Unwissensvermittlung bietet, noch lange nicht ausgeschöpft sind. Nächstes Jahr schon könnte das Weihnachtsdeutschland, aus dem das ZDF am liebsten berichtet, vollkommen vegan sein. Und übernächstes Jahr komplett besiedelt von Frutariern und Fruganern.

 


Der Sparfuchs spricht: Lieber weniger, dafür aber mehr

Klimaminister Robert Habeck hat den deutschen Ausstiegspfad bereits klar umrissen.
Die russischen Pipelines sind Vergangenheit, Erdgas wird in Deutschland künftig kaum noch gebraucht werden. Besser spät als nie, sagen Samuela Senftenberger und Taddeus Ponkt von der Denkfabrik Sparfuchs, einer Ausgründung aus dem bundesweit bekannten Climate Watch Institut (CLW) im sächsischen Grimma. Die beiden Soziologen und Volkskundler schlagen vor, dass Deutschland seinen Gasverbrauch dauerhaft reduziert, um nicht in alte Abhängigkeiten zurückzufallen. "Das muss ohnehin passieren, wenn wir unsere Klimaziele erreichen wollen", sagt Ponkt. Damit schlage man zwei oder drei Fliegen mit einer Klappe: "Das nützt dem Klima, spart Geld und stärkt das deutsche Ansehen in der Welt."

Die Sparfüchse aus Sachsen ziehen die Perspektive weit über die aktuelle Heizperiode hinaus. "Wir reden nicht von einer zweijährigen Krise, sondern von einem Dauerzustand", sagt Senftenberger. Die aktuelle Energieknappheit würden der Menschheit bis zum Ende aller Tage erhalten bleiben. "Deshalb sollten wir uns fragen: Wäre es nicht rentabler, wenn wir Energie wieder mehr wertschätzen lernen?" Beide sind überzeugt, dass ein Leben jenseits der Verschwendung durch überheizte Wohnungen, Duschorgien, Wannenbäder und täglicher Körperhygiene möglich und nötig ist. "Lieber weniger, aber davon mehr", betont Taddeus Ponkt: Ob Russengas oder Freiheitsenergie, was heute nicht verheizt werde, bleibe künftigen Generationen erhalten. "Der globale Markt vergisst nicht."

PPQ: Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine werden in Deutschland derzeit sechs schwimmende Terminals für Flüssiggas (LNG) realisiert, später sollen drei weitere an Land folgen. Sie finden das übertrieben und hätten es lieber gesehen, wenn die Ampel das problem anders gelöst hätte?

Taddeus Ponkt: Wir sehen doch, dass Erdgasversorgung kein Weg ist. Gebraucht wird es vor allem in der Industrie und beim Wohnen, in beiden Bereichen war schon mit den Energieausstiegsbeschlüssen von Schwarz-Rot klar, dass wir den Verbrauch dort bis 2020 um 30 bis 40 Prozent senken, um unsere Klimaziele zu erfüllen. Warum also sollen jetzt versuchen, mit Milliardenaufwand neue Versorgungsquellen zu erschließen? Um den Ausstieg kommen wir ja doch nicht herum. Dass die Energiepreisbremse im Zusammenspiel mit den steil gestiegenen Preisen es Endverbrauchern unter bestimmten Bedingungen sogar ermöglichen, von Preiserhöhungen für Strom und Gas zu profitieren, wie es das ZDF mal in einer wissenschaftlichen Berechnung versprochen hatte, glaubt doch heute niemand mehr. Die Preisbremsen, so gut sie gemeint sind, machen Bürgerinnen und Bürger nicht so reich wie es früher fleißige Arbeit, Lottoglück oder das nahezu steuerfreie Erben von Oma ihr klein' Häuschen getan haben. Daraus ergibt sich ein gewisser Druck auf Veränderungen anderer Potenziale.

PPQ: Die Bundesregierung verweist auf die Versorgungssicherheit und im Moment auch auf dei Außentemperaturen, die Menschen zu Heizen förmlich zwingen.

Samuela Senftenberger: Die Bundesregierung macht es sich bequem, indem sie allem Ärger aus dem Weg geht, weil sie die notwendigen Einsparungen immer weiter nach hinten schiebt. Da verhindert Proteste der heute hier Lebenden, zumal, wenn man expressiven Verkauf auch noch mit staatlichen Mitteln für alle durchfinanziert. Dabei wäre jetzt die Gelegenheit, rasch und nachhaltig umzusteuern. Die Gaspreise sind so hoch, dass viele sie dauerhaft ohnehin nicht zahlen werden können. Die EU tut alles, um sie weiter hoch zu halten, damit auch die übrigen Bürgerinnen und Bürger ihren privaten Energieausstieg vollziehen. Wir reden nicht von einer zweijährigen Krise und dann ist wieder alles gut, sondern von einem andauernden Zusammenbruch über die nächsten zehn, 20 oder 100 Jahre. Wir müssen also heute sparen, damit wir morgen besser leben können.

PPQ: Aber mit irgendetwas müssen wir doch heizen, Strom herstellen und Waren und Güter transportieren?

Taddeus Ponkt: Russland hat ungefähr die Hälfte der deutschen Erdgasimporte ausgemacht. Es gibt aber auch Importe aus Norwegen oder den Benelux-Staaten, die schon länger LNG-Terminals haben. Ziel muss es sein, sie alle nach und nach herunterzufahren. Norwegen zum Beispiel gilt als Öko-Vorzeigeland, aber wie es es dazu geworden? Durch den Verkauf von Öl und Gas, Investitionen in zum Teil unethische Großkonzerne und einen Wohlstandsausbau, der das Land zu einem der Hauptziele der Migration weltweit machen würde, hätte es sich nicht streng abgeschottet. Unser Weg kann also nicht sein, die weggefallenen Importe zu ersetzen. Wenn wir zu stark in Richtung neuer Importe gehen, stärken wir nur fossile Regime wie Norwegen. Wir müssen den Verbrauch senken, am besten auf Null. Nach aktuellen Zahlen spart uns das 124 Milliarden jährlich, die wir dann für mehr Bildung, mehr Sicherheit und besseren ÖPNV ausgeben können. 

PPQ: Vielleicht erklären Sie einmal, wie das funktionieren soll, so ganz ohne Energie?

Samuela Senftenberger: Es geht um eine Kombination aus Häuserdämmung, Daunenjacken, alternativen Heizmethoden und smarter Bedarfssteuerung. Vor dem Krieg hat Deutschland etwa 18 Milliarden Euro im Jahr für Erdgasimporte bezahlt, derzeit sein des über 100 Millionen. Eine Familie, die im Jahr 20.000 Kilowattstunden zum Heizen verbraucht, muss bis zum Ende des Jahrzehnts jedes Jahr 1.300 Euro mehr zahlen, oder aber sie entschließt sich, unserem Plan zu folgen und entsprechend zu sparen. Die Gasrechnungen werden also bis 2030 doppelt so hoch bleiben. Dann spart sie übrigens nicht nur die 1.300 Euro, sondern doppelt so viel.

PPQ: Um den Preis, ständig zu frieren?

Samuela Senftenberger: Wir haben in unserem Klima-Labor in Grimma nachgestellt, wie der Mensch mit anhaltend frischen ´Temperaturen umgeht. Das ist im Grunde genommen kein Problem, das zeigen auch Aufzeichnungen von Völkerkundlern am Polarkreis. Es gibt kein kaltes Wetter, nur unangepasste Kleidung. Durch den russischen Wegfall wurde dem Weltmarkt eine große Menge Gas entzogen, das nun glücklicherweise anderswo klimawirksam wird. Uns verschafft das die Chance, eine neuen Umgang mit niedrigeren Temperaturen zu erlernen. Die Samen zeigen, was da möglich ist.

PPQ: Sie reden einer Lösung das Wort, die den Zustand, wie er jetzt ist, akzeptiert und darauf dringt, ihn beizubehalten?

Taddeus Ponkt: Das ist richtig. Wir wissen zwar, dass das Gas, das Russland nicht mehr nach Europa verkauft, letztenendes woanders verbraucht werden wird, so dass der Schaden den Russland durch die Sanktionen erleidet, ebenso überschaubar bleibt wie der Nutzen, den das Klima aus dem deutschen Energieausstieg zieht. Aber wenn wir jetzt stark bleiben und nicht nur auf Gas, sondern auch auf Öl und Kohle zu verzichten lernen, dann zeigt das der gesamten Welt, das sich die 155 Milliarden Kubikmeter Gas, die Deutschland noch 2021 aus Russland bezog, ersatzlos einsparen lassen. Niemand wird dann noch eine teure Infrastruktur aufbauen, um teure Energieträger einzukaufen, wenn es auch ohne geht.

