Donnerstag, 24. September 2026

Im Lotto-Loch: Wie der Staat Milliarden Euro Steuern hinterzieht

Der Staat beim Süchtigmachen: Er lockt mit schnellem Geld und steuerfreiem Gewinn.


Sie kassieren, ohne schlechtes Gewissen, ohne Angst vor Steuerfahndern und ohne einen einzigen Cent an die Solidargemeinschaft abgeben zu müssen. Lottogewinner sitzen in Deutschland in einem vom Gesetzgeber geschaffenen und geduldeten Regelungsloch, das sie weidlich ausnutzen.  

Jahr für Jahr schütten allein die staatliche Lottogesellschaftend er Bundesländer vier bis viereinhalb Milliarden Euro an Gewinnen aus. Und in vollem Wissen, dass keiner der gewinnner das ihm zufließende Geld in seiner Steuererklärung angeben wird, dulden die Finanzbehörden einen Zustand, der keinerlei Begründung hat. Es sind Milliarden, die so verlorengehen. Etwa eine bis anderthalb Milliarden Euro wären Jahr für Jahr bei Lottogewinnern zu holen.

200 neue Millionäre 

Allein die bis zu 200 neuen Millionäre, die Jahr für Jahr von besonders hohen Ausschüttungen profitieren, müssten nach den Regeln des für alle anderen Bürgerinnen und Bürger geltenden Steuerrechts Millionen zahlen. Doch während die SPD das Erbschaftsteuerrecht reformieren will, um dem Staat zusätzliche Einnahmequellen zu verschaffen, wagt sich seit Jahrzehnten keine Partei an das Privileg der Glücksspieler.

Egal, ob einer zehn Euro oder 140 Millionen einstreicht - alle Parteien gönnen ihm den warmen Geldregen. Selbst wenn ein Überreicher im Lotto gewinnt, lässt ihn der an allen anderen Fronten und mit jedem Mittel um jeden Euro kämpfende Staat in Frieden. Was sich im Fall von hart arbeitenden Kleinverdienern, die hier und da mal ihren Einsatz zurückgewinnen, einer hohen gesellschaftlichen Akzeptanz erfreut, wird bei der genaueren Betrachtung solcher Problemfälle zu einer ungeheuerlichen Verletzung der für  die Stabilität jeder Gesellschaft unerlässlichen inneren Solidarität. 

Keine Klärung eines  Sachverhalts

Der Arme wie der Überreiche, der milliardenschwere Familienunternehmer und der Obdachlose - kein Finanzminister hat sich je an die Klärung eines Sachverhaltes gewagt, der selbst im berühmt komplexen deutschen Steuerrecht besonders bizarr wirkt. Wie alle Spielgewinne legt der Gesetzgeber auch beim Freistellen von Lottogewinnen keineswegs eine besondere Großzügigkeit an den Tag. Ganz im Gegenteil. Spielgewinne müssen in Deutschland nur deshalb nicht versteuert werden, weil die Finanzbehörden sich seit Jahrzehnten außerstande sehen, finanzielle Zuflüsse aus Glücksspielen einer der sieben sogenannten "Einkunftsarten" zuzuordnen.

Gewinne sind keine "Einkunft", so ist es beschlossen. Der Gesetzgeber hierzulande kennt nach § 2 Abs. 1 Einkommenssteuergesetz (EStG) nur Einkünfte aus Land- und Forstwirtschaft, aus landwirtschaftlichen Betrieben, Tierzucht, Weinbau,  Forstwirtschaft, Gewerbebetrieben, Einkünfte aus Handel, Handwerk und Industrie, Selbstständige Arbeit oder in Freien Berufen. Dazu kommen die aus Nichtselbstständiger Arbeit, Kapitalvermögen, Vermietung und Verpachtung. Ganz zuletzt gibt es noch Sonstige Einkünfte. Aber auch zu denen zählen Glücksspielgewinne nicht.

Angeblich "nicht steuerbar" 

Die gehören nach Überzeugung  aller Parteien nirgendwohin. Glücksspieleinnahmen seien "nicht steuerbar", behaupten Lotto-Lobbyisten, die im Hinterkopf die Attraktivität der staatlichen Lottogesellschaften haben. Die schütten heute die Hälfte der Einsätze der durch staatliche Glückversprechen zum Mitmachen bewegten Spielerinnen und Spieler aus. 

Der Rest dient dazu, eine Art graue Kasse zu füllen, aus der Politiker die guten Gaben finanzieren, die sie in ihren Wahlkreisen außer der Reihe verteilen wollen. Mehr als vier Milliarden können so Jahr für Jahr für gute Zwecke ausgegeben werden, ohne dass die Öffentlichkeit jemals erfahren muss, warum hier etwas verschenkt wird, dort aber nicht. 

700.000 Euro Gewinn, kein Cent Steuer 

Auch der erste große Lotto-Gewinner dieses Jahres, ein Mann aus dem deutschen Armenhaus Vorpommern, streicht umstandslos 700.000 Euro ein, ohne einen Cent Steuern zu zahlen. Wäre ihm das Geld durch Arbeit oder eine andere regelgerechte Einkommensart zugeflossen, würden auf die Summer Einkommensteuer und Solidarzuschläge in Höhe von 320.000 Euro fällig werden. Kirchenmitglieder müssten sogar mehr als die Hälfte des Gewinns abgeben.

Lottogelder sind unerlässlich zur Landschaftspflege in den Ländern, die mit dem Geld der Spielsüchtigen kleinteilige Projekte in den Bereichen Verkehr, Stadtentwicklung, Wohnen und Landesplanung. Sonst müsste "niederschwellige, auf das Gemeinwohl gerichtete soziale, humanitäre, kulturelle und sportliche Maßnahmen" aus dem allgemeinen Haushalt finanziert werden. 

Gewaltige Gerechtigkeitslücke 

Im Gegensatz zu nahezu allen anderen Aspekten des deutschen Steuerrechts ist das Freistellungsprivileg für Dauer- und Gelegenheitsspieler in Deutschland unumstritten. Niemand  muss seinen Lottogewinn versteuern. Niemand fordert, diese Praxis der Privilegierung einer einzigen Art der Vermögensvermehrung nach dem Vorbild der Schweiz zu reformieren. Dort freut ein hoher Lotto-Jackpot nicht nur die Spieler, sondern auch die Steuerkassen der Kantone, die Lotterie- oder Glücksspielgewinne steuerrechtlich durchaus als Einkommen werten.

Eine Reform der deutschen Gesetzgebung täte dringend Not, sagt der in Sachsen ansässige Vermögensforscher Herbert Haase. Der Gründungsdekan und Direktor des Climate Watch Institutes (CWI) in Grimma hat gemeinsam mit einem fachgebietsübergreifenden Forscherteam Pläne für eine gerechte Reform der Glücksspielgewinnbesteuerung vorgestellt. Es sei Zeit, der nach jahrzehntelangen Kämpfen erst durch europäische Gerichte durchgesetzten Legalisierung von Glücksspielen in Deutschland für die Sozialgemeinschaft nutzbar zu machen.

Die bisher geltende globale Freistellung für Gewinne würde dabei wegfallen. Lottotreffer würden mit dem übrigen Einkommen versteuert. Um Härten auszugleichen, plädieren die Wissenschaftler für einen lebenslangen Grundgewinnverschonungsbetrag von 10.000 Euro. 

Sonderklausel für Kleingewinner 

"Viele Menschen gewinnen nicht einmal so viel", begründet Haase diese Sonderklausel, nach der Spielgewinne weiterhin deutlich besser behandelt würden als etwa Gewinne aus Börsengeschäften oder dem Verkauf selbstgezüchteten Gemüses. Grund für die Beibehaltung einer Teilfreistellung sei die bisher generelle, vom Gesetzgeber geduldete Steuerbefreiung von Wett- und Lottogewinnen. "Unsere Steuerexperten sagen uns, dass es im Moment rechtlich zu kompliziert wäre, den sieben definierten Einkunftsarten eine achte hinzuzufügen, auf die der Staat Einkommensteuer erheben könnte."

Teil des Reformvorschlages ist es deshalb, Gewinne aus Glücksspielen nicht nur wie bisher an der Quelle, also bei den Lottogesellschaften, mit Abgaben für den Gemeinnutz heranzuziehen. Sondern die vermeintlich "nicht steuerbaren" Ausschüttungen gerechter zur Finanzierung der Grundaufgaben des Gemeinwesens heranzuziehen.

Haase hält das für alternativlos, auch wenn Vorschläge komplett  mit dem bisherigen System der Glücksspielbesteuerung in Deutschland brechen. Es gehe mehr Steuergerechtigkeit, sagt er und verweist auf den Bereich der Erbschaftssteuern. Dort schaue das Finanzamt heute schon genau hin. Beim Glücksspiel aber würden alle Augen zugedrückt. "Der Staat hinterzieht sich selbst Steuern in Millionenhöhe, indem er das duldet."

 Sogar Überreiche bleiben steuerfrei

Bisher könnten sich sogar Überreiche und Erben großer Vermögen sicher sein, Lottogewinne steuerfrei einstreichen zu können. "Das sind aber die Leute, die Geld genug haben, nicht nur einen Schein bei 6 aus 49 zu spielen." Hier zeige sich eine Bevorzugung Bessergestellter. Über höhere Spieleinsätze könnten die ihre Gewinnchancen vermehren. Deutlich wahrscheinlichere Gewinne aber blieben trotzdem von der Versteuerung verschont. "Ein Trick, mit dem sich Tausende künstlich arm rechnen", sagt Herbert Haase.

Sein Team schlage vor, die Lottogewinnbesteuerung grundlegend zu reformieren, dabei aber mit dem Lebensfreibetrag von 10.000 Euro eine Schwelle einzubauen, die es für ärmere Schichten weiterhin lukrativ erscheinen lässt, an Glücksspielen teilzunehmen. "Nur für Wohlhabendere wird es dann weniger attraktiv", ist sich der Nachhaltigkeitsforscher sicher. Der Lebensfreibetrag, den die CWI-Experten vorschlagen, setzt sich zusammen aus 9.000 Euro Freibetrag für Gewinne bei staatlichen Lottoveranstaltungen und zusätzlichen 1.000 Euro, die bei Pokerrunden, an Spielautomaten oder in Casinos steuerfrei gewonnen werden dürfen.

Überwachung durch Glücksspielbehörde 

Diese Modifizierung des bisherigen Freibetrags müsse einhergehen mit der Abschaffung der Regel, dass sämtliche Spielgewinne lebenslang von der Steuer freigestellt sind. Auch die Überwachung der Einhaltung der Verschonungsregel bei Einnahmen aus Glücksspielen haben sich die Wissenschaftler Gedanken gemacht.

Die erst vor wenigen Jahren im Zuge von Angela Merkels Behördenansiedlungsinitiative gegründete Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) könne die Aufsicht über das Gewinngeschehen übernehmen, glauben sie. Nach Ansicht von Herbert Haase wäre damit sichergestellt, dass die Finanzbehörden den Überblick über anfallende Gewinne und Gewinner haben. Erst ab einer Gewinnsumme von über 9.000 und 1.000 Euro würde Steuern fällig. Der Freibetrag aber werde auch durch fortlaufende kleine Gewinne beansprucht. "Wir wollen ja, dass am Ende auch etwas herausspringt", sagt Haase. 

Höhe der Steuer noch unbekannt 

Auf die Höhe des künftigen Glücksspielsteuersatzes will der Forscher sich jetzt noch nicht festlegen. Es gehe vorerst darum, eine Debatte über das sogenannte Lotto-Loch anzustoßen, das inmitten eines "sonst weitestgehend perfekten Steuersystems" (Haase) klaffe. Fakt sei, dass Gewinner großer Beträge stärker in die Pflicht genommen werden müssten, um ausreichend Mehreinnahmen zur Stärkung des Bildungssystems, zur Modernisierung von Schulen und Hochschulen und für die Senkung der Energiesteuern aufzubringen. 

