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| Marie-Agnes Strack-Zimmermann ist das bekannteste Gesicht der inzwischen weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwundenen FDP. |
Sie hat das Zetern drauf, das herablassende Besserwissen und das kampflustige Provozieren. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, von Spöttern im politischen Europa nach dem Vorbild der mitteldeutsche Sommerzeit MESZ häufig "MAZS" genannt, ist die letzte Vertreterin einer sterbenden Spezies. Fast im Alleingang behauptet die 67-Jährige die Fortexistenz einer Partei, die nach der Bundestagswahl fast unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit einen leisen Tod gestorben war.
Der neue Chef heißt Dürr
Nicht Wochen, sondern nur Tage nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag brach die ehemals so stolze liberale Partei in sich zusammen. Der Parteichef kündige. Die ehemalige Ministerriege zog sich ins Privatleben zurück. Der neue Chef hieß "Dürr", ein sprechender Name wie "Dröge" bei den ähnlich gebeutelten grünen Kollegen.
Nur ein blieb. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, vier Worte, zwei Bundesstriche. Die ehemalige Verlagsmanagerin aus Düsseldorf startete ihre politische Profikarriere spät, zumindest für die Verhältnisse in der Berliner Republik. Strack-Zimmermann war über 50, als sie ihr erstes Parteiamt übernahm. Sie rückte erst mit fast 60 in den Parteivorstand auf, etwa ein halbes Jahrhundert älter als es in den Parteilaufbahnvorschriften für künftige Minister, Staatssekretäre und Bundesbeauftragte inzwischen vorgeschrieben ist.
Eine für die Hinterbank
Natürlich hat der Spätstart Gründe. In einer FDP, in der Hans-Dietrich Genscher, Guido Westerwelle oder Klaus Kinkel etwas zu sagen hatten, war der Bedarf an Frauen einerseits gering. Andererseits wählte die Herrenrunde, wenn schon, denn schon, frauliche Frauen als plakativen Beweis dafür, dass auch die FDP mit der Zeit geht.
Strack-Zimmermann wäre damals allenfalls unbeobachtet in einer Hinterbank des Bundestages verschwunden. Erst unter Parteichef Christian Lindner bekam sie die Gelegenheit, in die erste Reihe vorzurücken und nach der Katastrophe bei der Wahl 2025 zum Gesicht des Endes einer ganzen Ära zu werden. Mit ihrem unverhohlen drohenden Satz zu einem ihr missliebigen Demonstranten "Weiß Ihr Chef eigentlich, was Sie hier am helllichten Tag machen?", hat Strack-Zimmermann ihr Verständnis von Freiheitlichkeit öffentlich gemacht. Seine Meinung soll jeder haben. Der sie sich leisten kann.
Strack-Zimmermann ist berufen, das Totenglöckchen der Liberalismus in Deutschland zu läuten. Die Totengräberin der FDP wird in ihrer Strahlkraft nur von Wolfgang Kubicki übertroffen, einem Dinosauerier aus freiheitlichen Zeiten, der noch lauter, aber vom Spielfeldrand unangenehm oft daran erinnert, wofür die FDP einst stand. Dem hat sie beim Kräftenessen um den neuen Vorsitz den Fehdehandschuh hingeworfen. Wenn schon nicht die ganze Partei, dann wenigstens eine gespaltene.
Die Partei der Gespenster
Kubicki spricht seitdem für eine Partei, die es nicht mehr gibt, für eine Partei der Gespenster von Bürgerrechten, Freiheit und Individualität. Verführt vom Angebot, unter Scholz und Habeck ein Zipfelchen der Macht für sich beanspruchen zu dürfen, hatte Parteichef Christian Lindner 2021 den Grundsatz über Bord geworfen, lieber nicht zu regieren als schlecht zu regieren. Heute ist die Aussicht auf beides gering.
Es folgten drei Jahre, in denen es Lindner und seine Minister Volker Wissing, Marco Buschmann und Bettina Stark-Watzinger die alten Ideen des Liberalismus begruben. Statt auf Eigeninitiative, freien Wettbewerb und einen schlanken Staat zu setzen, der sich wo immer möglich aus dem Leben der Bürger heraushält, erlag die FDP dem Glauben, der Zeitgeist verlange Gesetze zur Verhinderung freier Debatten. Strack-Zimmermann war immer vorn dabei.
Die späte Zeitgeist-Partei
Als letzte unter den traditionellen Parteien der alten Bundesrepublik verwandelte sich die FDP eine Zeitgeist-Partei: Die Liberalen Lindners standen für ein Weltbild, das sich nicht allzu sehr von dem der Grünen, der Linken, der SPD und der CDU unterschied. Differenzen waren allein taktischer, nicht strategischer Natur.
Man war sich nicht einig, ob man für das Ziel, dem Staat und seinen Parteien immer mehr Macht und Verantwortung zu geben, offensiv werben sollte. Oder - dafür stand die FDP - Verwaltungen und Behörden lieber still ausbauen und den Vorschriftendschungel unter der Hand wuchern lassen.
