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| Mit dem neueingeführten Natiowalfeiertag zielt die Regierungskoalition auf ein gemeinsames Zeichen für eine deutlich verbesserte Stimmung im Land. |
Es wurde wohl wieder laut beim neuerlichen Krisengipfel der Koalition. Der Kanzler soll einem Bericht zufolge "regelrecht aus der Haut gefahren" und erneut mit Vizekanzler Klingbeil aneinandergeraten sein. Selbst die Gruppe der Sherpa-Diplomaten, die im Vorfeld eines jeden Spitzengeprächs der beiden Alpha-Tiere wochenlang diplomatische Kompromissformeln aushandelt, stand ratlos auf den Fluren, die Hände im Schoß, hilflos, der Naturgewalt zweier Egos ausgesetzt, die ungebremst aufeinanderprallen.
Der Auslöser, so heißt es im politischen Berlin, wo alle Wände Ohren haben, seien nicht etwa die großen Reformen gewesen, die Stunde um Stunde mehr drängen. Schon in etwas mehr als 50 Tagen beginnt die parlamentarische Sommerpause. Die Hauptstadt wird sich für zwei Monate leeren, denn die Volksvertreter sind in ihren Wahlbezirken oder aber im Wahlkampfeinsatz in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin.
Nerven liegen blank
Dass die Nerven blank lagen, selbst beim so stoisch auf jede Situationsänderung reagierenden Bundeskanzler, lag an einem auch für Friedrich Merz unerwarteten Dissens mit der deutschen Sozialdemokratie. Im Vorfeld hatten sich die Verhandlungsführer unter Vermittlung von Weihbischof Joshy Pottackal darauf geeinigt, den Reformwillen durch eine auch symbolisch kaum misszuverstehende Geste deutlich zu machen. Entbehrung. Verzicht. Schlanke Muskeln statt dicker, behäbiger Bauch.
Nach dem Vorbild der neuen Teilzeit-Krankschreibung, die zum Entlastungspaket von Gesundheitsministerin Nina Warken gehört, sollte ein gesetzlicher Feiertag halbiert werden. Arbeitspflicht hätte dann vormittags bestanden. Nachmittags aber, so hatten vor allem die gewerkschaftsnahen Funktionäre der SPD gefordert, "gehört Vati mir", wie der Deutsche Gewerkschaftsbund vor 70 Jahren plakatiert hatte. Die Einsprung, so hatte das arbeitgebernahe Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) berechnet, werde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um etwa 2,55 bis 4,3 Milliarden Euro steigern.
Schaden durch Feiertage
Noch keine Lösung aller drängenden Probleme, weil bereits 2028 nicht mehr wie 2026 und 2027 zwei, sondern wieder nur ein gesetzlicher Feiertag auf das Wochenende fallen. Der wirtschaftliche Schaden liegt bei fünf bis acht Milliarden Euro. Doch die Geste zähle, darin waren sich die bedrängten Koalitionäre einige. Ungeklärt war nur geblieben, welcher Feiertag geteilt werden sollte.
Die SPD machte sich für den sogenannten Himmelfahrtstag stark, der häufig von Männerbünden und Rechtsextremen als "Vatertag" oder "Männertag" missbraucht wird. Die Union hingegen plädierte naturgemäß für den 1. Mai, einen Tag mit schlimmer Geschichte: Es war Adolf Hitler mit seinem völkermörderischen Regime, der den "Internationalen Kampf- und Feiertag der Werktätigen für Frieden und Sozialismus" zum arbeitsfreien "Nationalen Feiertag des deutschen Volkes" erklärte. Eine Bezeichnung, die mit der Wiedervereinigung im Jahr 1990 auf den 3. Oktober wechselte. Der 1. Mai blieb als "Tag der Arbeit" erhalten, trotz seiner unschönen Geschichte.
Raucherrunde bringt Lösungsidee
In der Koalition prallten die Ansichten wie so oft aufeinander. Die Unionsseite verteidigte die regressive, männerbündische Himmelfahrtstradition. Die Sozialdemokraten verwiesen auf den gelungenen Umbau des ehemaligen Kampftages 1. Mai zu einem Anlass für Familienfeste, Wandertouren und Kurzurlaube. Keinen Millimeter wollten beide Seiten nachgeben - bis in der Referentenrunde beim Rauchen auf dem berühmten Koalitionsbalkon eine ungewöhnliche, aber kompromissfähige Idee entstand.
Statt einen oder auch nur einen halben Feiertag zu streichen, führt die Koalition einen zusätzlichen arbeitsfreien Tag ein. Damit folgt sie einem bewährten Muster aus besseren Tagen. Auch Union und SPD hatten in den Koalitionsverhandlungen vor Beginn der ersten Amtszeit von Angela Merkel nicht einigen können. Soll es nur eine ganz kleine (SPD) oder gar keine (CDU) Erhöhung der Umsatzsteuer geben?
