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Samstag, 26. Oktober 2019

HFC: Schwarzer Samstag

Die Enttäuschung beim HFC sitzt am Ende tief - die schwarze Spielkleidung passt an diesem Tag ausgezeichnet zum Spielausgang, der noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Die Sonne strahlt immer noch unverschämt vom Himmel, als die Spieler des Halleschen FC sich kurz vor vier Uhr nachmittags entkräftet und enttäuscht auf den Rasen fallen lassen. 3:3 leuchtet es von der Anzeigetafel, 3:3 gegen den Tabellenvierzehnten, 3:3 und wieder kein Sieg in einem Heimspiel. 3:3 und kein Schritt weiter Richtung Aufstieg in die 2. Bundesliga. Sondern einer dieser schwarzen Samstage, die seltener geworden sind, seit sich die graue Maus von der Saale unter Trainer Torsten Ziegner zu einer Spitzenmannschaft gemausert hat. Die aber gerade deshalb noch mehr auffallen als früher, wo die Rotweißen traditionell nur ums Überleben in Liga drei kickten.

Dabei geht es so gut los wie noch kaum in einem Spiel in diesem Jahr. Kaum ist die Gedenkminute an die beiden Opfer des Terroranschlages vom 9. Oktober in absoluter Stille absolviert, melden sich die Ränge und die elf diesmal ganz in Schwarz aufgelaufenen Spieler des Gastgebers zu Wort. Zweite Minute, Meppen ist noch kaum auf dem Platz, Julian Guttau aber könnte, ja, müsste nach einem brillanten Hochgeschwindigkeitssolo schon das 1:0 machen. Aber der inzwischen zur Stammkraft aufgestiegene Youngster verzieht. Ebenso geht es Papadopoulos, der neben das Tor köpft. Und Bahn, der drüberschießt.

Klare Ausganslage



Aber die Sachlage ist klar: Es geht heute nicht darum, wer gewinnt, sondern wie hoch der HFC den Sieg wird schrauben können. Es sieht nach sehr hoch aus, als es Sohm in der zehnten Minute schließlich besser macht als seine Kollegen. Wieder ist es Guttau, der einen Sprint anzieht und zu Boyd passt, der flankt zielgenau und temperiert auf Pascal Sohm, der keine Mühe hat, aus zwei Metern einzuköpfen. Der Erdgas-Sportpark wird zum Tollhaus, die 8200 Zuschauer in Rot und Weiß und Trauerschwarz feiern schon die nächsten drei Punkte im Aufstiegsrennen.

Zumal der HFC dranbleibt und keinen Zweifel lässt, dass die Phase der unerklärlichen Heimschwäche - bis hierher konnten nur drei von sechs Partien daheim gewonnen werden, während auswärts vier Siege in der Statistik stehen - vorüber sein soll. Wie ein Sturm fegt die Offensive der Rotweißen in Schwarz mal um mal über die blauweißen Meppener hinweg. Zehn Minuten, fünf Ecken und drei Chancen nach dem 1:0 ist es soweit - Terrence Boyd, ohne dessen Tore in den vergangenen fünf Wochen nie ein Sieg gelang, erläuft einen Ball an der Torauslinie, den die anderen 21 Spieler und sämtliche Zuschauer schon im Aus sehen. Boyd aber schafft es, den Ball die Linie lang ins lange Eck zu schießen.

2:0 nach 20 Minuten, nur standesgemäß, wenn der Spitzenreiter den Tabellenvierzehnten zu Gast hat.

Doch was nun passiert, stellt alle Fußballweisheiten auf den Kopf Denn eine neue muss nun lauten: Nicht nur Pokalspiele, sondern auch HFC-Heimspiele haben ihre eigenen Gesetze. Als hätte sich mit dem sicheren Vorsprung jede defensive Sicherheit in Luft aufgelöst, trabt das HFC-Mittelfeld seinen Gegenspielern nun nur noch hinterher. Und die Abwehr, wegen des Ausfalls von Sebastian Mai heute aus Jannes Vollert, Antonios Papadopoulos und Niklas Landgraf gebildet, findet kein Rezept, um die schnellen und schnörkellosen Angriffe der Gäste zu unterbinden. Zweimal, dreimal haben die Schwarzen noch Glück. Dann rettet Torwart Kai Eisele mit einer bravourösen Parade.