PPQ: Aber eine Lösung für Mobilität, normales Wohnen und selbst Arbeit in Behörden und Denkfabriken ist das doch nicht. Der Fall Renate Künast zeigt doch schon, wie schwer es selbst gutwilligen Menschen fällt, mit nur etwas tieferen Temperaturen zu leben.

Taddeus Ponkt: Wir setzen da auf die Resilienz einer nachwachsenden Generation. Die Klimakinder von Fridays for Future haben schon gezeigt, wie willig sie sind, auch Beschwernisse in Kauf zu nehmen, um das Klima zu retten. Greta Thunberg saß bei ihren ersten Streiks mitten im Winter auf dem blanken Beton! Um den deutschen Energieausstieg voranzutreiben, werden wir Klimaschulen brauchen, die mit Eistrainings, Winter-Anpassungskunde und speziellen Aufwärmungsübungen zeigen, wie wir umgehen lernen können mit einer Welt ohne Wärme, also wenigstens während des europäischen Winters. So lange es ihn noch gibt zum Glück nur, denn wie wir alle Wissen, sind die Zeiten, in denen es Winter früher gab, mit Frost und Schnee und wochenlanger Kälte mittlerweile weitgehend vorbei. Bis zur Mitte des Jahrhunderts werden sich viele Fragen,m die wir uns heute noch stellen, wie soll ich heizen, wie dämme ich besser, die werden sich nicht mehr stellen. Nur bis dahin müssen wir als Menschheit eben überleben.

Samuela Senftenberger: Wir Forscher sind überzeugt, dass das alternativlos ist. Wir können das günstige russische Pipelinegas nicht dauerhaft durch extrem teure LNG-Importe ersetzen und damit Waren produzieren, die beim Export genug Gewinn abwerfen, um aus den Erlösen unsere Rechnungen bei den Gasstaaten zu bezahlen. In Deutschland drohte daher selbst im besten Szenario eine De-Industrialisierung, Haushalten wird gleichzeitig durch den staatlichen Gaspreisdeckel beim Doppelten der bisherigen Tarife ein großer Teil des Wohlstandes abgesaugt. Wollen wir das? Können wir das wollen? Nein. Unsere Lösung liegt im Verzicht, in drastische Einsparungen überall bis herunter auf Null. Dann würde Deutschland die neue Gasimportinfrastruktur nicht mehr benötigen, wir wären autarkt und unabhängig. Und das muss das Ziel sein.

PPQ: Was soll denn dann aber mit den gerade neu aufgebauten LNG-Kapazitäten geschehen?

Samuela Senftenberger: Da gibt es nur einen Weg, gerade weil uns natürlich immer auch die Gefahr droht, dass herauskommt, wie viel russisches Flüssiggas über diesen Weg hereinströmt. Europa hat seine LNG-Importe aus Russland seit Januar um 50 Prozent gesteigert, das hat geholfen, die Speicherziele zu erreichen, würde aber natürlich ein ganz schlechtes Licht auf das Sanktionsregiment und dessen Sinnhaftigkeit werden, würde es öffentlich. Ein Konzept der Bundesregierung mit einem klaren Ausstiegskorridor würde helfen, eine Perspektive aufzuzeigen, an der sich dann wie beim Atomausstieg alle Staaten der Welt orientieren könnten. Das fehlt im Moment noch so ein bisschen. 

Taddeus Ponkt: Statt in neue fossile Infrastrukturen zu investieren und sich für das Tempo zu loben, mit der man das schafft, Stichwort "neue Deutschlandgeschwindigkeit", sollte lieber mit demselben Eifer aus der Braunkohle und der Gasverstromung, aus Kernenergie und fossil getriebener Mobilität ausgestiegen werden. Wer, wenn nicht Deutschland, kann vormachen, wie ein Industriestaat erneuerbar wird, mit Solaranlagen, Windkraft und Speichern und bis 2030 mindestens 30 Prozent der Landesfläche, die unter Naturschutz stehen, wie es die neuen Artenschutzvereinbarungen vorsehen? Ich sehe niemanden anders, der sich das zutraut.

Sonntag, 25. Dezember 2022

Zitate zur Zeit: Strafbarkeit als Aufmerksamkeitsmaschine


D
ie Erregung der Politiker angesichts der Illegalität der Protestaktionen ist für jede Bewegung notwendiger Teil zur Aufmerksamkeitsproduktion für ihr Anliegen.

Stefan Kühl forscht über politische und religiöse Bewegungen und fordert in der Taz Augenmaß und Mitgefühl beim Umgang auch mit möglicherweise strafbaren Formen des Widerstandes 

Keine Abstriche an der Grundversorgung: 45 Haselnüsse vom Gemeinsinnfunk

Auf 45 Haselnüsse bringt es die ARD in diesem Jahr. Leicht unter dem Senderekord früherer Weihnachtstage, aber die Grundversorgung bleibt damit auch in Krisenzeiten gesichert.

D
ie Verfilmung von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ gilt schon seit Jahren als grüner Ampelpfeil der sozialistischen Märchenwelt, ein einsamer Überlebender aus dem heute meist nur noch mit Warnhinwesen sendbaren Hinterlassenschaft aus dem Giftschrank der Defa. Immer zu Weihnachten greifen die Gemeinsinnsender in die Archivkiste und holen die Co-Produktion zwischen der Tschechoslowakei und der DDR zurück ins Programm. Millionen warten auf die Wiederaufführung,die "Haselnüsse" gehören inzwischen zum Fest wie Baum, Lametta und Konsumismus.

Traditionskost unterm Baum

Auch in diesem Jahr der Energiearmut ist die Grundversorgung mit der traditionellen Festtagskost also wieder gesichert. Fünfzehn Mal dürfe Libuše Šafránková als armes, gemobbtes Aschenbrödel und Pavel Trávníček als ewiggestriger Adliger bis Neujahr ran. Allein beim MDR läuft der Streifen zweimal, auch die ARD und der WDR zeigen die Geschichte vom Aufstieg des Waisenmädchens, dem aufgrund der unklaren Erbregelungen im Mädchenland nur Schimmel Nikolaus, der Hund Kasperle und eine Schmuckschatulle vom väterlichen Erbe bleiben, gleich doppelt. 

45 Haselnüsse gibt es damit insgesamt im Feiertagsprogramm, das macht mehr als 2.000 Kalorien. Klingt viel, ist aber deutlich weniger als 2020. Damals waren Aschenbrödel und ihre wundersamen Haselnüsse noch 19 Mal zu sehen gewesen. Womöglich Ausfluss einer seinerzeit noch teilweise hoffähigen neoliberalen Botschaft, dass jeder alles erreichen kann, gelingt es ihm nur, den schönen Schein zu wahren.

Ein bedenkliches Geschichtsbild

Falsche Vorbilder, ein bedenkliches Geschichtsbild, warnt der Medienwissenschaftler Hans Achtelbuscher. Aschenbrödel sei das role model der Frau aus der Unterschicht, die nicht aufgibt, sondern um ihren großen Traum kämpft, eines Tages selbst zu herrschen, statt beherrscht zu werden. Nach Meetoo, der Turds-Diskussion und dem anstehenden neuen Selbstbestimmungsgesetz wirke der in der Hochzeit der Verwandlung des revolutionären Sozialismus-Experiments in Ostdeutschland in eine konsumistische Schuldenwirtschaft entstandene verfälschte Grimm-Märchen wie aus der Zeit gefallen, so der Chef des An-Institutes für Angewandte Entropie der Bundeskulturstiftung.

Aschenbrödel trage zwar anfangs "auch mal Männerkleidung", passe sich aber später kleinbürgerlichen Vorstellungen von "Lebensglück" und traditioneller Zwei-Ehe an. Bei jungen Menschen  könne diese Art der Darstellung zu Irritationen führen, warnt Achtelbuscher. "Wir wisse nicht, was das in den Köpfen anrichtet." Das gelte aus seiner Sicht umso mehr, als dass kein einziger Sender eine erklärende Talkshow oder eine aufklärende Reportage zu den tatsächlichen Verhältnissen in der Zeit der Königspaare, Hofbälle und verwöhnten jungen Prinzen im Umfeld der vielgesehenen Wiederaufführungen platziere.

Abgeschnitten geglaubte Zöpfe

So komme es, dass Millionen Zusehende einmal mehr mit längst abgeschnitten geglaubten Zöpfen aus einer Vergangenheit alleingelassen würden, "die doch niemand von uns zurückhaben will", beklagt Hans Achtelbuscher. Für fahrlässig halte er nicht nur den Umstand, die Zeiten der Monarchie zu idealisieren und das ewige Gebet von den Aufstiegschancen für jeden zu wiederholen, sondern insbesondere den Umstand, das mit den angeblich wunderwirkenden "Haselnüssen" eine altbekannte Verschwöungstheorie aufgewärmt werden, die von der Wissenschaft längst widerlegt sei.