Die Mehrwertsteuerlösung
Im Zank darum ging es weder vor noch zurück. Ein Kompromiss fand sich erst jenseits des Erwartungshorizontes. Die Union, die gegen jede Anhebung gewesen war, stimme einem Aufschlag von einem Prozent zu, wie SPD-Verhandlungsführer Franz Müntefering ihn gefordert hatte. Die deutsche Sozialdemokratie nickte daraufhin einem zusätzlichen Mehrwertsteueraufschlag von "zwei Prozent Merkel-Steuer" (Campact) ab.
Eine Tradition, an die der Vorschlag der sogenannten Rauchergruppe anknüpft. Kein ganzer Feiertag, der wegfällt, aber auch kein halber. Stattdessen ein arbeitsfreier Tag für alle obendrauf, "damit die Leute sehen, dass die Bundesregierung ihre Bedürfnisse im Blick hat", wie es aus Verhandlerkreisen heißt.
Verblüffend schnelle Einigkeit
Dass so verblüffend schnell Einigkeit über alle ideologischen und - inzwischen - auch persönlichen Ressentiments hinweg hergestellt werden konnte, liegt Beobachtern zufolge vor allem daran, dass nicht irgendein Feiertag neu geschaffen werden soll. Eine Vielzahl entsprechender Experimente zur Verbesserung der Stimmung hatte sich als wenig erfolgreich herausgestellt.
Obwohl die norddeutschen Bundesländer Reformationstag 2018 arbeitsfrei gestellt hatten, um die regionale Identität zu stärken, stiegen die Umfrageergebnisse der AfD auch dort dauerhaft an. Selbst die Erklärung es Internationalen Frauentages in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern verhinderte nicht, dass die beiden Bundesländer vor dem Abkippen in die Anarchie stehen. Auch Thüringen, das den Weltkindertag am 20. September zum arbeitsfreien Feiertag erklärte, um ein Zeichen für Kinderrechte und gegen rechts zu setzen, stabilisierte sich dadurch nur von Fall zu Fall.
Ein großer Feiertagswiurf
Für die schwarz-rote Koalition musste ein großer Wurf her, ein Zeichen für einen klaren Kompass, mit dem das Regierungsbündnis weltweit ein Signal der Einigkeit und Geschlossenheit bis in die umkämpften Ostgebiete setzt. Die Wal konnte nur auf "Timmy" fallen, den Nationalwal, den der scheidende Bundespräsident Walter Steinmeier in seiner großen Dünenrede in Sichtweite der Insel Poel vor wenigen Tagen erst zum Kronzeugen deutscher Strandhaftigkeit und demokratischen Überlebenswillens erklärt hatte.
"Timmy", zuweilen auch "Hope" genannt, hatte die Nation gerührt wie zuletzt der Problembär Bruno und das Eisbären-Baby Knut, dem sich mit Sigmar Gabriel seinerzeit ein SPD-Vorsitzender anverwandelt hatte, der noch wusste, welche plumpe populistische Verbiegung draußen im Lande ankommt. Seinen Nachfolgern schien das Gespür dafür abzugehen. Weder ließ sich der Bundeskanzler in den Tagen der Ungewissheit am Ereignisort an der Ostsee sehen. Noch zeigten die Spitzen der deutschen Sozialdemokratie auf, als es um Leben und Tod ging und das größte Tier Deutschlands die größte Geschichte des bisherigen Jahres schrieb.
Rettung durch Überreiche
Es war ein Versagen der administrativen Kommunikation auf ganzer Linie. Timmys Schicksal ist das erste eines Buckelwals überhaupt, das Millionen Menschen nach Remigration rufen ließ: An der aufwendigen Rettungsaktion, mit der das scheintote Tier aus der Ostsee in die Nordsee geschleppt wurde, beteiligten sich Sozialdemokraten und Rechtsextreme, radikale Tierschützer und das Deutsche Meeresmuseum in Stralsund. Finanziert wurde das Unternehmen von Überreichen, begleitet gleichermaßen von öffentlich-rechtlichen Informationsgrundversorgern und privatkapitalistischen Medienheuschrecken.
Dieser Timmy ist "mehr als nur ein Wal", wie die amtliche deutsche Nachrichtenagentur DPA die Bundesregierung mahnte. Ihn zu retten, bedeute, Deutschland zu retten, hatte der Bundespräsident auf seine gewohnt nachdenkliche, zugleich aber so nachdrückliche Art formuliert. Der Wal sei eine Chiffre für das ganze ehemals zu gefürchtete und später immerhin lange respektierte Vaterland. Im Flachwasser gestrandet. Unfähig, sich freizuschwimmen. Ein Titan in Teilzeit, der sich lieber von Fremden mit feuchten Tüchern abwischen lässt, als dem Ruf der Freiheit zu folgen.
Spät, aber wie nie
Spät, aber wie nie fand das doch noch Gehör im obersten Regierungsregal. Gerade weil die einen fehlende Lebenszeichen Timmys als Todesnachricht deuten, Fachleute wie Mecklenburgs Umweltminister Till Backhaus (SPD) dieser Einschätzung aber vehement widersprechen, bringt Timmy alles mit, um eine gespaltene Gesellschaft zu einigen.