Das CWI-Papier spricht von möglichen Mehreinnahmen in Höhe von dreistelligen Millionenbeträgen im Jahr, auf zehn Jahre gesehen "reden wir von Milliarden", sagt Herbert Haase. Im Laufe der Jahre würden die Einnahmen zudem weiter steigen, weil die auch Verkaufspreise für Lottoscheine der allgemeinen Inflation folgen. Niemandem werde etwas weggenommen, argumentiert der Gerechtigkeitsforscher. "Es geht uns ausschließlich darum, auch die Menschen, die leistungslos von Lottogewinnen profitieren, zur Finanzierung wichtiger Gemeinschaftsaufgaben heranzuziehen."

Mittwoch, 23. September 2026

Sex, Drugs & Rock'n'Roll: Gefährder über 55

Oma muss das Klima zerstören, weil die Enkel nicht genug erwirtschaften, um ihr eine Wärmepumpe dorthin zu stellen, wo früher der Berliner Ofen bollerte.

Junge Menschen trinken weniger Alkohol, sie rauchen nicht, sie haben weniger Spaß im Bett, in das sie früher gehen, um deutlich länger zu schlafen. Dafür aber sind sie häufiger traumatisiert, verunsichert und getriggert, wenn das Leben sie mit unangenehmen Umständen konfrontiert. Wo frühere Generationen staatlich verordnete Dienstpflichten etwa im Militär als lästige Übergriffe einer ungeliebten Obrigkeit aus Überzeugungsgründen ablehnten, fühlen sich die Nachgewachsenen eher in ihrer Bequemlichkeit belästigt.  

Weniger Freunde als früher 

Es sind harte Zeiten angebrochen. Wer heute jung ist, hat weitaus weniger Freunde als Jugendliche in den 70er, 80er und 90er Jahren typischerweise hatten. Die Vernetzung durch soziale Medien hat die Anzahl der sozialen Kontakte schrumpfen lassen. Alle sind öfter in Kontakt miteinander. Aber nicht mehr so intensiv wie früher. Beziehungen werden lieber unverbindlich gehalten. 

Ansichten hinter dem Berg. Die Gesellschaft der Jüngeren gleicht dem Weltall. Alles strebt von allem weg. Jeder ist sein eigener Stern. Sämtlich sind sie auf einem Kurs, der fortführt von den anderen. In der Kosmologie wird das als Rotlichtvberschiebung beschrieben. Auch gesellschaftlich ist das zutreffend.

Aus dieser Freundschaftsrezession resultiert eine größere Bedeutung des wenigen, was geblieben ist. Statt unmittelbarer Begegnungen erleben jüngere Generationen mehr und mehr nur mittelbare. Sie leben in einer Filterwelt, die sie daran hindert, schmerzhafte Erfahrungen zu machen und sich das zuzulegen, was als "Resilienz" erst bekannt wurde, als sich herausstellte, dass große Teile der Jugend über diese ehemals selbstverständliche Fähigkeit, mit unangenehmen Erlebnissen klarzukommen, nicht mehr oder nur eingeschränkt verfügen.

Mimosen im Kinderzimemr 

Die Mimosen, die von einer zumindest in Teilen noch illusionslos aufgewachsenen Elternkohorte aufgezogen wurden, hat heute nicht mehr nur keine Lust auf den Kater nach der Clubnacht, sie ist oft sogar noch stalz darauf, "nüchtern feiern" zu gehen. Sie trinken alkoholfreien Wein oder alkoholfreies Bier. Sie rauchen Shisha statt Zigarette. Und tragen in Konzerten Gehörschutz. 

Aufgewachsen in einem westdeutschen Wohlstandsbunker, dessen Nachbauten  mittlerweile auch im Osten zu finden sind, beargwöhnen sie ihre als "Boomer" bezeichneten Vorgenerationen. Deren Hang zu Ekstase und Entgrenzung, zu politischen Paukenschlägen und Prinzipien gilt unter Jüngeren als peinliches Überbleibsel einer brutalistischen Party-Ära. Unvorstellbar erscheint es heute, dass noch vor 30 Jahren Hunderttausende bei der "Love Parade" grundlos euphorisiert und halbnackt auf den Straßen tanzen. Dass junge Erwachsene nicht Lachgas schnüffelten, sondern ihre Köpfe zu Heavy-Metal-Musik so lange schüttelten, bis der berauschende Effekt auf natürliche Weise eintrat.

Kein Alkohol in Strömen 

Die Jugend von heute ist meist nie Teenager gewesen. Als Jungerwachsene treten sie oft direkt ein in eine Lebensphase, in der sie eine verzweifelte Sorge um die Welt derart niederdrückt, dass sie keinen Gedanken daran verschwenden, Familien zu gründen oder gar Kinder zu bekommen. Das Leben besteht aus Enttäuschungen. Das Leben besteht aus Entfremdung. Es gibt weniger Scheidungen, aber nur, weil es weniger Ehen gibt. Es fließt kein Alkohol in Strömen und seit der Legalisierung sind selbst Drogen langweilig. 

Mit einigem Abscheu schauen die Jüngeren auf die steinzeitlichen Sitten ihrer Väter und Großväter. Geschlechtskrankheiten. Aschenbecher. Laute Musik mit Melodien. Gespartes als ETFs auf dem Konto. Ruhige Jobs und politische Ansichten, von den man besser nichts Genaues wissen will. Der Midlife-Crisis begegnen diese Menschen durch einen  plötzlichen Hang zu Fernreisen, Kreuzfahrten und Wohnmobilen, in denen sie ihre kompletten Haushalte miniaturisiert mit sich führen, wenn sei zum Nordkap fahren. Will man so werden? Man würde schon. Aber dagegen steht eine innere Aversion gegen den Verlust der Kontrolle.

Herrschaft der Maschinen 

Das Zeitalter der Herrschaft der Maschinen ist angebrochen. Es hat die Menschen verändert. Die Nachwachsenden sind reserviert, weil man ihnen gesagt hat, sie müssen resilient sein. Sie sind kontrolliert, weil sie zuletzt im Pandemie-Lockdown gelernt haben, dass ihnen alles jederzeit mit einem Fingerschnipsen genommen werden kann. Sie hoffen und bangen, trauen sich aber nichts. Sie möchten nicht mehr Rocksänger werden, Kinostar oder wenigstens Chef einer eigenen Cateringfirma. Sie bescheiden sich damit, von einem schönen Plätzchen in der Verwaltung zu träumen. Vielleicht sogar Beamter? Toll wäre es.

Ein Riss geht durch das Land, den Politik und Medien rigoros ignorieren. Nur die Älteren nehmen noch Drogen. Nur die Boomer fallen noch mit lauten weinseligen Gesang auf nächtliche Straßen auf. Faltige Greise haben ungeschützten Sex, sie trinken und werfen das Geld zum Fenster hinaus. Sie schleppen dicke Wurstpakete zu ihren Gartenpartys. Und Steaks, die sie nicht mehr wie früher glühenden Kohlen verbrennen, sondern neuerdings mit Hilfe von High-Tech-Smokern.

Die wahre letzte Generation 

Die Babyboomer sind die einzig wahre letzte Generation. Ihre Erfahrungen aus dem kalten Krieg haben sie gelehrt, dass man Spaß nicht kaufen kann, sondern haben muss. Als sie jung waren, haben sie nicht erwartet, sehr alt zu werden. Und schon gar nicht, dass ihnen die damals Älteren gebratenen Tauben in den Mund schieben. 

Sie finden ihre vielen schlechten Angewohnheiten bis heute gut. Für sie grausame Praktiken wie das Angeln, Rauchen in geschlossenen Räumen und das Nacktbaden Teil eines Selbstbildes, das sie bitter entschlossen verteidigen. Die meisten von ihnen sind nicht glücklich, aber zufrieden. Früher war manches besser, sagen sie. Aber so gut wie heute sei es ihnen nie gegangen, wenn man ehrlich ist.

Die traurigen Gestalten unter 30 sehen das mit Argwohn. Sie hätten sich gewünscht, dass ihnen eine Welt ohne Probleme übergeben wird. Das aber hätten die Altvorderen versäumt. Trotzdem benähmen sie sich, als hätten sie allerlei geleistet. Obwohl Klima. Obwohl Krieg. Obwohl Rechtsruck und transatlantisches Zerwürfnis. 

Neid spielt große Rolle 

Es spielt Neid dabei eine große Rolle, Neid darauf, das man selbst vermutlich nie haben wird, was Mutter und Oma hatten. Es zeigt sich aber auch eine perfekt anerzogene Ratlosigkeit. In der Welt der Influencer möchte niemand entscheiden. Am liebsten ist es allen, wenn Anweisungen von oben erteilt werden. Und es soll doch ein möglichst weit oben sein, möglichst weit weg. 

Brüssel kommt dem Ideal recht nahe. So unsinnig die bizarre Menge an Vorschriften, Regeln und Richtlinien auch ist, die der nimmermüde Apparat der Überregierung produziert, einfach weil er es kann, so leise ist der Widerspruch ausgerechnet aus den Alterskohorten, die noch Jahrzehnte unter Green Deal, AI Act und Aufrüstungseifer leiden werden. 

Roaming und USB-C 

Man ist Pro-Europäer und stolz darauf, ohne genau zu wissen, was das bedeutet. Reflexhaft werden die drei großen Errungenschaften der Lenkung und Leitung des Kontinents durch eine von niemandem gewählte Kommission betont. Ihr sei es gelungen, die heimischen Handypreise auf die ganze EU auszudehnen. Und sie habe USB-C durchgesetzt. Dazu komme auch etwas Drittes, das aber immer gerade niemandem einfällt. 

Die Wirklichkeit geht brutal mit den Jungen um, die - vor allem am Arbeitsplatz - mit älteren Kolleginnen konfrontiert werden. Eine Studie im Auftrag der Krankenkasse DAK zeigt, dass vor allem Erwerbstätige unter 30 Jahren - die sogenannte Generation Z - häufig von Generationskonflikten betroffen ist. 28 Prozent der in den besten Jahren der Republik Aufgewachsenen berichten von entsprechenden Erfahrungen. Ein Viertel von ihnen fühlt sich dadurch stark oder sehr stark belastet. 

Schuldgefühle im Altersheim 


Das belastet die Älteren. Sie sehen sich gezwungen, Schuldgefühle zu hegen. Spüren sie aber nicht.  Eigentlich geht es den meisten blendend. Verglichen mit der Vergangenheit, die sie durchlebt haben, steht die Gruppe der zwischen 1960 und 1980 Geborenen in der Blüte ihres Wohlstands. Schlecht gelaunt ist sie vor allem, weil ihr schwant, dass es das schon gewesen sein könnte. Der Peak Wohlstand liegt hinter dem Land und den Leuten. Kinder und Enkel werden es einmal nicht besser haben, aber deutlich schlechter. 

Die Menschen, die die 70er, 80er und 90er Jahre als Jugendliche und junge Erwachsene erlebt haben, erinnern sich noch gut an Massenarbeitslosigkeit, kalten Krieg und Ozonloch. Die Kindheit fand statt im Schatten von rauchenden Schloten. Vater qualmte am Abendbrottisch. Bier wurde aus der Tulpe getrunken, wegem dem Stil nämlich. Wohlstand waren Farbfernseher und Kleinwagen.  

"Lehrjahre sind keine Herrenjahre" 

Es waren Zeiten, in denen eine gute Ausbildung nicht unbedingt zu einem guten Job verhalf. Diese Erfahrung hat aus vielen Boomern Menschen gemacht, die vieles leicht nehmen, was Nachgeborenen sehr schwer zu sein scheint. Sprüche wie "Lehrjahre sind keine Herrenjahre" und "wir wurden auch nicht Eselsmilch gebadet" haben sie gehasst. Aber in Erinnerng behalten. Jetzt, wo laut Geburtenstatistik  pro Jahrgang rund eine halbe Million Menschen weniger um die begerhten Druckposten in den - deutlich größeren - Verwaltungen konkurriert, scheinen sie auf einmal zu passen.

Das macht die Älteren zu den Problembürgern eines Landes, das inzwischen weitgehend aus  Unbehagen besteht. Die Alten machen sich Sorgen um ein Morgen, das sie nicht mehr erleben werden. Jedoch nicht so sehr, dass sie auf die Idee kämen, sich auf Straßen zu kleben, einen Asienurlaub weniger zu machen oder sich mehr Gedanken um Mülltrennung. 