In Wirklichkeit gebe es keine "Verwandlung" einer Haselnuss in ein Ballkleid. Forschende unter Achtelbuschers Ägide konnten vielmehr nachweisen, wie unter den primitiven Bedingungen der Dreharbeiten im Jahr 1973 fast so gezielt getrickst wurde, wie es heute üblich ist: Vom Ballkleid der späteren Prinzessin wurden zehn Farbfotografien angefertigt, die genau der Größe des Kleides entsprechen. Aus diesen Fotografien des Kleides wurden dann sogenannnte Sternphasen herausgeschnitten, das heißt, man fertigte in ihrer Größe zunehmende sternförmige Ausschnitte des Kleides an. Für den Film nahm man schließlich zuerst ein Einzelbild der auf den Boden gefallenen Nuss auf, danach die zehn Sternphasen von klein nach groß, bis zum letzten Bild des vollständigen Kleiderbündels. 

Für den uneingeweihten Zuschauer*in entsteht beim Abspielen der Bilder in hoher Geschwindigkeit bis heute auch in der hundertsten Wiederholung der Eindruck der "Verwandlung" der Nuss in ein Kleid, die nach Angaben von Wissenschaftlern überhaupt nicht möglich ist.

Samstag, 24. Dezember 2022

Ein Frohes Fest allen Leserinnen und Lesern!

Kein Weltfrieden: Wenn das Wünschen nichts mehr hilft

Ach, zwei Wünsche wünscht' ich immer,
Leider immer noch vergebens.
Und doch sind's die innig-frommsten,
Schönsten meines ganzen Lebens.

Daß ich alle, alle Menschen
Könnt' mit gleicher Lieb' umfassen
und daß ein'ge ich von ihnen
Morgen dürfte hängen lassen.

(Adolf Glassbrenner) 

Als Adolf Glasbrenner auf dem Höhepunkt seiner Dichtkraft zur Feder griff, um ein Wunschpoem zu schreiben, das nicht nur in der Weihnachtszeit Bestand hat, ging es ihm um die ganz großen Dinge. Lieben und Hassen, Frieden und Krieg, Leben und Tod, darunter machte es der Mann nicht, dessen erfolgreichstes Werk "Neuer Reineke Fuchs" nach seinem Erscheinen umgehend verboten worden war. Was hätten auch Wünsche unterhalb dieser Ebene für einen Sinn? Wie könnte einer etwas genießen, ohne Liebe, ohne das zufriedene Gefühl, den Hass, der ihm im Magen brennt und in die Nächte kostet, gestillt zu haben? 

Von Haus aus Humorist

Glasbrenner, von Haus aus Humorist, mit Berufsverbot belegt und in der Zeit dazwischen unter anderem Herausgeber des "Berliner Don Quixote - ein Unterhaltungsblatt für gebildete Stände", war ehrlich zu sich selbst und ehrlich anderen gegenüber. Wenn schon wünschen, dann etwas Wichtiges, wenn schon schenken, dann etwas von Belang.

Lebte der Dichter, der vor 222 Jahre geboren wurde, heute noch, sähe er sich allerdings mit einer Welt konfrontiert, in der der Hase anders läuft. Einerseits gibt kaum jemand noch zu, was er sich am sehnlichsten wünschen würde, wenn er wüsste, dass es in Erfüllung geht. Andererseits ist der Wunschhorizont zusammengeschrumpelt auf die Größe einer Haselnuss. Nicht mehr Liebe und ein Ende des Hasses durch die Beseitigung seines Ursprungs stehen ganz oben auf den Wunschzetteln der Nation. Sondern Gutscheine, Kosmetik, Parfüm, Geld, Bekleidung und Smartphones. 

Kantersieg des Konsumismus

Unter dem Baum am Heiligen Abend soll bei den meisten Menschen liegen, was sich ohnehin schon in Schränken, Regalen und Schuppen stapelt. Mehr von dem, was schon da ist. Der Weihnachtsmann als Rückwärtiger Dienst, der für Nachschub an Dingen sorgt, die bereits vorhanden sind. 

Nichts unterscheidet die erste Kriegsweihnacht, die zugleich die erste Stille Zeit in der amtlichen Gasmangellage (Warnstufe 2 seit August) ist, von ihren Vorgängern. Der Weltfrieden, ein Ende der Klimakatastrophe, die internationale Solidarität der Völker, Glück, Gesundheit, einen möglichst warmen Winter und eine sinkende Inflation, sie spielen einer Statista-Umfrage zufolge keine Rolle in der Wunschwelt der Bürgerinnen und Bürger. Was sie sich ersehnen, zeigt ein Land im Zustand beinahe vollendeter Zufriedenheit: Es kann nicht mehr gut werden müssen, nur noch besser, es braucht nicht große Dinge, nur ein paar kleine.

Weltfrieden ist kein Wunsch mehr

Selbstverständlich verbietet sich Adolf Glasbrenners Offenheit beim Wunsch danach, "daß ein'ge ich von ihnen Morgen dürfte hängen lassen" könnte. Frei herausgesprochen, gülten diese Zeilen im aufgeklärten Abendland der Neuzeit als Hassbotschaft, selbst Glasbrenners Versicherung, das alles sei Satire, mithin Kunst und dadurch straffrei, würden den Autor nicht vollumfänglich schützen. Dass aber die Angst vor dem falschen Wunsch so weit reicht, Menschen in Massen davon zu überzeugen, nur ganz kleine Wünsche zu haben oder aber ihre großen sicherheitshalber nicht zu äußern, wirft einen dunklen Schatten auf den Rest des Lichterglanzes früherer Jahre. 

Wenn das Wünschen nicht mehr hilft, ist das schrecklich, wird das Wünschen selbst aber aufgegeben, verliert der Mensch ein Stückchen seiner Menschlichkeit. Tiere, Pflanzen, Steine, sie alle können nicht wünschen, nicht der moderne Konsumist will es nicht mehr. Was sich nicht kaufen lässt, ist kein Geschenk, was nicht in Papier gewickelt werden kann, hat unter dem Weihnachtsbaum nichts zu suchen.

Freitag, 23. Dezember 2022

Speisekarte für betreutes Essen: Die neue Deutschland-Diät

Deutschland soll mit der neuen Özdemir-Diät gesünder essen. Vorreiter werden Gemeinschaftskantinen sein, die auf 30 Prozent Bio-Lebensmittel verpflichtet werden.

Ursprünglich hatte er Außenminister werden wollen, um fremde Völkern lehren zu können, wie eine gesunde Demokratie rund um die richtigen Werte herum aufgebaut wird. Nach der letzten Bundestagswahl aber blieb für Cem Özdemir nur der vergleichsweise unattraktive Posten des Bundesministers für Ernährung und Landwirtschaft der Bundesrepublik Deutschland. Eine Postion, für den der Soziologe aus Schwaben als zureichend qualifiziert gilt, weil er seit seiner Jugend vegetarisch lebt.

Niederlagen im Amt

Die Krise aber bescherte auch Özdemir in seinem ersten Jahr im Amt zahlreiche Rückschläge und Niederlagen.  Den geplanten stärkeren Schutz von Äckern und Wiesen durch schärfere Regeln für Bauern und größere Brachflächen zerschoss die EU, sein Vorhaben, die globale Ernährungssicherung durch weniger intensive Landbewirtschaftung mit "weniger Pestiziden, weniger Dünger und mehr Natur" zu gewährleisten, machten die infolge der Energiekrise steigenden Lebensmittelpreise kaputt. Biomärkte, die eigentlich die künftige Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln hatten sicherstellen sollen, schlossen. Beim GAP-Stategieplan der EU zur Biodiversität musste Özdemir Kritik der EU ertragen. Und zugleich kritiserten ihn Umweltverbände harsch.  

Cem Özdemir setzt nun auf der anderen Seite an. Dort, wo verfüttert wird, was Feld und Stall hergeben, soll einem Strategiepapier des Landwirtschaftsministeriums zufolge mit größeren Erziehungsanstrengungen als bislang dafür gesorgt werden, dass die Deutschen den Weg zu einer nachhaltigeren und gesünderen Ernährung finden. Staatliche Vorgabe ist eine nationale Kraftanstrengung zu Reduzierung des Konsums von Zucker, Fett und Salz, der Fleischverbrauch soll weiter sinken und Kollektiv-Einrichtungen wie Schule, Kita und Betriebe will der frühere Grünen-Chef als "Hebel" nutzen, um Menschen, die nicht selbst in der Lage sind, gesund und ausreichend statt lecker und viel zu essen, auf seine neue Deutschland-Diät zu setzen.