Gequält schaute Lindner zu, wie seine Koalitionspartner den demokratischen Rechtsstaat fit für die Aufgabe machten, Kontrolle über das Privatleben der Menschen auszuüben. Tatenlos stand die FDP Spalier, als das Individuum seinen Anspruch verlor, als Auftraggeber der Politik über das Handeln der Parteien entscheiden und Rechenschaft einfordern zu dürfen.
So jung und schon so illiberal
Die FDP neuen Typs war die ihrer jüngeren Funktionäre. Franziska Brandmann etwa, Chefin der Jungen Liberalen, engagierte sich gemeinsam mit ihrem Parteikollegen Alexander Brockmeier als Gründerin des Start-ups "So done" (zu deutsch so viel wie "vollkommen erledigt"), das KI-gestützt Hassnachrichten im Internet sucht und automatisiert zur Anzeige bringt.
Auf dem Höhepunkt des Erfolges des Unternehmens gelang es, die Justiz mit 1.000 Strafanträgen pro Monat zu überschütten. "So done" initiierte damit ganz allein 0,2 Prozent aller Ermittlungsverfahren im Land. Anerkennung blieb nicht aus: Parteiübergreifend zeichnete die schwarz-grüne Landesregierung von Nordrhein-Westfalen die junge Firma mit einem Gründungspreis aus, der den Namen "MUT" trägt.
"Abschalten von Hass"
Wie andere spätliberale Kollegen gehörte auch Marie-Agnes Strack-Zimmerman zu den Auftraggebern, die beim "Abschalten von Hass" (So Done) Hilfe von der "Verfechter unseres Rechtsstaates" in Anspruch nahmen. 250 Anzeigen pro Monaten gingen in Hochzeiten in ihrem Namen raus. Die Erfolge der Abmahn- und Klagewelle blieben überschaubar. Der Rufschaden, den die beteiligten Politiker zu verzeichnen hatten, war immens.
Für Marie-Agnes Strack-Zimmermann ein Glücksfall. Wer keinen Ruf mehr zu verlieren hat, der muss aus seienm Herzen keine Mördergrube machen. "Strackzi", wie sie sich gern nennen lässt, hat die Phase ihrer Laufbahn hinter sich gelassen, in der sie irgendwem gefallen wollte und musste.
Zur rechten Zeit abgesprungen
Früher als andere in ihrer Partei hat sie die beständig sinkenden Umfragewerte richtig gedeutet und zur rechten Zeit den Absprung geschafft. 2024 wagte sie den Spurwechsel aus der Bundes- in die Europapolitik. Die 5,2 Prozent der Wähler, die die FDP von sich überzeugen kontne, reichten gerade so zum Wiedereinzug ins EU-Parlament. Seitdem ist Strack-Zimemrmann stolz darauf, die letzte Spitzenkandidatin gewesen zu sein, die ihre Partei über die Fünf-Prozent-Hürde führte.
Und die wird sie wohl für immer bleiben. Unbeindruckt von den weiter sinkenden Zustimmungswerten ihrer Partei, der ist nicht gelingt, die Unzufriedenheit einer großen Bevölkerungsmehrheit mit der aktuellen Bundesregierung zu melken, agiert Strack-Zimmermann, als lege sie es darauf an, immer noch mehr Menschen vom Scheitern des Liberalismus zu überzeugen.
Die leidenschaftliche Motorradfahrerein ist für Aufrüstung und Strafen für Quertreiber in der EU, sie ist antiamerikanisch und für die Rückholung der deutschen Goldreserven aus den USA. Sie ist für Freihandel und die "Suche nach Gleichgesinnten". Aber auch für Zölle, wenn sie die Richtigen treffen. Eine ewige und unsterbliche Erbwalterin des verrückten Zeitgeistes der kurzen Ampel-Ära.
Nichts zu verlieren
Strack-Zimmermann hat nichts zu verlieren. Bis 2029 ist ihr der Platz im EU-Parlament sicher. Am Ende der Legislaturperiode wird sie 71 Jahre alt sein und nicht mehr um eine Anschlussverwendung bangen müssen. Das macht frei, das erlaubt es ihr, die roten Karten zu ignorieren, die der FDP seit der desaströsen Bundestagswahl in jeder einzelnen Umfrage gezeigt wird.
Nicht nur im Habitus gleicht Strack-Zimmermann verblüffend den anderen oft abfällig als "Flintenweiber" verspotteten Führerinnen Deutschlands und Europas. Christine Lagarde und Ursula von der Leyen tragen eine andere Frisur. Die innere Stärke aber, sich nicht um die Folgen des eigenen Tuns zu scheren, besitzen sie alle.