Die Jungen dagegen werden von einer Verunsicherung erdrückt, die mehr Dimensionen hat als der Bundestag Parteien. Krieg, Frieden, Karriere, Klima, Rente und Anschlussvertrag oder nicht. Die große Zeit der unbeschwerten Feiern ist vorbei. Und sicher scheint nur, dass sie so wenig wiederkommen wird wie ein eben, das es einem Durchschnittsverdienerpaar erlaubte, ein Haus zu bauen und zwei Kinder großzuziehen.

Funktion als Schuldige  

Kein Wunder, dass die Generation Z weniger zufrieden mit ihrem Job als frühere Jahrgänge. Und infolgedessen auch weniger zufrieden mit dem Leben ansich. Nur 26 Prozent geben an, "voll und ganz" mit sich und der Welt im Reinen zu sein – 2010 waren es noch 43 Prozent der damals Jungen.

Immerhin wirkt die Anwesenheit der Älteren und Alten psychisch entlastend. Für alles, was in die Binsen geht, ist ein Schuldiger zur Hand. Mit viel Geschick spielen die Parteien, die seit Anbeginn der  Bundesrepublik regiert haben, Jung gegen Alt aus. Spalten über Spalten überall. Raucher gegen Nichtraucher, Partypeople gegen Depressive. Männer gegen Frauen, Land gegen Großstadt, Ost gegen West, Längerhierlebende gegen Ausländer, Familien gegen Kinderlose. So lange es so läuft, läuft es nach Plan.

Dienstag, 22. September 2026

Hackedicht: Siegeszug mit Sachsen-Sushi

Hergers Restaurant "Hackedicht" setzt ganz auf das "sächsische Sushi", als das sogenanntes Gehacktes unter Einheimischen in Ostdeutschland bekannt ist.

Echten Liebhabern läuft das Wasser im Mund zusammen, Veganer aber wenden sich mit Grausen ab. Pünktlich zur Debatte um die neue EU-Verordnung zu rohem Fleisch hat Reinhold Herger mit der Imbisskette "Hackedicht" eine Initiative gestartet, um das unter originären Ostdeutschen beliebte Gehacktes möglichst bald weltweit zu popularisieren.  

Herger, als Gründer der umstrittenen Bratvogelkette "Hot Bird" erfolgreich, nennt das neue Pferd in seinem Feinschmeckerstall das "sächsische Sushi". Andere, sagt er, hätten ihm aber auch berichtet, dass locals weiter nördlich von "Mansfelder Sushi" sprächen. "Jedenfalls gab das den Ausschlag für mich, initaitiv zu werden", betont er. Schließlich gebe es keinen rationalen Grund, "warum roher Fisch weltweit von Millionen zum Mondpreisen gekauft wird, unser gutes altes ostdeutsches Hack aber als peinliche Speise von ewiggestrigen Primitivlingen abgewertet wird."

Hackepetra-Wochen 

"Hackedicht" soll das ändern, erst mit einer Filiale in der Prager Straße von Dresden, später, plant der Visionär langfristig, mit Sachsen-Sushi-Filialen überall auf dem Globus. Seinen ersten Laden im heimischen Beritt startet Heger mit "Hackepeter- und Hackepetra-Wochen". Es werde zum Start alles für die Hälfte gegeben, dafür aber doppelte Portionen. Reinhold Herger will Nachbarn und Freunden, aber auch skeptischen Auswärtigen und Touristen beweisen, dass rohes Fleisch nicht schlechter ist als roher Fisch. "Wir dürfen uns nur nicht immer so klein machen", ist sein Rezept für den Siegeszug des Sachsen-Sushi. 

Dessen Comeback kommt unerwartet und gerade mit Blick auf die europäische Fleisch- und Gesundheitsgesetzgebung erscheint das Risiko hoch. Herger und seine Geschäftspartner, mehrere US-Amerikaner aus der Branche, sind dennoch überzeugt vom Erfolg. "Die vegane Welle rollt aus, viele Menschen wollen wieder etwas Echtes zwischen die Zähne." Schweinegehacktes, auch Tartar vom Rind, mit rohem Ei oder ohne, dazu Zwiebel, Pfeffer und Salz und ein frisches Brötchen. Genießerisch verdreht der "Hackedicht"-Gründer die Augen. "Klimatechnisch gesehen sind wir damit ganz vorn, denn wo nicht gebraten und gekocht wird, entsteht kein Kohlendioxid."

Gefeiert als Volksnahrung 

Erstmals seit 1953, als das Gehacktesbrötchen in der DDR mangels genießbarer Alternativen neben Erbsensuppe, Bratwurst und Bratkartoffeln als Volksnahrung gefeiert wurde, gebe es mit dem Start seiner Kette für Freunde der ostdeutschen Küche wieder die Möglichkeit, selbst zu erleben, "wie sich echter Geschmack anfühlt, echter Geschmack einer Zeit, die heute häufig nur schlechtgemacht wird". Denke er an die ersten Gehacktesschrippen, die er von seiner Großmutter geschmiert bekommen hatte, "läuft mir heute noch das Wasser im Mund zusammen".

Es sei nicht alles schlecht gewesen, gerade die einfachen Dinge seien ihm sogar in angenehmer Erinnerung. Herger hofft auf großen Zuspruch von Mett-Fans, die bisher keine Chance hatten, ihr Lieblingsessen außerhalb privater Feierlichkeiten zu sich zu nehmen. "Es ist doch bisher so, dass Freunde dieser ostdeutschen Spezialität von der es Mehrheitsgesellschaft betrachtet wurden als äßen sie Hunde." 

Immaterielles Kulturerbe 

Reinhold Herger verweist auf Zahlen und Daten, die seiner Ansicht nach belegen, wie breitgefächert und geschmackssicher die Hackepeterszene ist. "Beim Deutschen Fleischer-Verband sind mehr als 500 regionale Varianten von Hackepeter gemeldet", betont Herger. Dennoch mussten Unesco-Ethnologen, die 2006 zu einer Forschungsreise ins Erzgebirge und die Lausitz aufbrachen, feststellen, dass bis zu 70 Prozent aller ostdeutschen Hack-Spezialitäten vom Vergessen bedroht waren. 

"Es gab die Idee, die gefährdeten 350 Gerichte zum immateriellen Kulturerbe zu erklären", beschreibt Reinold Herger. Aufgrund der langwierigen Anerkennungsverfahren aber sei schnell klar geworden, "dass Sachsen-Suschi und Thüringer Tartar so nicht zu retten sein werden."

Essen muss leben 

Auf einer Reise nach Indonesien und nach Japan sei ihm dann im vergangegen Jahr der durchschlagende Gedanke gekommen. "Essen muss leben, Essen muss gegessen werden, nur so bleibt es uns erhalten", sagt der Hack-Lobbyist. Über 200 Varianten von rohen Fleischzubereitungen haben er und ein Heer Freiwilliger im Rahmen der "Roh-Wochen" zusammengetragen, die auch künftig weiter stattfinden sollen. "Unter den Rezepten sind viele, die schon stark gefährdet waren", sagt der Sohn eines ehemaligen Grenztruppenoffiziers der DDR, der auf das sogenannte Männergedeck schwor: Pils, Brötchen, Gehacktes. 

Trotz fortschreitender Globalisierung sei es bis heute gelungen, die Anzahl der für "Hackedicht" verfügbaren Rezepte auf 250 auszuweiten. Damit seien, so Reinhold Herger, zwar immer noch stabil etwa zehn Prozent aller traditionellen Hackgerichte vom Aussterben bedroht. "Doch es ist uns gelungen, Thüringer Zwiebelmett, Mansfelder Klöpschen und ein süßsaures Hack aus Sachsen-Anhalt für nachfolgende Generationen zu bewahren."

Antwort auf   寿司

Dass die auf diese besondere ostdeutsche Sushi-Art fliegen werden, steht für den Entrepeneur fest. Akut aussterbend seien nur noch 50 Varianten, die meisten wegen der komplizierten EU-Hygienevorschriften. "Das rechne ich uns als großen Erfolg an." Es sei nur eine Frage der Zeit, bis nachwachsende Generationan nach dem ursprünglich aus dem Mekong-Delta stammenden 寿司 auch das "Jehackte" entdecken. "Wer einmal ein Sangerhäuser Gehacktesbrötchen gegessen hat, der wird sich danach nie wieder mit einem Döner oder eine Pizza zufriedengeben."

"Hackedicht" ist aus Sicht des Kettengründers auch ein Beitrag zum Kuluturkampf. "Wer sich unter die Ketten der Globalisierung gekommen sieht, als Opfer der Veränderungen seines Lebensraums durch die zunehmende Verbreitung von Döner- und Burgerständen, der  bekommt bei uns etwas Echtes zwischen die Zähne", zitiert er eine Reportage des Fachmagazins "Freunde der Fleischwirtschaft".

Spezialität auf der Kippe


Ein Stück Nahrungsgerechtigkeit kehre damit zudem zurück. Ihm sei immer unverständlich geblieben, warum sich neben Sushi auch Pizza, Spaghetti und Pommes weltweit verbreitet hätten, gute deutsche Speisen wie Gräupchen, Wirsingkohl und Erbspürree aber nicht. Mit dem Gehacktes rette man nun eine "Spezialität, die wirklich auf der Kippe steht", freut sich Herger, der mit der Internationalen Mett-Union inzwischen auch einen  Lobbyverband gegründet hat, der sich in Berlin und Brüssel für die Leibspeise vieler einfacher, aber auch vieler hochgebildeter Menschen. "Kaum jemand weiß, dass Johann Wolfgang von Geothe auf seiner Harzreise fast ausschließlich Hack zu sich nahm."

Herger sieht Gehacktes auch als internationales Phänomen. "Bei unseren tschechischen Freunden ist es das klassische Tatarák, im Baltikum nennen es die Menschen Deutschfleisch." Imemr aber sei Hack ein volkstümliches Gericht. Das ahbe auch dazu geführt, dass bedrohte Hackvarianten im Untergrund üebrlebt hätten. "Bis auf das Berliner Tatar, das Ruhrpott-Sushi, das Thüringer Mettigel und eine halbe Handvoll anderer Gerichte sind in den letzten 35 Jahren kaum noch Abgänge zu verzeichnen", zählt Herger auf. 

Zusammenbruch eines Kulinarik-Systems 

Der Niedergang eines ganzen Kulinarik-Systems, den die Schweizer Food-News hinter dem Mettsterben an die wand malten, sei beendet, glaubt Herger. Damit seien auch Befürchtungen gegenstandslos, dass mit jeder verschwundenen Hackvariante 50 vom Gehackten abhängige Beilagen, 20 Brotsorten und drei Soßenarten in ihrem Überleben gefährdet würden. "Wir greifen jetzt an und neben den Klassikern, die die Basis unseres Angebotes bilden, werden wir in Aktionswochen immer wieder andere kaum mehr bekannte Spezialitäten anbieten."

"Kann man denn hier auch gut essen?", lautet eine vielgestellte Frage der ersten Gäste im "Hackedicht" an der Prager Straße. "Nicht überall ist ja schon bekannt, dass unsere Stadt ganz besondere Gaumengenüsse bietet", schmunzelt Reinhold Herger. Sein Rezept ist die clevere Kombination von Provokation und Gaumengenuss: Pünktlich zur Eröffnung etwa veranstaltet der Unternehmer "Rohkost-Wochen" in seinem Lokal, bei denen ausschließlich frisches Hackepeter auf den Tisch kommt. "Ist doch lustig", sagt er und ein kollerndes lachen beendet seinen Bericht über Vegetarier und Veganer, die "den Wirt fast nie verstehen". 

Proteste von Veganern


Das sorgte für Proteste, kurbelte aber auch den Absatz von Hack mit Zwiebel und Tartar mit Ei an. Ab Februar legt Herger nach, diesmal ganz klassisch. Zum Jahrestag der Wende, die das Gehacktesbrötchen erst richtig populär machte, ruft Reinhold Herger erstmals zum "Mettfasten". Passend zum Zeitgeist würden Hack süßsauer, Klöpschen und Gehacktes mit Salz und Pfeffer frisch gestrichen und mit exotischen Zwiebeln abgeschmeckt, verspricht der im Mansfelder Land geborene Unternehmer, der nach einer abgebrochenen Karriere bei den Grenztruppen während einer Weltreise bei thüringischen Fleischerfamilien zahllose Rezepte zur Zubereitung von rohem Schweinehack kennengelernt hatte.