Pflanzenbetonte Ernährung

Mit den Eckpunkten der Nationalen Ernährungsstrategie (NES), einer Art Speisekarte für die neue Deutschland-Diät, rückt eine "stärker pflanzenbetonte Ernährung" in den Mittelpunkt, die Currywurst, das Steak und der Schinken müssen Platz machen für Blattsalat, Veggie-Burger und Tofu-Wurst. Mensen und Kantinen werden verpflichtet, saisonale und regionale Speisen anzubieten, gewährleisten sollen sie dabei einen Bio-Anteil von mindestens 30 Prozent betragen. Özdemir will damit eine sogenannte "gute Ernährung" allen Menschen zugänglich machen, den derzeit hänge es vor allem von der "sozialen Herkunft" ab, ob jemand vernünftig esse oder zu fett, salzhaltig und süß.

Das betreute Essen überall durchzusetzen wird eine Herkulesaufgabe. Derzeit werden nur etwa zehn Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche im Land nach den Regeln des ökologischen Landbaus bewirtschaftet. Wegen der geringeren Erträge schaffen es die deutschen Bio-Bauern damit sogar nur, 6,4 Prozent der im Land verzehrten Lebensmittel herzustellen. Um die für Kantinen geplanten 30 Prozent Bio-Lebensmittel gesamtgesellschaftlich zu realisieren, so dass Menschen, die daheim kochen und esse nicht benachteiligt werden, müsste die Bio-Landwirtschaft ihr Produktionsvolumen verfünffachen, am einfachsten, indem sie ihren Anteil an den bewirtschafteten Flächen möglichst schnell von knapp auf um die 45 Prozent ausbaut. 

Vervierfachte Wachtumsrate

In den vergangenen zehn Jahren hatte die gerecht und bio bewirtschaftete Fläche um etwa fünf Prozent im Jahr zugenommen. Die Nationale Ernährungsstrategie erfordert nun einen Booster (Claudia Kempfert) mit Wumms: Um bis 2030 alle Vorgaben des Ernährungsministers zu erfüllen, müsste diese Wachstumsrate ab Januar auf mehr als 20 Prozent pro Jahr steigen - ein Perspektivvorhaben, das ähnlich ehrgeizig ist wie das, Deutschland bis 2030 auf erneuerbare Energien umzustellen. 

Hier wie da aber lässt sich die Administration nicht von der Größe der Aufgabe abschrecken. Pünktlich 90 Jahre nach der Einführung des Eintopfsonntags sind mit der Nationalen Ernährungsstrategie die Pflöcke gesetzt, zwischen denen künftig betreut gegessen werden darf. Nun heißt es Guten Appetit!

Auf Sparflamme: Das Licht der letzten Kerze

Weiterbenutzen, so lange es geht: Die Ökobilanz uralter Lichterketten mit Glühlampen ist viel besser als die oft als "Öko-Berater" getarnte Lobby der chinesischen LED-Industrie Glauben machen will.

Aber es ist doch Weihnachten! Aber sie verbrauchen doch nicht viel! Aber es geht doch nur um ein paar wenige Tage! Überall in deutschen Familien sind es Dialoge wie diese, die seit Beginn der Hochweihnachtszeit zwischen Unterstützern des Kurses der Bundesregierung auf Sparsamkeit, Erneuerbare und hohe Speicherstände einerseits und konservativen Traditionalisten, Putin-Freunden und Kriegsleugnern auf der anderen Seite stattfinden.  

Die eine Seite verteidigt das, was war: Lichterglanz zum Weihnachtsfest, festlich geschmückte Bäume, Adventskränze und Lametta. Die andere verweist auf die Zeitenwende, die geänderten klimatischen Bedingungen, unter denen Weihnachten stattfinden muss, und darauf, dass das ehemals weiße Fest das erste Opfer der Erderhitzung ist. Möglichst wenig Strom zu verbrauchen, sei eine Aufgabe, der sich auch kein Weihnachtsfreund entziehen könne, wolle er sein Lieblingsfest retten.

Ohne Kerzen und Schnee

Wie aber soll Weihnachten stattfinden, ohne Schnee, Kerzen, Lichterketten und beleuchtete Schwibbbögen? Wie kann Deutschland seine Heiligen Tage des Konsumismus retten, bis das "Booster-Programm für die Erneuerbaren Energien" (Claudia Kempfert) greift und wieder genug Elektroenergie da ist? Herbert Haase vom Klimawatch-Institut (CLW) im sächsischen Grimma hat mit seiner Forschungs-Frau- und Mannschaft eine Liste von Möglichkeiten zusammengestellt, wie sich Wohnungen und ganze Häuser mit gutem Gewissen weihnachtlich dekorieren lassen, ohne dass das Weltklima Schaden nimmt oder die gemeinsamen Kriegsanstrengungen des Westens im Osten der Ukraine nachlassen müssen. "Weihnachten und Festlichkeit, das muss kein Widerspruch sein", sagt Haase, der es nach der Entdeckung der neuen Volksseuche Apathitis durch Forscher aus seinem Haus gerade in diesem Jahr besonders wichtig findet, dass die traditionellen Familienverbände noch einmal wie gewohnt zusammenkommen, ehe die neue Deutschland-Diät allgemeinverbindlich wird.

Beleuchtung muss dabei sein, auch kann ein kleiner Baum aus nachhaltiger Zucht aufgestellt werden. "Echtholz ist klimaneutral, wer die Transportemissionen ausgleichen will, der sammelt im Wald einige Stöcke und Zweige und lagert sie daheim im Keller dauerhaft ein", so Haase. CO2, das im Holz gespeichert sei,  werde so daran gehindert, sie nach und nach aus dem Gewebe zu lösen. "Bei guter Lagerung ist diese Art Speicherung über hunderte Jahre möglich", verwiest er auf CO2-Bindungsexperimente etwa mit der berühmten Klimakommode des Tüftlers und Erfinders Jens Urban. 

Keinesfalls ersetzen!

Lichterketten herkömmlicher Art sollten auch keinesfalls gegen neuartige Beleuchtung mit LED-Lampen ersetzt werden, wie es Werbekampagnen der Lichtindustrie teils sogar über staatliche Internetplattformen und große Nachrichtenagenturen empfehlen. Herbert Haase führt Untersuchungen an, nach denen eine Lichterkette in Deutschland pro Jahr durchschnittlich 50 Stunden in Betrieb ist. Eine althergebrachte Christbaumkerze komme damit auf eine Lebensdauer von 20 Jahren. "Da der größte Teil der CO2-Belastung, die sie verbraucht, während der Produktion anfällt, ist ein Austausch, so lange sie noch funktioniert, ein verantwortungsloses Verbrechen an kommenden Generationen", sagt Haase. Auf den Energieverbrauch der kleinen Lämpchen komme es nämlich überhaupt nicht an.

Eine altertümliche Lichterkette verbrauche über die gesamte Weihnachtszeit etwa 20 Kilowattstunden, eine Menge an Energie, die angesichts eines deutschen Durchschnittsverbrauchs von 1.700 Kilowattstunden kaum ins Gewicht falle, zumal sie rechnerisch auf alle Familienmitglieder aufgeteilt werden müsse. "Wir reden von Kosten in Höhe von acht bis 10 Euro im Jahr, aufgeteilt auf zwei bis zehn Personen."

Feindbild von Politikern, Lobbyisten und Medien

Dass die traditionelle Lichterkette zum Feindbild von Politikern, sogenannten Öko-Instituten und damit auch der Medien geworden sei, führt Herbert Haase auf grundsätzliche Vorbehalten gegen traditionelles Brauchtum und mangelndes Verständnis für Größenordnungen zurück. "Wie man eben noch glaubte, mit kürzeren Duschen und Waschlappen ließen sich messbar Gasvorräte ansparen, um im Winter heizen zu können, glaubt man nun eben daran, dass der Austausch von Lichterketten mit Glühlampen und ihr Ersatz durch LED-Leuchten, wie sie das Öko-Institut empfiehlt, Einsparungen bringt, die von irgendeiner Relevanz sein können." 

Rechne man aber die ökologischen Schäden gegen, die bei der Produktion der zum Ersatz notwendigen Millionen LED-Lampen mit ihrer gefährlichen Mischung Halbleiterkristallschichten, Golddraht, Plastik und seltenen Erden und deren Transport aus Fernost nach Europa entstehe, wachse der ökologische Schaden an Natur und Umwelt mit jeder vor der Zeit gekauften neuen Lichterkette.

