Samstag, 27. März 2021

Europäische Zeitverschiebung: Vorbild für das Impfversagen

So viel EU, so viele Uhren, so viel verschiedene Zeit: Auch im sechsten Anlauf ist die von der EU geplante Einführung einer EU-Einheitszeit gescheitert - ein Vorbild für das Impfversagen.

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elbstverständlich hat es dann nicht mal zu dieser kleinen, kosmetischen Korrektur gelangt. Groß angekündigt und mit Heilsversprechen durchzogen, fast schon durchgesetzt, dann verzögert, verschoben und schließlich nach altem europäischen Brauch nie mehr erwähnt: Die Abschaffung der Zeitumstellung, vom damaligen EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker als Beweis für die Handlungsfähigkeit des multinationalen Gebildes EU mit seinen 27 Mitgliedern und 289 mitregierenden Parteien gedacht, bewies genau das Gegenteil.  

Die Kraft der Wertegemeinschaft

Nicht mal dazu reichte die Kraft der Wertegemeinschaft, die mehr unterschiedliche Interessen hat als gemeinsame Ziele. Selten wurde dieses Grundproblem der EU greifbarer als bei der halbjährlich stattfindenden Umstellung der Uhrzeiger auf Sommer- oder aber Winterzeit. Beteiligt an der Umfrage zur Abschaffung hatten sich eigentlich nur die Deutschen, als beste Europäer weltweit dahingehend auch in der Pflicht. So wenig repräsentativ das Ergebnis war, so recht kam es der gerade wieder an den Rand aller Geschehnisse geschobenen Kontinentsregierung in Brüssel. Ab spätestens 2021, so verkündigte die Europäischen Union flugs und ohne überlange Diskussionen, werde der ganze Quatsch beendet. 

Ein Dekret, erlassen in einer Sache, die die EU weder etwas angeht noch dass es akuten Regulierungsbedarf aufwies. Die Regierungen staunten. Die Bürger ebenso. Die Medien applaudierten zwar angesichts der überraschenden Tatkraft der anämischen EU-Institutionen, die normalerweise wenigstens ein Jahr brauche, um nicht nur aus einem Boot auf einem See zu fallen, sondern dabei auch das Wasser zu treffen. Anschließend ging der Versuch einer populistischen Anbiederung an die Mehrheit einer fragwürdigen Online-Umfrage dann jedoch wieder böse in die Hose. Die Älteren erinnerten sich an die andere berühmte europäische Lösung, damals von der Kanzlerin angekündigt: Binnen 14 Tagen wurde damals keine Einigung in der Flüchtlingsfrage erzielt. Seitdem sind weitere 10 x 14 Tage vergangen und die Lage ist dieselbe.

Die Vereinheitlichung der Stunde

Waren per Klick noch angebliche 84 Prozent für ein Ende des Wechsels zwischen Sommer- und Winterzeit, interessierten sich in Wirklichkeit 97 Prozent überhaupt nicht für die neue Kernaufgabe der EU, die Zeit zu vereinheitlichen. Jean-Claude Juncker, kurz vor Auslaufen seiner Amtszeit verzweifelt auf der Suche nach dem einen einzigen Ding, das später mit seiner Zeit an der Spitze der EU verbunden werden könnte, verkündete 2018 trotzdem voller Stolz: „Die Zeitumstellung gehört abgeschafft“. Das EU-Parlament, nicht dazu berufen, aber auch mal froh, gehört zu werden, stimmte im März 2019 dafür, die Zeitumstellung 2021 abzuschaffen. Dann übernahmen die 27 Mitgliedstaaten, die sich nun nur noch auf einen gemeinsamen Stundenschlag hätten einigen müssen.

Von heute aus gesehen mutet das Folgende an wie eine Schablone für das europäische Impfversagen, über das mittlerweile sogar Revolutionäre in den Regierungsparteien lauthals klagen und schimpfen. Dauerhaft Sommer- oder Winterzeit oder gar keine oder weiter verschiedene, aber einheitlich? Schwer, jemandem in Portugal begreiflich zu machen, dass seine Sonne künftig schon um 16 Uhr untergehen muss, damit sie im Sommer in Vilnius und oben in Finnland nicht gar so lange scheint. 

Ausgerechnet dass bisschen praktische Durchführung der europäischen Zeitverschiebung macht die Sache schwierig. Wer hätte das auch ahnen können? Jemand, der mit zwei unterschiedlichen Schuhen am Fuß aus dem Haus geht? Niemand, der den nun drei Jahre andauernden Versuch der EU, eine symbolische Entscheidung über eine gemeinsame Zeit zu fällen, zugeschaut hat, konnte vom Debakel der Impfkampagne überrascht sein. So läuft das hier eben. Immer.

