![]() |
| Der Retter tauchte aus dem Meer auf: Der Buckelwal aus der Wismarer Bucht hat Kriege und Krisen der Welt vorerst beiseitegeschoben. Abb.: Kümram, "Wahlverwandtschaften", Öl auf Glasfaser |
Er kam zur rechten Stunde, einem Augenblick, als alle auf ihn warteten, ohne es so recht zu wissen. Die Landtagswahlen waren durch, die Krise der deutschen Sozialdemokratie hatte einen neuen Höhe-, also einen Tiefpunkt erreicht. Die Lage war so angespannt und verzweifelt, dass aus dem Bremserhäuschen über Blockierungen geklagt wurde und der Oberbremser dazu aufrief, Schmerztoleranz zu entwickeln und sich bereit zu machen für eine Rosskur: 80 Kilo runter, Muskelmasse rauf. Auch die agilen Fähigkeiten des Bewegungsapparats würden bald wieder der Olympianorm entsprechen.
Ukrainekrieg im Hintergrund
Das war, als der Ukrainekrieg in den Hintergrund getreten war, weil die Vorderbühne jetzt vom Irankrieg beansprucht wurde. Die meisten Themen, die das Unterhaltungsgeschäft bis dahin als Folge und Folge getragen hatten, waren verschwunden wie dereinst die große Menschheitsseuche Corona am Tag als Putins Truppen völkerrechtswidrig in die Ukraine einmarschierten. Am ersten Tag des völkerrechtswidrigen Angriffes Russlands auf die Ukraine fehlte das Pflichtthema Seuche erstmals seit vier Jahren in der Hauptausgabe der "Tagesschau". Dabei blieb es dann auch.
Eben noch auf Nummer eins, schon gar nicht mehr vorhanden. Die "Straße von Hormus", jene Schmuggelverbindung, über die der sanktioniere Iran sich traditionell mit Westware versorgt, unterbrochen. Die zivilisierte Welt abgeschnitten von den fossilen Treibstoffen, auf deren Verbrennung ihr gesamter Wohlstand gründet. Das überstrahlte für mehrere Tage alles. Die Aktienkurse fielen. Die Bundesregierung musste zu drastischen Symbolmaßnahmen greifen, um Mitgefühle mit Pendlern, Familien und all denen zu signalisieren, die sich immer noch weigern, entschlossen auf Elektromobilität umzusteigen.
Gerettet von einem Walfisch
Stundenlang stand eine deutsche Kriegsbeteiligung im Raum. Der US-Präsident forderte sie, der deutsche Kanzler musste sie seinem Amtseid wegen, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden, unbedingt vermeiden. Nichts hätte dem russischen Diktator Wladimir Putin schneller offenbart, wie wenig kriegstüchtig Deutschlands Streitkräfte auch zum vierten Jubiläum der Scholzschen Zeitenwende sind.
Die Bundeswehr blank, die Parteien der Mitte gefangen zwischen der Furcht, die Schutzmacht Amerika endgültig zu vergraulen oder es mit dem selbstgeschürten Anti-Amerikanismus so weit zu treiben, dass das Volk wieder "Amis go home" fordert. Kein Silberstreif am Horizont, kein Aufschwung durch die Billionenschulden zu sehen. Depression liegt über dem Land wie eine muffige Decke. Die Alten wollen nur noch ihre Ruhe. Die Jungen wollen weg. Die Regierung weiß nicht weiter. Die Zeit läuft der einstigen Industrienation davon. Es droht das vierte Jahr ohne Wachstum. Es droht das 20. Jahr ohne Reformen.
Wie Jona aus der Bibel
Wie dem Jona aus der Bibel, der nicht nach Ninive gehen wollte, wie ihm sein Herr befohlen hatte, tauchte auch der deutschen Verzweiflung ein Walfisch zur Rettung auf. Am 23. März noch war die Walfrage nicht gestellt. Am 24. war der Wal, damals noch namenlos, schon wichtiger als die beherzte Verteidigung des demokratischen Westens durch die Ukraine. Am 25. übertraf das mediale Interesse am Schicksal des im Flachwasser gestrandeten Riesensäugers schon das am Fortgang des Irankrieges. Im bloßen Liegen vor der Küste hat der Buckelwal die seit Jesu' Zeiten offene Frage nach dem innersten Wesen Gottes beantwortet: Er ist da, wenn er gebraucht wird. Und er hilft, wenn es nötig ist.