Gigantische Klimaschäden

Ob qualitativ hochwertige LED-Lichterketten im Fachmarkt oder billige Nachahmungen aus Bangladesch, das mache keinen Riesenunterschied", sagt Haase mit Blick auf die Verschwendung von Produktionsressourcen. Fabriken, die in Asien eigens gebaut würden, um den Hype nach dem Ersatz bewährter Lichterketten zu befriedigen, verursachten Klimaschäden "für 1.000 Weihnachten". Gute Modelle mit Glühbirnen hielten in vielen Familien seit Jahrzehnten und sie "können noch jahrzehntelang halten, weil sie oft nur wenige Wochen im Jahr im Einsatz sind". Der billige Ersatz dagegen gehe tendenziell schnell kaputt und lassen den Berg an Elektroschrott anwachsen. "Da muss jeder sein gewissen befragen, ob er das wirklich will, nur weil ihm von der chinesischen Lichterkettenindustrie und ihrer Lobby bei den Öko-Instituten eingeflüstert wird, das müsse sein."

Die nackten Zahlen sagen etwas anderes, betont Haase. Wenn Hersteller für ihre LED-Lichterketten eine Lebensdauer von 20.000 bis 30.000 Stunden angäben, werde der Wahnsinn deutlich: "Kaufen Sie die, Sie werden sie dann 400 bis 600 Jahre lang jedes Weihnachten betreiben können." Ein klarerer Fall von Über-Engineering sei ihm in seiner Forscherlaufbahn noch nie begegnet: "Wir entsorgen funktionierende Glühlampenketten, deren Strombedarf etwa 0,1 Prozent des Gesamtverbrauchs ausmacht, und ersetzen sie hochtechnisierte LED-Lampen, die so aufwendig gebaut sind, dass sie noch im Jahr 2400 einsatzfähig sein werden." 

Falsche Signale von der EU

Falsche Signale wie das EU-Energielabel unterstützen die "verrückte Kampagne" zum Ersatz althergebrachter Glühlampenketten durch vermeintlich supereffiziente LED-Lampen noch zusätzlich. Aus energetischer Sicht ergebe der Tausch Sinn, denn wenn erst alle Lämpchen in Deutschland mit Ökostrom betrieben würden, könne ein Ausstoß von 220.000 Tonnen des Klimagiftes CO2 vermieden werden, heißt es dazu.

Einen "Wahnsinn" nennt Herbert Haase das. Angesichts eines Gesamtausstoßes von CO2 in Deutschland von etwa 770 Millionen Tonnen sei der  Beitrag weihnachtlicher Lichterkette "vollkommen vernachlässigbar", betont und. Und: "Rechnen wir dagegen, dass etwa 600 bis 800 Millionen Euro investiert werden müssen, um alle Lichterketten auf LED umzustellen, wird klar, dass hier mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird." Während die Windkraft verzweifelt Investoren sucht, reisten die Propagandisten der LED-Industrie durch die Lande, um für ihre angeblich so stromsparende Technologie zu werben. "Dass wir auf diese Weise für jede eingesparte Tonne CO2 3.000 Euro bezahlen - mehr als das 15-fache dessen, was das Umweltbundesamt für angemessen hält - wird verschwiegen."

Donnerstag, 22. Dezember 2022

Energieausstieg: Elektrisches Ende in Eigenverwaltung

Nach den Windausbauer wackeln nun auch die Ladestrukturausbauer.

Wenn die Deutschen etwas machen, dann aber richtig. Kein anderes Land weltweit nimmt sich selbst und seine Aufgabe als Leuchtturm für die übrigen Nationen überall auf der Erde so ernst, kein anderes Volk ist so unerbittlich, wenn es gilt, eine selbstgestellte Aufgabe rigoros und bis zum Ende umzusetzen. Wo selbst EU-Partner knieweich werden und Verbündete fassungslos den Kopf schütteln, schreiten deutsche Regierungen, deutsche Wähler und auch die noch nicht wahlberechtigten Nochnichtsolangehierlebenden  unverdrossen voran, zu neuen Ufern, von denen, wie es heißt, die wegschwimmenden Felle der früheren Industrienation noch besser zu beobachten sein sollen.

Elektrifizierung des ganzen Landes

Fortschritt ist starker Staat und die Elektrifizierung des ganzen Landes, die allerdings nach Art der früheren Kanzlerin konsequent vom Ende her gedacht wird. Während die Stromherstellung ausgedünnt wird, gibt es klare Planzahlen für die Steigerung des Verbrauchs in der Zukunft. 15 Millionen Elektro-Autos bis 2030, dazu mindesten drei Millionen neue Wärmepumpen -  wenn dann später alle 43 Millionen deutschen Wohnungen von Öl und Gas auf Elektroheizung umgestellt sind, werden in Deutschland sogar sagenhafte 50 Millionen Wärmepumpen für Wärme und Warmwasser sorgen.

Planziele, die zu erreichen derzeit die Voraussetzungen geschaffen werden. Der Atomausstieg ist schon fix, parallel trifft die Bundesnetzagentur bereits Vorkehrungen, um der zu erwartenden Nachfrage nach Elektroenergie Herr zu werden. Mit einer Strategie, die auf die "Inkaufnahme erforderlicher Komforteinschränkungen durch Schaltmaßnahmen" setzt, dürfen Energieanbieter künftig Wärmepumpen und E-Autos abschalten, wenn deren Bedarf droht, das Stromnetz zu überlasten. Smart und ohne Zutun der Besitzer von modernen Elektro-Autos und klimafreundlichen Wärmepumpen wird der Verbrauch gedrosselt, indem die Stromabgabe an Wärmepumpen und Auto-Ladestationen reduziert wird. 

Mehr Ladestationen für weniger Strom

Ein deutliches Zeichen, wo es langgehen soll. Mehr Ladestationen braucht das Land, viel mehr sogar, um weniger Strom zu verteilen. Mit dem Ladeinfrastrukturhersteller Compleo Charging Solutions hat nun ein erster Goldgräber der Wachstumsbranche die Konsequenzen gezogen. Nachdem der Vorstand "die positive Fortführung des Unternehmens nicht mehr als überwiegend wahrscheinlich" ansah, stellte er Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung. Die Boombranche leidet unter Finanznot, die Zahlungsfähigkeit des Unternehmens sei "nicht nachhaltig gewährleistet" und die Fortsetzung des Geschäftsbetriebs gefährdet. Die Produktion soll vorerst weiterlaufen, das Portfolio allerdings müsse verschlankt und die Firma neu aufgestellt werden, um im Ladeinfrastrukturausbauboom überleben zu können. Der Aktienkurs, einst bei 113 Euro, liegt noch bei 1,25 Euro.  

Deutsche Erfolgsgeschichten, wie sie auch die Windkraftbranche zuverlässig schreibt. In der Nachfolge der erfolgreichen deutschen Solarindustrie schrumpft das Zukunftsgeschäft mit dem Energielieferanten, der keine Rechnungen schreibt, ums Überleben. Den "ehrgeizigen" (Tagesschau) Ausbauzielen der Bundesregierung mangelte es zuletzt zusehends an Interessenten für ausgeschriebene Winderwartungsflächen. Die Bundesnetzagentur musste den fest eingeplanten Zubau von bei 1,2 Gigawatt Leistung auf 0,6 Gigawatt halbieren. Vom Höhepunkt des Jahres 2002, als mehr als 2300 neue Windräder aufgestellt worden waren, brach der sogenannte Zubau bereits im vergangenen Jahr um mehr als drei Viertel auf nur noch knapp 500 Neuanlagen ein.

Fremde Fernsehwelten: Höhnische Grüße aus der Studiohitze

Von wegen Energie sparen. Die Studios der Gemeinsinnsender sind immer noch gut durchgeheizt, während die Sparappelle verlesen werden.

So sitzen und stehen sie da, in ihren Studios, vor aller Augen. Dunja Hayali im T-Shirt, ihr sidestep im offenen Hemd. Beim "People-Magazin" (MDR) "Brisant" trägt niemand Jacke, geschweige denn einen Pullover oder einen wenigstens einen leichten Mantel. Genauso sieht es bei "Hier und heute" vom WDR aus, bei ""Wir ins Bayern" sind die Ärmel kurz, bei "Hallo Hessen" werden zwar Handschuhe getragen, aber nur beim Kochen, aus hygienischen Gründen. "Kaffee oder Tee" vom SWR zeigt Angela Merkel in der Uniform von immer: Shirt und dünnes Pokemon-Jäckchen, keine Mütze, kein Schal. Selbst im "Weihnachtsjournal" des RBB treten Moderatoren auf wie im Südsee-Urlaub. Leich bekleidet, ungeschützt ausgesetzt den seit Monaten vorgeschriebenen 19 Grad Höchsttemperatur in deutschen Arbeitsstätten.