Die Bürger stören doch nur

Hauptberufliche Europäer wie die von der früheren SPD-Chefin Andrea Nahles nach Brüssel weggelobte Katarina Barley (SPD) richtig sauer. Für Barley ist die Sommerzeit nichts, was mit irgendeiner Lebenswirklichkeit zu tun hat, sondern "ein Beispiel dafür, wie häufig Gesetzesvorhaben im Rat der Mitgliedstaaten versanden". Gut gemeint. Toll gedacht. Hervorragend gemacht. Und stören die Bürger wieder mit ihren Vorstellungen davon, dass auch die ganz große Politik ihnen das Leben leichter machen und nicht zusätzlich stören soll.

Wer bitte soll unter solchen Bedingungen einen ganzen Kontinent regieren? Wenn das eine Land gegen Inseln aus Sommer- und Winterzeit ist, das andere aber Widerstand leistet, wenn es aufgefordert wird, mal von den Folgen für das nationalistische Inlandsleben abzusehen und im Dienst Europas einfach mal mitzumachen? Nur die gläubigsten Gefolgsleute glauben noch daran, weil Glaube stets stärker ist als Fakten. Selbst Deutschland, die führendste Nation beim Thema Zeitverschiebung, hatte seine historische Ratspräsidentschaft im vergangenen Jahr nicht genutzt, um die EUnheitszeit für alle voranzutreiben - etwa durch eine dauerhafte Sommerzeit. Auch Portugal, dessen aktuelle Ratspräsidentschaft von deutschen Medien als sogenanntes non event behandelt wird, treibt das von der Junckerschen Schnapsidee zum Mammutprojekt gewachsene Vorhaben nicht voran.

So bleibt nur Zeit, die nie vergeht, aber immer wieder neu gestellte EUhren. 


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

wer an der uhr dreht,
und dann nicht nachkommt,
muss sich nicht wundern,
dass ihn der geist der zeit
überholt hat.
Buscher.

Anonym hat gesagt…

Eigentlich hat die Zeitumstellung nur eine negative Seite: Super kritische Radio- und TV-Luschen 'hinterfragen' die Umstellung und lassen sich die vorgegebene Meinung von Experten vom Akademikerstrich bestätigen. Dummbolzen auf der Straße stimmen den Suggestivfragen der Umfrager zu und im privaten Umfeld schieben alle die Folgen von Rauchen, Saufen und Verfettung eine Woche lange auf die Zeitumstellung statt wie den Rest des Jahres auf den Wetterwechsel und die Mondphase.

Zeitreisender hat gesagt…

Unabhängig vom Sinn oder Unsinn dieser alljährlich zweimaligen auch inneren Uhrumstellung ist zu bemerkeln, dass die angeblich mündigen Bürger im schlauesten aller Schlands jedes Mal erneut genaue Hinweise bzw. Befehle benötigen, wann ihre Uhr nun 1 h vor oder zurück zu stellen sei, damit das Hamsterrad auch pünktlich synchron weiter rotiert.

Außerdem muss man das schwarmintelligente Weltrettervölkchen jeden Spätherbst auf allen TV-Kanälen pausenlos davor warnen, das bald winterlich frostige Straßenverhältnisse mit Schnee- und Eisglätte eintreten werden und man seine rasche Mobilität etwas dimmen sollte. Nützt wenig, denn viele Allroundexperten rasen trotzdem weiter, und bremsen dann in Milisekunden an anderen Kfz oder Bäumen.

Ob den Kondolenzbesuchern an dem Grab eines derart tödlich verunglückten eigentlich bewusst ist, was für zermatschte blutige Knochen-Fleisch-Klumpen sie da beerdigen? Da herrscht dann totales Unverständnis für das Unglück, denn der rasant Verschiedene war zuvor doch so ein lebenslustiger dynamischer Bleifuß, der mit seinem potenten PS-Boliden gerne mal forsch forschend die Grenzen der Physik auslotete.

Na, wenigstens hat er sich monate- oder gar jahrelanges Siechtum in unseren humanitären Krankenhäusern und Seniorenheimen erspart.

Ein kleines Quantum Trost.

Ob wir nun saisonal die Zeit verschieben oder nicht, die menschliche Dummheit bleibt dabei jedoch stets dieselbe. Das kollektive Versagen somit auch.

Es reicht nun mal nicht, Esel mit klugen Büchern zu beladen, um aus ihnen gebildete Wesen zu zaubern. Diese Minderbegabten werden Disteln auch weiterhin für delikate Früchte halten und sie genüsslich futtern und schlucken.

Dagegen gibt es bisher noch keine Impfungen. Durchblick und Kritikfähigkeit ist von den herrschenden Hirten nicht erwünscht, denn Wiederkäuer wie Schafe lassen sich einfacher hüten als Primaten.

Anonym hat gesagt…

Schrieb einer: Die Zeitumstellung ist der jet lag des Proletariats.
Aber so öbel fönde ich es nicht, daß es am Abend eine Stunde heller.
Gerüchteweise hätten die Russen die Sommerzeit für das ganze Jahr halt ganz und gar belassen? Patshemu njet.