Ein großer Vorteil des geplanten Natiowalfeiertages, der Stadt und Land, Ost und West sowie Gegner der Rettung wie ihre Verfechter wirklich zu einigen verspricht, ist die vollkommen unklare Sachlage um Timmy Befinden. Da es nach Angaben von des zuständigen Mecklenburger Umweltministers Till Backhaus keinerlei gesicherte Fakten gibt, die ein Ableben des Wals belegen, andererseits aber Experten des Meeresmuseums darauf hinweisen, dass es an Beweise fehlt, die sein Überleben bestätigen, ist der Wal in eine quantenphysikalischen Zwischenwelt gefangen. Wie Schrödingers Katze lebt er und zugleich ist er tot, zumindest bis zu einem Zeitpunkt, der eine Beobachtung erlaubt.
Ein GPS-Tracker wie die Deutsche Bahn
Welch ein Glück, dass der am Wal befestigte GPS-Tracker nicht besser funktioniert als die Deutsche Bahn, die deutsche Bundeswehr und die deutsche Weltführerschaft bei der Künstlichen Intelligenz. Nur sporadisch sende das Gerät Signale, die aber lassen keine Positionsbestimmung zu. Der Möglichkeitsraum ist dadurch unendlich groß: Da der Sender nur bei Oberflächenkontakt aktiv wird, kann das gelegentliche Piepsen ein Lebenszeichen sein. Oder aber es zeigt, dass der tote Wal zuweilen oben schwimmt. Für denkbar halten es Walexperten auch, dass der Sender nicht mehr am Wal haftet.
Mit dem Natiowalfeiertag, der alljährlich am 23. März, dem Tag der Erststrandung vor Niendorf/Timmendorfer Strand begangen werden soll, bekämen alle diese Ansichten einmal im Jahr eine Bühne. Bei Straßenfesten und Diskussionsrunden mit Meeresbiologen, Rettungsmissionaren und Tierrechtsanwälten werden Deutschland zu neuer innnerer Gemeinsamkeit finden, glauben Koalitionapolitiker. Gerade der Umstand, dass Stimmen aus Dänemark, Schweden und Großbritannien die Rettungsmission als unprofessionell, entwürdigend und "typisch deutsch" bezeichnen, könne die Bürgerinnen und Bürger "wie eine ganz normale äußere Bedrohung" zusammenschweißen.
Konfrontiert mit verbaler Gewalt
Der Natiowalfeiertag würde zugleich auch Jahr für Jahr an die Chance erinnern, trotz massiver Anfeindungen zu bestehen. Im walkampf waren sowohl die Finanziers als auch der Kapitän eines Begleitschiffes und verschiedene Walflüsterer mit Morddrohungen und Beschimpfungen überzogen worde. Neben Bundeskanzler Friedrich Merz galten die Aktiven als die am schlimmsten mit verbaler Gewalt konfrontierten Aktivisten außerhalb Berlins.
Der neue Feiertag würde kommende Generationen schonungslos auch an diese Schattenseite der großen kollektiven Astrengung zur Rettung eines Tieres erinnern, das selbst zu schwach war, um Hilfe zu bitten. Eine Wal-Parade auf der Strandpromenade von Boltenhagen, so hoffen sie im politischen Berlin, legt eine inigendes Band um die tief zerstrittenen Lager. Timmy schriebe sich damit ein ins große Buch der deutschen Geschichte - kein Kanzler wie Kohl, Scholz oder Merz. Doch genau wie sie alle zur richtigen Zeit am rechten Ort, um zu tun, was getan werden muss.


5 Kommentare:
Bei einer Forderung wie 'schlanke Muskeln statt dicker Bauch' wird es von Lars keinen Kompromiss geben. Das ist ihm die Koalition nicht wert.
Umweltdödel Backhaus will den Buckel(?)wal auf der Remigrationsschleppung singen gehört haben. PPQ, das gehört wichtigerweise mit rein in den Text.
Backhaus ist nicht der einzige, der flunkert.
Für Schleswig-Holsteins Umweltminister Tobias Goldschmidt zeigt der Fall vor allem eines: den schlechten Zustand der Meere. .... Viele Wale und andere Meeressäuger würden täglich "still und leise" sterben - auch vor den deutschen Küsten.
AI Overview
Die Buckelwal-Population hat sich seit dem Verbot des kommerziellen Walfangs 1986 drastisch erholt. etc pp
OT Klonos Leserbriefe
Trump würde ich meiden, den findet man gut, weil er erfolgreich und megacool den Linken heimleuchtet, aber er will wahrscheinlich nicht Deutschland retten.
'Meiden' ist nicht das angemessene Wort, aber natürlich schert Trump sich einen Scheiß um unsere Malaise. Er schert sich genau so einen Scheiß um seine Five-Eyes--Cousins (plus Irland), die z.T. auf einem steileren Hang abwärts rutschen als wir. Kein Grund, ihn zu meiden, aber ihn interessiert nichts neben unmittelbaren US-Interessen.
Wobei das Jonglieren mit den Interessen des Doppelstaates USA-Israel (eine Art Österreich-Ungarn) - schon mal ins Auge gehen kann.
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