Heile, heiße Fernsehwelt

Heile, heile Fernsehwelt, glückliche Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Während draußen im Land gespart und gebibbert wird, ist im Staate Gemeinsinnfunk alles wie früher.  Kein Tagesschau-Sprecher und keine Sprecherin muss sich wegen der notwendigen Sparanstrengungen - nötiger denn je sind 20 Prozent Energieeinsparung - eine Jacke überziehen. Die dünne Bluse reicht weiterhin, der langärmlige Pulli ist fast schon zu viel. Damit kein Schweiß in die Augen läuft, während der Informationsgrundversorger die gesundheitlichen Vorteile des Verzehrs von Granatapfelgerichten erläutert, werden die Ärmel hochgeschoben.

Sie senden wie aus einer anderen Galaxie. In den Wohnzimmern der Empfänger, die zumeist immer noch auf Robert Habecks energiesparende Heizungsentlüftungskolonnen warten, wird der Weihnachtsmann in diesem Jahr nicht auf den Gedanken kommen, seinen Mantel lieber ausziehen zu wollen. Bei "Hier um 4" im MDR und "Hallo Deutschland" im ZDF dagegen geht es nach wie vor so heiß her, dass spätere Generationen anhand der Aufzeichnungen nicht werden feststellen können, dass es eine Energiekrise gab und bundeseinheitlich verbindliche Weisungen zur Absenkung der Raumtemperatur.

Grüße aus der Studiohitze

Hallo Deutschland" wird schulterfrei moderiert, als habe es niemals einen Angriff Russlands, EU-Sanktionen und eine Sprengung der Nordstream-Pipelines gegeben. Der Ansager der "Abendschau" aus Bayern  tritt im dünnen blauen Oberhemd vor die Kamera, lange schon die Uniform der Auskenner, bis heute genug, um in den Studios des bayrischen Rundfunks zu überwintern. Auch Bayern will, soll uind muss Energie sparen, aber auch im Bayern hat das alles sichtbare Grenzen. Es sind dieselben wie im "Morgenmagazin", der Sendung von ARD und ZDF, die stets zu Tagesbeginn aus der Studiohitze grüßt. Die Zuschauer, die live dabei sind, sind nicht dicker eingepackt als vor sechs Jahren. Der sogenannte "Wetterfrosch" trägt Rolli, aber das ist viel zu viel. Er muss die Ärmel seines Kostüms hochschieben.

Kommt Klaus Müller, als Chef der Bundesnetzagentur Deutschland höchster Sparmahner, trägt er als Vertreter der produktivsten Zeichenfabrik der Welt selbstverständlich Schal und dicken Mantel. Das Signal, wie kalt es ist und wie nötig weitere Anstrengungen, denn "die bisherigen reiche  nicht " (Müller), es soll überall da draußen ankommen. Ihm gegenüber sitzt eine leicht geschürzte Moderatorin im roten Pulli, die das "nicht Nachlassen bei der Zurückhaltung beim Heizen" in Empfang nimmt, als gehe es sie zumindest gar nichts an.

Mit Paraffinkerzen baren Strom sparen

Kurze Röcke, viel Haut am Oberarm, die Dienstkleidung der Gemeinsinnsender im Energiekrieg unterscheidet sich kein bisschen vor der früherer Friedenszeiten. Ist denn nicht genug damit getan, dass Spartipps aller Art inzwischen einen festen Bestandteil des Programms bilden?  Die Scheinwerfer können nicht abgedimmt werden wie die Weihnachtsbaumbeleuchtung in vielen Wohnstuben. Hier ist zwar nichts LED, aber alles teuer beleuchtet und gut durchgeheizt. Von wegen Energie sparen. Wenn  die Sparappelle verlesen und Tricks verraten werden, wie sich mit Talg- und Paraffinkerzen aus Erdöl barer Strom sparen lässt, sonnen sich die Ansager im Studiolicht. Dunkle Straßen sind zwar nicht gefährlicher, aber dunklere Studios könnten Teile der Bevölkerung verunsichern. 

Öffentlich bekanntgeworden ist bisher weder etwas von internen Energiesparplänen beim WDR noch beim MDR oder dem zuletzt noch weitaus verhaltensauffälligeren RBB. Selbst verglichen mit dem Vorhaben des Berliner Senats, mit zehn Prozent immerhin halb so viel Energie sparen zu wollen wie Bundesregierung und EU vorschreiben, ist Null sehr wenig.

Mittwoch, 21. Dezember 2022

Fest des Friedens: Köpft Putin und hängt ihn höher

Keine echte Abstimmung, sondern getrieben von automatisierten "Votes": Das Zentrum für Politische Schönheit" lässt Putin sicher nicht hinrichten.

Todesstrafe für Kinderschänder!", forderten Rechtsextremisten jahrelang und der zivilisierte Rest der Bevölkerung war heilfroh, dass die ultimative Strafe nur noch in Hessen in der Landesverfassung steht. Was hätte sonst nicht alles passieren können! Denn wenn die Tat nur grausig genug ist, tendieren selbst die Grundschullehrerin, der Professor und die NGO-Aktivistin für möglichst scharfe Maßnahmen gegen den oder die Täter. Also Vorsicht vor der Stimme des Volkes, die jederzeit in einen schrillen Diskant umkippen kann. Dann fließt Blut, dann gibt es Tränen und Tote, Skandale, viel Geschrei und es klirren nicht mehr nur die verbalen Waffen.

Immer möglichst heftig

Genau das also, worauf es das "Zentrum für Politische Schönheit" (ZPS) von Anfang an angelegt hatte. Gegründet und angeführt von Philipp Ruch, einer Art linker Götz Kubitschek, provoziert die bunte Truppe aus selbsternannten Aktionskünstlern die Medien durch möglichst spektakulärste Aktionen zur Berichterstattung. Mal wird der Holocaust verharmlost, indem das Berliner Mahnmal vor dem Haus eines Provinz-Rechten nachgebaut wird. Mal spielen die Täter mit Judenasche verstecken, mal betätigen sie sich als Betrüger. Immer freilich im Namen einer Kunst, die für sich in Anspruch nimmt, für "radikale Humanität" zustehen: Jedes Quäntchen Antisemitismus gut, jeder Hetzaufruf liebevoll, jeder Bezichtigungskampagne von der Kunstfreiheit geschützt.

In der Logik einer brutalistischen Kunstauffassung, die nur die Eskalation kennt, liegt begründet, dass jede nachfolgende Aktion die vorhergehende an Geschmacklosigkeit, an Unmenschlichkeit und Anmaßung noch übertreffen muss. Warum also nicht mal eine Abstimmung im Internet, ob der russische Präsident Wladimir Putin besser geköpft oder gehenkt werden sollte? Beründet mit der fake news, dass der Internationale Strafgerichtshof (ICC) in Russlands Krieg gegen die Ukraine Kriegsverbrechen der russischen Armee und der Verantwortlichen im Kreml ahnden wolle, aber noch nicht wisse, wie, ruft das "Zentrum" zur Abstimmung: Unter http://punishputin.com behaupten die Künstlernden, dass der  ICC die angemessene Strafe für Putin von der gesamten Weltbevölkerung wählen lassen wolle. 

Wer will, darf hängen

Wer mag, darf ihn hängen lassen. Wer mag darf in köpfen lassen. Oder in ein Arbeitslager stecken.  "The world is voting now" und es wird eifrig geklickt, auch wenn beim "Zentrum" davon auszugehen st, dass alle angegebenen Ergebnisse sich nicht mit echten Abstimmungsklicks, sondern mit künstlerischer Absicht erzeugt werden. Dafür spricht, das Putin im Moment noch glimpflich davonkommt: Obwohl Todesstrafe, Gefängnis oder Fronteinsatz zur Wahl stehen, droht im vom "ICC" des ZPS nur eine Serie von Ohrfeigen, vielleicht auch ein paar Sozialstunden oder das Schwimmen mit Haien. 

Auch das aber thrillt schön in Kreisen, in denen Bundeswasauchimmerminister Cem Özdemir als Lichtgestalt gilt, der mit seiner "neuen Ernährungsstrategie" auch nur das Beste will für alle Menschen.  Weniger Fleisch, mehr Obst, das klingt gut, auch wenn es von oben kommen muss, weil unten oft noch die Einsicht fehlt, dass gesunde Ernährung keine individuelle Entscheidung sein kann, sondern jeder dem Kollektiv zu dienen hat, so lange es ihm irgend möglich ist. 