FC Hühnerhaufen


Der FC Hühnerhaufen, diese gefürchtete Inkarnation des Halleschen FC, ist zurück.  Hoffnung kommt auf, als einer der eher ungestümen als planvollen Angriffe der Hausherren, die stets von einer minutenlangen Doppelpasserie zwischen den beiden Innenverteidigernangekündigt werden, mit einem Pfiff des Schiedsrichtes beendet werden. Doch es bleibt dann doch es bei den gemütlichen Ballwechseln in der  HFC-Verteidigung, die in der Regel jeweils nach einer handgestoppten Viertelstunde mit langen, hohen Bällen nach vorn aufgelöst werden. Der Bruch kommt irgendwann nach der verletzungsbedingten Auswechslung von Timo Furuholm und diesem Lattentreffer. Auf einmal werden bei den Hallensern die Beine schwer, auf einmal laufen schwarzgekleidete Stuttgarter fröhlich durch die hallesche Hälfte.

Und dann schlägt es ein. 2:1 nur noch - und wer auf den Rängen hofft, dass dieses Alarmzeichen reicht, den wie weggetreten spielenden Klub von der Saale zu wecken, wird enttäuscht. Nun wackelt nämlich alles, von der Wand über die Pfeiler bis zum Verbundstoff. Papadopoulos schimpft mit Vorder- und Nebenleuten, Kapitän Björn Jopeck erklärt, Terrence Boyd eilt mit nach hinten. Sechs Minuten unerklärlicher Inkonsequenz fruchten schließlich: Nach einem Einwurf schießt Undav aufs Tor, Eisele pariert, aber der frühere Magdeburger Steffen Puttkammer steht so gut, dass er aus Nahdistanz einköpfen kann.

Ein dicker Bruch im Spiel


Es ist wie damals in der Saison 1981/1982, als ein Trainer namens Peter Kohl den HFC in seinem fünften Jahr auf der Bank ein Team geformt hatte, das vor eigenem Publikum nicht zu siegen verstand. Reihenweise gingen die Heimspiele seinerzeit verloren. Der HFC, aufgebrochen, endlich Anschluss an die Spitze der DDR-Oberliga zu gewinnen, zerfiel in der Folge. Schließlich musste Peter Kohl, ein gebürtiger Hohenmölsener, gehen. Auch diesmal lädt der HFC die Gäste  zu einer Wiederholung der Krimis gegen Paderborn und Osnabrück. Statt weiter zielstrebig nach vorn zu spielen, lassen die Hallenser Meppen kommen, um im eigenen Stadion kontern zu können. Allerdings klappt das nicht, weil Meppen nach vorn kaum etwas zustandebringt. Zäh bauen sich die Angriffe auf, selten nur muss der HFC-Torwart einen Ball aufnehmen, weil meist schon an der Abwehrkette  Schluss ist. Andererseits drückt der HFC Meppen auch nicht mehr in die eigene Hälfte, so dass das Spiel überwiegend im Mittelfeld stattfindet.

Wie anders war das noch vor ziemlich genau einem Jahr, als 5500 Zuschauer die letzte Begegnung dieser beiden Vereine in Halle sahen. 2:0 siegte der HFC damals, der der HFC von damals war. Kein einziger Spieler, der seinerzeit in Rot und Weiß auflief, steht heute von Anbeginn an auf dem Rasen. Dafür aber eine Mannschaft. Und die genau weiß, dass dieser Gast eine einzigartige Gelegenheit bieten müsste, sich in der Tabelle unter die führenden Klubs zu schieben. Doch der Fluch, der gerüchtehalber seinerzeit über dem alten Kurt-Wabbel-Stadion lag, so dass in dessen Mauern dauerhaft kein Spielglück zu haben war, ist zurückgekehrt ins Rechteck des nunmehrigen Erdgas-Sportparkes. Die Fankurve, ein zweites Mal mit „Saalefront“-Banner, schweigt streckenweise konsterniert wie immer, die Gästekurve feiert in Aussicht auf einen Auswärtspunkt oder gar Auswärtssieg.