Unter dem Motto "No Cooking, No Heat. No Vegan" soll seine Idee vom ersten Spezialimbiss für Liebhaber von Leckerbissen wie Zwiebelmett oder Mett-Döner zuerst die Ostregion und dann den Erdball erobern. Mit dem Mettfasten werde man nun versuchen, auch bisher skeptisch gebliebene Kunden zu überzeugen, so Herger, der von seinen Gerichten selbst nicht genug bekommen kann. "Egal ob Tartar an Ei oder einfach Hack auf Brot", schwärmt er, "es schmeckt und wärmt mir immer noch das Herz."

Vollwertige Mahlzeit für 4,95 


Sein Vertrauen in die Ostdeutschen ist groß, sich an seine Seite zu stellen und das neue Angebot anzunehmen. "Wit kämpfen ja auch darum, dass unsere besten Rezepte nicht weiter hinenanstehen, wenn exotische Anbieter mit Sandwichs, Donuts, Dürüm-Döner und Waffeln Geld scheffeln." Beim Hackedicht werde es eine vollwertige Mahlzeit für Schüler, Studierende, Büroangestellte und Bauarbeiter für 4,95 geben, verspricht er. "Großes Brötchen, dick Butter, Hackepeter aus regionaler Ernte, frische Zwiebel, Salz, Pfeffer.". Sein Unternehmen sei damit Wettbewerbsführer. "Läuft es gut an, wird es das später auch für die Rindfleischfreunde geben, mit Zwiebel und Tartar und einem Wahlgetränk direkt aus der Küche."

Der Start ist geglückt, Reinhold Herger ist hochzufrieden mit den Perspektiven. Der "Hot-Bird"-Gründer schreibt hier wohl ein weiteres Mal an einer der großen unerzählten Geschichten des neuen, wiedervereinigten Deutschland. Sein neues Restaurant ist strahlend hell erleuchtet, die Gäste sind festlich gekleidet, die Damen schön, es riecht würzig nach Zwiebel.

Eintönigkeit des West-Fastfood 

Und mittendrin strahlt Reinhold Herger, dem es keineswegs in die Wiege gelegt war, auszuziehen, um die Welt mit rohem Fleisch zu erobern. Aber die Eintönigkeit der Fastfood-Kost des Westens sei ihm eines Tages zu viel geworden. "Immer nur Burger, immer nur Döner, immer nur Sushi", beschreibt Herger, der nur noch zwei und zwei zusammenrechnen musste. Wenn es läuft, weiß er schon, wie es weitergehen soll: In Texas hat Herger bereits die Hackedicht Inc. gegründet. Ein  amerikanischer Freunde hat ihm zudem die werbefigur des "Mett Reynolds" entworfen. "Damit umgehen wir Trumps Hackfleischzölle und wenn wir in den Filialen ostdeutschen Rock laufen lassen, werden die Amis das lieben".

Montag, 21. September 2026

Hört auf mit Wissenschaft: Die Harmonie der Sphären

Wissenschaft ist unbestechlich, wer ihre Erkenntnisse infragestellt, ist ein Leugner und Feind des Fortschritts. 

Die Wissenschaft war noch nie so unbestechlich, wie sie sich selbst gerne darstellt. Seit jeher hat sie mit der Autorität eines unfehlbaren Orakels gesprochen – und wer ihre jeweils herrschende Lehrmeinung anzweifelte, galt immer als Feind des Fortschritts, als Leugner, als Gefahr für die Ordnung.  

Ob es die Kirchenväter waren, die Aristoteles zur unantastbaren Autorität erhoben, oder die sozialistischen Despoten, die jeden Widerspruch an ihren Methoden mit der Keule der wissenschaftlichen Lehren von arx, Engels und Lenin zusammenschlugen. Was richtig war, bestimmte eine Mehrheit, die auch falsch liegen konnte. Wenn es so war, stellte sich das jedoch immer erst heraus, wenn es für die Minderheit zu spät war. 

Leidenschaftlicher Antrieb 

Gelernt hat daraus niemand. Heutige Akademiker, Politiker und Medien sind nicht skeptischer den eigenen Überzeugungen gegenüber. Sie sind vielmehr haben häufig aus eigenem Antrieb noch leidenschaftlicher in der Bekämpfung widersprechender Andersmeinender. 

Forscher, die Ergebnisse anders interpretieren, werden als "Leugner" gebrandmarkt. Gegen Medien, die anders argumentieren, werden Vorwürfe erhoben, wie sie aus der Geschichte sehr gut bekannt sind. Sie würden von "Milliardeären" aus eigentnützigen Motiven heraus finanziert. Politiker, die Problemlösungen dort suchen, wo das eingespielte System der Parteien zum Ende kommt, die immer regiert haben, wird bescheinigt, sie stünden im Dienst fremder Mächte.

Das Muster bleibt gleich 

Das Muster bleibt dasselbe. Die Institution, die gerade das Sagen hat, erklärt ihre Modelle zur unumstößlichen Realität. Abweichler werden nicht durch bessere Argumente widerlegt, sondern moralisch erledigt. Im Idealfall sollen sich ihre Behauptungen nicht herumsprechen, indem ihnen jede Möglichkeit genommen wird, sie zu verbreiten. Die Methode funktioniert seit hunderten von Jahren nicht. Sie hat versagt, als die Römer versuchten, das Christentum auf diese Weise aufzuhalten. Sie half den christlichen Potentaten in Rom später nicht, ihre ptolemäische Sphärenharmonie zu verteidigen und das heliozentrische Weltbild zu verboeten.

Wer das seinerzeit verteidigte, galt als Ketzer. Das Wort wird heute nicht mehr verwendet, um Menschen zu bezeichnen, die bestimmte Modelle der Klimawirkung, der Virologie oder der Geschlechterbiologie kritisch sehen. Doch die Ersatzvokabeln "Leugner" und "Wissenschaftsfeind" sind nicht liebevoller gemeint.

Niemand Kaum jemand kommt wegen falscher Meinungen noch ins Gefängnis. Gefoltert wird gar nicht mehr. Doch die Rhetorik ändert sich kaum: "Der wissenschaftliche Konsens ist eindeutig", "es gibt keinen ernsthaften Zweifel" und "nur Verschwörungstheoretiker stellen das infrage", sind die stärksten Argumente der Verteidiger einer Wissenschaft, die Stellen von Fragen eingestellt hat. 

Wissenschaft als Machtinstrument 

Dabei zeigt die Geschichte, dass Wissenschaft nie ein reiner Erkenntnisprozess war, sondern immer auch Machtinstrument. Und Macht duldet keine ernsthaften Herausforderer. Wird sie auf die Probe gestellt, bedient sie sich skrupellos jeder Art von Hokuspokus, um Zweifler oder Andersgläubige zu vernichten. 

"Der Prozess des Doktor Paolicci" zeigt dieses alte, blutige Spiel vor dem Hintergrund Roms im 17. Jahrhundert. Ein Gelehrter wird vor ein Tribunal geführt, das im Namen von Vernunft, Glaube und Ordnung die einzig erlaubte Weltsicht verteidigt. Der greise Wissenschaftler ist aufgrund des eigenen Augenscheins überzeugt, dass die Erde sich um die Sonne dreht. Doch ihm gegenüber sitzen nicht nur Kirchenführer, die diese Erkenntnis für unvereinbar mit der Bibel halten. Sondern auch Wissenschaftler, die einen Beutel voller wissenschaftlicher Argumente dabeihaben, die belegen, dass Paolicci irrt. 

Der Prozess des Doktor Paolicci

Im Gerichtssaal steht die Luft. Draußen brennt die italienische Sonne, drinnen ist es schwül unter der  kühlen Gewaltandrohung der Macht. Kardinal Terremoto, dessen Bassstimme wie aus einer Gruft dringt, eröffnet die Befragung zur Sicherstellung der Beweise. Vor ihm sitzt Doktor Paolicci, Professor der Naturphilosophie und Theologie, ein Mann von aufrechter Haltung und fester Überzeugung. Neben ihm sein Anwalt Vincenzo, der alte Mönch, der die Szene mit wachsender Sorge beobachtet.

Terremoto beugt sich vor, die kleinen dunklen Augen funkeln. "Doktor, erkennen Sie an, dass der Einsatz von Auge und Geist ein rechtmäßiger Weg zur Interpretation der Natur ist?" Paolicci nickt gemessen. "Ja, wir können uns dem Geist Gottes durch all seine Werke annähern – nicht nur durch die Heilige Schrift, sondern auch durch seine Architektur."

Auf Nummer Sicher


Der Kardinal will auf Nummer sicher gehen. "Und es kann keinen Widerspruch zwischen beiden geben?" Da sind sich Richter und Angeklagter einig: "Gewisslich nicht", sagt der Professor. Damit schnappt die Falle leise zu. Terremoto fragt nach dem, weshalb alle hier sind. Nach den kopernikanischen Auffassungen. Paolicci lächelt dünn. Er habe sie studiert, sagt er, sowohl aus philosophischer als auch aus gläubiger Sicht. Die entscheidende Frage, ob er es für haltbar erachte, "dass die Erde eine rotierende Kugel ist, ein Planet wie Jupiter und Saturn, und um die Sonne kreist, mit ebender Sonne als Zentrum des Universums?", die müsse er mit Ja beantworten.

Das ist Ketzerei. Der Professor überantwortet sich damit der Gnade des Gerichtes. Terremoto schüttelt den Kopf über so viel Dummheit. Doch hier wird ordentlich Gericht gehalten. Niemand wird abgeurteilt, ehe nicht alle Beweise eingeführt, gedreht und gewendet wurde. Der erste Zeuge ist ein Wissenschaftskollege Paoliccis. 

Gebeugt, aber aufrecht 

Professor Massuli ist großgewachsen, er geht etwas gebeugt, hält aber aufrecht zu den Positionen, die schon immer richtig waren. Befragt, ob er Paolicci zustimme, was die Planetenbahnen betreffe, sagt er: "Das tue ich nicht. Das kopernikanische System ist unmöglich. Die Welt ist gestaltet, wie in der Bibel beschrieben und wie sie schon vor den Tagen unseres Herrn Christus von Männern größter Weisheit verstanden wurde. Ich beziehe mich im Besonderen auf die Lehren des Aristoteles."

Mit ruhiger, fast dozierender Stimme trägt Massuli seine Einwände vor. Eine rotierende Erde? Dann müsste ein gewaltiger, nie endender Wind tosen. Fallende Steine würden zur Seite geschleudert. Doch jeder Stein fällt senkrecht – "mit der größten Präzision, die auszumachen das Auge befähigt ist". Des Mneschen Sinne lügen nicht. Sie bestätigten, was die Wissenschaft weiß.

Und die Sonne als Zentrum? Dann müssten die Fixsterne im Lauf eines Jahres Parallaxen zeigen, Kreise, Ellipsen am Himmel beschreiben. "Doch keine solche Bewegung ist zu sehen." Die Konstellationen stehen unverändert. Der Bär, Kassiopeia, Orion – sie bleiben, wo sie immer waren. Das Auge und der Geist sind in Harmonie mit den geheiligten Lehren. Die Bibel hat, wie sollte es anders sein, recht!

Im Namen der Bibel


Kardinal Terremoto bohrt nach. Ob nicht das heliozentrische System die komplizierten Planetenbahnen eleganter erkläre, die rückläufige Bewegung des Mars etwa. Massuli bleibt ungerührt. Das ptolemäische System sei zwar kompliziert, aber das kopernikanische beruhe auf wenigen, zudem zweifelhaften Beobachtungen. Kepler mit seinen Ellipsen? Ein mathematischer Behelf, der die göttliche Harmonie der Kreise zerstöre und obskure Kräfte einführe, wo doch Engel die Himmelskörper bewegen. Und wenn sie das tun, dann immer in Kreisbahnen, denn Gott baut perfekt, nicht mit krummen Linien.