Automatisch generierte Votes

Zur Abwechslung insgeheim für die Todesstrafe sein dürfen, das kickt im Bionadeadel, das bricht Tabus, die nur politische Schönheit brechen darf und sei es eben mit automatisch generierten "Votes", wie sie auf der Abstimmungsseite zu finden sind. Derzeit ist jede Bestrafungsart in Italien am beliebtesten, womöglich, weil der Italiener als solcher in den Augen der Zentrumskünstler einer ist, der henkt und erschießt und mit Bohrmaschinen Köpfe öffnet. In Deutschland, dem vielbeklagten Heimatland der künstlernden Weltbürger, ist dagegen kein Bestrafungsvorschlag mehrheitsfähig. Die russlandfreundliche Linke, aus deren Reihen Ruch sein Personal rekrutiert, scheint immer noch mächtig genug, sein Idol zu schützen.

Besser so. Denn falsch ausgehen soll das Ganze schon, um Aufmerksamkeit zu generieren. Andererseits muss auch in der Kunst, die keine ist, die Zivilisation siegen, um die Überlegenheit unserer Werte über die von Diktaturen, Machthabereien und Blutprinzenemiraten zu belegen. Die jüngste Kampagne des "Zentrums für Politische Schönheit" ist deshalb nach dem Muster rechter Populisten und sächsischer Galgendemonstranten geschnitten, sie darf an Hassreflexe appellieren, den Wunsch nach Folter  à la Guantanamo beschwören und Rachegelüste anstacheln. Ganz und gar ,links aber ist ihr Ergebnis: Egal, ob überhaupt und wie abgestimmt wird, die Strafe steht fest. Putin muss keine Angst haben, er wird weder gehenkt werden noch sonst einen letalen Schaden erleiden.

EU-Gaspreisbremse: Der fliegende Deckel

Auch der europäische Gaspreisdeckelmechanismus könnte zum Vorbild für die Welt werden. Wenn niemand mehr mehr für nichts bezahlt als jemand anders, bleiben die Preise für alle über Jahrhunderte absolut stabil.

Was für eine Einigung! Historisch. Dramatisch. Episch. Lange für unmöglich gehalten, schließlich gegen den ausdrücklichen Widerstand des größten Mitgliedslandes durch eine Mehrheitsentscheidung ersetzt, wie sie das größte Mitgliedsland schon so lange wünscht, wenn andere Partnerstaaten anderer Ansicht sind. Und anschließend von den Medien dennoch im Wortlauf der entsprechenden Pressemitteilungen als "Einigung" verkauft, die ein "großer Schritt" ist hin zu noch mehr Energiegerechtigkeit weltweit.  

Die Völker Europas, sie atmen auf. Die Regierungen schütteln sich zufrieden die Hände. er "Gaspreisdeckel", vom Europäischen Amt für einheitliche Ansagen (AEA) als Antwort auf die von der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) in Berlin entwickelte Gas-, Strom und Energiebremse entwickelt, tritt nach monatelangem Ringen in einigen Montane in Kraft, pünktlich zum Ende der regulären Heizsaison. Für Europa, das unter explodierten Energiepreisen stöhnt, seit die Sanktionen gegen Russland verhängt wurden, ist es ein weiterer Schritt hin zu mehr Klimakraft, Zähmung der Marktkräfte und gemeinschaftlicher Verantwortung.

Verbot von Überbietung

Umstritten war lange der genaue Zuschnitt des Gasdeckels, der nun nach der Einigung entworfen werden soll. Planungen von EU-Kommission, Mitgliedsstaaten und EU-Rat zufolge, die Zustimmung des EU-Parlament gilt als Formsache, wird der Deckel ab dem 15. Februar bei einem Preis von 180 Euro pro Megawattstunde auf den Topf gedrückt. Mitgliedsländern der EU ist es dann verboten, Gas zu kaufen, wenn Verkäufer mehr als diesen Betrag verlangen. Die absehbar leeren Gasspeicher in der Europäischen Union sollen dann stattdessen mit der Hoffnung gefüllt werden, dass Gasanbieter weltweit auch keine anderen Käufer finden werden, so dass sie ihre Preise senken müssen.

Eine Strategie, die angesichts des Energiehungers der Welt überaus erfolgversprechend klingt. Deshalb einigten sich die Energieminister der EU-Staaten bereits vorab auf vielfältige Möglichkeiten, die Wirkung des beabsichtigten Markteingriff zu deckeln: Statt an der von einigen Mitgliedsstaaten geforderten Eingriffsschwelle von 120 Euro tritt die Preisdeckelung erst ab 180 Euro pro Megawattstunde in Kraft, dies jedoch nicht automatisch, sondern erst, wenn die einer großen Brüsseler Tradition auch "Mechanismus" genannte Preisbremse nach einem förmlichen Verfahren aktiviert wurde.

Der Markt kuscht schon

Die Probe aufs Exempel droht derzeit nicht, denn der Gaspreis ist seit dem Beginn der Großeinkaufsaktion der Bundesregierung zur Füllung der deutschen Speicher um jeden Preis beinahe beständig gefallen. Derzeit kostet die 113 Euro, weit weg vom Höchststand von über 340 Euro pro Megawattstunde im August. Weit weg aber auch von den 180 Euro, bei denen der mechanische Bremsdeckel von EU-Kommission, EU-Ministerrat und EU-Rat aktiviert werden könnte, wobei die Zustimmung des EU-Parlaments als Formsache gilt. Schon daran ist zu sehen: Europa wirkt, in beide Richtungen. Der Markt kuscht vor der Macht des größten Wirtschaftsraums der Welt, der seit der Verabschiedung der Lissabon-Strategie vor 22 Jahren dabei ist, bis zum Jahr 2010 zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt zu werden.

Könnte heißt zudem nicht muss. Droht der Gaspreisdeckel die Versorgungssicherheit zu gefährden, weil Lieferanten sich weigern, zum festgelegten EU-Höchsteinkaufspreis zu verkaufen, hat der "Marktkorrekturmechanismus", wie die Planwirtschaftsbehörde in Brüssel ihre politische Preisfestlegungsmatrix nennt, eine eingebaute Bremsenbremse. Reichen die 180 Euro nicht aus, Verkäufer zu einem Geschäft zu bewegen, kann der aktivierte Gaspreisdeckel ausgesetzt werden. Er wird dann zu einem fliegenden Deckel, dessen Bremswirkung sich am Weltmarktpreis für Erdgas orientiert. Die EU-Preisbehörde greift damit auf ein Modell zurück, das sich in Deutschland als Notbremsen-Mechanismus mit atmender Öffnungsmatrix bekannt ist und sich als Instrument bewährt hat, mit dem sich Wirklichkeit durch smarte Verbalität in Wünsche verwandeln lässt.

Dienstag, 20. Dezember 2022

Zitate zur Zeit: Gefährder der Mitte

Die FDP sorgt sich um ihre Wählerinnen und Wähler.

Die Gefahr kommt aus der Mitte. 

Gerhart Baum bei "Anne Will" zur "Vorbereitung auf mögliche Umsturzfantasien" (Nancy Faeser)

Hasspredigermangel: Denunzianten gesucht

Gossensprache, Beleidigungen, Hasshetze: Hinter vielen harmlosen Links steckt Besorgniserregendes.

Es sollte alles besser werden, als das Bundeskriminalamt im Frühjahr endlich handelte. Die neue Zentralstelle zur Bekämpfung von Hasskriminalität im Internet (ZMI) startete zwar recht verhalten. Doch BKA-Präsident Holger Münch war optimistisch: Mit "circa 250.000 Meldungen, aus denen sich rund 150.000 Ermittlungsverfahren ergeben könnten", rechne er schon - viele Gelegenheiten für viele Strafverfahren, deren mediale Darstellung helfen würde, noch weit mehr Menschen zu disziplinieren. Niemand, der einmal im Fernsehen gesehen oder im "Spiegel" gelesen hat, wie hart eine Gedankenstraftat sanktioniert wird, käme dann noch auf den Gedanken, unbedacht "Hetze, Hass und Zweifel" (Claus Kleber) unter seinen Followern zu verbreiten.

Schleppender Meldungseingang

Trotzdem. Es war mühsam. Liefen entsprechende Meldungen anfangs nur schleppend ein, wurde es später nicht besser. Bis Ende November gingen bei der ZMI nicht einmal 4.000 der erwarteten Viertelmillion Meldungen ein. Das sind nicht einmal zwei Prozent dessen, was Münch, Bundesblogampelamtschef Herrnfried Hegenzecht und die Bundesregierung um Innenministerin Nancy Faeser sich versprochen hatten. Noch enttäuschender: Bei nur knapp 2.900 Meldungen ließ sich eine  strafrechtlich Relevanz erkennen. 1.000 dieser vielversprechenden Vorlagen gingen auf dem Weg zu  den örtlich zuständigen Strafverfolgungsbehörde verloren. In nicht einmal 2.000 Fällen wurde schließlich "gegen die mutmaßlichen Urheber ermittelt", wie das BKA vorrechnet. Von Verurteilungen ist bisher nichts bekannt geworden.