Inzwischen sind haben sämtliche Sender ihre Reporterkompanien von den übrigen Fronten und Krisenherden abgezogen. Bibbernd und bangend stehen sie an den Stränden der Wismarer Bucht. Nicht einmal das Fernsehsternchen Collien Fernandez schaffte es mit ihrer leidenschaftlichen Anklage gegen ihren Mann Christian Ulmen, auch nur annähernd so viel Empathie heraufzubeschwören wie der Wal.
Endlich hat er einen Namen
Den hat der auf Werbetour für einen neuen Film durchs Land tingelnde Hape Kerkeling einer alten deutschen Medientradition folgend endlich auch getauft, wie es sich gehört. Das sterbende Tier heißt jetzt "Timmy". Es reiht sich damit ein in eine Ahnenreihe, die vom Problembär Bruno über die Krake Paul bis zu Eisbär Knut, dem Rheinwal Moby Dick und dem Alligator Sammy reicht. Um "Timmy" herum wuseln Wasserwacht und Greenpeace, Wasserschutzpolizei, Meeresschutz-Experten und Mitarbeiter eines Museums. Es gibt Live-Ticker zum Tier. Und eine Sterbehilfe-Debatte.
"Timmy" trägt die schwere Last der Verantwortung, dem Publikum die weitere fruchtlose Beschäftigung mit einer problematischen und undurchschaubarer Weltlage zu ersparen. Der Wal der Qual ist ein niedrigschwelliges Katastrophenangebot, das keine nähere Sachkenntnis erfordert. Jeder kann mitbibbern und mitleiden, Rettungsvorschläge machen und für sich eine schnelle Erlösung einsetzen. So lange "Timmy" "die Kräfte ausgehen" und "die Zeit knapp wird für den Meeressäuger" (Stern), bleibt der "in der Ostsee verirrte Buckelwal" ein Unterhaltungsangebot, mit dem weder Irankrieg noch Krankenkassendiskussion mithalten können.
Wie das Land, so der Wal
Zudem ist das Tier, das Angaben aus einer Pressekonferenz von Mecklenburgs Umweltminister Till Backhaus mit Burkard Baschek (Direktor des Deutschen Meeresmuseums in Wismar) und Franziska Saalmann (Meeresschutz-Expertin von Greenpeace) zufolge "einen geschwächten Eindruck" macht, auch sinnbildlich ein starkes Zeichen. Er sucht nach einem Ausweg, ohne sich zu bewegen. Er nimmt Hilfe an, ignoriert sie aber dann. Alle sagen ihm, was er müsste. Aber er tut es einfach nicht.
Wie das Land, vor dessen Küste er sich verschwommen hat, womöglich auf der Suche nach einem Platz zum Sterben, "blockiert" (Lars Klingbeil) sich "Timmy" selbst. Sein Weg ins offene Meer ist nicht weit, der Kurs ist ein "klarer Kompass", wie Friedrich Merz vielleicht sagen würde. Doch "der Zustand der Haut ist schlecht". Zu viel Salzwasser, zu wenig Salzgehalt. Auch insgesamt ist der Gesundheitszustand des Tieres, das nach tagen intersiver Beobachtung als "zwölf bis 15 Meter lang" beschrieben wird, ist "den Experten zufolge nicht gut". Wem fällt da nicht automatisch die Bundesregierung ein, die deutsche Industrie
Das Buch Timmy
Es erscheint fast, als sei der Wal gestrandet, um den prophetischen Spruch aus dem Buch Jona in Erinnerung zu rufen. "Noch vierzig Tage und Ninive ist zerstört!", heißt es in Jona 3,4. Nachdem das Assyrerreich, in dem Ninive zu Lebzeiten Jonas lag, bereits lange untergegangen ist, kann heute nichts anderes mehr gemeint sein Deutschland, das Land, dem Timmy seine Aufwartung macht.