Der Professor wird geradezu poetisch, als er die vollkommene Struktur des Universums beschreibt: Kugelförmig, hierarchisch aufgebaut, von Engeln bewegt, mit der Erde im Zentrum der Unvollkommenheit und den Sphären der Vollkommenheit darüber. Ein unendliches Universum? Undenkbar. Pluralität der Welten? Unvereinbar mit der Heilsgeschichte.

Fangfragen und Feindseligkeit

Kardinal Borghese, der Beisitzer, der mit offener Feindseligkeit auf den Gefangenen und seinen Anwalt blickt, stellt dem Angeklagte Paolicci daraufhin eine Fangfrage: "Kann ein Widerspruch zwischen Wissenschaft und Glauben auftauchen?" Es sei nur ein scheinbarer Widerspruch, sagt Paolicci. Man müsse das, was sei, anders interpretieren, dann passe alles wieder wunderbar zusammen. Der Wissenschaftler im Zeugenstand hingegen antwortet kühl: "Da kein solcher Widerspruch möglich ist, entbehrt Ihre Frage der Bedeutung. Wo kein Widerspruch sei, könne ein Anschein dessen nur im Kopf des Türken, des Juden oder des Ketzers reifen.

Terremoto lässt den Schreiber vermerken, dass Paolucci weder Türke noch Jude sei. Die Ironie hängt schwer im Raum. Sie ist bedrohlich, denn seinem Zweifel bleibt damit keine Ausrede. Die weiteren Zeugen, Forscher aus Bologna, Pisa, Neapel und Venedig, alle eigens angereist, bestätigen einhellig die offizielle Lehre. Die Hitze im Saal wird drückend. Die Verhandlung wird unterbrochen. Die Schlinge um den Hals des Angeklagten zieht sich zu und zuer.

Kluge Leute auf Beweissuche 

Kluge Leute sind hier versammlt, die nach den richtigen Erkenntnissen suchen. "Gelangen Sie zu ihren Ansichten durch die Beweiskraft der Naturphilosophie und nicht aus reinem Glauben oder vermittels der Ansichten von Gelehrten des Altertums?", fragt der Vorsitzende Richter. Sein Angeklagter verbeugt sich zustimmend. "Dann können wir vielleicht mit der Hypothese einer rotierenden Erde beginnen", sagt Terremoto. "Was spräche dafür?" Paccolini sagt ihm, doch das Kopschütteln im Saal ist allgemein.

Der nächste Zeuge formuliert es aus. "Würde die Erde wahrhaftig rotieren, was geschähe dann mit der Luft? Es gäbe einen gewaltigen, immer andauernden Wind. Alle Körper ohne Bodenkontakt würden in eine einzige Richtung davonwirbeln. Ein fallender Stein würde zur Seite fortschießen, wenn er die Hand verließe." So viel ist sicher, die Wissenschaft hat es bewiesne. "Auch von den höchsten Türmen, die wir besitzen, fällt ein Stein geradewegs nach unten. Es besteht keine wahrnehmbare Abweichung von der Vertikalen. Die Erde muss daher notwendigerweise stillstehend sein, übereinstimmend mit den Beweisen, die unsere Sinne liefern."

Verwerfliche Hypothesen


Genauso sieht es mit der Sonne aus, die nachweislich nicht das Zentrum aller Dinge sein kann. "Würde die Erde wahrhaftig um die Sonne kreisen, wie Kopernikus behauptete, dann würden die Sterne droben diese Bewegung widerspiegeln. Im Verlauf eines Jahres würde jeder von ihnen anscheinend einen kleinen Weg am Himmel zurücklegen." Tun sie das? Beschreibt ein Stern, der im rechten Winkel vom Tierkreis entfernt ist, einen Kreis am Himmel?  Kein einziger! "Keine solche Bewegung ist zu sehen, weil die Erde nicht um die Sonne kreist."

Die verwerfliche Hypothese, dass die Sterne wie die Sonne sind, nur viel weiter weg, muss nicht lange zerredet werden. Sie bizarr, widerspricht sie doch der Tatsache, dass die gesamte Welt auf eine Sphäre beschränkt ist, so das der angebliche unendliche Raum um die Erde herum nicht existieren kann.  "Gäbe es ihn, würden sich die Sterne in unterschiedlichen Entfernungen von uns befinden" In diesem Fall würde aber ein parallaktischer Effekt zur Folge haben, dass die Konstellationen im Laufe eines Jahres ihre Form verändern. Ist das so? Oder stehen Bär, Kassiopeia und Orion stehen unverändert am Himmel? "Das tun sie, also sind Auge und Geist in Harmonie mit den geheiligten Lehren. Die äußersten Grenzen der Welt sind durch die kristallinische Sphäre abgesteckt, in die die Sterne eingebettet liegen."

Das alte Lied in neuem Gewand


Was sich hier abspielt, ist kein mittelalterliches Relikt, sondern ein zeitloses Ritual. Die Institution – damals die Kirche, heute oft die akademisch-mediale Allianz – definiert, was als "Wissenschaft" gilt und welche Ergebnisse die richtigen sind. Wer die herrschende Kosmologie  - oder Klimatheorie, oder Genderdoktrin - anzweifelt, wird nicht mit Gegenbeweisen, sondern mit moralischer Ächtung konfrontiert. Die Methoden haben sich verfeinert, die Rhetorik ist säkularer geworden. Doch das Prinzip bleibt: Die Wahrheit ist bereits gefunden. Wer sie infrage stellt, stört die Harmonie der Sphären.

Die Struktur des Universums sei wissenschaftlich gesehen genauso wie sie sein solle. "Sie findet ihre vollkommenste Beschreibung in der Summa Theologica des Thomas von Aquin", lobt Massolini. Die größte Unvollkommenheit existiere auf Erden, wo Menschen Zweifel hegten. "Aber wenn wir sterben, steigen die Seelen der Gesegneten auf durch die himmlischen Sphären, und eine jede Sphäre des Himmels ist vollkommener als die vorangegangene." Auch die Zweifler würden dann erkennen, was die Forschung längst bewiesen habe: "Der Himmel – und Gott, mit Christus zu seiner Rechten – befinden sich jenseits der Sphäre der Fixsterne, wie Aristoteles sie beschreibt".

Die Vernunft des Systems 

Kardinal Terremoto glaubt fest an die Vernunft seines Systems. Er ist überzeugt, Auge und Geist stünden auf seiner Seite. Jahrhunderte später wissen wir, dass er sich irrte und der angeklagte Professor recht hatte. Die Erkenntnis kommt für den Kopernikaner zu spät. Er wird damals zum Tod auf dem scheiterhaufen verurteilt und nur durch die Intervention einer der mächtigen italienischen Familien vor der Hinrichtugn gerettet. Mit der Auflage, sich nie mehr öffentlich zu wissenschaftlichen Fragen zu äußern.

Als der Prozesstag sich dem Ende neigt, werden die Fragen grundlegender. Paolicci lässt sich verleiten, die Hypothese Brunos zu wiederholen, dass das Universum unendlich ist. Das sorgt für Empörung, denn ein unendliches Universum ist einleuchtenden Gründen undenkbar. "Eine Pluralität der Welten würde eine Vielzahl von Planeten mit sich bringen, auf denen eine Vielzahl an Menschen lebt." Die aber könnten nicht von Adam abstammen und sie könnten auch nicht der Erlösung durch Christus teilhaftig werden. Die Wissenschaft ist diesbezüglich unbestechlich: Ist das so, dann kann es nicht sein. "Kein Christ könnte anderes glauben", gibt der Kardinal Terromot seinem Sünder mit auf den Weg in die Zelle. 

Die  Gerichtsverhandlung wurde für zwei Tage unterbrochen. Die Richter nahmen sich Zeit für das Urteil. Doch wie es ausfallen würde, wusste jeder. Es ging schließlich nicht um irgendeinen Angeklagten. Sondern um die Verteidigung der Wissenschaft.

Sonntag, 20. September 2026

Mama Manuela: Sehnsucht nach Mutti

Manuela Schwesig ist die Mutter Mecklenburgs. Die 52-jährige Tochter eines Schlossers aus Frankfurt an der Oder spielte eins im Defa-Film "Verbotene Liebe" mit. Seit 2017 geht sie in ihrer größten Rolle als Ministerpräsidentin auf.

Sie kam, diente treu und auf einmal war sie Ministerpräsidentin. Zwar nur von Mecklenburg-Vorpommern, einem Bundesland, das fast so alt und arm ist wie das benachbarte Sachsen-Anhalt. Doch für eine Spätberufene, die nie eine der für SPD-Funktionäre eigentlich vorgeschriebenen Kaderschmieden von innen gesehen hat, ist auch die Staatskanzlei in Schwerin ein Traumschloss. 

Schwesig, ausgebildete Steuerfahndungsprüferin, war erst mit 29 in die SPD eingetreten. Fünf Jahre später war sie Ministerin. Zehn Jahre später übernahm sie den Landesvorsitz und wechselte als Familienministerin nach Berlin. Keinem anderen deutschen Politiker gelang in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten eine solche Abfolge rasanter Karrieresprünge, zumal Manuela Schwesig inmitten ihres unaufhaltsamen Aufstieges auch noch schwer erkrankte und monatelang pausieren musste. 

Instinkt ohne Kaderschulung 

Die Mutter eines Sohnes und einer Tochter aber hat den Instinkt, der anderen nicht nur in ihrer Partei fehlt. Schwesig ist keine Ideologin, sondern überaus gelenkig positioniert. Als Deutschland noch keine größeren Probleme hatte, beteiligte sie sich engagiert am Feldzug der damaligen Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, die versuchte, den "Kampf gegen Kinderpornografie" zu nutzen, um Teile des Internets sperren zu lassen. Schwesig übertraf die als "Zensursula" verspotteten  CDU-Frau sogar noch, indem sie sich unter dem Vorwand des Kinderschutzes für eine noch strengere Zensur des Internets einsetzte. 

Das Ziel der Sozialdemokratin, die damals noch als unbeschriebenes Blatt in Partei und Öffentlichkeit galt, war es, sich ein mütterliches Profil zuzulegen. Sie war es, die als erste Landesministerin verfügte, dass die Verfassungstreue der Mitarbeiter von Kindertagesstätten geheimdienstlich überprüft werden muss. Sie schlug vor, der Gesetzgeber solle die Arbeitszeit für Mütter und Väter um rund 20 Prozent reduzieren. In jenen guten alten Zeiten, als die deutsche Wohlstandsmaschine noch brummte, sah sie kein Problem darin, dass der Steuerzahler den notwendigen Lohnausgleich und einen zusätzlichen "Partnerschaftsbonus" aus der Portokasse zahlt.

Jederzeit ins richtige Horn 

Mit Leerformeln wirbt die Linke für sich.
Schwesig atmete den jeweiligen Zeitgeist ein und blies jederzeit ins richtige Horn. Schon 2014 beendete sie mit den Kampf gegen den Linksextremismus mit einem Federstrich. In ihrem Programm "Demokratie leben!" war nur noch die Rede von einem "aktiven" Einsatz "gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit". Das angebliche Problem des Linksextremismus sei Schwesig "aufgebauscht"  worden, linke Gewalt präventiv zu bekämpfen, habe nur "Gräben vertieft". Als ihre Partei später kurzzeitig mit "Protestterroristen" (SPD) haderte, tauchte Schwesig gelenkig unter dem Vorwurf durch, sie habe ein gesellschaftliches Problem verharmlost. Sie habe "diese Aussage so nicht getätigt und schon gar nicht auf Gewalttaten bezogen", teilte sie mit.

Ein politisches Überlebenstalent, das sich für Hokus-Pokus-Homöopathie einsetzt, für die verfassungsfeindliche Vorratsdatenspeicherung, die DDR ausdrücklich nicht als "Unrechtsstaat" bezeichnet hören will und mit der Gründung der vom russischen Gazprom-Konzern finanzierten "Stiftung Klima- und Umweltschutz MV" bewies, dass Anti-Amerikanismus und biegsame Russlandfreundlichkeit eine gute Mischung ergeben, um den Respekt der Wählerinnen und Wähler zu erringen.