Aber auch nicht von Enttäuschung über die bisherigen Zahlen der Meldungswelle, die eher ein Wellental ist. Obwohl die ZMI schon seit Mai mit der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internet- und Computerkriminalität (ZIT Hessen) bei der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main, der Meldeplattform „Hessen-gegen-Hetze“ des CyberCompetenceCenters [H3C] des Hessischen Ministeriums des Innern und für Sport, der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen und der Meldestelle "respect!" der Jugendstiftung im Demokratiezentrum Baden-Württemberg kooperiert, um die geplanten Zahlen möglichst doch noch zu erreichen, bedroht die schwache Bereitschaft der Deutschen zum Mitmachen den bei der ZMI eigentlich geplanten geplanten Stellenaufwuchs auf 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Unterhalb der Strafbarkeitsgrenze

Beim augenblicklichen Aufkommen müssten die Beamten der Meldestelle sich so an anderthalb Fällen im Monat festhalten - kein Dauerzustand, selbst in einer hochentwickelten Verwaltungsbürokratie. Ein neues "Hinweisgeberschutzgesetz" soll nun mehr Menschen ermutigen, auch bei vermuteten Verfehlungen "unterhalb der Strafbarkeitsgrenze" (Josefine Paul) bei der ZMI anonym Meldung zu erstatten. Zwar können möglicherweise doch legale Äußerungen noch nicht bestraft oder mit den Mitteln des Rechtsstaates sanktioniert werden. 

Doch wie bei den alljährlichen Großrazzien gegen Hass und Hetze (GRgHH) wirkt das demonstrative Vorgehen gegen falsche oder zweifelhafte Ansichten einerseits selbst schon Disziplinierung auf Nachahmungstäter. Andererseits helfen einfachere und niedrigschwellige Zugangsmöglichkeiten für Denunziant*innen, schon in Kürze die Zahlen vorweisen zu können, die notwendig sind, um die Zentralstelle für Hasskriminalität technisch, räumlich, konzeptuell und personell weiter hochzurüsten.

Montag, 19. Dezember 2022

Klimakleber in KZ-Uniform: Karnevalisierung der Konzentrationslager

Vor Freude über ihre Freilassung kleideten sich die Gesinnungsgenoss*innen in die auch bei Corona-Schwurblern beliebte "KZ-Uniform".

Bei "Querdenker"- und "Anti-Corona"-Demonstrationen gehörten sie zum festen Repertoire; für Provokateure aus Rock, Pop und Politik gelten sie längst als eine Art Uniform. So wie kaum eine Twitter-, Facebook- oder Youtube-Debatte ohne fragwürdige historische Vergleiche und Bezugnahmen auf Hitler auskommt, muss auf dem Höhepunkt jeder Demonstrationsbewegung gegen Wasauchimmer ein Teil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer statt gewöhnlicher Kleidung "KZ-Uniform" (Der Standard) anziehen. Für die einen ist das ein cooler Ausflug ins Protestmilieu, für andere ein geschmackloser Scherz, für Dritte aber ein Grund zu Empörung. Häftlingskleidung, die als KZ-Häftlingskleidung lesen lässt, kommt jedenfalls medial immer gut an.  

Schau mir auf die Häftlingskleidung

Falsche Häftlingskleidung beim Schwurbler-Protest gegen die Corona-Politik, das war ein bedeutender Tabubruch, der unübersehbar eine Grenze überschritt. Wie der gelbe Stern, den sich Impfverweigerer selbst anhefteten, um sich mit verfolgten Juden gleichzusetzen, waren auch die Querstreifen als Uniform der Querdenker eine Verharmlosung und Relativierung der Gräueltaten des Nazi-Regimes. Wer heute im warmen Wohnzimmer isoliert sei, habe kein Recht, für sich dasselbe Schicksal in Anspruch zu nehmen  wie die Verfolgten des Nazi-Regimes. Nachdem große Medienhäuser sich der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener angenommen hatten, ermittelten Staatsanwälte. 

Mit unklaren oder zumindest unbekanntem Ergebnis. Das hat nun Nachahmer der Masche mit den KZ-Kitteln inspiriert: Auf der Freudenfeier der Klimaklebebewegung "Last Generation" zur Begrüßung von Gesinnungsgenoss*innen, die aus staatlichem Gewahrsam freigekommen waren, trugen zwei der Aktivistinnen lächelnd die gestreifte Kleidung, die nicht nur einem "Zweiteiler des Luxuslabels Loewe" (RND), sondern eben auch der Uniform der KZ-Insassen ähnelt. Die "antisemitistisch" (MDR) und rassistisch geprägte Protestmaskerade verfehlte allerdings diesmal sichtlich ihren Zweck: Die auch "Streifing"genannte Methode der Aufmerksamkeitsakkumulation, bei der sich nachgeborene Demonstranten verkleiden, als handele es sich bei ihnen um KZ-Häftlinge, war zwar wie stets unangemessen, ekelhaft und rassistisch. Das erwartete Medienecho aber blieb vollkommen aus.

Darf Deutschland wieder KZ-Kleidung

Muss der angemessene Umgang mit der Geschichte zurückstehen, wenn es um höherwertige Güter wie das Klima in 50 Jahren geht? Kann Deutschland dann wieder KZ-Klamotten? Und ist linker Antisemitismus damit nun endlich endgültig hoffähig geworden?  Im Unterschied zur Sternsinger-Diskussion und der Kampagne für saubere Kinderbücher, in denen eine antirassistische Minderheit hinterfragt hatte, ob es das rassistische Stilmittel schwarzer Schminke im weißen Gesicht brauche, um aus einem Kind den heiligen König Kaspar zu machen, scheint das sogenannte "Streifing" jedenfalls nicht mehr kritikwürdig.

Langte ein "KZ-Anzug" (Der neue Wiesenbote) eben noch, um die abgrundtiefe Verkommenheit von Demonstrationen und Demonstranten zu demaskieren, hat sich die Praxis, sich in der Freizeit als KZ-Häftling verkleidet für die sozialen Netzwerke zu inszenieren, in einen gesellschaftlich akzeptierten Trend verwandelt. Das Motto dabei: "Holocaust ist, was dich ärgert" (Gideon Böss). Während die einen noch verbissen an der Singularität dieses Verbrechens festhalten, schaffen junge, engagierte Mädchen und Jungen neue Fakten geschaffen. Alles, was nicht gefällt, ist Auschwitz. Deswegen gibt es auch keine Juden mehr, sondern nur noch Menschen, die sich schlecht behandelt fühlen und daraus das Recht ableiten, sich als verfolgte Juden zu fühlen. 

Karnevalisierung des KZ

Niemand will sie in die aus ihrer Sicht passende KZ-Häftlingskleidung stecken. Also tun sie es selbst, angetrieben von Verschwörungsmythen, nach denen das Großkapital, die "Ostküste" und verbrecherische Verschmutzungskonzerne die Politik zwängen, den großen Untergang voranzutreiben, damit sie noch mehr Profite einstreichen können. Dahinter steckt ein Geschichtsrevisionismus, der nicht falsch versteht, sondern gar nichts: Ohne Kenntnisse der Vergangenheit aufgewachsen, ohne Interesse an der Geschichte in die Adoleszenz geraten und angesichts all der eigenen Unwissenheit verzweifelt über eine Welt, die viel zu schwierig zu verstehen scheint, glauben sie an die Karnevalisierung des Konzentrationslager als angemessenen Ausdruck ihrer tiefen Verzweiflung.

Klimakampf im Grenzbereich, ein bodenloses Geschmackversagen, das allerdings im Unterschied zum häufig kritisierten "Blackfacing" gesellschaftlich akzeptiert wird. Gefängniskleidung aus dem Faschingsladen, hergestellt häufig aus minderwertigen, klimaschädlichen Materialien in Qualzucht von Kindern, die weit unterhalb des deutschen Mindestlohnes im Akkord schuften müssen, ist ein fester Bestandteil deutscher Protestfolklore. Tun-als-ob-wir wissen-was-es-bedeutet-im-KZ-gesessen-zu-haben hat sich als Protest-Praxis durchgesetzt - auch, weil Medien lieber nicht hinschauen, um Vorwürfe zu vermeiden, die mit dem rechtsoffenen Argument "Das wird-man-doch-mal-sagen-dürfen" gekontert würden.