Alles im Eimer, hier geht es nun nicht mehr um die Tordifferenz, sondern um die fest eingeplanten drei Punkte. Dazu muss ein Tor her, das würde zumindest statistisch definitiv reichen, weil der HFC noch nie mehr als zwei Gegentore kassiert hat. Terrence Boyd hat noch vor der Halbzeit die Riesenchance, als er einen langen Ball im Sturmlauf annimmt und nur noch an Meppens Keeper Domaschke vorbeilegen muss. Der Torwart eilt raus und klatscht das Leder weg. Weit außerhalb des Strafraums. Rot und weiter mit elf zu zehn Mann.

Kein Zurück zur Galaform




Wie kann das nicht reichen? Findet der HFC zur Spielweise der ersten 20 Minuten zurück, muss es. Aber so einfach ist es eben nicht im Fußball, diesem ebenso gemeinen wie grandiosen Spiel. Zwar drückt der HFC nach Wiederanpfiff, aber er drückt längst nicht so wie zu Beginn der Partie. Meppen bleibt gefährlich und die Angst vor noch einem Gegentreffer hängt wie ein Rucksack an Bahn, Nietfeld und Guttau. Einzig der eingewechselte Felix Drinkgut bringt etwas mehr Bewegung nach vorn. Und Jan Washausen, den Ziegner für Vollert auf die rechte Abwehrseite gestellt hat, ein wenig mehr defensive Stabilität.

Für die erneute Führung aber braucht der HFC einen Glückstreffer. Den erzielt Julian Guttau nach 58. Minuten, als er nach mehrfachen Abschlussansätzen einfach mal aus 20 Metern abzieht. Meppens Ersatztorwart Harsmann steht zu weit vorm Tor und hat keine Chance.

Nun ist das Spiel wieder gewonnen. Nur Meppen macht nicht mit. In der 71. Minute sind die Gäste weniger zielgerichtet als aus Verlegenheit doch mal wieder in der Nähe des Strafraumes der Hallenser, die mittlerweile wieder auf "Uns schlägt keiner" umgeschaltet haben. Kleinsorge geht auf Landgraf zu, sucht aber weniger den Torabschluss als dessen Bein. Das kommt wie bestellt, es folgt ein Elfmeterpfiff und ein schnörkellos in die Ecke gehauenes 3:3, das sich die Meppener in der Folge redlich verdienen, denn der erneut konsternierte HFC kommt zwar noch zu ein paar vielversprechenden Halbchancen, aber nicht mehr zur erneuten Führung.


Das hat nun schon etwas Tragisches. Remis nach einem Spielverlauf, der vielleicht den dominantesten HFC der letzten Jahrzehnte sah, der sich dann aber binnen weniger Minuten in eine Trümmertruppe verwandelte, die grausam ehrlich alle Fehler offenbarte, die schon den Saisonstart prägten. Nicht Würmer, sondern eine ganze Würmerfarm kriecht durch das Mannschaftsgefüge des HFC, das offenbar viel wackliger ist als es der Augenschein erwarten lässt. Alle Souveränität ist weg, wenn sie weg ist. Und mit ihr verlässt den HFC auch die spielerische Überlegenheit, die bei eigenem Ballbesitz zu klarer Dominanz werden müsste. Stattdessen sind es Fehlpässe, hohe, weite Bälle aus der Abwehr auf Boyd und Nietfeld und unendliche viele Ungenauigkeiten beim Versuch, die Außen zu bedienen.

Alles Bemühen, das zu ändern, ist auch diesmal vergebens. Keiner nimmt das Zepter in die Hand, keine rüttelt auf und geht voran. Ziegners Einwechslungen hängen irgendwann in der Luft wie Ballons, aus denen langsam der Druck weicht. Freistößen bringen nichts, Ecken nicht, Rennen nicht und Stehen auch nicht.


Die letzte Möglichkeit versemmelt Baxter-Bahn in der Nachspielzeit, als er aus fünf Metern frei fünf Meter übers Tor schießt. Die letzten Minuten und die Nachspielzeit sehen Hallenser zwischen Ratlosigkeit und purer Verzweiflung.  Das war's, Ende, Abpfiff.

Alles in allem irgendwie sogar gerecht.


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

https://www.youtube.com/watch?v=CD6piGy9g1A

Proletenbernd kommt nicht ins Bergheim und hört Techno aufm Computer .

Samuel hat gesagt…

Ich finde, dass Erik Domaschke zu unrecht die Rote Karte bekommen hat.