Wobei das hebräische Wort, das in der Einheitsübersetzung mit "zerstört" wiedergeben ist, auch anders verstanden werden kann: "Noch 40 Tage und Ninive wird verwandelt sein", wäre eine Zerstörungsdrohung, die in Friedrich Merz' Ärmelhochkrempeln-Sinn auf eine grundlegende Veränderung zielt. Kein Ende, sondern ein Anfang. Der Sommer des nächsten Stimmungswandels. Der nächste Anlauf zu großen Reformen.
40 Tage sind eine lange Zeit
40 Tage aber sind eine lange Zeit für ein Land wie Deutschland, in dem die Öffentlichkeit von ihren Medien regelmäßig frische Anlässe für Debattensimulationen verlangt. Selbst sogenannte A-Themen, also Diskussionen, die nach dem zweiten Gesetz der Mediendynamik einheitlich und in einer Tonart über alle Mediensparten ausgespielt werden, erreichen nur selten eine Haltbarkeit von mehr als einer Woche. Hinter diesem zeitlichen Horizont setzt die lähmende Langeweile ein, die gierig nach neuem Stoff verlangt.
Ob Krise der Krankenkassen, bröckelnde Brandmauer oder Boomer-Soli, verschwendetes Sondervermögen oder Freispruch für die AfD vor dem Oberverwaltungsgericht - das Phänomen des Themensterbens ist bekannt und ausgiebig erforscht. Im Kampf um die Beeinflussung der öffentlichen Meinung darüber, was wirklich wichtig ist, schaffen es nur selten Themen, sich länger als eine Woche zu halten. Vor Jahren schon haben Medienforscher nachgewiesen, dass das Publikum aller Wahrscheinlichkeit nach nicht einmal für den Weltuntergang ein dauerhaftes Interesse aufbringen würde.
Entspannungsübung für die Öffentlichkeit
So fungiert "Timmy" auch als Entspannungsübung für eine aufgebrachte Öffentlichkeit, die nicht mehr die Lieferung von Schwerenwaffen oder Taurus-Marschflugkörpern diskutieren muss, keine Brandmauer zu stützen hat und selbst darauf verzichten kann, das Elend des Niedergangs der SPD mit Mitleid zu betrachten. Der Wal puffert den angesagten nächsten tiefen Griff in die Hosentaschen der Bürger mit Hilfer von Zucker-, Tabak- und Alkoholsteuern. Er schwimmt ebenso in die falsche Richtung und strampelt ebenso halb auf dem Trockenen ums Überleben.
Der wuchtige Körper verdeckt Angriffe auf Atomanlagen, verschwendete Infrastrukturmilliarden, den Staatsbesuch eines Terroristen beim Bundespräsidenten und den Anstieg des Ölpreises. Er hat eben noch weltbewegende Themen wie den Bürokratieabbau, die Klimawende und die Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz für den Moment aus dem Feld geschlagen. Selbst die besorgniserregenden AfD-Erfolge auf dem Land, bei den jungen Wählern und die gerade noch leidenschaftlich geforderte Benzinpreisbremse haben keine Chance gegen das traurige Tier auf dem Trockenen.
"Fürs Festland ist der Wal zu schwer, darum bewegt er sich im Meer" rühmt ein Gedicht von Alfons Pillach den gestrandeten Buckelwal in der Bucht vor Wismar, der sich nicht mehr von der Stelle bewegt als Schwarz-Rot in Berlin. Das Wasser wird weniger. Die Lebenskraft lässt nach. Wie es weitergehen werde, sagt ein Sprecher, könne er nicht sagen. Das müssten die Experten entscheiden, wenn sie sich ein Bild von der Lage gemacht haben. Die Bundesregierung arbeitet intensiv an der Beauftragung einer Buckelwal-Kommission, die bis zum Sommer umfassende Vorschläge für eine Gesamtlösung machen soll.


1 Kommentar:
Hab davon praktisch nichts mitbekommen. Ist der jetzt tot? Kriegen die NGOs, die versagt haben, die Mittel gekürzt? Welche Lehren können wir für den Kampf gegen rechts ziehen?
Kommentar veröffentlichen