Schwesigs größter Trick 

Die Stiftung war Schwesigs größter Trick. Nachdem US-Präsident Donald Trump Sanktionen gegen alle Firmen und Privatpersonen angekündigt hatte, die am Aufbau der deutsch-russischen Erdgaspipeline Nord Stream II mitarbeiten, entstand die Stiftung, um mögliche Schläge ins Leere laufen zu lassen. Das Land Mecklenburg-Vorpommern spendierte 250.000 Euro. 

Der Kreml legte 20 Millionen Euro drauf. Schon stand eine rechtliche Konstruktion, besetzt mit Ruheständlern und Politrentnern und formal Umweltschutzzwecken gewidmet, die über ein undurchsichtiges Netzwerk von Tochterfirmen und unter höchster Geheimhaltung notwendige Arbeiten für den Pipelinebau beauftragen konnte.

Die CDU verspricht Fischbrötchen.
Kurzzeitig ging die Idee auf. Schwesigs Stiftung vergab Aufträge mit einem Volumen von 165 Millionen Euro. Trumps Nachfolger Joe Biden knickte ein und nahm die Sanktionsdrohungen seines Vorgängers zurück. Erst mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine verwandelte sich das gewitzte Tarnmanöver, mit dem Schwesig die große Schutzmacht USA erfolgreich vorgeführt und blamiert hatte, in ein Debakel.

 Selbst die SPD, bis dahin gemeinsam mit Linkspartei, CDU und AfD bereit, Russland um deslieben Freidens willens viel nachzusehen, hatte es nun eilig, "eine der größten Dummdreistigkeiten der deutschen Nachkriegsgeschichte" (Der Spiegel) abzuwickeln.

Die Lebensversicherung der Partei im Norden 

Geschadet hat es Schwesig nicht. Ganz im Gegenteil. Die "vielen Menschen in unserem Land", die ihr "am Herzen liegen" schätzen Schwesig, gerade weil sie Anti-Amerikanismus und Russlandfreundlichkeit, Populismus und Pragmatismus trickreich verbindet.

 In anderen Zeiten und anderen Ländern hätte ein Politiker nach einem gescheiterten Versuch zurücktreten müssen, sich mit der früheren Schutzmacht gegen die aktuelle zu verbünden. In Mecklenburg-Vorpommern dagegen genießt diejenige höchste Achtung selbst bei denen, die es nicht mit ihrer Partei halten.

Die auf Schwesigs Umgehungsversuch am Rande der Illegalität nachfolgende Hetze gegen den Versuch, eine Weltmacht auszumanöverieren, hat die erste Ministerpräsidentin eines ostdeutschen Bundeslandes zu einer Heldin gemacht. Ihre Landeskinderlieben sie nicht, doch es schlägt ihr auch nicht das Übermaß an Verachtung entgegen, das MP-Kollegen wie Sachsen-Anhalts Sven Schulze und der Thüriger Ex-Doktor Mario Voigt zu einer Last für ihre Parteien macht. 

Schwesig ist die Lebensversicherung der Sozialdemokratie im Norden. Zwar stürzten die Zustimmungswerte zu ihrer Partei von den 39,6 Prozent, die sie bei der letzten Landtagswahl erreicht hatte, im Zuge der Erosion der früheren Volkspartei auf bedenkliche Werte um knapp über 20 Prozent ab. 

Doch Schwesigs überzeugende Auftritte in ihrer großen Rolle als Landesmutter leiteten ab Anfang 2026 eine Wende ein. Heute steht die junge Sozialdemokratie im Norden des Ostens wieder bei beachtlichen 29 Prozent -  etwa viermal so viel wie in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Bayern und Baden-Württemberg und der mit großem Abstand beste Wert aller Flächenländer.

Wer bietet mehr?
Das "Problem für die SPD", als das die FAZ Manuela Schwesig vor vier Jahren noch bezeichnet hatte, sei ihre Rettung, sagt der bekannte Regressions- und Medienforscher Hans achtelbuscher, dessen An-Institut für Angewandte Entropie in Schwesigs Geburtsstadt Frankfurt an der Oder residiert. 

Die lange als "Küsten-Barbie" verspottete Sozialdemokratin zeige, wie viel Anlehnungsbedürfnis weite Teile der Bevölkerung noch immer hätten. "Letztlich will eine Mehrheit nicht das ,Land, das einfach funktioniert', wie die Grünen einmal versprochen haben, sondern ein Land, in dem man sie einfach in Frieden machen lässt", sagt er im großen PPQ-Interview.

PPQ: Herr Achtelbuscher, Manuela Schwesig steht vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Sie sind ein langjährigen Beobachter und Begleiter der SPD-Powerfrau. Erklären Sie uns doch bitte, wie diese gar nicht von der Partei ausgebildete Quereinsteigerin sich über die eigene Partei erhebt.

Achtelbuscher: Schwesig fehlt wirklich der in der SPD eigentlich vorgeschriebene Stallgeruch nach Kaderschule. Sie ist der klassische Typ der durch die Verwerfungen nach dem Ende der DDR geborenen ostdeutschen Queraufsteiger. Geboren 1974 in Frankfurt/Oder, aufgewachsen in Seelow, Diplom-Finanzwirtin, Steuerverwaltung Brandenburg und Schwerin, dann Finanzministerium MV und Entdeckung durch den damaligen Ministerpräsidenten Erwin Sellering, der den damaligen Parteichef Sigmar Gabriel auf das quicke Mädchen aufmerksam gemacht haben soll. Das reicht dann schon für eine rasche Raketenkarriere, denn die Konkurrenz ist bei Frau, jung, ostdeutsch und ansehnlich nicht groß. Dank ihrer Talente brauchte Schwesig brauchte keinen langen Marsch durch die Gremien, sie war sofort da. 

PPQ: Und sie blieb, inzwischen fast zehn Jahre schon als Ministerpräsidentin. Ohne politische Grundausbildung.

Achtelbuscher: Vielleicht auch, weil ihr die fehlt. Sie wirkt auf die Menschen eher wie die tüchtige Beamtin, die das Land organisiert, nicht wie die Ideologin. Der Mecklenburger und noch mehr der Vorpommer liebt das. Nicht lang schnacken. Anpacken. Eine Mama, eine Muttifigur.

PPQ: Dennoch zeigten die letzten Umfragen vor dem heutigen Wahltag, dass die AfD bei bis zu 36 Prozent liegt, Schwesigs SPD aber deutlich dahinter. Überzeugt sie dann doch nicht so?

Achtelbuscher: Es ist richtig, dass ihre rot-rote Regierung nach den Zahlen keine Mehrheit mehr hat. Die AfD liegt auch in Mecklenburg-Vorpommern klar vorn, die Linke stagniert bei 11–12 Prozent, die CDU ist hier mit nein oder zehn Prozent eine ähnliche Kleinstpartei wie in Sachsen-Anhalt die SPD. Aber diese Zahlen sind für die SPD im Osten überaus respektabel, denn wie Sie wissen dümpelt die frühere Volkspartei bundesweit bei desaströsen zwölf Prozent, Tendenz fallend.  Und Frau Schwesig hat den Tiefpunkt von unter 20 Prozent im Herbst 2025 hinter sich. Es geht wieder aufwärts. 

PPQ: Wie hat sie das denn bewerkstelligt? Auch Mecklenburg hat ja im Grunde keine Möglichkeiten, gegen die Berliner Politik anzuregieren?

Achtelbuscher: Sie hat sich, wenn man das so sagen will, das Merkel-Kostüm der Landesmutter angezogen. Sie regiert ihr Land ein bisschen wie eine Bundespräsidentin, die über den täglichen Dingen steht. Immer wieder lässt sie auch durchblicken, dass ihre schwere Erkrankung sie gelassener und weiser gemacht hat, eine solche Instrumentalisierung rührt viele und flösst Vertrauen ein. Zudem wagt sie Kampfansagen an die verkopfte Spitze der eigenen Partei, verkauft das aber öffentlich geschickt als Fundamentalkritik am Kurs des Kanzlers. Das ist für uns in der Regressionsforschung schon schön anzuschauen, dass jemand so virtuos auf der Klaviatur der Irreführung spielt.

PPQ: Letzlich sind die Zahlen besser, aber zugleich so schlecht, dass Rot-Rot nicht wird weitermachen könne. Welche Koalitionen sind nach jetzigem Stand realistisch?

Achtelbuscher: Zu Rot-Rot allein reicht nicht. Aber das ist auch egal. Für Rot-Rot-Grün käme knapp  eine Mehrheit heraus, wenn die Grünen einziehen. Wenn nicht, muss ein Bündnis mit der CDU und den Linken her. Natürlich ziert sich die CDU, aber das Brandmauer-Argument wird am Ende herhalten müssen, um eine stabile Regierung zun bilden. 

PPQ: Täuscht der Eindruck oder ist das ein allgemeiner Trend?

Achtelbuscher: Sie haben Recht, es handelt sich dabei auch unseren Erkenntnissen nach um eine Neuformierung der gesamten politischen Landschaft. Die informellen Einheitsregierungen, die wir vielerorts sehen, sind im Grunde im Begriff, die Standardregierung dessen zu werden, was wir in der Enthropieforschung ,unsere Demokratie' nennen. Schwesig und ihr Amtsbonus plus vielen Wähler, die taktisch gegen die AfD stimmen, ergeben nach der Brandmauer-Logik eine Mehrheit, die zum regieren ausreicht.

PPQ: Erstaunlich erscheint, dass Schwesigs Agieren bei Nord Stream und der Gazprom-finanzierten Umweltstiftung ihr überhaupt nicht geschadet hat.

Achtelbuscher: Überhaupt nicht kann man sicher nicht sagen. Das hat sie schon etwas gekostet. Aber der Schaden ist nicht besonders schwer, weil dieses faktisch als Sanktions-Umgehungskonstrukt für den Pipeline-Weiterbau gedachte Konstrukt ja auch von der CDU und der Linken gestützt wurde. Interne Dokumente zeigten, dass die Satzung aus dem Umfeld der Gazprom-Tochter stammte und Verbindungen in die Schweiz liefen. Schwesig hat reagiert, wie ein kluger Politiker reagieren muss, wenn er mit der Hand in der Kasse erwischt wird. Sie hat einen Fehler eingeräumt, aber versichert, es sei alles nur zum Besten aller gewesen. Für ihre Mecklenburger, die günstiges Gas wollten, war das kein Beinbruch. Für den Rest der Republik bleibt es der Beleg, dass sie Putins Interessen bedient hat. Aber die wählen ja nicht in Mecklenburg-Vorpommern.

PPQ: Es gab zuletzt mitten in Schwesigs Wahlkampf den Versuch aus der Bundes-SPD, sie als neue Bundesvorsitzende ins Spiel zu bringen. Wollte man ihr damit gezielt schaden?

Achtelbuscher: Genützt hat es ihr sicherlich nicht, weil es ihren Landeswahlkampf gestört hat. Wer wählt eine Ministerpräsidentin, die auf Abruf steht? Aber aus der Parteilogik der SPD ist das zu verstehen. Es war ein Hilferuf in höchster Not. Die Bundes-SPD unter Klingbeil und Bas hat abgewirtschaftet, aber hinter den beiden Vorsitzenden ist niemand, der nach vorn drängt. Schwesig als erfolgreiche Ost-Ministerpräsidentin wäre das ideale Gesicht für einen Neuanfang. Aber natürlich hat sie sofort klar abgelehnt. Ginge sie jetzt nach Berlin, würde das daheim als Flucht wahrgenommen. Und zu gewinnen hätte sie als Trümmerfrau im Willy-Brandt-Haus sowieso nichts.

PPQ: Der Versuch zeigt, wie dünn das Personal der Bundes-SPD ist und wie sehr sich die Partei nach einem Schwesig-Faktor sehnt. Gibt es den aber überhaupt?

Achtelbuscher: Durchaus. Mit Werten um die 30 Prozent ragt Schwesigs Landespartei ja meilenweit hervor. Der Schwesig-Faktor ist durchaus real: Ohne sie läge die SPD wahrscheinlich im Bereich der Bundespartei. 