Der Kelch muss bis zur Neige
Marie-Agnes Strack-Zimmermann wirkt manches Mal sogar, als genieße sie den Absturz der FDP als ultimativen Thrill. Der freie Fall als letzte, ultimative Form von Freiheit. Losgelöst von der Erde alles hinter sich lassen, nicht mehr nachdenken über die Konsequenzen, über die Zukunft, über das, was war und sein könnte. Stattdessen einfach fallen lassen, ungebremst stürzen, hinein ins Nirgendwo, dessen Ende kein ungewisses, aufregendes ist. Nach der politischen Laufbahn kommt der Ruhestand. Kein Aufprall in der brutalen Wirklichkeit einer Welt. Sondern der - verspätete - Rentenbeginn.
Die letzte Aufgabe, die Strack-Zimmermann noch zu erfüllen hat, ist das Läuten der Totenglocke für die Freidemokraten. Aufrecht, aber vollkommen unbeachtet steht die entkernte Partei des Christian Dürr in den Stürmen der Zeit. Ein Bollwerk der Belanglosigkeit, von dem nicht einmal mehr die verbliebenen Mitglieder genau sagen könnten, wofür es steht. Den liberalen Mauern fehlen nicht mehr nur Putz und Anstrich, sondern auch Steine und Balken. Überall im Land rangiert die ehemals dritte Kraft mit Umfragewerten von einem bis fünf Prozent unter ferner liefen.
Das Erbe ist verprasst
Keine andere Partei hat ihr politische Erbe derart schnell und radikal verprasst. Selbst die SPD, die alles tut, um sich möglichst zügig aus der Geschichte zu verabschieden, sieht neben der FDP aus wie ein Erfolgsmodell. Auch sie ist in vielen Bundesländern irrelevant geworden. Doch die frühere Arbeiterpartei, die das Land in 24 der letzten 28 Jahre regiert oder mitregiert hat, bleibt auch auf den letzten Metern ihres tragischen Todeskampfes systemrelevant, weil ohne sie keine Mehrheiten mehr zu organisieren sind.
Die FDP daggeen ist wie eine Band, die den Saal mit atonalem Jazz leerspielt. Mit der Selbstverständlichkeit, mit Samurais einst ihren Seppuku begingen, stürzen sich Strack-Zimmermann und die anderen, bundesweit kaum bekannten Führer der Partei Tag ür tag neu ins Schwert. Parteichef Christian Dürr, bei X mit einem Zehntel der Follower, die Strack-Zimmermann vorzuweisen hat, vertraut darauf, dass ein stures Weiterso Wählerinnen und Wähler bald wieder überzeugen wird, die Liberalen als Brandmauer zum Sozialismus zurückzurufen.
Abgewehrter Angriff der Basis
Der neue Parteichef absolvierte seine Wahl mit einem Ergebnis von 82 Prozent. Auch die FDP-Basis weiß, dass außer ihm nur noch Marie-Agnes Strack-Zimemrmann verfügbar gewesen wäre. Seitdem tritt Vize Wolfgang Kubicki regelmäßig in seiner Rolle als mahnendes Klageweib auf, das über "bittere Ergebnisse" und schlimme Umfragewerten klagt und "entschlossene Kurskorrekturen" hin zu einer "mutigeren und fortschrittlicheren Wirtschafts-, Energie- und Migrationspolitik" verlangt.
Ein unvollendetes Talent
Doch Christian Dürr, vor 15 Jahren als politisches Talent vom entschiedenen Liberalen Guido Westerwelle entdeckt und in die Bundespolitik eingeführt, steht über solch kleinen Dingen wie Wahlergebnissen oder Wahlprognosen. Mit Mitte 20 wurde er Berufspolitiker, mit Mitte 40 hat er seine Rolle gefunden. Zahm zeiht er den Kanzlers und die Pläne der CDU zur Einführung einer Klarnamenpflicht für die Nutzung des Internets einer Art Angst vor den Wählern. Merz-Aussage, dass er ja auch mit offenem Visier kämpfe, klinge für ihn wie: "Ich möchte wissen, wer mich kritisiert."
Als die Union ihren großen Beschluss zur Glättung der Meinungslandschaft danngetroffen hatte, fiel FDürr dazu gar nichts ein. Parteilinei wohl, denn auch Strack-Zimmermannbegrub die Bürgerrechtstradition der FDP unter einem tiefen Schweigen. In einem Moment, in dem ihre Partei sich hätte positionieren können, forderte sie die Ausweisung iranischer Diplomaten.
Lächelnd in den Untergang
Die großen Medien haben die FDP abgeschrieben. Nicht einmal mehr Nachrufe schreiben sie. Die Parteioberen aber akzeptieren den eigenen Niedergang kaltblütig. Mehr oder weniger desinteressiert, aber keineswegs beunruhigt von den Aussichten, schon in Kürze kaum mehr in irgendeinem Parliament vertreten zu sein, scheinen sie den Absturz hinzunehmen. Es war einmal und wird nie mehr sein.
Ein Land, das den Liberalismus fürchtet und Individualität verabscheut, braucht keine Partei, die diese Ideale vertritt.
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