PPQ: Und wie groß ist er Ihrer Ansicht nach?

Achtelbuscher: Enorm. In Sachsen-Anhalt ist die SPD einstellig, im Bund gerade so noch zweistellig. Schwesig hält die Sozialdemokraten in MV bei über 30 Prozent – das sind 15 bis 25 Punkte über dem Bundesniveau! Wissenschaftlich gesehen ist der persönliche Faktor, denn besser als anderswo läuft es an der Küste ja auch nicht. Aber Bekanntheit, Sympathie, Ost-Authentizität und die Fähigkeit, sich als eine von uns zu inszenieren, verhindern eben, dass die SPD auch im Norden abrutscht Richtung 15 Prozent und weniger. Die Menschen möchten, dass sie eine regiert, die wie sie ist, damit sie, das spielt gerade bei den oft als brüsk und eigentbrödlerisch wahrgenommenen Nordlichtern eine große Rolle, ihr Ding machen können.

PPQ: Sie haben in einem vielbeachteten Aufsatz zum Landesmotto ,MV – Land zum Leben' geschrieben, dieser prägnante Satz sei ein großes Versprechen auf anstrengungslosen Wohlstand. Was meinten Sie damit?

Achtelbuscher: Es ist die perfekte Soft-Power-Formel. Natur, Lebensqualität, Wasser, Erholung, gut leben. Lästige Dinge wie Arbeit, Wirtschaft, Produktivität, Wohlstandserwirtschaftung sind da systematisch ausgeblendet worden. Das Motto, ausgestellt entlang aller Autobahnen, evoziert ein federleichtes Florida-Gefühl: Schönes Wetter, Strand, wenig Stress, kein Industrie-Lärm, Ruhe. Gemütlichkeit. Das passt zu einem Land, das demografisch schrumpft und nur noch den Ehrgeiz hat, der Frage recht lange auszuweichen, wovon die Leute eigentlich leben werden, wenn die Boomer abgetreten sind, die noch Ersparnisse haben und eine halbwegs auskömmliche Rente. ,Land zum Leben' klingt besser als ,Land zum Arbeiten' oder? 

Samstag, 19. September 2026

Der letzte Western: Schmutzig, halbnackt und ungebrochen

Die ARD hat begonnen, an ihren Premiumformaten zu sparen. Die Senderfamilie will endlich zurück zur Grundversorgung, für die sie von dern Müttern und Vätern des danach benannten Grundgesetzes ehemals gegründet worden war.

Es war ein veritabler Schock, als der ostdeutsche MDR die Krimifans im Frühjahr vor vollendete Tatsachen stellte. Kein "Tatort" mehr aus der Boomtown Leipzig, zumindest fünf Jahre lang oder doch bis zu dem Tag, an dem die gesichert rechtsextremistische AfD einen höheren Rundfunkbeitrag durchwinkt. 

Ein Beben walzte durch Deutschlands Krimilandschaft wie am Tag, als Horst Schimanski den Dienst quittiert hatte. Für große Teile der Bevölkerung ist der Fernsehkrimi das größte Abenteuer neben der alljährlichen Schlagerkreuzfahrt. 

Ohne Nachschub an düsteren und sozialkritischen Geschichten, von einer europäischen Krimi-KI rund um die häuslichen Probleme der Kriminalbeamten gestrickt, geht Mimi Mustermann nie ins Bett. 

Hellwache Bürger aber kann nur brauchen, wer sie woke haben will, ein Begriff, der im "Tatort" seine natürliche Verkörperung gefunden hat, seit jener Ruhrgebietshorst mit der kriegstüchtigen Kutte sein letztes "Arschloch" in die Kamera gedröhnt hat. 

In den Hexenküchen der großen Krimimeister 

Die Hexenküchen der großen Krimimeister sind niedergebrannt worden. Dort, wo Mord und Totschlag, die nie Totschlag und Mord, sondern immer Mord und Totschlag heißen, dort also, wo diese beiden tötlichsten Brüder der Pausenunterhaltung geplant werden, herrscht Todesstille. Die Streamer haben die Grundversorgung mit Frischblut übernommen. Fortsetzungen und fremdländische Ware, am liebsten aus dem ewig sonnigen Skandinavien, ersetzen die Drehbuchrealisierungen aus dem polnishcen Grenzland und den versteppten Ebenen Mecklenburgs.

Ohne "Tatort" ist Deutschland nicht denkbar 

Vorbei ist es schon, vorüber aber noch nicht. Ohne "Tatort" ist Deutschland nicht vorstellbar. Doch es braucht einen Neustart, gegen den die Versuche der Politik, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf der Miesepetrigkeit zu ziehen, wie Einschlafhilfe wirken muss. Statt der KI, die die lähmend langweiligen Thriller mit der Filterkamera geschrieben haben, sollen wieder echte Autoren ran, echte Autorenduos, die sich die blutigen Bälle zuwerfen und Charakterstudien schreiben, gegen die Schimmis wüstes Wirken harmlos wirken wird. 

Die Mörder mit der Maus entwickeln Täterjagden wie Heimatromane, Städte in karger Felslandschaft, voller Exotik und Erotik. Wie ein solches Drehbuch entsteht, im Zusammenspiel kühner Denker, und wie es zwangsläufig auf einen point of no return zuläuft, dokumentiert das folgende Protokoll eines brain storming in der Qualitätskrimiküche. Unter Abgabedruck.


Eine Frau, die morgens völlig aufgelöst in die Ortspolizeiwache stürmt. Das wäre ein guter Anfang. Starker Satz zu Beginn. Die wirkte verzweifelt, hatte aber sorgfältig Rouge aufgelegt. Ihre Lippen waren kirschrot geschminkt, sie trug teure Swarovski-Steine im Ohr.

Klingt brauchbar. Lass uns eine Polizeianfängerin am Tresen stehen, die völlig überfordert ist, als die Dame ihr offenbart, dass ihr Ehemann in der Nacht verschwunden ist. Als sie zu Bett gingen, legte er sich noch neben sie, als sie erwachte, war er fort.


Samt Gepäck.

Samt Gepäck. Nur sein Telefon lag noch auf dem Nachtschrank.

Ja, und ohne sein Telefon würde er nie nirgendwo hingehen.

Nie.

Die Dame vermutet also, dass ihr Mann ermordet worden ist.

Das ist doch Quatsch. Lassen wir ihn entführt sein.

Entführt. Meinetwegen. Jedenfalls Opfer eines Verbrechens.

Die junge Polizeianwärterin will es nicht glauben. Die Sonne scheint, es duftet nach Meer, ein leichter Wind wiegt die Kiefern. Nichts sieht nach Verbrechen aus, selbst die Betrunkenen in der Arrestzelle schlafen inzwischen.

Ja, es ist das Ende der Nachtschicht, die Zeit, in der nie etwas passiert.

Aber nun ist die Dame da. Sie zetert nicht, sie ist ganz ruhig, aber beunruhigt.

Sie hat Grund zu der Annahme, dass ihr Mann verschwunden ist, weil er mehr über ein geheimes Projekt des Militärs in einem gesperrten Jagdgebiet ganz in der Nähe herausgefunden hat.

Wo kommt das jetzt her?

Das erklären wir später in einer Rückblende, sobald wir es selbst wissen.

Klingt logisch. Erstmal Auftritt Revierchef. Was ist denn hier los. Diese Dame vermisst ihren Mann. Oh, das müssen sie nicht in Sorge sein, sagt der alte, erfahrene Wachleiter. Hier verschwinden immer mal Männer, die tauchen aber später wieder auf.

So leicht lässt die Dame sich nicht abschütteln.

Nein, so leicht nicht.


Sie will Anzeige erstatten.

Um des lieben Friedens willen, sagt der Revierleiter, Frau Rödenhepps, das ist die junge, überforderte Polizistin, machen sie das.

Die Schreibmaschine klappert. Es dauert, denn die junge Frau macht das zum ersten Mal.

Jetzt blenden wir. Der Berg im Sperrgebiet, eine frische Blutspur.

Klingt brauchbar. Geräusche aus dem Berg. Es klingt nach großen, menschenverachtenden Maschinen.

Blende. Die Dame, die Ursula Esenbrecht heißt, immer noch gut geschminkt, immer noch schwer beunruhigt, in einem Straßencafé. Sie raucht, obwohl sie eigentlich nicht raucht. Beim Trinken verschüttet sie Kaffee. Sie ruft immer wieder das Handy ihres Mannes an, denn sie hat vergessen, dass es im Hotelzimmer liegt. Fest steht jetzt schon, dass er dort nicht ist, denn er geht nicht ran.

Ein Herr betritt das Straßencafé. Esenbrecht schaut, Esenbrecht staunt. Das ist doch...

Genau, das ist doch Werner Heisenbeck, der im 3. Programm den Kommissar Jäger spielt. Groß, gut gewachsen, grau meliert. Ein Auskenner mit Falten, die von jahrelanger Auseinandersetzung mit Fernsehverbrechen künden.

Er hat bis heute alle seine Fälle in 90 Minuten gelöst.

Er ist der Beste.


Ja, das ist ein Zeichen. Esenbrecht schöpft natürlich Hoffnung. Wenn jemand helfen kann, dann dieser Mann. Groß, gut gewachsen. Ein bisschen sieht er aus wie ihr Vater.

Steht sie auf und geht direkt auf ihn zu? Scheut sie sich vor so einem Schritt, der sie ja exponieren würde?

Nein, keinesfalls. Die Esenbrecht hat 400 Jahre Gutsherrenschaft in den Genen, wenn sie Interessen in sich spürt, setzt sie sie auch durch. So ist sie damals an ihren Mann geraten, einen hübschen jungen Juristen mit welligem Haar, aus alter Familie, dem guten Leben nicht abgeneigt und dank altem Geld auf keinen Studentenjob angewiesen. Sie hat ihn einfach angesprochen, in einer Tanzhalle, wie man Diskotheken seinerzeit noch nannte. Hat ihn abgeschlappt, würde man heute sagen.

Genau. Und genauso macht sie es jetzt mit Jäger, mit Heisenbeck im Grunde. Geht auf ihn zu, spricht ihn an. Erzählt die Geschichte vom Verschwinden ihres Mannes. Ein Rätsel, wie es den alten Krimikämpen selbstverständlich fasziniert.


Er langweilt sich sowieso. Vier Drehtage sind ausgefallen, weil das Wetter die Reitszenen nicht im richtigen Licht erscheinen lässt. Das ist diesmal eine ARD-Produktion, da ist der Etat so, dass... solche Malaisen können ausgesessen werden.

Heisenbeck verspricht aber nichts.

Nein, der ist von der alten Schule. Er weiß schon selbst nicht mehr, ob er mehr der Jäger aus dem Dritten ist oder der Jäger aus der Buchvorlage. Genau genommen hat er schon mehr Jägerfilme gedreht als es Jägerbücher gibt.

Und immer erfolgreich.

Kein Täter ist je entkommen.

Hier hat der alte Fuchs sofort das Militär im Verdacht.

Die Spur führt auf den Berg.

Jetzt die Rückblende?

Guter Zeitpunkt. Wir sehen also Herrn Esenbrecht, wie er unter einem Stacheldrahtzaun hindurchkriecht. Immer noch gewelltes Haar, immer noch stilvoll. Aber das Gesicht geschwärzt, in einem Trockentauchanzug, eine Infrarotbrille auf der Nase.

Geigerzähler.

Exakt. Geigerzähler am Gürtel.

Er will nun was?

Er geht im Grunde dem Gerücht nach, dass es auf dem Berg nicht mit rechten Dingen zugeht. Anwohner berichten von Geräuschen, von geheimnisvollen Rohrleitungen, Starkstromkabeln, Wagenkolonnen. Mitternächtlichen Lichtern.

Esenbrecht ist Spezialist. Er hat im Internet recherchiert, seit sein jüngerer Bruder vor Jahren verschwunden ist, auf einer Wanderreise nach Patagonien. Eine letzte Postkarte zeigt eine friedliche Altstadtszene, Kirche, Markttreiben, bunte Früchte, Wandmalereien. Danach nichts mehr. Nie wieder.

Das hat Esenbrecht den Älteren nie losgelassen. Es hat ihm den Schlaf geraubt.

In der Tat. Und über unendlich viele Stationen, eine Brotkrumenspur, der er seit dem Tag der offiziellen Todeserklärung gefolgt ist, hat es ihn hierher geführt, wo Blutpipeles den Lebenssaft unschuldiger junger Menschen in die Tiefe unergründlicher Gruften pumpen.

Was niemand weiß.

Was natürlich niemand weiß.

Wer steckt dahinter?

Ein verschrobener Schweizer Millionär, der eigentlich Peruaner ist, sich aber immer als Ägypter ausgibt. Seine Familie stammt aus dem Sudan, ist aber dort Teil der christlichen Minderheit gewesen. Warum das alles so kam, wissen wir nicht, das ist ein dunkles Geheimnis. Aber letztlich läuft es darauf hinaus, dass der Mann, der eigentlich Ali Omar heißt, nach einem Vetter väterlicherseits, der in Kasachstan ums Leben kam, entschlossen ist, die Welt zu erobern.

Die Welt?

Das ist das Endziel, Teil 3 wird es zeigen. Im Moment ist der Kerl nur kriminell, aber hoch kriminell. Scheut kein Verbrechen, um seine menschenverachtenden Ziele durchzusetzen. Menschenraub, Pharmaschmuggel, illegaler Zigaretten- und Organhandel, Kinderarbeit, Prostitution über Glaubensgrenzen hinweg, Burka-Fetischismus der übelsten Sorte, er hat überall seine Finger drin.

Ist er nicht auch Jemenit?

Wollte er werden, aber die haben abgelehnt.

Deshalb ist er jetzt hier. Niederbayern.


Ein Heimatroman in karger Felslandschaft.

Gibt es in Niederbayern Felsen?

Wenn nicht, drehen wir in Jugoslawien.

Das gibt es doch nicht mehr.

Dann eben dort, was da jetzt ist.

Was macht Jäger?

Er recherchiert im Dorfkonsum. Die Leute wissen immer was. Und sein Argwohn ist ja geweckt.

Aber keiner will reden?

Omerta, keiner will reden. Alle hängen mit drin, haben nichts gelernt aus der niederbayrischen Vergangenheit. Kommissar Jäger geht ab und sieht immer noch gut, entschlossen aus. Sagt aber zu seinem Fahrer, einem jungen Mann von der ausgesourcten ARD-Produktionsgesellschaft "Roter Kreis", die die Jäger-Filme zusammenhaut, das sein Argwohn nun geweckt sei.

Er glaubt nicht an ein natürliches Verschwinden des engagierten Juristen.


Keine Minute. Er wittert Unrat, wie so oft, wenn er seine Drehbücher liest. Heisenbeck hat eine Nase für Unlogik, er kann sie riechen, schmecken, hören.
Man kann ihn nicht hinters Licht führen.


Esenbrecht schmachtet in der Zwischenzeit in einem dunklen Loch.

So dunkel, dass ihn der Leser gar nicht sieht. Wir hören nur seine Gedanken. Er ist entschlossener denn je, dem Bösen das Handwerk zu legen. Aber seine Hüfte schmerzt.

Ein alte Poloverletzung.

Zweifellos.

Wie kommt seine Frau damit klar? Es sind schon wenigstens 40 Minuten vergangen und Heisenbeck hat nicht die Spur einer Spur.

Sie hat Hoffnung. Hat sie immer gehabt. Sie schaut vom Balkon ihres Pensionszimmers direkt auf die Berge und ahnt etwas. Ihr Mann hat Andeutungen gemacht.

Wie das genau war, können wir später rückblenden.

Ja, lieber Heisenbeck am Berg. Es ist Tag, es riecht nach toter Ziege. Ein Zaun, der nach Starkstrom aussieht, kommt ins Bild.


Aber der Jäger aus dem Film vibriert vor Entschlossenheit.

Ein Mann der Tat, immer gewesen.

Betäubt er den Wächter?

Das ist doch nicht seine Art. Er spielt den Arglosen, ein Hercule Poirot in seiner Rolle als Landurlauber.

Und die lassen ihn ein?

Kein Stück.

So kommen wir nicht weiter. Es muss was passieren.

Macht es ja. Es kommt eine SMS an. "Lassen Sie die Finger von dem Fall". Kein Absender, keine Unterschrift.

Heisenbecks Argwohn ist geweckt?

Immer noch. Nach der Zurückweisung am Tor zum Berg, unter dem der Kommissar nach Recherchen in der Nachbarschaft eine Chemie- oder Biowaffenfabrik vermutet, liegt das nahe. Er lässt die Fans nicht in sein tiefstes Inneres schauen.

Er ist in dieser Rolle kein Schauspieler, sondern ein Mann der Tat.

In der Tat.

Kommt es zu einer Affäre mit Frau Esenbrecht?

Würde das der Handlung dienen? Besser wäre es, es knisterte nur unterdrückt. 10000 Volt, ohne Zaun. Andeutungen, leichte Berührungen, ein deutlich sichtbarer Brustansatz. Ein gemeinsames Sehnen, überstrahlt vom Wunsch, dieses Menschheitsverbrechen aufzuklären.

Verantwortliche Erwachsene.

Könnte man so sagen.

Die Schlafzimmerszene würde vieles kaputtmachen, brächte aber auch Zuschauer.

Lieber eine mit beiden Esenbrechts, halluziniert von Herrn Esenbrecht im Kerker.


Ja, auch da, ein tiefes Sehnen, das sich auch unter der Folter nicht löst.

Die SMS schreckt den Kommissar nicht.

Sie macht ihn erst recht mißtrauisch.

Jetzt zieht er andere Saiten auf. Ein Anruf bei einem langjährigen Fan, der als Chefermittler bei einer Sondereinheit des Innenministeriums arbeitet, die es offiziell gar nicht gibt, führt auf die richtige Spur. Die Drachen-Insel. Damit das Buch auch einen schönen Namen hat.

Ich denke Berg.

Der Berg ist auch eine Insel, die hat die Form von Drachenzähnen. Und ist nebenbei nicht nur Vogelparadies, sondern auch Zentrale für Menschen- und sonstigen Schmuggel.

In Niederbayern? Welcher See hat dort so eine Insel?

Einer in Niederbayern. Dort vermutet sie ja niemand, das ist immer die beste Tarnung. Der verrückte Millionär hat letztlich nicht nur den Berg aushöhlen und mit menschenverachtenden Maschinen ausstatten lassen, sondern auch den See installiert und um den Berg die tarnende Insel errichten lassen.

Der Hammer! Da kommt niemand drauf. In welcher Minute und auf welcher Seite sind wir jetzt?

Es geht auf die Zielgerade, denke ich. Bei einem Sackhüpfenrennen im Dorf fällt Jäger plötzlich auf, dass mehrere Säcke verräterische gelbe Spuren tragen. Ein unauffällige Befragung der Kindergärtnerin, bei der nicht Protokoll geführt wird, ergibt, dass die Plastikbeutel eine Spende eines großen örtlichen Tarnuntermnehmens der Drachen-Mafia waren.

Jäger weiß nun alles. Aber der Zuschauer weiß es noch nicht.

Alles. Er ruft kurzentschlossen das Sonderkommando beim Innenministeriuman an, wird aber ausgelacht. Erst als er die ARD-Sendung "Fakt" einschaltet, reagiert die Politik.

Es stehen Wahlen vor der Tür.

Vermutlich. Die Ereignisse laufen aber jetzt so rasant ab, dass das nicht mehr geklärt werden kann. Der Zuschauer denkt sich seinen Teil.

Was geschieht denn?

Frau Esenbrecht hat nach Jägers Eröffnung, ihr Mann werde im Berg gefangengehalten und für eiskalte Experimente benutzt, die Nerven verloren. Mit ihrem silbernen, aber sehr umweltfreundlichen Prius rast sie los, um Gunther zu befreien, den sie trotz einiger Affären immer noch liebt. Der Wagen fährt sich aber fest, als sie ein Schneefeld quert, sie versinkt bis zu den Hüften im Neuschnee, trommelt mit den kleinen Fäusten aufs Wagendach, die ganze Palette, alles was geht, aber immer noch gut anzusehen.


Jäger hinter her?

Der springt sofort in einen alten W50 der Produktionsgesellschaft, der früher der GST gehört hat. Fräst sich durch den Schnee, hört nicht auf die Rufe seines Lichtassistenten, dass es zu dunkel ist für eine Befreiung auf eigene Faust. Ein Hubschrauber greift die Befreier an, die Sonne geht unter, sie finden das Nachtsichtgerät von Herrn Esenbrecht, das am Stacheldrahtzaun hängengeblieben ist.
 

Jäger bricht mit dem W50 durch?

Einfach durch. Es blitzt und donnert, Pfähle fliegen durch die Luft, Schüsse peitschen. Apocalypso now!

Und als die Befreier im Feuer liegenbleiben, greift die Sondereinheit ein. Noch mehr Gewehrfeuer, noch mehr Geschrei.

Frau Esenbeck hat riesige Angst um ihren Mann, aber ihr Parfum liegt immer noch wie schwerer Rauch in der Luft, verführerisch duftend wie Grillwürstchen.

Schiefer Vergleich.


Jäger hat den gesamten Fall über nicht gegessen.

Gut, dann versteht man das. Das ist immer so. Und wie weiter?

Sie dringen ins Innere ein. Menschen sterben unterwegs. Handlanger des Drachen-Königs, wie der Schweizer Afghane achtungsvoll genannt wird. Von den wenigen Getreuen, die um seine wahre Identität wissen.

War er nicht Jemenit?

Ägypter. Aber das wollte er ja nur alle glauben machen.

Er selbst verfolgt das Eindringen Fremder in seine Festung von seiner Kommandozentrale aus zunehmend panisch. Er schickt seine besten Leute, die Wallander und die Seinen aufhalten sollen.

Frau Esenbrecht verliert einen Schuh. Ihr Gewand hängt in Fetzen. Wallander büßt einen Hut ein, als er am Boden mit einem hünenhaften Schwarzen ringt.

Asiate, lass ihn uns Asiate sein lassen. Er trägt ein Drachen-Tattoo im Gesicht.

Im Schritt.

Gut. Aber Jäger bezwingt ihn mit einem Hüftwurf, Seitseigurigummiaschi. Und einen Hitsakabarai haut er hinterher,

In der Not entwickelt der alte Mann ungeahnte Kräfte. Frau Esenbrecht himmelt ihn an, schweißgebadet.

Es brennt jetzt in der Drachenburg, lichterloh.

Ja, der Gangsterboß hat sein Refugium angezündet. Was er nicht hat, soll auch kein anderer bekommen.

Er will die Spuren seiner scheußlichen Schandtaten vertuschen. Verwischen. Seine Opfer sollen namenlos bleiben, ihre Zahl unbekannt.

Aber Jäger ist schneller, wiedermal, wie in jedem Film.

88 Minuten sind herum, da sieht der schreckliche Drachenkönig keinen anderen Ausweg mehr. Schüsse peitschen, Blut fließt. Die Sondereinheit stoppt den Blutfluss in den Leitungen zu den pharmakologischen Maschinen. Der Drachenkönig stürmt eine Treppe hinunter, Flammen schlagen hinter ihm zusammen.

Er ist besiegt, aber ist er tot?


Wohl nicht. Die Esenbrecht verlangt nach ihrem Mann. Jäger führt sie einen Gang hinunter, Alarmsignale schrillen, der Kommissar tritt eine Tür aus Eisen auf. Dahinter liegt, ein zitterndes Bündel, aber ungebrochen, Herr Esenbrecht.

Schmutzig, halbnackt, aber ungebrochen.

Die beiden Eheleute fallen sich in die Arme. Frau Esenbrecht weint, ihr Rouge ist verschmiert.

Jäger beoachtet die rührende Szene von der Stahltür aus. Er reibt sich mit der Linken das stoppelbärtige Kinn, fingert mit der Rechten nach einem Päckchen Zigaretten. Eigentlich raucht er nicht. Aber das hier ist etwas anderes. 

Abspann.

Abspann.